Nacht

Ein später Abend mit Menschen, die die Kehrseite der Amüsiermeile leben. Und trotzdem gut drauf sind.

Am Anfang der Reeperbahn stehen die „tanzenden Türme“. Leicht schief gebaute Bürogebäude. Mit ihrer Stahl-Glas-Optik passen sie so gut zur Reeperbahn wie ein Atomkraftwerk auf einen Parteitag der Grünen. Sie rocken in etwa so ab, wie sich Amerikaner deutschen Humor vorstellen… Schnell weiter!

Neben der breiten Straße blinken nun tausende Neonröhren, laden ein ins Panoptikum und sonst wohin. Liebe, Lust und Laster bewerben die gigantischen Reklametafeln. Eine ganz kleine fällt mir ins Auge: „Die billigste Kneipe auf der Reeperbahn“. Das erfreut das Herz des Oberpfälzers, ich trete ein. Gehe über einen mit Filzstift, Kugelschreiber und sonst was beschrieben Gang in den ersten Stock. Clochard heißt die Lokalität. Und tatsächlich scheinen Obdachlose und Punks die einzigen Gäste zu sein. Alle, alle, sind schwarz gekleidet, sogar ein Oi!Skin ist da. Ich bin der einzige, der mit seiner braun-weißen Jacke bunte Farbtöne ins Spiel bringt. Kaufe mir ein Bier und gehe auf den Balkon. Der ist sogar mit einem Drahtgeflecht überdacht, damit niemand etwas auf die Straße schmeißen kann. Zwei Leute räumen die Bierbänke weg. Einer raucht eine ganz große Zigarette, die nach Kräutern riecht.

Alexander und Uwe

Wieder drinnen spricht mich ein ca. 40-60-jähriger Mann an. „Haste mal’n Euro?“ Als guter Christenmensch gebe ich ihm einen, mahne jedoch: „Aber nicht für Schnaps ausgeben.“ „Nee, für die Juke Box.“  Elvis Presley will er hören. Kommt aber gleich wieder, ob ich ihm helfen kann? Die Juke Box geht nämlich nicht. Ich frage beim Wirt nach, kaputt. „Is kaputt.“ Der Mann zeigt auf sein blutiges Auge, „gestern hab ich mir das eingefangen, von Hooligans“. Hätten ihn auf der Straße am Tag zuvor verprügelt. Sieht aber schon etwas älter aus. Die Augenbraue ist genäht. „Vom besten Arzt der Reeperbahn.“ Ich setze mich zu ihm und seinem bärtigen Kumpel auf die Bank. Der heißt Uwe, unser Musikfreund Alexander. Alex ist ein ziemlich gewitztes Schlitzohr, das sich den ganzen Abend von jedem Bier, Korn und Kippen schnorrt. Und immer Musik hören will. Ob ich aus Bayern komme? Ja freilich. Die Stimmung der beiden ist im Keller, aber ich kann die Situation retten, indem ich mich nicht unbedingt als größter Fan des FCB oute. Wir reden über die 1860er, den HSV und St. Pauli. Alexander ist HSV-Fan, Uwe St. Pauli. „Er ist aber trotzdem mein Freund.“ Uwe sagt etwas, doch ich kann nur das Wort „Bazi“ verstehen, soviel bayerisch können’s also schon. Zugegeben, etwas unwohl ist mir schon, wenn ich ans Auge von Alexander denke. Doch der ist voller Fröhlichkeit, voll anderer Dinge vermutlich auch, er hat in seiner Jacke eine Colaflasche aus Plastik, gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit.

Alexander will jetzt unbedingt Musik hören und fragt, ob ich mit ihm in eine andere Kneipe gehen will. Nunja, mit ist immer noch mulmig, aber wann hat man sonst die Chance, die Reeperbahn von einem täglichen Stammgast gezeigt zu bekommen? Die journalistische Neugier siegt. Auf der Treppe runter stellt Alexander einem anderen Mann mich als seinen Sohn vor. Joa, das geht schnell.

Kurz die Straße entlang, wo sich Alex noch eine Zigarette von ein paar Jugendlichen schnorrt, die sich nach der „Ritze“ erkundigen. Der Eingeborene gibt fachkundige Antwort, „ich arbeite hier ja als Türsteher“. Und außerdem hat er am nächsten Tag seinen 43. Geburtstag. Ich vermute, das hat er wohl jeden Tag? Noch um die Ecke, und dann rein in den Elbschloss Keller. Alex grüßt den Wirt und stellt mir Angel und Dani vor. Angel hat zwei rote Augen, kurze Haare, mächtige Schultern und ist das, was man sich so unter einer Kampflesbe vorstellt. Ich frage, ob sie denn auch ein Engel ist, worauf sie etwas kokett meint: „Weiß ich nicht.“ Dann wird sie aber extrem sauer, weil ich ihr keinen Schnaps zahlen will.

