Halligalli in der Atomruine

Der Zugang zum Reaktor wirkt wie eine Mischung aus der Gefriereinheit aus Akira und einem gigantischen sowjetischen Panzer

Der Zugang zum Reaktor wirkt wie eine Mischung aus der Gefriereinheit aus Akira und einem gigantischen sowjetischen Panzer

Grafenrheinfeld, Gundremmingen, Isar I und II. Bayerische Atomkraftwerke, die für viele Jahrzehnte Strom in Haus und Hof gebracht haben. Und in den nächsten Jahren vom Netz gehen. Die Gemeinden vermissen jetzt schon die fehlenden Steuereinnahmen, andere sind erleichtert. Wiederum andere beklagen die Technikfeindlichkeit. Schließlich war Bayern mit dem Garchinger Atom-Ei der Vorreiter in dieser Zukunfts-Technologie der Vergangenheit. Unsere Nachbarn im Süden waren da etwas langsamer. Bei ihnen sollte der erste Meiler in den 70er Jahren ans Netz gehen. Damals baugleich mit Isar I. Wie geht es diesem Ösi-AKW heute?

Es war das größte Prestigeprojekt Österreichs. 1055 Räume. Absolutes High-Tech der 70er. Gebaut für Jahrzehnte. Energie für Millionen. Investiert eine Milliarde Euro. Es spaltete nicht die Atome, aber eine Nation. 35 Jahre Leerstand. Eine Ruine. Die immer noch lebt.

Da oben brüten heute gerne gefährdete Vogelarten

Da oben brüten heute gerne gefährdete Vogelarten

Ein Mann kümmert sich um die gigantische Anlage. Martin Fries ist seit zwei Jahren Hausmeister im Atomkraftwerk. In den 70ern wurde die neueste Sicherheitstechnik verbaut, um das Atomkraftwerk vor Anschlägen von außen und die Umwelt vor Strahlung von innen zu schützen. Die wuchtige Stahltür außen sollte im Kraftwerk einen permanenten Unterdruck behalten. Nie sollte irgendetwas unkontrolliert nach außen gelangen. Eine blinde Videokamera sieht sich den Eingang an.

“Man wird es nicht abreißen, weil erstens wäre es zu kostenintensiv und man darf halt nicht vergessen, das Kernkraftwerk Zwentendorf ist ein Teil österreichischer Zeitgeschichte.”

Doch warum hat das komplett ausgestattete Kraftwerk keine einzige Sekunde Atomstrom produziert?

Vorschriften aus vergangener Zeit

Vorschriften aus vergangener Zeit

Zwentendorf sollte die damalige Zukunftstechnologie Kernkraft nach Österreich bringen. Es war DAS Prestigeobjekt der Nation, Bau und Wartebetrieb verschlangen umgerechnet rund eine Milliarde Euro. Doch bald regten sich Proteste. Im Herbst 1978 stimmte eine hauchdünne Mehrheit von 50,47 Prozent gegen das Hochfahren. Zwentendorf ist heute DAS Symbol für das atomstromfreie Österreich.

Wir begleiten den Hausmeister Martin Fries auf seinem Kontrollgang. Gleich beim Ein- und Ausgang High-Tech. Damit sollen die Arbeiter keine radioaktiven Partikel auf der Kleidung nach draußen tragen. “Es wird auch die Unterwäsche zur Verfügung gestellt. In dem Fall wars halt dottergelb in Zwentendorf. In anderen Kernkraftwerken ist sie pink. Weil die nimmt sich kaner mit ham.” Stimmt. Die schrecklich gelben Feinripp-Unterhosen mit Eingriff waren nicht einmal in den 70ern sexy.

Der Blick in den offenen Reaktor

Der Blick in den offenen Reaktor

Mit dem Aufzug gehts auf 39 Meter. Hier wären früher die Uran-Brennstäbe im Wasserbad gelegen. Drinnen ist es ziemlich kalt, der massive Betonblock speichert immer noch die Kälte des Winters. Dafür sei es im Dezember schön warm, meint Fries. Eine Heizung gibts nicht. Der Reaktor hätte für eine konstante Temperatur von 25 Grad gesorgt. Verloren kommt er sich in der gigantischen Anlage nicht vor. Aus Erzählungen weiß er, wie es vor 40 Jahren hier zugegangen ist.

