Schmidl und die Neue Welt Teil 3 – die Stadttour

Seit den Holzhütten Ulrich Schmidls hat sich die Stadt der guten Winde etwas vergrößert. Wir begeben uns in die unterschiedlichsten Viertel und treffen auf Indianer, süßen Wein, Korruption und die Frauenquote der CSU.

Das Hafengelände verbindet Altes und Neues. Im Hintergrund die Brücke der Frau.

Das Hafengelände verbindet Altes und Neues. Das zackige Ding im Hintergrund ist die Brücke der Frau.

Der Alte Hafen

Endlich etwas mehr grün als in einem Stadtpark.

Endlich etwas mehr Grün als in einem Stadtpark.

Unsere Tour führt uns zunächst an den Alten Hafen. Wir kommen an einem recht großen und prächtigen Bau vorbei. Das war das ehemalige Postgebäude. Die frühere Präsidentin Christina Kirchner ließ dort ein Kulturzentrum errichten, dass sie praktischerweise nach ihrem Mann und Vorgänger im Amt benannte. Wir gehen weiter und finden einige kleine Statuen heimischer Comicfiguren, etwa Mafalda, dem wohl berühmtesten Cartoon-Export Argentiniens. Weniger bunt, dafür deutlich größer, eine Bronze-Statue von Juan Perón, mit einem Klassenausflug Schulkinder davor. Dieses Denkmal hatte auch Kirchner aufstellen lassen. Eine Linkspopulistin, die sich im Glanze eines Faschisten sonnt, tja.

Weiter geht’s zur katholischen Universität Argentiniens (diese Unis sind in Südamerika immer eine gute Adresse). Meine Kollegin muss dort noch eine Bestätigung im Auslandsbüro abholen. Den meisten Platz im Regal nehmen Bücher oder Infohefte über das Studieren in Deutschland ein, weit mehr als über Spanien oder gar die USA. Neben der Universität liegt der alte Hafen. In diesem Gebiet haben die Straßen alle weibliche Namen, denn es fiel beim Umbau dieses ehemaligen Industriegebiets in ein Nobelviertel auf, dass die Straßen der Hauptstadt bisher nur nach Männern benannt wurden. Auf dem Hafengelände gibt es noch große gelbe Kräne, VEB Kranbau Eberswalde steht darauf. Na da haben’s wieder was eingekauft…

Diese Comicfigur stellt einen italienischen Einwanderer dar, der sich in den Ankunftslagern des frühen 20. Jahrhunderts an die Damen ranmachte. Im Hintergrund das Verteidigungsministerium.

Diese Comicfigur stellt einen italienischen Einwanderer dar, der sich in den Ankunftslagern des frühen 20. Jahrhunderts an die Damen ranmachte. Im Hintergrund das Verteidigungsministerium.

An einer Straße finden wir zahlreiche Essensstände und daneben bronzene Statuen von bedeutenden argentinischen Sportlern wie Gabriela Sabatini oder Lionel Messi. Die leben zwar noch und Messi hat immerhin Steuern hinterzogen, aber hey, man kann Denkmäler aufstellen. Überhaupt, wenn es der Stadt an etwas mangelt, dann sicherlich nicht an Statuen und Denkmälern. Die Planung und Errichtung von Denkmälern scheint seit Jahrhunderten eine erfolgreiche Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Horden von Bildhauern, Erzgießern, Künstlern, usw. usf. zu sein. Hinter dem Hafen liegt ein Naturschutzgebiet, durch das man bei den frischen Temperaturen ziemlich allein wandern kann. Auch im Winter ein grüner, ruhiger Fleck, in dem wir unsere Ruhe haben – würden nicht ständig Flugzeuge drüber donnern. Am anderen Ende des Parks liegt das Ufer des Rio de la Plata, des Silberflusses. Eigentlich sieht dessen Delta gar nicht aus wie ein Fluss, so breit ist es, sondern eher wie der Beginn des Südatlantiks. Frachter fahren vorbei, überhaupt kein anderes Ufer in Sicht. Einfach nur endloses Wasser.

