Schmidl und die Neue Welt Teil 2 – das Essen

Das ist zum Glück kein menschlicher Schenkel, sondern Rind aus der Bar Norte.

Das ist zum Glück kein menschlicher Schenkel, sondern Rind aus der Bar Norte.

Da Ulrich Schmidl im Spätsommer Buenos Aires mitgründete, war’s zu spät zur Aussaat. Die Indianer waren nicht erfreut, die Neuankömmlinge durchzufüttern. Außerdem hatten sie kein Reich wie die Inkas oder die Azteken, aus dem sich die Spanier wie in Mexiko oder Peru versorgen konnten. Darum kam bald ein schlimmerer Feind als aggressive Indios: der Hunger. Der Straubinger Schmidl berichtet: „denn das Volk hatte nichts zu essen, litt sehr große Armut und starb vor Hunger. So wollten auch die Pferd nicht klecken [ausreichen] und langen. Es verursachte auch solch große Armut und Hungersnot, daß weder Ratzen noch Mäus, weder Schlangen noch ander Ungeziefer genug vorhanden waren zur Ersättigung dieses großen jämmerlichen Hungers und dieser unaussprechlichen Armut. So kunnten auch die Schuhe und ander Leder nicht bleiben, es mußte alles gessen sein. Es begab sich, daß drei Spanier ein Roß entführten und dasselbige heimlich aßen; und als man solches inne ward, wurden sie gefangen und mit schwerer Pein derwegen gefragt. Als sie nun solches bekannten, wurden sie zum Galgen verurteilt und gehenkt. In derselben Nacht gesellten sich drei andere Spanier zusammen, die sind zu diesen dreien Gehenkten zum Galgen kummen, haben ihnen die Schenkel vom Leib abgehaut und große Stücker Fleisch aus ihnen geschnitten, und trugen dieselben zur Ersättigung ihres großen Hungers in ihr Losament.“

Wie anders ist es doch heute! Die Liebe zum Fleisch ist den Argentiniern zwar bis heute geblieben, allerdings auf das von Rindern (was für eine Überleitung…). Überall gibt es Asado de la parilla, also Fleisch vom Grill. Jeden Tag gibt es Fleisch! So viel Fleisch, dass man sich nach dem Essen den Wanst hält und sich schwört, morgen auf jeden Fall Gemüse oder Obst zu essen. Natürlich um am nächsten Tag sich wieder ins Fleisch zu legen. Früher sollen sich die Gauchos, die argentinischen Cowboys, wenn sie Hunger hatten, ein Rind geschossen haben, sich ihre Steaks herausgeschnitten haben, und den Rest liegen haben lassen. Es fiel niemandem auf, Rinder waren immer genug da. Wir sind aber noch nicht in der Pampa, sondern in Buenos Aires. Zunächst drei überaus empfehlenswerte Orte für argentinische Küche hier:

Scheiß auf Wald oder Sandstrand: So geht Fototapete!

Scheiß auf Wald oder Sandstrand: So geht Fototapete!

Das wohl beste Gemüse meines Lebens.

Das wohl beste Gemüse meines Lebens.

Die Carniceria im Stadtviertel Palermo. Unbedingt vorher reservieren, weil auch die Argentinier um die Qualität des Essens wissen. Die Carniceria, zu deutsch Metzgerei (bisweilen hat es auch die Bedeutung „Gemetzel“, „Blutbad“), ist eher klein. Die Hinterwand besteht aus einer Fototapete, sie zeigt aber keinen mitteleuropäischen Wald oder Südseestrände, sondern einen Schlachthof. Seine Kleidung kann man an Schlachterhaken aufhängen wenn man will.

Wir trinken einen wunderbaren säurearmen und milden Malbec von Manos Negras. Da schmeckt mir sogar Rotwein! Dazu ein Sprudelwasser, dass allerdings in so einer Zapfhahnflasche daherkommt. Ganz der Mann möchte ich natürlich einschenken und drücke so fest drauf, dass das Wasser ins Glas schießt, dort zurückprallt und den Mann am Nebentisch von oben bis unten einnäßt. Wie peinlich! Aber die Eingeborenen sind freundlich und nehmen es dem unzivilisierten Barbaren aus Europa nicht krumm.

