Wien bei Nacht

Ein erbaulicher Gastbeitrag eines Bavaritas-Mitkämpfers:

Die Hauptstadt unseres wunderbaren Nachbarlandes bietet sensationelle Architektur, interessante Ausstellungen und kulturelle Ereignisse vom Feinsten. Neigt sich der Tag dem Ende entgegen, wird es etwas stiller. Zumindest auf den ersten Blick. Wir sind während der Woche unterwegs, also ist das Auffinden von Bars und Clubs mit Pepp etwas schwierig. Offen haben die meisten, aber im Inneren herrscht im schlechtesten Fall gähnende Leere. Da wir aber Wert auf gute Gesellschaft (oder zumindest Gesellschaft) legen, wird sondiert.

Nach einer dreistündigen Opernaufführung strömt die gut betuchte Gesellschaft in die Skybar. Der Name ist Programm. Mit einem an der Fassade angebrachten gläsernen Aufzug kommt man in das oberste Stockwerk eines Wiener Stadthauses. Der Ausblick – grandios. Aufgrund der enormen Größe der Fensterfläche kann man problemlos einen Blick auf die ganze Wiener Dächerlandschaft werfen. Im Zentrum der von Scheinwerfern hell erleuchtete Stephansdom. Die farbigen Dachziegel schimmern in der ansonsten dunkeln Nacht. Die Bar ist bekannt für ihre Cocktails – also genehmigen wir uns einen „Sky Spice“, ausgezeichnet vom Gault Millau. Ein Martiniglas mit exquisit kombinierten Zutaten – für 13 Euro. Aber das edle Ambiente, die zentrale Lage, der tolle Ausblick und nicht zuletzt das Geschmackserlebnis im Glas rechtfertigen diesen Preis. Wir bleiben nicht lang, da sonst nichts mehr vom Gehalt übrig bleibt. Unser Weg führt uns nun in einen Club abseits von Touristenwegen und Hauptstraßen.

Hinter diesem Schaufenster finden sich allerlei morbide Wiener Gestalten wie z.B. Franzosen oder Baden-Württemberger

Hinter diesem Schaufenster finden sich allerlei morbide Wiener Gestalten wie z.B. Franzosen oder Baden-Württemberger

Wir suchen lange, bis wir den Elektro Gönner in der Mariahilferstraße 101 finden. Versteckt in einem Hinterhof hört man Musik in unsere Richtung schallen. Von außen schaut die Lokalität aus wie ein Elektrofachhandel. Dies wird noch unterstrichen von der außen angebrachten Beschilderung „ELEKTRO A.GÖNNER – MOTOREN GERÄTE“. Unsere Begleitung vermutet im ersten Moment einen nachts geöffneten Fernsehhandel. Doch sie verwirft diesen Gedanken schnell, als sie einen im Schaufenster tanzenden, bärtigen Mann sieht. Dieser schafft es gerade noch, zwischen seinen rudernden Armbewegungen zum Eingang zu deuten. Das verspricht ja heiter zu werden. Neben dem Eingang finden sich einige Kleiderbügel – dafür übernimmt offensichtlich keiner die Haftung. Uns ist es egal. Wir vertrauen den Gästen. An der mit dem Nötigsten ausgestatteten, aber sauberen Bar bestellen wir uns von einer netten Bedienung ein Bier. Velko-Popovicky. Aha. Am nächsten Tag sollten wir noch von einer Zugschaffnerin kritisch beäugt werden, als wir nochmals Revue passieren lassen, wie gut das Getränk war.

Mit einem Bier in der Hand betreten wir einen weiteren Raum, klein und gemütlich. Die Gäste sind leger gekleidet, nicht versnobt und absolut gelöst. Nach einer kurzen Tanzeinlage nehmen wir an der Wand Platz. Man braucht Zeit zum Beobachten. Neben uns spricht unser zuvor im Schaufenster tanzender, bärtiger Franzose mit einer jungen Dame, welche einen kompromisslosen Style pflegt. Wir werden uns nicht einig, ob ihre Hose zu einem Schlaf- oder Trainingsanzug gehört. Er geht. Und sie fängt an, mit Zündhölzern Worte auf dem Tisch zu legen. Ich vergewissere mich, ob die Dame wirklich Wasser trinkt, sie lächelt mich an und legt weiter. Sie heißt Anna und kommt, na? Aus Baden-Württemberg. Aber das Studium in Wien hat ihren Dialekt geformt. Meinen Namen muss ich auch mit Hölzchen legen. Meine zweite Begleitung meint, ich solle ihr das Wort „Sex“ legen. Um nicht in die Flucht geschlagen zu werden, bleibe ich bei der Wahrheit und meinem echten Namen. Als sich unser Gespräch zu vertiefen beginnt, springt sie mit den Worten „Hey! Hier riecht´s nach Weed!“ auf und verschwindet. Und ich dachte schon, als Nächstes bestelle ich mir auch so ein Wasser.

Zeit sich wieder auf die Musik zu konzentrieren. Der DJ schaut zwar aus wie ein Informatik-Student, sein Musikgeschmack überzeugt jedoch. Der Name des Clubs ist Programm. Während der Woche macht der Laden um 2 Uhr zu, was uns langsam  in Aufbruchstimmung versetzt. Anna ist wieder da und macht ihrem Ärger über den Geiz anderer Leute Luft. Die wollten sie nämlich nicht mitrauchen lassen. Die Lungen der Weed-Wienerin und ihr Hirn werden es den anderen Leuten danken. Bis dahin wendet sie sich aufs Neue ihrer Beschäftigungstherapie zu.

Wie gefällt uns nun Elektro Gönner? Alles in allem ein sauberer Laden mit stylisher Einrichtung und guter Musik. Zufrieden treten wir den Heimweg an.

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