Der Rio de la Plata.

Der Rio de la Plata.

Das Centro

Auf dem Rückweg kommen wir am ehemaligen Jesuitenkloster vorbei. Manzana de las luces heißt das, und nein, manzana bedeutet hier nicht Apfel, sondern Häuserblock, übersetzt also Häuserblock der Lichter. Der stammt aus dem frühen 18. Jahrhundert und ist einer der letzten Überbleibsel des alten Buenos Aires. Dank des Einsatzes zahlreicher Menschen konnte er vor dem Abriss gerettet werden, ansonsten stünden hier noch mehr Bürotürme. Die alten Gänge, von denen uns während der Führung berichtet wird (für die man entweder sehr gutes Spanisch und/oder viel Grundwissen um argentinische Geschichte mitbringen sollte), sind dann doch nicht so spektakulär. Schön allerdings die Fotografien der verschiedenen alten Palazzi, in denen heute diverse Botschaften untergebracht sind.

Die Plaza de Mayo und die Casa rosada.

Die Plaza de Mayo und die Casa Rosada.

Wir gehen weiter und kommen zur Plaza de Mayo. Dort finden wir einmal die Casa Rosada, also das rosa Haus, den Amtssitz des Präsidenten. Im Garten steht eine ziemlich scheußliche Gigantostatue, die Frau Kirchner während ihrer Amtszeit aufstellen ließ. Eine indianische Widerstandskämpferin, die mit der linken Hand zum Kampf aufruft. Eigentlich hat das ja ein ehrbares Thema, der Hintergrund der Errichtung war aber nicht ganz so sauber. Der Bürgermeister der Stadt (und Nachfolger Kirchners als Präsident) Mauricio Macri war damit ganz und gar nicht einverstanden, da im Garten schon eine Statue von Kolumbus stand. Den ließ Kirchner dann einfach zur „Restaurierung“ abholen und klotzte dafür eben das andere Denkmal hin. Damit aber brachte sie auch die italienische Gemeinde gegen sich auf, die damals die Kolumbusstatue gesponsert hatte. Dem italienischen Ministerpräsidenten Renzi versprach Macri nach seiner Amtsübernahme, Kolumbus wieder an seinen Platz zu setzen.

Während man in Bayern mit dem Geburtshaus von Benedikt XVI. wirbt, ist es hier der ehemalige Friseur von Papst Franziskus.

Während man in Bayern mit dem Geburtshaus von Benedikt XVI. wirbt, ist es hier der ehemalige Friseur von Papst Franziskus.

Auf der Plaza selbst sitzen verstümmelte Veteranen des Falklandkrieges, die hier betteln. Der große kleine Krieg um die Malvinas, wie die Argentinier die Felsengruppe im Südatlantik nennen, zeigt immer noch seine Spuren. Dazu an anderer Stelle mehr. Außerdem sind mit weißer Farbe Kopftücher auf den Boden gemalt, das Zeichen der „Mütter der Plaza de Mayo“. Seitdem tausende Menschen in der Militärdiktatur verschwanden, protestieren hier deren Mütter für die Aufarbeitung der Verbrechen. Tatsächlich gibt es mittlerweile zwei Organisationen, die den Namen der Mütter für sich beanspruchen. Die eine bekommt Geld vom Staat und steht der Regierung Kirchner nahe, deren Leiterin wurde der Korruption beschuldigt. Die andere Organisation schlägt sich auf keine parteipolitische Seite und möchte auch kein Geld von dem Staat, der für das Verschwinden der Kinder verantwortlich war.

Der Tempel der Religion und die Tempel des Geldes.

Dir Kathedrale der Religion und die Kathedralen des Geldes.

Die Ehrenwache vor dem Grab des Generals San Martin.

Die Ehrenwache vor dem Grab des Generals San Martin.

Die Innenausstattung ist schön anzuschauen, aber nicht überbordend.

Die Innenausstattung ist schön anzuschauen, aber nicht überbordend.

