Eine Zirbe für ein Halleluja

Mehrere Stauseen versorgen die Region mit Strom, Pfarrer Egle sucht eine andere Art von Energie.

Mehrere Stauseen versorgen die Region mit Strom, Pfarrer Egle sucht eine andere Art von Energie.

In Bayern gibt’s das Zirbelstübchen, und einige Schreiner basteln auch noch anderes aus dem Holz der Zirbel. Brotkästen, damit das Brot nicht schimmelt etwa. Bei uns fällt das aber noch unter die Rubrik Heimat-Esoterik. In Österreich ist man da schon weiter. Die Zirbe (die Ösis haben sich das „l“ gespart) ist so etwas wie der Nationalbaum, ein Heiligtum mit vielen unglaublichen Eigenschaften. Könnte diese Nadelbaum nicht auch bei uns in Bayern eine größere Rolle spielen?

Machen wir uns auf in die Alpenrepublik, genauer gesagt, ins schöne Vorarlberg. Malerisch zwischen Alpen und Bodensee gelegen, im Vierländereck Deutschland, Österreich, Schweiz und natürlich Liechtenstein. In die Region Montafon, und hier in die Gemeinde Gaschurn. Noch nie jemand gehört? Also bitte, sie ist die größte in Vorarlberg und flächenmäßig größer als das nahe Liechtenstein!

Der Weg zur Ernte könnte kaum schöner sein.

Der Weg zur Ernte könnte kaum schöner sein.

Wir finden bald die Kirche mit dem spitzen Turm, daneben das Pfarrhaus. Klingeln und Warten. Dann macht Pfarrer Joe Egle die Türe auf. 72 Jahre. Brille auf der Nase. Weiße Haare. Gut gebräunt. Kein Priesterkragen. Er ist DER Spezialist, wenn es ums Thema Heilkräuter der Alpen geht. Spezialgebiet: Heilschnäpse. Wir setzen uns in seinen japanischen Geländewagen und fahren ans Ende der Gemeinde, dort, wo die Berge steil aufragen. Während der Fahrt erfahre ich wenig über die Zirbe, mehr über vollendete und geplante Stausee-Projekte. Wir kommen an eine Schranke, Touris müssten hier zahlen. Pfarrer Egle winkt kurz raus und braust weiter. Enge Serpentinen nach oben. Um die Kurven fährt er etwas langsamer, wegen der Radfahrer, die nach unten sausen. Einen Lastwagen, der langsam hinaufgurkt, überholt er mit durchgedrücktem Gaspedal. Oben am Stausee stellt er das Auto ab und zieht seine Bergschuhe an. Außerdem nimmt er einen Blaumann mit. Wofür er den wohl braucht?

Die Zirbe wächst vor allem zwischen 1500 und 2000 Metern im Hochgebirge. Eine selten gewordene Kiefernart, für deren Verbreitung der Tannenhäher sorgt. Das ist ein Vogel, der ähnlich wie die Eichhönrchen Nussdepots anlegt und davon die Hälfte aber vergisst zu fressen. Wir marschieren weiter, links der Stausee, rechts das Tal. Beeindruckend, so eine Bergwanderung.

Na, wer findet den Pfarrer im Suchbild?

Na, wer findet den Pfarrer im Suchbild?

Klettermax

Pfarrer Egle deutet auf den gegenüberliegenden Berggipfel. Das Kreuz da oben hat er eingeweiht. “Haben Sie da auch das Messgewand mit hochgeschleppt?” “Das hab ich da nicht gebraucht, Jesus hat beim letzten Abendmahl auch keines gehabt.” In Innsbruck hat er Theologie studiert, bei den Gebrüdern Rahner, beim Historiker Hugo und beim berühmteren Karl. Egle scheint den Geist des zweiten Vatikanischen Konzils im Montafoner Bergtal zu leben. Er hat wohl den ökologischen Aspekt des Evangeliums entdeckt, und mit der jahrhundertealten Tradition seiner Heimat verbunden.