Ihre Freundin Dani ist optisch wie charaktermäßig das Gegenteil, sehr freundlich und kommunikativ. Ihr fehlen einige Zähne, woher das kommt?

Gefährliche Toiletten

Gerade will Alex die dortige Juke Box anwerfen, aber sie geht wieder nicht. Der Grund: die Polizei ist da. Ein Gast wollte mit einer Madame auf der Toilette etwas anfangen. Doch für ihn wurde es nicht heiß, sondern feurig. Die (angebliche) Bulgarin sprühte ihm Pfefferspray ins Gesicht und verschwand mit seinem Geldbeutel. Angel und Dani meinten, Recht so, der wollte sie vergewaltigen. Die Männer meinen: Bandenmäßige Kriminalität. Die Polizei sucht nun nach der Frau. Der Mann sucht seine restlichen Papiere vom Boden der Damentoilette auf. Als er wiederkommt, fängt Angel an: „Boaaah, wat is der hässlich, da is ja Leichenschändung noch besser!“ Dani pflichtet ihr bei: „Leichenschändung, Leichenschändung.“

Die Polizei ist wieder weg, und endlich kann Alex seinen geliebten Elvis Presley auflegen. Danach ist Connie Francis mit „Jive Connie Jive“ dran und dann Depeche Mode mit „Personal Jesus“. Wer wohl der Personal Jesus dieser Gruppe ist? Mittlerweile ist Uwe da, ich frage ihn, ob er den Jesus von St. Pauli kennt, den Sozialarbeiter Erich Esch. Nein, kennt er nicht. Meinen caritativ-missionarischen Eifer lasse ich jetzt nicht raus, dazu kenne ich die Leute und ihren Hintergrund noch nicht gut genug.

Angel hat nun einen ziemlich krassen Hustenanfall. Sie flucht herum, weil niemand ein „verdammtes Asthmaspray“ dabei hat. Gleich nach Ende des Anfalls schnorrt sie sich wieder eine Zigarette und will Alex verprügeln, weil er angeblich ihren Schnaps (die Colaflasche mit der klaren Flüssigkeit) geklaut haben soll. Außerdem spricht Dani gerade mit einem Typen, das scheint Angel auch nicht gern zu sehen. Vorsichtshalber bestelle ich eine Runde Kümmel für uns fünf, bekomme aber Kümmerling. Naja, weg damit. Eine etwas ältere Frau mit Brille namens Judith schneit herein, sie bestellt eine Cola. „Schmeckt doch auch gut.“ Ich pflichte ihr sofort bei. Sie macht sich an Uwe ran, der den Flirt gerne aufnimmt. Uwes Stimme, die hinter dem grauen Rauschebart und unter der Baseballmütze hervorgrummelt, hat viel erlebt. Dagegen kann jeder Death Metaller bei den Regensburger Domspatzen anfangen. Schon allein wie ihm das Wort „Grog“ über die Lippen kommt, so muss sich ein Wort wie „Grog“ anhören.

Wo ist das Geld?

Weil ich ihm einen gezahlt habe, bestellt mir Uwe nun ein Bier. Ich fühle mich sehr geehrt und fast auch ein wenig gerührt. Ich spreche ihn auf den Polizeivorfall und diese Räuberhöhle an. Seine Antwort lässt mir die Haare zu Berge stehen: „Wenn du Geld hast, das musst du in all deinen Löchern verstecken.“ Huch.

Ich frage ihn, welche Lokalitäten er mir noch empfehlen kann: Er rät mir zum Honka, gleich gegenüber. War früher ein Lokal, das von pensionierten Prostituierten geführt worden ist und ist nach einem goldenen Boxhandschuh benannt. Soweit ich Uwe richtig verstanden habe.

Im Honka hängen tatsächlich lauter goldene Boxhandschuhe, viele Jugendliche halten sich drin auf. Eine etwas korpulente Frau meint, sie sei Thaiboxerin. Der Typ in der Lederjacke, der sie gerade abgeknutscht hat, sein ein Freund, aber nicht ihr Freund, informiert sie mich. Aha. Alex kommt rein und meint, er war früher auch Profiboxer. Ihn kennt man hier sehr gut. Langsam will ich weiterziehen. Ich verabschiede mich von Alexander und gegenüber von Uwe, Judith, Dani und Angel.