Nebenan steht die Kathedrale der Stadt, eine barocke Kuppel mit einem klassizistischen Vorbau. Ganz schön, aber für so eine Stadt wirklich verschwindend klein, da ist der Regensburger Dom deutlich beeindruckender. Das war sozusagen die Bischofskirche von Jose Bergoglio, dem jetzigen Papst Franziskus. In der Kirche finden wir das Grab des Unabhängigkeitshelden San Martin, davor Soldaten in den Uniformen des beginnenden 19. Jahrhunderts. Ganz ordentlich anzuschauen auch die Wachablösung am Abend. Mit militärischer Zackigkeit und Exaktheit wird hier die Tür zur Seitenkapelle, in der sich das Grab befindet, abgeschlossen. Alle filmen mit dem Handy, ein paar Patrioten klatschen danach.

Von der Plaza de Mayo laufen wir nun Richtung Kongress. Der liegt in einer gewaltigen Sichtachse gute vier Kilometer gegenüber der Casa Rosada. In den Straßen finden wir zwei Weingeschäfte, nix wie rein! Das erste ist ein Laden, der sich auf Weine und andere Produkte der Provinz Mendoza spezialisiert hat. Die Weine sind eher trocken, bisweilen auch etwas fruchtig. Leider gibt es keine edelsüßen Weine. Davon hätte ich mir gerne einen mit nach Hause genommen, denn einen normalen argentinischen Wein kann man ja auch in Deutschland kaufen. Ich gönne mir ein Fläschchen Aceto Balsamico, dass ich bis dato allerdings noch nicht geöffnet habe.

Ein prächtiger Hauseingang führt zu ordentlichen Weinen.

Ein prächtiger Hauseingang führt zu ordentlichen Weinen.

Das zweite Geschäft liegt hinter einem prächtigen Hauseingang in zwei nicht weniger blendend ausgestatteten Räumen. Donnerwetter, was es hier wohl zu verkosten gibt? Ein junger Mann bedient uns, es ist sein erster Tag. So richtig empfehlen kann er uns noch keinen Wein in der Kategorie, die mir vorschwebt. Also suche ich mir selber einen aus. Eine Weinprobe kostet 50 Peso, also circa drei Euro. Pro Glas. Hm, bei den Weinmengen, die in Deutschland pro Glas verkostet werden, ist das schon ein stolzer Preis. Abgesehen davon, dass ich beim deutschen Winzer in der Regel genau Null Euro für eine Probe bezahle. Und selbst im Weingeschäft an der Mosel kostet eine Weinprobe mit fünf Weinen des weltbesten deutschen Winzers J.J. Prüm nur 15 Euro. Also werden wir uns wohl nur einen Wein über die Zunge laufen lassen. Ich suche mir einen ordentlichen edelsüßen Weißwein aus, den der Kollege ohne zu Zucken öffnet. Tjaaa, schön dass ich sowas bekomme, schöner, wenn der Wein kühl gewesen wäre. Aber wie gesagt der erste Tag. Anders als bei normalen Weinproben, bei denen man nur etwas zum Nippen bekommt, schenkt mir der Verkäufer das Glas ordentlich voll. Der Wein schmeckt gscheid süß, etwas honigartig, nicht unangenehm. Allerdings hat man dann mit dem randvollen Glas zu kämpfen. Eigentlich „nur“ eine Spätlese, könnte man diesen Wein in Deutschland irgendwo zwischen Auslese und Beerenauslese einordnen. Da sind die Geschmacksnerven vor Süße bald überlastet.

1890 kam Luis Barolo in das Land, machte Geld mit Strickwaren, und konnte 1919 bereits dieses Palast erbauen lassen, das damals höchste Gebäude Südamerikas.

1890 kam Luis Barolo in das Land, machte Geld mit Strickwaren, und konnte 1919 bereits dieses Palast erbauen lassen, das damals höchste Gebäude Südamerikas.

Wir laufen fröhlich weiter und kommen am Palacio Barolo vorbei, das ein reich gewordener italienischer Auswanderer Anfang des 20. Jahrhunderts erbauen ließ. Hat aber jetzt nichts mit dem italienischen Rotwein zu tun. Unfassbar prächtig das Gebäude. Ganz oben gibt es einen Leuchtturm, dessen Licht bis Montevideo sichtbar sein soll.

