Tag

In vier Stunden durch Hamburgs Sehenswürdigkeiten. Wir treffen Pastoren, Bismarck, Teeverkäufer und Döner.

12:00 Uhr bis 13:00 Uhr Michel, Bismarck, Franzbrötchen

Nicht Shrek, der Türwächter, sondern ein gewisser Luther (vielleicht Lex Luther)

Nicht Shrek, der Türwächter, sondern ein gewisser Luther (vielleicht Lex Luther)

Gleich gegenüber des Hotels ist das Wahrzeichen Hamburgs, der Michel, genauer die Michaeliskirche. Von außen schon recht wuchtig, aber das der Turm über 130 Meter hoch sein soll? Naaaaja. Außen gibt’s mehr als zehn Portale, aber den Eingang muss man erstmal suchen. Endlich kommen wir an eine offene Tür – und stehen in einem Souvenirshop. „Zur Mittagsandacht?“ fragt der Verkäufer. „Joa.“ Einen protestantischen Pastor in seinem natürlichen Lebensraum (und eben nicht in der bayerischen Diaspora) würde ich mir doch gern anschauen. Außerdem müssen die Sünden der Nacht bereut werden.

Also darf ich wieder raus und um noch eine Ecke zu einem weiteren Eingang laufen. Rein, ach ja, Weihwasser gibt’s ja keins, Kniebeuge und ab in die Bank. Mit Rucksack und Tasche ein nicht leichtes Unterfangen. Die Orgel hat einen sehr sauberen Klang und der Organist kann was. Der Pastor erzählt die Geschichte eines Rabbis: Der fragte seine Schüler, wann man denn den Tag von der Nacht unterscheiden könne. Weil die es nicht wussten, antwortete er: „Wenn du im Gesicht deines Gegenübers deinen Bruder oder deine Schwester erkennst. Solange du das nicht kannst, ist es Nacht.“ Es folgte eine gut gesprochene Auslegung der Geschichte, die zum Schluss von der Frau hinter mir mit einem wohligen „Hmmmm“ belohnt wird.

Michel innen

Michel innen

Nach weiterem Orgelspiel, dem Vater Unser und dem Segen (der Pastor wünscht den Touristen auch bei dem „Schmuddelwetter“ einen schönen Aufenthalt) und wieder erbaulichem Orgelspiel ist die Andacht vorbei.

Ich schaue mir die nicht überladene, aber helle und prachtvolle Kirche an. Auch eine muslimische Gruppe ist hier. Beim Hinausgehen wird um eine Spende gebeten. Der Betrag ist mit 2 Euro beziffert. Hoioioi, da sieht man mal wie protestantische Arbeits- und Kaufmannsethik funktioniert. Von mir kriegen die nur 1 Euro. Die Wächterin bedankt sich trotzdem ganz freundlich. Vielleicht denkt sie auch gar nicht, dass Oberpfälzer so knausrig sein können. Aber größere Beträge in der Kirche gibt’s nur für eine Spitzenpredigt oder für ein Sozialprojekt.

Funky Bismarck, yo

Funky Bismarck, yo

Nun suche ich das Bismarckdenkmal, das hier in der Gegend stehen soll, nur wo? Eine alte Frau kommt nicht über den Gehsteig, ich helf ihr hoch und frag sie dann. Natürlich weiß sie Bescheid, und ein paar Minuten später stehe ich vor einer Monumentalstatue des eisernen Kanzlers als wachsamer Roland. Ob er die Stadt wohl vor den Leuten aus St. Pauli beschützen sollte?

So, jetzt hätte ich gerne Hunger und was typisch hanseatisches zu beißen, wo gibt’s denn hier Fischsemmeln? Die dort vermutlich Fischbrötchen heißen. Für den Fischmarkt muss ich zu weit laufen, aber irgendwo muss es doch was geben…

Ich gehe den so genannten Venusberg (tatsächlich höher als 3 Meter) runter zum Wasser. Denn dort leben nämlich Fische. Mei, was gibt’s da oben viel Wasser. Und das ist da oben noch nicht mal der Ozean, auch nicht das Meer, vielleicht aber schon die See. Die Cap San Diego liegt vor Anker, das größte Museumsfrachtschiff der Welt, das mit dem „Luxus der 60er Jahre“ wirbt. Vielleicht eines der letzten Frachter, bevor die Container-Riesen kamen. Soviel Zeit hab ich aber nicht, sondern Hunger. Gegenüber ist eine Bäckerei, da hole ich mir ein Franzbrötchen. Das hat man mir empfohlen, als einheimisches Gebäck. Leider gibt es davon mehrere Sorten. Der Verkäufer zählt sie mir alle auf, aber ich kann seine Sprache (vermutlich preußisch) nicht verstehen. Er wiederholt die Aufzählung, immer noch nix. „Das erste“, sage ich und rette mich so aus der Situation. Das Franzbrötchen schmeckt in etwa wie eine Apfel-Zimt-Tasche, aber mehr nach Zimt und anderen Gewürzen.

13:00 – 14:00 Uhr Speicherstadt

Offizieller Eröffnungstermin: 57.14.20Banane

Offizieller Eröffnungstermin: 57.14.20Banane

So nu, über die Straße, rein in die Speicherstadt, Hafen-City, Manhattan an der Elbe. Das Schild „Parkhaus Elbphilharmonie“ ist durchgestrichen. Und da steht sie auch schon, am Kaiserkai, der alte Kaiserspeicher. Wenn das der Willi wüsste, wie man heute baut (oder eben nicht), dann würde er mal mit der dicken Berta reinhalten. Dann hätte er nicht zum Waffengang gegen die Franzosen gerufen, sondern gegen Hamburger, Berliner und Stuttgarter Bauherren.