Als Entrée gibt es ein rustikales Brot mit einem interessanten Dip. Danach die Vorspeise: Gegrilles Gemüse. Muss das sein? Gemüse (schauder)? Sogar noch mit Brokkoli (schauder, schauder)? Ja, das muss sein, sogar der Brokkoli. Denn dies, sehr verehrte Leser, ist der wohl allerallerallerbeste Brokkoli der Welt. Fantastisch gegrillt, Röstaromen, etwas ölig, etwas säuerlich durch Essig, wunderbar. Genauso wie der gegrillte Spargel mit Parmesanhobeln, Spitzkohl und Erbsen. Top!

Liebe Bayern, wir sind zwar im Ausland, aber den Knochen dürfen wir immer und überall abzausen!

Liebe Bayern, wir sind zwar im Ausland, aber den Knochen dürfen wir immer und überall abzausen!

Anschließend kommt das Fleisch (ca. 16 Euro), eine gewaltige Masse, medium, am Knochen, extremst lecker. Etwas weniger Salz wäre gut gewesen, aber was solls! Herrlich! Als Bayer bin ich es gewohnt, auch mit den Fingern zu essen (wie soll man sonst ein Hendl verputzen?) und zause natürlich auch den Knochen ab. Ja nix übrig lassen!

Zwei weitere Tipps haben wir aus dem Blog antigourmet. Das ist eine Gruppe, die nicht feine Restaurants testet, sondern eher bodenständige Wirtshäuser mit gutbürgerlicher Küche, wie Ulrich Schmidl heutzutage sagen würde.

Tja, der Fisch war ganz ok.

Tja, der Fisch war ganz ok.

Einmal die „Bar Norte“ in Recoleta. Das ist ein Wirtshaus, dass diesen Namen auch verdient. Auf besondere Einrichtung hat man hier keinen Wert gelegt, aber auf nordargentinische Gerichte. Daher ist der Laden zur Mittagszeit bombenvoll, wir kriegen gerade einen Platz am Fenster. Die Preise halten sich im Rahmen. Wir essen panierten Seehecht, der ist ok, die Panade könnte etwas krosser sein. Der beigefügte Kartoffelbrei passt. Das Asado für umgerechnet acht Euro ist gut, wenngleich nicht ganz so wie in der Carniceria. Das von den antigourmets empfohlene Pollo a las dos olivas kostet deutlich mehr, ein besonderer Hühnerfreund bin ich nicht, darum lassen wir es weg. Aufgrund der Preise und dem, joa, rustikalen Charme kann man die Bar Norte durchaus empfehlen, aber den ersten Platz in unsererListe nimmt sie nicht ein.

Zahlreiche Künstler haben im Social Bilder hinterlassen, auch wenn sie nicht unbedingt den Appetit anregen.

Zahlreiche Künstler haben im Social la Lechuza Bilder hinterlassen, auch wenn die nicht unbedingt den Appetit anregen.

Je später der Abend desto voller das Lokal.

Je später der Abend desto voller das Lokal.

Der dritte Argentinier im Bunde findet sich wieder im Viertel Palermo. Das „Social la Lechuza“ ist ein Ort, bei dem man anscheinend nicht zu spät kommen kann. Wir stehen um halb neun vor der Tür und es ist gar nicht los. Die Türe selbst müssen wir mit Kraft aufschieben. Nichtsdestotrotz versichert uns der Kellner auf Anfrage, dass durchaus schon geöffnet sei. Wir haben freie Platzwahl, sonst ist ja noch keiner da. Als Vorspeise nehmen wir einen gemischten Wurst- und Schinkenteller. Hier zeigt sich schon die Nähe zur italienischen Küche, viel anders würde es im Stiefelland nicht aussehen, und auch kaum anders schmecken. Danach gibt’s richtig Fleisch: zwei Stücke Asado und ein butterweiches Bife de lomo, also sowas weiches habe ich meiner Lebtag selten verputzt. Eine BBQ-Soße o.ä. gibt es in Argentinien nicht dazu, das Fleisch steht für sich, es braucht keinen geschmacklichen Begleiter (außer vielleicht den Rotwein). Wir sind zu dritt und haben uns die kleine Portion geteilt und alle wurden satt. Zum Schluss noch einen kleinen Espresso.

