Schmidl und die Neue Welt Teil 4 – Cafés und Party

Als Ulrich Schmidl seine Zeit in Argentinien verbrachte, da gab es dort nix. Gar nix. Neben dem ständigen Kampf gegen den Hunger, den Angriffen der Indianer, den weiten Strecken zu Fuß, suchte man vor allem nach den Reichtümern der neuen Welt. Allerdings berichtet Schmidl von der Leidenschaft der dortigen Frauen, der Straubinger zeugte in dem Gebiet wohl auch einige uneheliche Kinder. Wenn man das als Unterhaltung des 16. Jahrhunderts gelten lassen will… Als er im Alter einige Jahre in seiner bayerischen Heimat verbracht hatte, wäre er gern zurückgekehrt. Anscheinend hatte es ihm im Lande seiner Stadtgründung recht gut gefallen. Heute ist Buenos Aires etwas abwechslungsreicher und bietet deutlich mehr als zu Schmidls Zeiten.

Wir versuchen uns im 21. Jahrhundert in der beliebten Nachmittagsunterhaltung des Café-Besuchs und anschließend sind wir abends und nachts unterwegs.

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Für wenig Geld gibt’s Cappuccino, Hörnchen und Fruchtsaft zum Frühstück, dazu die passende Lektüre.

Cafés

Der normale Europäer trinkt ja gerne seinen Kaffee, der lässt sich da unten auf gediegene Art zu sich nehmen. Viele Cafés bieten für nicht allzuviele Peso ein kleines Frühstück mit einem sehr guten Cappuccino, einem kleinen Fruchtsaft und zwei Medialunas an. Das sind eher süßere, sehr üppige Croissants, man könnte sie mit Bamberger Hörnla vergleichen, allerdings mit Zuckerguss. Sehr zu empfehlen, wer ein Frühstücksfeeling wie in Italien haben will.

Picken wir uns ein paar Cafés raus. Da wir historisch interessiert sind, besuchen wir zunächst das alte Jesuitenkloster, den wohl älteste erhaltenen Gebäudekomplex der Stadt. Die Führung ist ganz nett, man erfährt viel, sollte aber kein unbeschriebenes Blatt sein, was die Geschichte Argentiniens angeht.

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Tonnengewölbe sind immer gut, noch dazu wenn sich darin ein Café verbirgt.

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Dieser Kaffee schmeckt auch Leuten, die sonst eher Koffein-abstinent leben.

Im Kloster befindet sich ein schönes Café in einem Tonnengewölbe, an den Wänden allerlei historische Gewänder und Werkzeuge. Ich bestelle mir einen Kaffee Calypso. Wow, an sowas könnte ich mich sogar als Nichtkaffeetrinker gewöhnen. Der Café besteht aus Kaffee, klar, dann Schlagsahne, Tia Maria (ein Likör aus Rum, Kaffee und Vanille), braunem Zucker und Zimt. Manche geben auch noch Kakao dazu oder, was auch richtig gut ist, Dulce de Leche (also Milchkaramell) Likör. Der macht wach, wärmt und entspannt zugleich. Die Ruhe weg hat auch die Katze des Hauses, die uns einfach so auf den Schoß springt.

Ein weiteres nettes Café finden wir im Stadtteil Palermo in einer Buchhandlung. Libros del Pasaje heißt der Laden, er befindet sich in der Calle Thames 1702. In den hohen Bücherregalen finden wir allerlei zur argentinischen Zeitgeschichte, aber auch Richard David Precht. Jetzt verkaufen sie den da unten auch schon, wenn’s denn sein muss. Ein Teil des Ladens dient als Café, ich freue mich schon auf den Kaffee Calypso. Den gibt’s aber leider hier nicht, überhaupt gibt es keinen Kaffee mit Schuss. Und sowas schimpft sich Buchhandlung. Dann trink ich halt Tee. Der geht so.

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Eine gediegene Buchhandlung, leider könnte die Auswahl im Café besser sein.

Ein paar Straßen weiter finden wir eine Teestube, die äußerst minimalistisch designt ist. Mir scheint, dass in dieser bunten und lauten Stadt kühle, helle Flächen und Formen Luxus sind, den sich die Oberschicht gönnt. Tatsächlich sitzen in dieser Teestube fast nur Frauen, die an Maxvorstadt erinnern oder an das Lehel, auf jeden Fall recht gute Verdiener. Obwohl man als Mitteleuropäer durch das Gewusel von Buenos Aires bisweilen etwas überreizt ist, in einem so sterilen Café mag ich dann doch nicht länger sitzen. Die Musik ist asiatisch und soll beruhigen, nervt aber recht bald. Der Tee ist OK, aber das Beste ist: Das WLAN funktioniert.