Ich geh weiter am Kai entlang, schicke Wohnungen, vermutlich sogar Lofts (!) Seit an Seit, wirkt nur leider alles sehr steril. Aber vielleicht mags der Hamburger ja so. Und nirgendwo ein Stand mit Fischsemmeln.

So hat man früher noch gebaut

So hat man früher noch gebaut

An tollen, original gebliebenen Backsteinbauten führt mein Weg vorbei am Fleetschlösschen. Das ist ein winziges Restaurant, das man auch für Feiern mieten kann. Ja, da lad ich dann mal zwei Freunde ein, aber einer muss draußen warten weil’s drin überfüllt ist. Endlich komme ich zum Teekontor. Huiiii, so was nenn ich mal ein Teehaus. In einem alten Wasserschloss untergebracht, mit edlen Teedosen und noch edleren Teesorten bis unter die Decke gefüllt. Ich informiere die Verkäuferin über die Zubereitung des hochberühmten Oberpfälzer Teelikörs und kaufe hierfür erlesene Zutaten. Im Gegenzug erfahre ich, dass das Teekontor auch bis nach Bayern liefert (hört man das?) und dass russischer Rauchtee oft belastet ist. „Wegen Spritzmitteln oder Tschernobyl?“ „Bisschen was von beidem.“ Hui.

Einen Fischstand kennt sie auch nicht.

14:00 – 15:00 Uhr Altstadt

So, jetzt mal Altstadt ankucken. Vorbei am berühmten Chilehaus. Tatsächlich, endlich finde ich dahinter einen kleinen Straßenmarkt, sogar mit einem Fischstand. Der hat aber schon zu.

Eine Bratwurstbude führt „Original Mö“. Ich kaufe eine und freue mich über ein weiteres Original, schmeckt wie Bratwurst, wird aber nicht mit Piekser, sondern mit einem Papierstreifen genommen. Ein weiterer Gast bestellt eine Thüringer, er bekommt das Gleiche. Na toll.

Neben der St. Jakobi Kirche steht eine lange Bank, darauf in großen weißen Buchstaben ein Bibelspruch geschrieben: „Und sie zogen fröhlich ihre Straße.“ Wohlan, so sei es.

Würdevolle Wurst, welch wundervolles Wollen

Würdevolle Wurst, welch wundervolles Wollen

An einem verlassenen Occupycamp vorbei gehe ich nun an der Binnenalster entlang. Hier, wie auch sonst überall fallen die knallroten Mülleimer auf, die in Media-Markt-Optik gehaltenen Sprüchen dafür werben, hier den Unrat abzuladen. Dennoch schwimmt in der Binnenalster einiges an Müll rum, sogar eine Sonnencremetube. Im Winter, soso.

Auf der anderen Seite wieder runter und da steht auch schon das Alsterhaus. Das KadeWe Hamburgs, gehört oder gehörte auch zu Karstadt. Ich fahre ganz nach oben und schaue mich in der Lebensmittelabteilung um, aber eine gscheide Fischsemmel finde ich hier auch nicht.

Das Panorama könnte bei gutem Wetter schön sein.

Das Panorama könnte bei gutem Wetter schön sein.

15:00 – 16:00 Uhr Erinnerungskultur mit Flecken

Schöne Kulisse für unbelebten Platz

Netter Versuch Hamburg, aber München kann Rathaus besser

Weiter zum Rathaus. Das erinnert etwas an das Münchner, ist aber nicht so neo-gotisch sondern eher neo-renaissanceisch. Und eine Mariensäule steht auch nicht davor, aber zwei dünne hohe Masten mit goldenen Schiffen drauf. Wir haben Glauben, die haben Geld. Vielleicht haben sich aber mittlerweile die Verhältnisse umgekehrt, ein Plakat für die Kirche St. Katharina wirbt mit den Worten: „Endlich wieder Gottesdienst. Klug. Mutig. Schön.“ Jau, so was wäre in München auch nicht schlecht.

Im Wasser steht eine Stele, „40 000 Söhne gaben ihr Leben im Krieg 1914 – 1918“. 40 000. Ein Wahnsinn. Am anderen Ende steht ein Heinrich Heine Denkmal. Ein neues, das alte hatten die Nazis abgerissen und zu Kriegszwecken eingeschmolzen.

Auch hier Fischsemmel Fehlanzeige. Ich gebe mich geschlagen und esse einen original Hamburger Döner. Nicht so gut wie der original Kölner Döner. Aber besser als der original Münchner Döner (außer der im Glockenbachviertel), an den original Berliner Döner kann ich mich nicht mehr erinnern. Wird’s dann wohl nix rechts gewesen sein.

Ein gotischer Turm lockt mich an, ich stehe auf einmal mitten drin in der total zerbombten Ruine einer Kirche. Nur der Turm steht noch. Die Ruine soll an die Zerstörung Hamburgs im 2. Weltkrieg erinnern. Leid, Auslöschung, Zerstörung. Und dazwischen ein Döner. Der zerschießt mir nun alle moralischen Appelle. Aber er tropft Tzazikiflecken auf das Gewand der Erinnerungskultur (für die Metapher werd wohl ich zerschossen werden). Mit oder ohne scharf bleibt man betroffen zurück. Vielleicht ist es ja umgekehrt, die Erinnerung reißt uns heraus aus dem schnellen Konsumleben, das man in der rechten Hand hält. Endlich ein gutes Ende gefunden, setz mich in die U-Bahn (die hier Hochbahn heißt) und fahre zum Flughafen. Solange die Erinnerung länger als die Soßenflecken bleibt. Wer weiß, ob eine Fischsemmel hier auch so gute Arbeit geleistet hätte…

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