Denkmal gegen Piefkes

Der äußerste Südosten Bayerns wird von einer Stadt dominiert: Salzburg. Immerhin gehörte die Stadt kurz mal zu uns, wahrscheinlich kommt ihre bis heute wirkende kulturelle Ausstrahlung aus diesem bayerischen Einfluss. Zur Tageskultur kommen wir später, was ist denn des Abends geboten? Einem Tipp zufolge soll das „Denkmal“ ein ziemlich authentischer Club sein. Dort wird der Bayer Zeuge, was passiert, wenn Piefke-Künstler auf Ösi-Publikum trifft.

Die Lokalität liegt gegenüber dem Gebäude des Salzburger Kunstvereins. Der Kunstverein ist schnell gefunden, aber wo ist das Denkmal? Nach einigem Suchen findet man es tatsächlich gleich gegenüber, na sowas, aber ohne jegliches Hinweisschild. Der Eingang könnte zu einer ganz normalen Familienwohnung oder einer Anwaltskanzlei gehören. Wäre da nicht das viele Geschreibsel an der Wand. Linksalternative Sprüche auf Englisch, Deutsch und Österreichisch.

Eine kleine Treppe rauf und rein. Drinnen sitzen ein paar bunt gekleidete ältere Damen und Herren mit zwei riesigen Pizzen. Wie sich herausstellt: eine Trauergesellschaft. Direkt nach der Beerdigung kamen sie ins Denkmal, um hier den Leichenschmaus zu halten. Mein Beileid und Mahlzeit.

Was sollen wir trinken?

Zu kaufen gibt es Bier von Ottakringer und Kaiser Karl. Beide trinkbar. Kaiser Karl liegt regional näher, die Brauerei sitzt in Untersberg. Im Untersberg sitzt Kaiser Karl, wie bei uns Barbarossa im Kyffhäuser. Ein besonderer Geschmackstest konnte leider nicht durchgeführt werden, weil, wie überall in Österreich, die Lokalität doch ziemlich verraucht ist. Die beiden ausgeschenkten Biere gehören übrigens nicht zur Bier Union, wird mir gesagt, es sind also noch unabhängige Brauereien. Weitere Kenntnis wird bewiesen, als die Österreicher sogar Zoigl kennen. Sehr löblich!

Den Wein (Grüner Veltliner) lassen wir mal lieber. Eine Besonderheit ist der Zirbenschnaps. Die Zirbe ist ein seltener Baum der Alpen, ihm werden besondere Heilkräfte zugesagt. Das Leitungswasser ist umsonst.

Die Gäste sind allesamt eher gemütliche Leute, jung und alt, auch Sandler, also Obdachlose sind hier gerne willkommen. Die Wände sind mit teils guten und witzigen Malereien bekritzelt. Wer nicht an der Bar steht, fläzt sich in eines der zahlreichen Sofas. Eine Bühne gibt es ebenfalls. Insgesamt dürfte das Denkmal aber kaum größer als 60 qm sein.

Ich erfahre, dass die Kneipe schon mal kurz vor dem Ende gestanden hat. Denn der Betreiber ist ein gemeinnütziger Verein, der keine Fördergelder erhält. Der frühere Leiter soll mit rund 24 000 Euro aus der Kasse abgedampft sein. Dazu kam noch der Einbau einer Lüftungsanlage. Auch dies ein teurer Spaß, obwohl der Handwerker dem Verein das angeblich zum Selbstkostenpreis einbaute. Mittlerweile habe sich die Schuldenlast wieder deutlich reduziert. Der Laden läuft gut, vielleicht man mit dem günstigsten Bier Salzburgs wirbt (2,70 Euro).

„Kunst“ aus Preußen

Diesen Abend ist eine Hamburgerin mit ihrer Band (einem Cello und einem Schlagzeug) zu Gast. Madame spielt Keyboard und Ukulele. Als Bayer bin ich mal gespannt, wie die Österreicher die Piefke-Frau (wir würden sagen Preissin) aufnehmen.

Das erste Lied trägt den poetischen Titel „Ich bin so beschissen doll verliebt in dich.“ Der Mann neben mir meint: „Ich mog ja scho Lieder mit vü Täxt, oba net auf dem Niveau vo aner Vierzehnjährigen.“ Nun, soweit würde ich nicht gehen, noch halte ich zur Preissin. Der erste Applaus ist akzeptabel. Als sich herausstellt, dass JEDES Stück in Moll gehalten ist, werde ich unruhig. Vielleicht ist es noch nicht bis Hamburg durchgedrungen, aber es gibt noch eine andere Tonart, die heißt Dur. Und die wirkt fröhlich und erheiternd und würde das Publikum vielleicht etwas mehr animieren. Kleiner Wink mit dem Zaunpfahl.

Jetzt will die Hamburgerin „zur Abwechslung“ eine Ballade spielen. „Zur Abwechslung“ hat in Hamburg anscheinend eine andere Bedeutung als in Bayern und Österreich. Denn JEDES ihrer Stücke ist bisher eine Ballade. Das merkt auch das restliche Publikum.

Was noch auffällt: Gefühlt JEDES Lied dreht sich um ihren Ex-Freund (Refrain: „Ich wünsch dir keinen schönen Abend, vor allem nicht mit einer Frau“). Was muss das wohl für ein Mann gewesen sein, dass er Inhalt (vielleicht auch Grund?) einer kompletten Tournee im deutschsprachigen Raum ist…

Mittlerweile ist am Weltfrauentag der Frauenbonus in der alternativen Kneipe passé. Die Geschütze werden auf Piefke geeicht. Jedesmal wenn die Madame hamburgerisch von „Schlachzeuch“ spricht, kommt aus dem Publikum die Korrektur „SchlaGzeuG!!!“. Ich rede seit einiger Zeit betont im urbayerischsten Dialekt.

Das vorletzte Lied bringt es tatsächlich endlich einmal fertig, einen Spannungsbogen aufzubauen und richtig Druck zu machen, ich komme schon in Tanzlaune und will ordentlich abgehen. Doch statt eines Höhepunktes mit Bämbämbäm bricht die Dame abrupt ab und spielt den Refrain wieder in leisen Molltönen. Wer hätte denn so einen musikalischen Coitus Interruptus erwartet? In Moll? Zur Abwechslung.

Beim finalen Stück kippt kurz vor Schluss einer der Gäste am Tresen vom Stuhl. Wahrscheinlich hat er einen emotionalen Overkill. Oder einen musikalischen. Er knallt mit seiner Stirn an ein Tischeck. Es blutet extrem, ein Teil der Gäste ist damit beschäftigt, ihm wiederaufzuhelfen und Papiertücher zu besorgen, als das Lied endet. Darum ist der Applaus diesmal noch verhaltener. Trotzdem spielt unsere Hamburgerin eine Zugabe und verlost eine CD. An ein Mädchen aus dem Publikum. Hoffentlich macht sie deswegen nicht mit ihrem Freund Schluss.

Am nächsten Tag soll mehr los sein, da ist Electro angesagt. Ich bin um ein Uhr da, und die Schlange geht bis raus auf den Gehsteig. „Mia san ausverkauft“, wird uns Wartenden entgegengerufen. Noja, vielleicht können wir ein ander Mal das Tanzbein im Denkmal schwingen. Zu Piefke/Preissn-freien Dur-Tönen.  Da dürfen Bayern und Ösis gemeinsam frohlocken.

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