Salzburg ohne Nockerln

Was ist die erste Notwendigkeit in Salzburg? Für einen Bayern natürlich das Essen.

Als Tipp empfahl man mir das (oder die?) Triangel. Ein Restaurant in der Altstadt, neben der Kirche des Kollegienstifts in der Wiener-Philharmoniker-Gasse (hat Salzburg denn keine eigenen?). In der Nähe der touristisch schon arg rausgeputzten Getreidegasse. Auch Teile der Universität liegen in den Nachbarhäusern. Die meisten Studenten, die drinnen sind, bedienen aber.

Das Restaurant ist in einem gutbürgerlich-schlicht-modern-klassischem Sinn eingerichtet, also Alt trifft Designer. Fast alle Tische sind reserviert, ich setze mich in eine schmale Eckbank an ein noch schmaleres Tischchen.

Die Bedienung gibt mir die Karte und stellt mir gleich auch eine Flasche Wasser hin. Auf der Flasche steht Liebe, und moment mal, ich hatte ja gar kein Wasser bestellt. Ein Blick in die Speisekarte zeigt auf der Preisliste neben dem Wasser zwei Herzen. Sinngemäß heißt es da: „Wasser ist ein wertvolles Lebensmittel und darum kostenlos.“ Der Preis erfreut mich. Tatsächlich müssen österreichische Restaurants Leitungswasser gratis anbieten.

Ein älterer Herr kommt herein. Er begrüßt alle Menschen mit Namen und wird selbst mit „Johannes“ angesprochen. Er beklagt, dass er im Moment nicht an seinem Stammplatz sitzen kann. Dort isst seine Bekannte noch schnell zu Ende, dann ist auch Platz für ihn.

Er bestellt sich einen Weißwein, vermutlich Grünen Veltliner. Und was kippt er da rein? Heißes Wasser! Na sowas, auch eine Form der Weißweinschorle. Vielleicht das österreichische Pendant zum warmen Bier, das hierzulande die Rentner trinken. Aber in Grünen Veltliner kann man so gut wie alles reintun, er kann nur besser werden.

Aus der Anlage klingt Electro. Oh wie schön, denke ich mir, dass die Österreicher auch Paul Kalkbrenner hören. Deutscher Musikexport in alle Welt! Doch dann kommt es mir: Das ist nicht Kalkbrenner, sondern Klangkarussell, ein österreichisches DJ-Duo. Auf der Heimfahrt stelle ich fest, dass ich eine CD mit Electro-Swing von Parov Stelar höre. Wieder die Ösis. Ja, sagermal, wo kommen wir denn da hin? Neben Berlin dominiert Österreich die Electro-Szene? Wo bleiben denn da die Bayern??? Außer DJ Hell fällt mir jetzt kein bayerischer bekannter Electro-DJ ein. Bayern fällt zurück! Das darf nicht geschehen! Das bayerische Pendant zu Paul Kalkbrenner, Gustl Schnapsbrenner, sollte jetzt endlich mal ordentliches Zeug für die Ohren abliefern…

Zurück zum Essen: Salzburger Nockerln gibt’s auf der Karte nicht zu finden, dafür allerlei andere schmackhafte Gerichte. Ich nehme die Krautsuppe mit Dunkelbrot und Brennnesseltee für 5,90. Ein „Fastenessen“. Da lacht der Wohlstandsbauch, das Feinkostgewölne (© L.K.), das Gourmet-Mausoleum, die querliegende Ernährungspyramide oder auch das Genuss- und Dekadenzmahnmal. Warum? Weil das die beste Krautsuppe ist, die ich in meinem Leben gegessen habe. Gut, Kraut ist eher wenig drin. Eher mehr Wirsing, anderes Gemüse, die Suppe vermutlich aus Rindsknochen ausgekocht, und Graupen. Trotzdem ausgezeichnet!

Die Dame am Nebentisch, die mittlerweile fertig gegessen hat, und Johannes, der sich zu ihr gesetzt hat, schauen neugierig rüber. „Schmeckts?“ „Ja, sehr gut. Bisserl wenig Kraut drin, aber dafür Graupen.“ Die Frau sieht mich verständnislos an. Heißen Graupen hier anders? Schlagoberweiße Jännermarillen vielleicht. „Graupen, das sind so kleine weiße Dinger, die im Wasser aufquellen.“ „Ich weiß, was Graupen sind.“ Hui, voll der Fremdsprachen-Checker die Lady.

Johannes wird die Suppe von der Bedienung auch empfohlen, aber er hats nicht so mit dem Fasten. Er bestellt eine Kartoffelsuppe und danach ein Tartar. In die Suppe kommt dann auch ein Schwups von seinem Wein. Dass der Grüne Veltliner durch Kartoffelsuppe besser wird, glaub ich schon, aber umgekehrt???

Ich wünsche ihm „Mahlzeit“, er klärt mich auf, dass das hier „Dia aa“ oder „Wohl bekomm’s“ hieße. Dann wendet er sich dem Kellner zu, der seine Kollegin an die „Trafik“ geschickt hatte, um „Tschicks“ zu holen. Nein, die Dame kam nicht mit heißen Mädels wieder an, sondern mit Zigaretten. Wer ist der Fremsprachen-Checker jetzt?

Auf dem Rückweg schaue ich noch in zwei kleinere Kirchen rein. Denn die Salzburger Altstadt bietet auf engstem Raum mehr Kirchen als Bamberg (!!). Die Kirchen sind innen dunkel, überladen, barock, kalt, gruftig. Kommt die österreichische Morbidität wohl daher? Kann gut sein, schließlich war der Großmeister des Morbiden, Josef Hader, auf einem katholischen Internat. Dort hat er aber laut eigener Aussage kritisches Denken gelernt und die ersten Linken seines Lebens getroffen. Da bin ich ja mal auf weitere Kirchenbesuche in Österreich gespannt.

Wenn das Fasten schon so gut schmeckt, wie wird dann erst die Osterzeit?

Ein Kommentar

  1. Es heisst auch im Plural „Tschick“. Klassisches Singular-Slangwort. Hab aber auch ca. 2 Jahre gebraucht, bis ich das raus hatte…

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