Hoffentlich denken die Abgeordneten genauso nach.

Hoffentlich denken die Abgeordneten genauso nach.

Der Kongress wurde 1906 eröffnet, ist also jünger als das Kapitol in Washington. Vor dem Gebäude ist der Kilometer Null der argentinischen Autobahnen.

Der Kongress wurde 1906 eröffnet, ist also jünger als das Kapitol in Washington. Vor dem Gebäude ist der Kilometer Null der argentinischen Autobahnen.

Der Kongress ist nicht weit davon entfernt und erinnert schon sehr stark an das US-amerikanische Kapitol, die Kuppel ist hier etwas eiförmiger – und grün. Davor gibt es einen kleinen Park, in dem die Denker-Statue von Auguste Rodin steht. Auf dem Tor des Kongresses ein Schild mit der Mütze der französischen Republik der Revolutionszeit, man zeigt hier ganz klar eine antimonarchistische Haltung im Land der Oligarchen.

Once

Wenn wir nicht gerade zu Fuß unterwegs sind, fahren wir mit dem Bus oder mit der U-Bahn, die 1913 eröffnet wurde. Damit war sie die erste Lateinamerikas und die dreizehnte der Welt. Die Verkehrsmittel bezahlt man mit einer Chipkarte, die man in vielen Kiosken aufladen kann. Eine weit modernere Methode als in vielen Städten hierzulande. Weiter geht’s ins Viertel Once. Als wir unserer Hauswirtin in Recoleta davon erzählen, ist sie gar nicht erfreut. Once ist nicht unbedingt ein Vorzeigeviertel. Auf den Straßen liegt unfassbar viel Müll, vor allem Verpackungsmaterial aus den Ständen, die allerlei nachgemachte Markenklamotten, Fake-DVDs und ähnliches Zeugs verkaufen. Genauso wie die zahlreichen Läden, in denen Menschen herumwuseln. Viele peruanische Geschäfte und Lokale gibt es hier, die Menschen sehen anders aus als etwa in den Nobelgegenden, indigener.

Ein gigantischer Tempel des Konsums.

Ein gigantischer Tempel des Konsums.

Das Einkaufszentrum Abasto dominiert dieses Viertel. Ein gewaltiger Bau von 1934, errichtet im Stil des Art-Deco mit Elementen des Brutalismus, 44 000 Quadratmeter groß. Innen drinnen Geschäfte, Fressalienstände und sehr laute, bunte, quietschfidele Kinderbespaßungsangebote. Auf der Straße war dieses Treiben ja ganz interessant, aber hier setzt beim durchschnittlichen Mitteleuropäer ziemlich schnell eine Nervenüberlastung ein. Nix wie raus!

La Boca

Bunt und touristisch...

Farbenfroh und touristisch,…

La Boca ist der Name des Hafenviertels, „der Mund“. Früher eine recht halbseidene Gegend. Endstation unseres Busses, wir steigen aus, ein paar Typen kommen uns entgegen, die nicht so freundlich wirken wie in anderen Stadtteilen. Auf sein Geld sollte man hier aufpassen. Uns geschieht aber nichts, wir müssen eher darauf achten, dass wir nicht in einen der vielen Hundehaufen treten, die am Weg von der Bushaltestelle zum Touri-Hotspot liegen.

...aber auch scheps und fußballverrückt...

…scheps und fußballverrückt…

...aber auch kämpferisch, das ist La Boca.

…und kämpferisch, das ist La Boca.

Die Häuser sind völlig bunt. Das kommt von früher, als man hier die Schiffe anstrich. Mit der übrig gebliebenen Farbe malte man dann die Häuser an. Aber immer nur Teil für Teil. Wahrscheinlich deswegen ist dieses Viertel (zumindest in einigen Straßen) sehr touristisch überlaufen. Hauptsächlich Brasilianer scheinen sich die Häuschen, allerlei Souvenirshops und vor allem Tango-Tänzer anzuschauen. Denn in den Bordellen dieses Stadtteils soll der Tango erfunden worden sein.