Die heranwachsenden Zapfen holt er mit dem Stock heran und sammelt sie in einer Tasche.

Die heranwachsenden Zapfen holt er mit dem Stock heran und sammelt sie in einer Tasche.

“Ich habe nicht gerne den Ausdruck Seelsorger. Ein Pfarrer ist für den Menschen da. Und wenn’s dem Menschen nicht gut geht, und wenn man ihm helfen kann, dass es ihm besser geht, und sei das durch irgendein Kräutlein oder durch irgendetwas anderes, dann habe ich meine seelsorgerliche Aufgabe erfüllt.”

Das Wissen um die heilende Kraft der Alpenpflanzen hat er aus seiner Familie. In seiner Jugend ging man da nie zum Arzt, für alles war ein Kraut gewachsen. Um das heutige Herlferlein zu ernten, muss Pfarrer Joe Egle jetzt noch hier rauf kraxeln, auf eine 15 Meter hohe Zirbe. Dazu zieht er den Blaumann an, den das Harz bappt enorm.

Sieht fast aus wie Granatapfel.

Sieht fast aus wie Granatapfel.

Der Vorarlberger ist auch Schilehrer, Wanderführer und bei der Bergrettung. Darum weiß er, wie er sein Klettergeschirr anlegen muss. “Ich mach das immer so, dass ich mich da am Stamm anhänge, damit man die Hände frei hat.”

Joe Egle klettert seit 30 Jahren auf Zirben, um die Zapfen einzusammeln. Trotz Knie-OP kommt der 72-Jährige schneller als jeder Jugendliche auf die Zirbe. Der Aufstieg ist wegen der dichtstehenden Äste schwierig. Nur drei bis vier Wochen im Jahr kann er ernten. Mit einem langen Stab holt er die Äste mit den Zapfen heran. An der Spitze des Stabes hat er ein Hirschgeweih befestigt, das er im Wald gefunden hat. Was das wichtigste ist da oben? “Dass man nicht herunterfällt.” Wer hätte das gedacht?

Dreimal ist er schon vom Baum gefallen, doch immer ging es glimpflich aus.

Entspannendes Holz

Pfarrer Egle experimentiert auch, ob man die Heilstoffe in Sirup extrahieren kann.

Pfarrer Egle experimentiert auch, ob man die Heilstoffe in Sirup extrahieren kann.

Zirben tragen erst nach 30 bis 40 Jahren die ersten Früchte. Und dann auch erst ganz oben. Nur die richtig alten Bäume tragen auch Zapfen, die man vom Boden aus pflücken kann. Die Ernte ist in manchen Bundesländern verboten. Wieder herunten zeigt uns der Pfarrer, worauf es bei den Zapfen ankommt. Stahlblau müssen sie sein, und sich leicht schneiden lassen. Dann werden sie innen rot.

Ab ins Pfarrhaus! Die Zirbe hilft bei Erkältung und stärkt das Herz. Wer acht Stunden in einem Bett aus Zirbenholz schläft, dessen Herz schlägt 3600 mal weniger in dieser Zeit. Man schläft also ruhiger. Und lebt vielleicht länger. Brot in Zirbenholzdosen soll nicht schimmeln. Manche “beleben” gar ihr Wasser mit Zirbenkugeln.

Rund fünfzig Elixiere bietet Pfarrer Egle dem Besucher an, ob als Ansatz oder als Brand.

Rund fünfzig Elixiere bietet Pfarrer Egle dem Besucher an, ob als Ansatz oder als Brand.