Ein paar Schritte weiter ist Rosis Bar, das scheint sogar eine lustige Studenten-Tanzkneipe zu sein, der Musik und den Menschen nach zu urteilen. Ich spreche mit zwei Mädels, eine kommt aus Forchheim, die andere aus Neumarkt. Ach Bayern… Auf der Toilette steht ein Spruch in Englisch, weshalb die Deutschen ihr Land nicht mögen, hier ist es doch soooo geil.

Leider ist es hier drin (nicht in Deutschland, in der Bar) extrem verraucht, also raus an die frische Luft. Die Reeperbahn runtergewandert und auf der anderen Straßenseite wieder rauf.

Harte Arbeit, wenig Kohle

Und hier stehen sie schon, immer in Gruppen zu viert oder fünft. Dicke rosa Daunenjacken. Alle rufen mir hinterher, aber die jeweils letzte jeder Gruppe tritt vor und stellt sich mir in den Weg. „Ob ich noch Lust auf was hätte?“ „Nein, hab kein Geld mehr.“ „Keine 30 Euro?“ 30 Euro?! Meiomei, wie lange müssen die denn hier in der kalten Nacht stehen, um für so wenig Geld jemanden mit aufs Zimmer zu nehmen? Unwillkürlich kommt mir Zwangsprostitution in den Sinn. Doch die Damen sprechen alle sächsisch oder thüringisch. Zwangsprostituierte aus Sachsen? So viele? Jede Gruppe hat ihr genau abgestecktes Gebiet, so ist das vom Gewerbeaufsichtsamt vorgegeben. Hamburg war die erste Stadt, die Prostitution anerkannt hat, erfahre ich. Trotzdem, ich habe keine 30 Euro und nein, ich will auch nichts von der Bank holen und ich bin jetzt müde und überhaupt, soweit kommts noch. Die Madames, ob gepierct oder mit grünen, dünn aufgemalten Augenbrauen geben es irgendwann auf. Ich wünsche ihnen trotzdem noch einen schönen Abend.

Kurz vor Ende der Reeperbahn sehe ich noch eine kleine Kneipe, hier wird Dittmarscher Bier ausgeschenkt. Eine Kleinbrauerei, schön. Ich gehe rein und bin der einzige Gast. Mit dem Wirt, Eddi, komme ich sofort gut ins Gespräch. Wir unterhalten uns über die ethymologischen Hintergründe des Plattdeutschen. Gut heißt da übrigens auch goud, wie in der Oberpfalz. Ich erinnere mich, dass ein Ort in der Oberpfalz der Sage nach von einem Friesenfürsten gegründet worden sein soll. Faszinierend. Und er erklärt, dass die Reeperbahn ihren Namen von den Seilbindern hat. Aber das wusste ich schon aus Galileo. Außerdem erfahre ich, dass Altona so heißt, weil ein Hamburger meinte, das wäre all too nah (all zu nah). Eddi informiert mich auch über die Gemeinsamkeiten von Platt und Englisch. Wo wir wieder bei der Oberpfalz und ihren so englisch klingenden ou- und äi-Lauten  wären. Einfach faszinierend. Das Dittmarscher schmeckt ordentlich, Eddi lädt mich auch noch auf einen Pastis ein. Der Mann ist 72, schaut aber zehn Jahre jünger aus, raucht und arbeitet Nachtschicht. Irgendetwas muss ihn konservieren, nur was? Die vielen verschiedenen Menschen, die hier vorbeikommen? Die Geschichten von Freud und Leid, die er hier zu hören bekommt? Ich verspreche ihm, wiederzukommen. Aber dann mit ein paar Bayern im Schlepptau. „Du bist in Ordnung,“ ruft er mir noch nach, als ich gehe.

Am Heimweg denke ich über all die „kleinen“ Leute nach, die ich hier kennen lernen durfte.  Strandgut, das hier angeschwemmt wurde und hier Glück gefunden hat? Wer weiß, wie lange ihre Körper diese Abende und Nächte noch mitmachen. Doch diese Menschen, auf der vermeintliche Kehrseite der deutschen Amüsiermeile, sind fröhlich. Sie leben das Leben hier. Obwohl sie in den Augen vieler ganz unten sind, sind sie doch die Könige der Reeperbahn. Welche Schicksale sich dahinter verbergen? Steht es uns an, aus Neugier danach zu fragen? Steht es uns an, zu urteilen? Welchen sozialen Dienst, welche christliche Tat kann man ihnen an einem Abend tun? Vielleicht für einige Stunden ihr Leben teilen.

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