Wir ziehen etwas durch die Gegend, die Straßen werden kaputter und die Touris weniger. Auf einer Wand finden wir ein Graffito, dass an die Verschwundenen des Viertels zur Zeit der Militärdiktatur erinnert. Und dann stehen wir vor dem Stadion La Boca, für viele Fußball-Fans wohl DAS Stadion, sehr beeindruckend. Es gäbe eine Führung, aber dafür haben wir keine Zeit, das nächste Viertel wartet.

Palermo

Ein buntes Viertel zum Fortgehen.

Ein freundliches Viertel zum Fortgehen.

Das aber auch pompös kann.

Das aber auch pompös kann.

Die Moschee sieht etwas nach Lego-Stil aus.

Die Moschee sieht etwas nach Lego-Stil aus.

Palermo liegt hier nicht in Sizilien, sondern mitten in Buenos Aires. Es versprüht aber mehr als viele andere Viertel südliches Lebensgefühl, nämlich das Leben draußen. Hier kann man gut essen, und auch gut fortgehen. Beides behandeln andere Artikel. Was noch auffällt, sind die typischen Design-Läden. 2005 haben die UN Buenos Aires zur „Stadt des Designs“ erklärt. Jou, wenn man so rumwandert, merkt man, das stimmt. Außerdem gibt es in Palermo schicke Cafés und sogar Teehäuser. Auch das klären wir an anderer Stelle. Palermo bietet einerseits ein sehr entspanntes, weniger kriminelles, kosmopolitisches und straßenkulturelles Lebensgefühl. Es gibt den Zoo, eine große Landwirtschaftsausstellung, prächtige Statuen, die Pferderennbahn, natürlich das Polo-Stadion (ein Sport für Pferdeliebhaber und Superreiche, passend für dieses Land) und sogar eine große Moschee. Allerdings gesponsert vom saudischen König Fahd, dessen kulturelles Zentrum in Bonn ja für arge Probleme sorgte. Wir kommen nicht rein, Führung ist an einem anderen Tag.

Der japanische Garten.

Der japanische Garten.

Parks finden sich hier ebenfalls, etwas Grünes tut ganz gut. Allerdings ist einer der beiden Flughäfen der Stadt in der Nähe, wirklich ruhig wird’s hier nicht. Ein Park ist der japanischen Gartenkultur gewidmet, es kostet Eintritt, wir schauen also durch den Zaun. Ein paar Schritte weiter finden wir ein Souvenirgeschäft. Die offensichtlich sehr wohlhabende Inhaberin textet uns zu und versucht uns allerlei überteuertes, aber trotz argentinischen Designs steril wirkendes Zeugs anzudrehen. Wie etwa fünf Schokopralinen, die knapp zehn Euro kosten sollen. Anschließend kommt raus, dass wir während unseres Aufenthalts noch in gar keinem Museum waren. Es folgt ein oberlehrerinnenhafter Vortrag, wie wichtig die einzelnen Museen und die dort ausgestellten Künstler seien. Die ganze versnobte Art ist sehr unangenehm, wie sie so über Kultur doziert und auf diesem überteuerten Nippes sitzt, als ob dass das wichtigste auf der Welt wäre. Die Bekämpfung der allzu krassen Klassenunterschiede des Landes erscheint mir deutlich wichtiger. Wir schauen, dass wir weiterkommen, gleich nebenan ist das Museum für lateinamerikanische Kunst, das lassen wir links liegen. Stattdessen bewundern wir die Floralis Generica. Das ist eine riesige Stahlblume, die sich mit der Sonne dreht und öffnet und schließt. Sehr beeindruckend. Wir kommen an der iranischen Botschaft vorbei, auch dazu gibt es eine ungute Geschichte, die an späterer Stelle erzählt wird.

Die Floralis Generica.

Die Floralis Generica.

Die Blume schließt sich bei Sonnenuntergang.

Die Blume schließt sich bei Sonnenuntergang.