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Kaffeehauskultur wie in der k.u.k. Monarchie gibt’s im Tortoni. Der gediegene Südeuropareisende kommt also auch hier auf seine Kosten.

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Für einen normalen Preis bekommt man hier einen guten Nachmittagsimbiss.

Das allerberühmteste Café, das wohl jeder besuchen muss – und es besucht auch jeder diesen Ort – ist das Café Tortoni. Vergleichbar mit dem Floriani in Venedig, dem Tomaselli in Salzburg oder dem Sacher in Wien. Das Tortoni ist oder war ein richtiges Literatencafé, allerlei hochgeistige Menschen haben sich hier schon getroffen. Doch auch Tangovorführungen gibt es. Wir sind schon mehrfach daran vorbeigegangen, aber ständig war uns die Schlange davor zu lang. Am späteren Nachmittag also nicht zu empfehlen. Einmal sind wir früher dran und wagen es, die Schlange ist deutlich kürzer. Hinter uns stehen zwei Brasilianerinnen, die nicht unbedingt feingliedrig gebaut sind und auch sonst eher aggressiv wirken. Tatsächlich versuchen sie sich die ganze Schlange über vorzudrängeln. Nach einer halben Stunde stehen wir vorn an der Tür, dicht nebeneinander. Der Ober macht die Türe auf und zack, sind wir drin. Vor ihnen. Hui, die waren sauer. Innen erinnert das Tortoni an die prächtige Kaffeehausarchitektur der Habsburger Monarchie. Der Schriftzug scheint Jugendstil zu sein. Sehr schön. Ich trinke heiße Schokolade und esse Churros, ein typisch argentinischer Nachtisch. Die sind in etwa vergleichbar mit Schmalzkringeln, nur dass sie nicht gekringelt, sondern länglich sind. Sehr üppig und satt machend, die Preise sind auf Normalniveau. Überraschenderweise also nicht das, was man an so einem Touri-Ort erwartet hätte.

 

Kann man in Buenos Aires auch fortgehen? Jawoll, durchaus! Kneipen gibt’s in Hülle und Fülle. Wir waren vor allem in den Vierteln Palermo, in Recoletta und in San Telmo unterwegs.

Palermo

In Palermo geht die ganze Welt fort, v.a. US-Amerikaner treffen wir in den Bars und Pubs rund um die Plaza Armenia, Plaza Italia und die Plaza Serrano. Und mit denen ziehen wir um die Häuser.

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Putzig und vorzüglich.

Zunächst sind wir in der Bodega Cervercera. Das ist eine Bar, die sich ganz dem Gerstensaft in seinen weltweiten Ausprägungen (aus argentinischen Brauereien) verschrieben hat. Am Nachbartisch diskutieren sie über deutsches oder wohl eher bayerisches Bier, fällt da nicht gerade das Wort Oktoberfest? Ganz nett ist das Angebot mit einigen unterschiedlichen Bieren in Probiergröße, ein Weizen-artiges (das auch so heißt) hat mir am besten geschmeckt. Die Beratung der Bedienung ist vorbildlich.

Eine Amerikanerin möchte unbedingt ins Chupitos, das scheint eine sehr angesagte Bar zu sein. Wir folgen ihr und stehen prompt vor einer gar nicht mal so kurzen Schlange. Oh Mann, Anstehen… Aber die Amerikanerin ist recht gewieft, sie hat kürzlich einen Argentinier kennengelernt, der im Chupitos arbeitet. Der ist zwar fast zwei Köpfe kleiner als sie, aber deswegen kann sie ihn ja trotzdem schnell anrufen, er kommt raus, gibt dem Türsteher Bescheid und unsere Gruppe kann rein. Gut gemacht!

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Das Chupitos ist eine Bar der Marke „Allohol macht Birne hohl, höhöhö“.