Der einizige Unterschied zu einem Vorspeisenteller aus Italia: Der Schinken wäre dort dünner geschnitten.

Der einzige Unterschied zu einem Vorspeisenteller aus Italia: Der Schinken wäre dort dünner geschnitten.

Schneidet sich und zergeht wie Butter.

Schneidet sich und zergeht wie Butter. Es sieht etwas klein aus, aber die Perspektive täuscht: Drei Leute wurden hiervon leicht satt!

Die größte Einwanderungswelle nach Argentinien kam aus Italien, was sich auch in der Küche ausrückt. Denn wenn die Argentinier gerade mal kein Asado verputzen, ist die Pizza dran. Die ist aber nicht so hauchdünn und kross wie man sie aus bella Italia kennt, sondern eher über und über und über (und über und über und über) mit Käse bedeckt, erinnert also eher an US-Pizzen. Wir waren im La Continental in Recoleta und haben dort eine Paprikapizza gegessen. Hauptbestandteil – na was wohl – Käse. Nicht unangenehm fettig, aber die italienischen sind doch mehr mein Geschmack.

Dass die peruanische Küche auch japanische Einflüsse hat, kann man hier schön sehen.

Dass die peruanische Küche auch japanische Einflüsse hat, kann man hier schön sehen.

Viele Gastarbeiter im Land stammen aus Peru, und die haben ihre herausragende Küche mitgebracht. Und die verkaufen sie beispielsweise als haute cuisine im La Causa Nikkei. Hier besinnt man sich einerseits auf das traditionelle Gericht Causa, eine Art Kartoffelbreitorte, gefüllt mit Fisch und Mayo. Andererseits auf die japanischen Einflüsse auf die peruanische Küche und kreiert eigenes Sushi. Als Gruß aus der Küche kommt eine hervorragende Ceviche, wunderbar frischer (und roher) Fisch mit Limettensaft mariniert, exzellent, etwas stören aber die gerösteten Zwiebeln oben auf.

Eigentlich eine Vorspeise, aber man muss trotzdem kämpfen: Die Causa.

Eigentlich eine Vorspeise, aber man muss trotzdem kämpfen: Die Causa.

Als Hauptgericht (eigentlich ist es ja eine Vorspeise, aber was für eine!), nehme ich Cual es tu causa? Das sind wie Sushi angemachte Mini-Causas, zweimal mit marinierten Garnelen, zweimal mit Ceviche und zweimal mit Lachs und Seezunge. Hollahe! Meine Begleitung hat letzteres als große Causa genommen, dazu gibt’s eine fantastische Tamarinden-Soße, oben drauf Avocado. Dinieren kann man hier fürstlich, die Preise sind allerdings für argentinische Verhältnisse ebenso (inkl. Trinkgeld für zwei Personen ca. 35 Euro).

Argentinien hat hervorragende Weine zu bieten. Den Malbec darf und soll auch trinken, wer ansonsten kein Rotweinfreund ist.

Argentinien hat hervorragende Weine zu bieten. Den Malbec darf und soll auch trinken, wer ansonsten kein Rotweinfreund ist.

Nach einem argentinischen Essen darf ein heißes Verdauungshelferlein nicht fehlen.

Nach einem argentinischen Essen darf ein heißes Verdauungshelferlein nicht fehlen.