Das „Mercedes Haus“ liegt gegenüber der Jura-Fakultät der Uni. Es sieht aus wie ein Mercedes-Autohaus der frühen 80er, beinhaltet aber außer einem einzigen Benz nur ein Lokal.

Noch ein Stückchen weiter sind wir schon wieder in Recoleta. Hier gibt es den Palais de Glace, den Eispalast. Eine Ausstellungshalle über zwei Stockwerke. Gerade zeigt man die besten Pressefotografien des Jahres. Und die haben es in sich. Denn zu jedem Foto gibt es eine Geschichte. Da wird von den Kindern im Norden erzählt, die immer noch Hunger leiden.

Ein Ausschnitt aus den letzten Stunden von Alberto Nisman, sowie die Trauer über dessen Tod. Nisman war ein Staatsanwalt, der gegen die damalige Präsidentin Christina Kirchner Anklage erhob, die Aufklärung des Bombenanschlags auf ein jüdisches Gemeindezentrum 1994 behindern zu wollen. 85 Menschen fanden damals den Tod, 300 wurden verletzt. Im Verdacht stehen Vertreter der iranischen Regierung. Kurz bevor Nisman vor dem Kongress aussagen konnte, fand man ihn erschossen in seiner Wohnung. Kirchner bezeichnete es zunächst als Selbstmord, allerdings fand man keine Schmauchspuren an seinen Händen. Russische Verhältnisse…

Und ein Foto einer Frau, die als 15-Jährige entführt wurde und jahrelang in einem Bordell im Süden des Landes missbraucht wurde. Sie hatte sich die Geo-Koordinaten der Geburtsorte der Kinder, die sie während dieser Zeit zur Welt brachte, in den Arm tätowieren lassen. Und Fotos von Frauen, die von ihren Männern aufs schlimmste Art verprügelt wurden, kaum vorstellbar. Es ist schwer auszuhalten, sich diese Fotos anzuschauen und die Geschehnisse dahinter vor dem inneren Auge aufleben zu lassen. Da wird man still und denkt sich, was denn los ist in diesem Land. All die Pracht in der Stadt, und welches Elend auf dem Land… Hat sich da überhaupt etwas seit Schmidls Zeiten geändert?

San Telmo

Da ist er nun, Schmidl himself.

Da ist er nun, Schmidl himself.

Etwas scheps ist San Telmo schon.

Etwas angeschrammelt ist San Telmo schon.

Ulrich Schmidls erste Stadtgründung befand sich wohl im Viertel San Telmo. Hier finden wir den Parque Lezama, der ein großes Steinrelief zu Ehren des Anführers der Konquistadoren, Pedro Mendozas, beherbergt. Ulrich Schmidl müssen wir etwas suchen, endlich finden wir eine Büste am Rande des Parks. Da ist er nun, streng den Blick in die Ferne gerichtet, das Metall schmutzig und etwas rostig, Vögel haben sich auf ihm erleichtert. Darunter eine Inschrift, die den Geschichtsschreiber der La Plata Region würdigt. Ansonsten erinnert nur eine Straße in einem durchschnittlichen Wohngebiet an unseren Straubinger. In Straubing selbst ließ die argentinische Regierung in den 60er Jahren eine Tafel anbringen. Vielleicht taugt so ein wilder Konquistador ja nicht zum großen Vorbild, aber wenn man ihn mit den anderen historischen Persönlichkeiten Argentiniens vergleicht, dann kommt er nicht so schlecht weg.

Aber was die Tankstellen angeht, macht das Viertel schon was her.

Aber was die Tankstellen angeht, macht das Viertel was her.

Wir laufen weiter durch das Viertel und kaufen in einem Obstgeschäft ein. Und sind erst einmal enttäuscht. Dafür, dass man auf dem Kontinent der exotischen Früchte ist, ist die Auswahl und die Qualität geringer als in jedem deutschen Provinz-Supermarkt. Aber das ist jetzt auch Banane, denn das Viertel San Telmo hat so einiges zu bieten. Die Häuser sind von bröckeliger Pracht und stammen wohl noch aus dem vorvergangenem Jahrhundert. Gemütlich-schrammelig könnte man sagen.