Chupar bedeutet so viel wie saufen, und genau das tun die Leute hier. Wir sind keine zwei Meter im Laden, schon kotzt eine Dame mit Minirock (nicht von unserer Gruppe) neben uns in fettem Strahl auf den Boden. Yeah, endlisch rischtisch normaaaaale Leute! Chupitos sind Shots. Und Shots gibt es hier ohne Ende. Da gibt’s welche mit Sahne, welche mit ordentlich Alkohol, welche mit Chilli, und welche, die richtig brennen. Also mit Feuer und so. So einen nehmen wir. Wir müssen uns über die Theke beugen und bekommen einen Drink vor uns hingestellt. In den Mund nehmen wir einen gekürzten Strohhalm, der Barkeeper weist uns extra darauf hin, dass wir wenn er JETZT sagt, so schnell wie möglich aus dem Strohhalm trinken müssen. Dann zündet er den Drink an und schreit JETZT. Sofort inhalieren wir den brennenden Shot, der ratzeputz leer ist. Großartig Geschmack kriegt man da nicht mit. Ich hoffe, nicht allzuviel verschmortes Plastik vom Strohhalm eingeatmet zu haben. Für kleine Schweinderln gibt’s den Pamela Anderson Shot, das ist ein ausgehölter Dildo, aus dem die Leute mit verbundenen Augen trinken dürfen, danach wird ihnen noch Sahne um den Mund gesprüht. Ich sag‘ ja, rischtisch normaaaale Leute. Die Minirock-Madame mit der Magenverstimmung trinkt übrigens weiter.

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Der argentinische Gin haut einen nicht von den Socken. Das Dollarzeichen wird übrigens auch für den argentinischen Peso verwendet, also nicht erschrecken was die Preise an geht.

Die Amerikanerin spricht noch schnell mit dem Angestellten, der uns reingebracht hat, so viel Höflichkeit muss sein. Dann geht’s auf zur nächsten Bar, eine der zahlreichen Bars, die mit 0815 Design genauso in Deutschland stehen könnte und gern von Jugendlichen um die 20 frequentiert wird. Das Bier kostet im Liter umgerechnet etwas über zehn Euro, heftig für den Bayern, denn ganz so toll wie am Oktoberfest ist es hier nicht. Aber man kann launig zusammensitzen und den Amerikanern von Bayern vorschwärmen.

Ein Geheimtipp für Steam-Punk-, Cocktail-, und überhaupt Schnaps-Fans ist die Victoria Brown Bar. Daran laufen wir zweimal vorbei, weil außer einer traurigen Theke und einer Kellnerin nur ein steriler, leerer Raum zu sehen ist. Beim dritten Mal gehen wir rein, und fragen, ob das tatsächlich der richtige Ort ist. In der Tat, das ist er. Die Bedienung öffnet eine Tür in der Wandverkleidung (oho) und führt uns durch einen Gang (oho oho) in einen großen Raum, der wie ein Club aus einer neuen Sherlock Holmes Verfilmung mit Robert Downey Junior aussieht (oho oho oho).

Der überaus kompetente Barkeeper erklärt uns vor einer gewaltigen Steampunk-Uhr und einer reichhaltigst ausgestatteten Bar einiges zu typischen argentinischen Schnäpsen und lässt uns auch verkosten. Unter anderem probieren wir hier den Apostel Gin, ein hiesiges Gewächs. Haut mich aber nicht von den Socken.

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Palermo ist einfach ein wunderbares Fortgeh-Viertel. Eigentlich rentiert sich schon deshalb eine Reise nach Argentinien.

Beim Viertel Palermo lässt sich echt sagen: Ein halbes Jahr freinehmen (vielleicht nicht gerade wenns drunten Winter ist, aber selbst da ist es schön) und sich hier einquartieren. Und dann jeden Tag (besser noch nachts) draußen rumhängen. In kurzer Zeit kennt man jeden Gaststudenten der Stadt. Partytechnisch dürften die Möglichkeiten, konservativ geschätzt, unbegrenzt sein.

San Telmo

San Telmo ist das Viertel, in dem die erste Gründung von Buenos Aires erfolgte. Fortgehen kann man hier an zahlreichen Ecken, statt Schick gibt’s hier eher Shabby, und manche Berichte von Bekannten zeugen gar von missglückten Raubversuchen. Dennoch wagen wir uns rein.

Die erste Bar heißt Chin Chin, auf gut bayerisch hieße das Prost. Guter Name. Das Publikum ist im Großteil argentinisch, aber es gibt auch Gringos, die andere Sprachen sprechen. Ein Kind sitzt da (es ist schon elfe auf’d Nacht) und schaut raus auf die Straße. Wartet es auf seine Mutter? Oder ist es ein unverdächtig wirkender Späher der Narcos? Ich rechne damit, dass sich jeden Moment Drogendealer auf der Straße abknallen. Das Bier ist eher so medioker, darum ziehen wir weiter.

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Schmeckt zumindest nicht allzusehr nach Hund.