Um Wasser gehts unserm Pfarrer aber nicht. Drei bis vier Zapfen braucht der Vorarlberger pro Liter. Die Zapfenstücke setzt er dann vier bis fünf Wochen in Obstler an. Daneben hat unser Pfarrer aber noch viele weitere Heilpflanzen der Alpenwelt. Ob als Tee, oder als Schnaps. An die 50 Elixiere bietet er hier zum Verkauf. Wir Bayern könnten uns von Pfarrer Egle eine ordentliche Scheibe abschneiden. Viele der Heilkräuter wachsen auch bei uns, wir müssen sie nur nutzen. Der Schnaps ist für Joe Egle aber kein Genuss- oder gar Suchtmittel.

Pfarrer und Medizinmann

Manchmal passen die Namen der Kräuter sehr gut zu Joe Egles Tätigkeit.

Manchmal passen die Namen der Kräuter sehr gut zu Joe Egles Tätigkeit.

“Obwohl man mir hier und da einmal nachsagt, ich sei der Schnapspfarrer. Aber um das geht es mir nicht. Den Schnaps brauch ich eigentlich nur, um die Beeren, die Kräuter, die Wurzeln zu konservieren”. Er zitiert einen anderen Pfarrer, der meinte, ein Tee habe seine heilenden Inhaltsstoffe nach einem halben Jahr verloren. Bei einem Schnaps könne man die noch der dritten Generation vererben. Und wenn es etwas anderes gäbe, als den Alkohol zum Konservieren, würde er natürlich das nutzen. Er sieht die Ansätze tatsächlich als Medizin, da Egle maximal nur 90 Gramm Zucker auf einen Liter zugibt. Viele andere Spirituosen haben weit über 250 Gramm Zucker.

Der Zirbenschnaps schmeckt anfangs recht fruchtig, Obstler ist ja schließlich der Ansatzschnaps. Dann kommt ein sehr aromatisches Aroma, intensiv nach Zirbennadel-Duft. Der Abgang ist süßlich herb.

Der Zirbenschnaps schmeckt anfangs recht fruchtig, Obstler ist ja schließlich der Ansatzschnaps. Dann folgt ein sehr aromatisches Aroma, intensiv nach Zirbennadel-Duft. Der Abgang ist süßlich herb.

Die Kräuterschnäpse dienen also nur dazu, die heilende Kraft der Alpenpflanzen allen Menschen zugänglich zu machen. Ein Pfarrer als Kräuterapotheker, darf das sein? Bischof Erwin Kräutler ist ein guter Freund von ihm. Der stammt auch aus dem österreichischem Bundesland. Dieser Vorarlberger hat eine riesige Diözese in Brasilien und kämpft dort mit den Ureinwohnern gegen Großgrundbesitzer und korrupte Politiker. Weshalb auf ihn schon mehrere Mordanschläge verübt wurden. Egle lässt ihm Geld aus dem Verkauf seiner Schnäpse zukommen. Der Bischof sagte dem Pfarrer einmal, was nütze eine gute Predigt, wenn die Menschen vor dir hungern? Gib ihnen erst zu essen, dann verstehen sie die Frohe Botschaft. Und genau so versteht Joe Egle seine Arbeit. In Vorarlberg hungert zwar niemand, wohl aber plagen die Menschen dort so manch andere körperliche Leiden. Darum bewahrt er das Wissen um die heilenden Pflanzen der Alpen, wie etwa der Zirbe, und gibt es weiter. Und er lässt ihre Wirkstoffe mittels Alkohol allen zukommen. “Wenn jemand sich wohlfühlt, dann wird er auch einen Zugang haben zur Frohen Botschaft. Weil Schnaps kann auch, wenn ich das so sagen darf, eine Frohe Botschaft sein.”

Eigentlich steht er da in einer guten Tradition. Schließlich hat schon jemand vor 2000 Jahren die Menschen geheilt und aus Wasser – ein anderes Getränk gemacht.

Tradition, Natur und Glaube verbinden sich bei Pfarrer Joe zu einer Einheit.

Tradition, Natur und Glaube verbinden sich bei Pfarrer Joe zu einer Einheit.

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