Auf einem Platz treffen wir einen Indianer, der Ashko heißt. Ashko ist Quetschua, die Sprache der Indios in Peru und Bolivien, und bedeutet Hund. Diesen Namen hat man ihm halt gegeben sagt er. Ashko trägt einen gewebten Pullover, Sandalen, keine Socken (im Winter!), lange graue Haare und Amulette um den Hals. Er sitzt auf einem Platz, wo er Gesichter in Löffel dengelt, Gabeln zu Armreifen macht, Halbedelsteine verarbeitet und das alles dann auch verkauft. Wir setzen uns zusammen und er erklärt uns die indianische Weltsicht mit der Mutter Erde, der Pachamama, der Sonne, genannt Inti und vielem mehr. Dann geht er und lässt sich im Lokal gegenüber seine Thermoskanne mit heißem Wasser füllen. Wieder zurück kippt er in seine Kalebasse, das Trinkgefäß für Mate-Tee, die Mate-Blätter hinein und das Wasser dazu. Wir trinken alle drei zusammen aus einem Trinkrohr, das ist hier Tradition. Jedesmal wenn man getrunken hat, geht das Gefäß zurück zum Mate-Spender, der es dann an die nächste Person weiterreicht.

Auch Tangotänzer geben auf dem Platz ihr Können zum Besten, schon schön anzuschauen. Aber ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich ansonsten emotional wenig mit sowas anfangen kann.

Gegrillt wird auch auf der Kunsthandwerks-Messe.

Gegrillt wird auch auf der Kunsthandwerks-Messe.

Ein paar Tage später, an einem Sonntag, sind wir wieder in San Telmo, diesmal gibt es hier eine riesige Kunsthandwerker-Messe. Einige Stunden sollte man sich schon Zeit nehmen, es gibt unzählbar viele Stände mit Designstücken, Lederwaren, den verschnörkelten Schildern, für die San Telmo berühmt ist, Souvenirs, Antiquitäten, und und und. Ashko treffen wir auch, wieder kommt man ins Gespräch. Was für ein netter, völlig in sich ruhender Mensch. Es kommt einem die Geschichte vom zufrieden angelnden Indianer und dem strebsamen westlichen Menschen in den Sinn.

An einem weiteren Stand werden alte Werbeschilder feil geboten, in einer Box finde ich Bierdeckel, auf bayerisch Bierfilzl. Freilich auch von größeren Brauereien, aber sogar, man staune, von der Brauerei Schlappe Seppel aus Aschaffenburg. Bedruckt mit einer Karikatur von Greser und Lenz, die im Wirtshaus zum Schlappe Seppel ihre Zeichnungen für die FAZ anfertigen. Darauf abgebildet Horst Seehofer, der den Gamsbart-am-Hut-tragenden CSU Mitgliedern eine Geschlechts-OP vorschlägt, um die Frauenquote in der Partei zu erfüllen. Ob hier überhaupt jemand außerhalb der deutschen Botschaft weiß, wer Horst Seehofer und die CSU sind? Ob hier überhaupt jemand inklusive den Botschaftsmitarbeitern Schlappe Seppel getrunken hat? Aber wie kam das wohl hierher? Fragen über Fragen, aber leider niemand am Stand, der das erklären kann. Was für ein Fund! Ich kaufe mir das Bierfilzl aber nicht, weil ich genau denselben Deckel 11 467 Kilometer entfernt daheim an der Küchenwand hängen habe.

Ob sich Schmidl jemals gedacht hat, welch bunter, edler, schlimmer, prächtiger, schmuddeliger, gemütlicher, kosmopolitischer Haufen seine Stadt einmal wird? Schmidl selbst hat dort Schlimmes und Abenteuerliches erlebt, in seinen letzten Lebensjahren wollte er trotzdem wieder aus dem beschaulichen Bayern dorthin zurück. Kann man ein bisschen verstehen. Aber nur ein kleines bisschen.

Demnächst geht’s hier weiter mit der Abendgestaltung in der argentinischen Hauptstadt.