Die Puerta Roja ist eine Bar hinter einer, na?, genau, roten Tür. Und zwar im ersten Stock die Treppe rauf, also bitte nicht zu angeheitert sein. Die Bar ist gut besucht, einige Gruppen feiern hier Geburtstag, zwei Typen neben uns graben mehr oder minder erfolgreich zwei sich lasziv gebende Damen an, anscheinend geht man hier auch zum Flirten hin. Die Musik ist sehr rocklastig, der Schuppen ist definitiv auf Rockabillys ausgerichtet. Es gibt diverse Biersorten, eine davon sticht mir sehr ins Auge. Ein Bier namens: Schäferhund. „Das perfekte Gebräu“ steht auch noch darauf, und ausgerechnet ist es ein „Blond“. Alle, die immer schon daran glaubten, dass Hitler tatsächlich ein zweites Leben in Argentinien begann, sollten sich jetzt an ihre Verschwörungsposts machen. Aber dass der Mann Bierbrauer wurde und dann so ein offensichtliches Produkt herstellt…, naja, die beste Tarnung ist Auffallen. Allerdings hat das Bier keine deutschen, auch keine bayerischen, sondern belgische Vorfahren. Belgian Style, Golden Ale. Vielleicht lebt Hitler ja auch im Keller einer belgischen Brauerei? Und stellt dort irgendwelche naturvergorenen Grauslichkeiten her? Das Bier ist trinkbar, wobei man den Schäferhund schon fast rausschmecken kann.

Recoleta

Recoleta ist ein ziemlich schickes Viertel. Wer so schnieke wie in München fortgehen will, dem sei die Floreria Atlantico ans Herz gelegt. Im Erdgeschoss ist es ein Blumengeschäft. Wir fragen nach der Bar und werden durch die massive Tür eines Kühlraumes eine Treppe in den Keller hinuntergelotst. Dort finden wir eine nobelhobel Bar mit genauso gestylten Menschen. Die Preise sind dementsprechend, drum schauen wir weiter.

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Steil-rutschige Treppen im Alamo.

Das El Alamo, auch El Mo genannt, ist eine Bar die noch recht bodenständig ist. Im Erdgeschoss ist es gestopft voll, halb mit Argentiniern, halb mit US-Amerikanern. Wir kämpfen uns bis zur Bar vor, die Cocktails schauen eher zweifelhaft aus, und Bier wird in Riesenbechern bis gefühlt zwei Liter Eimern ausgeschenkt. Erinnert an Ballermann-Feeling. Also Bier. Das schmeckt nicht so schlecht wie man es in solchen Etablissements vermuten würde. Meine Begleitung informiert mich, dass es hier vor kurzem ein Gasleck gegeben habe. Huch! Also verlassen wir das rappelvolle Erdgeschoss und gehen ein Stockwerk weiter rauf, insgesamt hat das Mo drei Stockwerke, die man allesamt über grausig steile Treppen erreichen kann. Die Musica ist gut elektronisch, die Leute sind wie die Biergefäße in mallorquinischem Zustand. Also jenseits von allem. Dass die Biereimer allerweil überschwappen, ist kaum verwunderlich, wird aber gleich gefährlich. Im obersten Stockwerk ist es schön verwinkelt, das muss wirklich mal ein herrschaftliches Haus gewesen sein. Die Beleuchtung ist an manchen Stellen sehr schummrig, wem es also egal ist wie der Gegenüber aussieht, der kommt hier flirtmäßig voll auf seine Kosten.

Auf dem Rückweg passiert dann das Erschröckliche: Ich rutsche auf der steilen und von hunderten Biereimern gut gewässerten Treppe aus und rumple mit Ellbogen und Rippen etliche Stufen nach unten. Die Leute gucken erschrocken, aber außer ein paar Prellungen ist zum Glück nichts passiert. So ein Glump! Leider versteht keiner meinen durch bayerische Kraftausdrücke verstärkten Unbill. Ein paar Wochen später informiert mich meine Begleitung, dass das Mo geschlossen hat für immer. Hmmmm, war es wieder das Gasleck oder sind einfach zu viele die Treppe runtergepurzelt?

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Nicht alle Bars und Clubs sind ausgefallen und durchdesignt, manche wirken eher durch die Musikauswahl.

Unsere nächste Station ist das Shamrock, ein Irish Pub in der Nähe. Im Erdgeschoss trinken wir ein Baileys-Mischgetränk, das ganz gut ist. Dann begeben wir uns in den Keller, wo recht feiner Electro aufgelegt wird, die Stimmung aber genau auf den den deutschen Raver wartet. Leider kann sie da lange warten, mit meinem gepeinigten Rücken sind nicht viele Dancemooves drin.

Fazit: Gediegen, überraschend und entspannend sind die Cafés der argentinischen Hauptstadt allemal. Die Partyszene ist sehr zu empfehlen, die Bierpreise sind zwar auf Münchner Niveau, aber dafür sind die Locations deutlich variantenreicher und die Stimmung viel entspannter.