„Junge Technologie, junges Team. Und dementsprechend war auch die Stimmung. Immer Halligalli. Da ist immer die Post abgegangen. Das war wirklich total toll. Und wenn man jetzt in die stillen Räume hineingeht und einfach das auf sich wirken lässt, ja? Für mich ist das nicht bedrückend, das lässt einfach die Fantasie spielen.”

Halligalli. Das hätte man wohl an so einem Ort nicht erwartet. In keinem anderen Atomkraftwerk der Welt darf man wie hier die Kondensationskammer betreten. Kernkraftarbeiter aus ganz Deutschland trainieren in Zwentendorf Störfälle. Auch Hollywood nutzt das Kraftwerk als reale Kulisse. Sogar Electro-Festivals gibt es hier. Damit dann das Licht nicht ausgeht, überprüft Fries die Lampen im Stahlbetonbau. Das Kraftwerk frisst Strom für 5000 Euro. Im Monat. Dank Energiesparlampen. Vorher waren es 12 000 Euro.

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High-Tech der 70er

High-Style der 70er

High-Style der 70er

 

Das Gehirn der Anlage ist der Kontrollraum. Früher hatte das noch vorhandene rot-weiß-rote Telefon die Direktverbindung zum Bundeskanzleramt für den Störfall. Im Kontrollraum arebiteten immer drei Personen. Damit einer auch einmal aufs Klo gehen konnte. Denn die Befehlsgewalt für die Anlage hatte nur, wer in diesem Raum war. “Grund war einfach der, man hätte den Kollegen, der draußen war, kidnappen können. Und dann hätte man ihn gezwungen anzurufen und einen Befehl durchzugeben, einen Reaktor hochzufahren oder niederzufahren.”

Dieses Rieseninsekt ist zwar noch keine 30 Meter groß wie Mothra, kam aber auch nicht in Zwentendorf mit Strahlung in Berührung

Dieses Rieseninsekt ist zwar noch keine 30 Meter groß wie Mothra, kam aber auch nicht in Zwentendorf mit Strahlung in Berührung

Fries erklärt und erklärt und erklärt. Dabei gehört er nicht mehr der Generation an, die hier das Fahren eines Atomreaktors gelernt hat. Sein Wissen hat er neben den Geschichten seiner Vorgänger aus Wikipedia. Anschließend gehts hinunter. In den Bauch des Reaktors. Von der Decke hängen die Steuerstäbe wie stählernde Stalagtiten.

„Wenn ich die Technik betrachten darf, ist die Kernenergie wirklich faszinierend. Ein Wort gibts, das die Technik ähm (Herr Fries macht eine kurze Pause) in Frage stellt. Nämlich das Restrisiko.

Zukunftstechnologien gestern und heute

Zukunftstechnologien gestern und heute

Ein Restrisiko, das Österreich niemals selbst tragen muss. Dennoch produziert das Kernkraftwerk Strom. Und zwar draußen, in der Sonne. Eine der größten Solaranlagen Niederösterreichs. Die Paneele liefern freilich nur einen Bruchteil, was das das Atomkraftwerk geleistet hätte. Wir klettern auf das Dach der Anlage, eine Premiere. Denn vorher durfte niemand das Gelände hier betreten, ein Uhu hatte gebrütet. Doch kurz vor unserem Besuch hat ein Marder die Eier geholt. In 39 Metern Höhe. Draußen vor dem Tor hängt die Werbung für das Tomorrow-Festival, das auf dem Gelände stattfinden soll. Einmal hatten sie sogar im Gebäude ein Festival. Doch einige Leute hätten sich zugedröhnt im Riesenkomplex verlaufen und seien erst am nächsten Tag wiedergefunden worden. Positiv verstrahlt halt. In Bayern wird es so eine Schau-Ruine wohl niemals geben. Jahre, nachdem die letzten Meiler abgeschaltet sind, beginnt man mit dem Rückbau. Der nicht gerade billig ist. Wir Bayern haben keine Milliarde in den Sand gesetzt für eine jetzt beeindruckende Ruine. Wir hatten massig Strom aus unseren AKWs. Und Folgekosten, die das österreichische Geldgrab einfach nur lächerlich überschaubar wirken lassen.

„Das Tolle am Standort Zwentendorf ist, wir müssen nicht dagegen oder dafür sein. Wir legen einfach die Fakten auf den Tisch. Das was wir wissen. Und der Besucher kann dann selber entscheiden: Ist es gut, oder ist es schlecht.”

 

 

 

 

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