Abend

Prelude

Hier herrschen die Linksalternativen in Klassizistik-Punk.

Hier herrschen die Linksalternativen in Klassizistik-Punk.

Der Tag beginnt in der Cafebar Juli, ein schickes kleines Cafe im Schanzenviertel. Grüne Lampen, rote Tapete, gute Johannisbeerschorle. Anreise über die Haltestelle „Schlump“. Das spricht sogar die automatische Ansagerstimme erheitert aus.

Die Straße runter, das Schulterblatt, finden wir eine Villa Kunterbunt, ein von Alternativen verwaltetes Zentrum in einem klassizistischen Bau. Auf dem Gehsteig ist die historische Grenze zwischen Hamburg und Altona gekennzeichnet. Dann auch Schnapsläden und schicke Schaufenster, die vor Ironie nur so strotzen, um das „hippe“ „Hipster“ „Publikum“ „anzulocken“ (wenn ihr das lest, bitte vor dem Bildschirm mit beiden Zeige- und Mittelfingern Anführungszeichen nachmachen). Tatsächlich handelt es sich dabei aber um das wohl berühmteste Schaufenster der Musikgeschichte.

Die Klobrille zeigts, das ist ein Brillengeschäft. Das Kleingedruckte auf dem Zettel: "Ich mach den Laden nicht mit meiner Mama aber mit meinem Bruder, so jetzt kannst weitergehen" Hipsteriger gehts nicht mehr!

Die Kloschüssel zeigts, das ist ein Brillengeschäft. Das Kleingedruckte auf dem Zettel: „Ich mach den Laden nicht mit meiner Mama aber mit meinem Bruder, so jetzt kannst weitergehen“ Hipsteriger gehts nicht mehr!

Am Abend geht’s dann in die Neustadt. Zuerst will ich mal was essen. Und zwar was typisch hanseatisches. Der Bayer ist schließlich stets bemüht, das Wahre, Gute und Schöne in fremden Kulturen am Originalschauplatz kennen zu lernen. Mir sticht schmerzhaft ein Irish Pub ins Auge und daneben ein „Paulaners“. Sowas habe ich schon in Leipzig gesehen. Müssen sich denn diese Münchner Brauereien wie ein Geschwür überall breit machen? Wenn die was authentisch Bayerisches haben wollen, dann von einer kleinen Familienbrauerei, z.B. das Buttenheimer St. Georgenbräu Stübla.

Zum Glück gibt’s noch ein sehr uriges Lokal, das Thämers. Ich trete ein und bin in einer wohlig warme Stube. Die Holzvertäfelung ist schon ganz schwarz, die alten Bretter im antiken Schrank hinter dem Tresen biegen sich durch die Last der Gläser nach unten. Der Wirt ist kein Freund vieler Worte, guckt aber mit verschmitzten Augen, großen Ohren und Nase freundlich auf seine Gäste, zufrieden mit seinem Leben. Ein paar Puttenengel hängen unter der Decke, in einem Durchgang steht ein alter Kachelofen. Auf der gemütlichen Holzbank lässt es sich gut aushalten, vor allem wenn draußen Schietwetter tobt.

Haben Sie Hunger, Dr. Jones?

Ich bestelle ein Ratsherrenbier, das ist nämlich die seltene hiesige Biermarke. Die Preise der nordischen Speisen und mein Geldbeutel treffen sich beim Labskaus. Joa, hört sich schon mal …, nein stopp, gut hört es sich wirklich nicht an. Aber ich kenn es noch nicht, also wird’s bestellt.

Das Labskaus sieht aus, wie er sich anhört. Ein Matjesfilet liegt neben einem Salat und roter Beete. Das Spiegelei oben drauf kann ich auch noch identifizieren. Aber die rote Häckselmasse darunter…  Sieht etwas aus wie das Affenhirn auf Eis aus Indiana Jones II. Mjam. Aber es schmeckt anders als Affenhirn. Zumindest besser. Labskaus besteht aus Corned Beef, Roten Beeten, Sauergurken und Kartoffeln, und ich meine auch etwas Brot darin geschmeckt zu haben. Also essbar.