Im Contigo Peru probieren wir Ceviche, Anticuchos und Aji de Gallina. Der Fisch der Ceviche schmeckt nicht alt, aber trotzdem fehlt etwas die Schärfe und die Spritzigkeit des Gerichts. Gut sind die gerösteten Maiskörner mit Salz, Cancha genannt, die es dazu gibt. Die Anticuchos sind gebratene Rinderherzen, sehr gutes Muskelfleisch. Allerdings könnte auch hier die Würze etwas intensiver sein. Aji de Gallina ist eine Art Hühnerfrikassee mit in einer Chili-Milch-Soße mit Reis. Als Nachspeise gibt’s noch eine Suspiro à la Limena, eine Creme aus Dickmilch, Ei, Zimt und Vanille. Üppigst!!! Das Lokal trägt den Untertitel „Restaurante Turistico“. Für Ersteinsteiger, die sich mal durch alles durchprobieren wollen sehr geeignet, da auch die Preise fair sind. Alles essbar, aber die Peruaner scheinen aus Rücksicht auf die Argentinier auf den richtigen Pep verzichtet zu haben. Um das alles zu Verdauen habe ich einen Pisco bestellt, diesen wunderbaren peruanischen Traubenschnaps. Allerdings stellt mir dann der Kellner einen Pisco Sour hin, das ist ein Cocktail aus Pisco, Limettensaft, Zuckersirup, Zimt (oder Angosturabitter) und Eischnee, ein eher spritziges Getränk, durch das Eiweiß aber auch füllend.

Ein Choripan, das Grüne ist Chimichurri, der rosa Batz ist eine Art Cocktailsoße. Kann man auch weglassen.

Ein Choripan: das Grüne ist Chimichurri, der rosa Batz ist eine Art Cocktailsoße. Letztere kann man sich sparen.

Viele Peruaner und peruanische Lebensmittel kann man im Viertel Once kaufen. Ecke Avenida Corrientes und Ecuador finden sich diverse peruanische Lokale, sogar aus Imbissen duftet es nach richtig guten Anticuchos, auch Kokatee (in einzelnen Teebeuteln) kann man hier kaufen.

Zurück zum argentinischen Essen. Natürlich essen die Portenos, wie man die Einwohner von Buenos Aires nennt, auch gerne auf der Straße. Da gibt es dann Bratwurst vom Grill, Chorizo genannt. Die ist sehr grob und enthält zahlreiche Fettstücke. Wenn sie durch ist, schneidet sie der Grillmeister der Länge nach auf und legt sie in eine arg weiche Semmel. Das nennt sich dann Choripan, quasi Bratwurstsemmel. Darauf kann ich mir dann gehackte Zwiebeln oder Chimichurri geben. Das ist eine dicke Soße aus Petersilie, Thymian, Oregano, Lorbeer, Knoblauch, Zwiebel, Chili, Salz, Pfeffer, Öl und Essig. Geschmacklich kommt die Wurst never ever an eine grobe fränkische Bratwurst ran, dafür ist sie einfach im Mundgefühl zu knurpsig. Interessant jedoch die Soße, die fruchtig-kräuterig-scharfe Aromen mitbringt.

Der Grill, die parilla, im Social.

Der Grill, die parilla, im Social.

Choripan haben wir zwei probiert, einmal in der Avenida Doctor Tristan Achaval Rodriguez (was die für Straßennamen haben…). Dort gibt es eine ganze Reihe Imbissbuden, die recht preisgünstig sind und in denen sich auch die normalen Argentinier eindecken. Ich muss mir natürlich genau an dem Stand etwas kaufen, an dem niemand ansteht. Nach dem ersten Bissen weiß ich auch warum. Das zweite Choripan probiere ich im La Gran Paraíso in Viertel La Boca. Das Lokal hat einen schönen Biergarten und einen großen Grill. Das Choripan ist schon deutlich besser, das Chimichurri ist sehr fein. Ich werde gewarnt, eines sei besonders scharf, ich probiere ein bisschen und obwohl ich kein Schärfekönig bin ist es doch erträglich.

Wer Fleisch mag, der ist in Buenos Aires sicherlich am richtigsten Ort der Welt. Zu den Zeiten von Ulrich Schmidl sah das anders aus, und man sollte sich nicht täuschen, nicht überall im Land lebt es sich heute so üppig wie in dieser Stadt. Dennoch: Wer die Wirtschaft (und die Wirtschaften) dort unterstützen will, der kann auf sehr geschmackvolle Weise tun. Und Trinkgeld gibt man bei der Qualität auch gern.

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