Währenddessen schenkt der Wirt in ein großes Glas drei Finger hoch (nicht breit!) Gin ein und bringt es Richtung Küche. Ob das wohl auch im Labskaus drin ist?

Ein kleiner Friseurladen mit irisch klingender Musik, von Gästen für Gäste.

Ein kleiner Friseurladen mit irisch klingender Musik, von Gästen für Gäste.

Ich hab alles aufgegessen und mache mich zufrieden und satt auf den Weg, irgendwo muss es ja noch eine interessante Kneipe geben. Ich komme an einem Haus vorbei, auf dem eine leuchtende Neonschere abgebildet ist, darunter die ebenfalls leuchtende Aufschrift Friseur. Doch ich höre Stimmen, obwohl es bestimmt schon zehn Uhr oder später ist. Etwa ein Spätschnitt? Als ich mich nähere, entdecke ich, dass der Friseurladen eine Kneipe namens „Kamm in“ ist. Werbeplakate laden zu einer Aufführung im Keller ein, „Eintritt frei“. Der Preis überzeugt mich. Bereits im Erdgeschoss spielt eine Band, sieht aus, als ob die Herrschaften sich zufällig zu einem spontanen Gig entschieden hätten. An der Theke schenkt die Wirtin einem Gast wieder drei Finger hoch Gin ein, zahlen kann er später. Was die Hamburger nur mit ihrem Gin haben?

Rocklegenden

Ich mache mich auf die Suche nach dem Keller und gehe eine enge Treppe nach unten, um ein paar Ecken und eine kleine Tür und schon bin ich mitten drin im Auftritt. Die Band spielt Classic Rock. Den Namen der Band sehe ich nirgends. Ihrem Aussehen nach könnten die Musiker „die Bibliothekare“, „die Informatiker“ oder „die ewigen Jungfrauen“ heißen. Ihr „Born to be wild“ kommt aber aus tiefstem Herzen. Und tatsächlich rocken die Jungs den Laden, d.h. die Mischung aus Alt68er Pädagogen und alten Alkis. Alle Leute haben Spaß, die Alkis gehen deutlich mehr ab. Eigentlich sollte ich nicht so lästernd über sie denken, denn die Herrschaften können was und für Hamburger sehen sie gar nicht sooo schlecht aus. Das Essen hat hier ja auch eine andere Optik. Nein, die singen wirklich ehrlich, spielen gut, nachhaltige und sympathische Persönlichkeiten.

Unten im Keller hauen hanseatische Hamburger Harmonien

Unten im Keller hauen hanseatische Hamburger Harmonien

Im hinteren Zimmer kickert ein wunderschönes Mädel mit roter Schleife im Haar, roten Schuhen und rotem Kleid mit einem Alt-Rocker im Hulk Hogan Look. Leider kickert ihr Freund auch mit. Mit Hulk Hogan wäre ich schon fertig geworden, aber mit der Liebe?

Beim Eingang tanzt ein etwa sieben- bis zehnjähriger Junge zur Musik ab, er hat Bewegungen und eine Choreographie drauf, da erblassen Alexander Marcus und sogar ich vor Neid. Moment mal, es ist halb zwölf, muss der nicht am nächsten Tag in die Schule??? Jetzt geht er auch noch in dieses verrauchte Zimmer und stellt sich vor die laute Band. Meine Empörung konkurriert mit der wissenschaftlichen Neugier des Anthropologen bei den Menschenfressern. Ich sage nichts, aber wenn ich dann bei den Hamburgern im Kochtopf lande, piesel ich ihnen in die Suppe.

Weiter geht’s! Die Neustadt wirkt mittlerweile wie ausgestorben, ihr wisst was das nächste Ziel ist: die Reeperbahn!

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