Bayern gegen Burnout

Stress, Arbeitsüberlastung, Preußen. Als Bayer muss man im heutigen Berufsleben einiges aushalten. Können unsere tradierten Werte hier helfen?

Manche Exemplare des bayerischen Supermenschen sind bisweilen ja etwas runder um den Bauch. Doch ihr Lieben, das muss kein Nachteil sein. Denn Bayern bringen auch buddhistische Weisheiten hervor: „Schultern, die viel Verantwortung tragen, brauchen einen großen Bauch, auf denen sie ruhen können.“ Der Spruch kann helfen, im heutigen modernen Berufsleben zu bestehen.

Von der Notwendigkeit der Feiertage

Wer allerweil nur hetzt und schuftet ohne Rast und Ruh, der bekommt bald einen Burnout. Die bayerische Lebensart steuert hier gegen. Die Vielzahl kirchlicher Feiertage alleine bremst, zwingt den Menschen zum Innehalten. Leider gab es in der Vergangenheit oftmals Bestrebungen sogar einer christlichen Landesregierung, die Feiertage aus ökonomischen Bestrebungen einzuschränken. Schwachsinn. Heutzutage drohen antireligiöse Kräfte, die Feiertage aus laizistischen Gründen abzuschaffen. Wieder Schwachsinn. Feiertage, an denen man weder arbeiten noch einkaufen muss, bieten die Möglichkeit, jenseits des permanenten Konsumzwangs zu faulenzen, ineffektiv zu sein, ja, sich sogar einmal langweilen zu dürfen.

Was sagt uns die Entstehungsgeschichte des Menschen? Da haben wir erst einmal die Evolutionstheorie, an deren Spitze bekanntlich der homo bavaricus superior steht, der aus purer Güte die evolutionären Sackgassen wie den homo berlinensis incompetencior durchfüttert. Soweit die naturwissenschaftlichen Fakten. Um aber etwas über das Wesen des Menschen zu erfahren, brauchen wir die Geisteswissenschaft.

Der Bibel erstes Buch heißt Genesis. Schaut man sich einmal dessen Entstehungsgeschichte an, so zeigt sich, dass weite Teile davon wohl im babylonischen Exil entstanden sind. Und starke Anklänge an den dortigen Schöpfungserzählungen nehmen. Mit einem Unterschied: In den Schöpfungsgeschichten des Zweistromlandes erschaffen die Götter den Menschen, damit er die Bewässerungskanäle sauber hält und den Boden kultiviert. Arbeit, Arbeit, Arbeit. Dafür ist der Mensch da.

Die Genesis macht da einen Unterschied. Hier ruht sogar Gott am siebten Tag. Und der Mensch soll auch ruhen. Für die Bibel ist der Mensch also mehr als ein höheres Arbeitstier. Es gibt noch etwas außer der Arbeit im Leben. Dieses Mehr macht den Wert eines erfüllten menschlichen Lebens aus.

Jetzt sind die Bayern natürlich alle brave Katholiken (oder auch Protestanten), die den Sonntag heiligen. Wobei uns ja noch einmal im Neuen Testament eingeschärft wurde: Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht umgekehrt. Der Ruhetag ist mehr als bloße Pflichterfüllung eine Stunde in der Kirche, und dann heißts weiterarbeiten. Von wegen. Der Ruhetag soll dem Menschen dienen. Sollten die Läden da geöffnet haben dürfen, frage ich mich schon: Dient die Möglichkeit, sieben Tage die Woche Einkaufsstress zu haben, wirklich dem Menschen? Sicherlich nicht den Menschen, die hinter dem Verkaufstresen stehen müssen.

Halten wir fest: Nutze und schütze die Feiertage und fülle da dein Leben mit etwas, das dich erfüllt und wachsen lässt!

Von der bayerischen Lebensart

Die Sonne scheint, weiß-blaue Wolkenschäflein flocken laaaangsam über den Himmel. Die Blätter der Kastanie bewegen sich leise im Wind. Eine frische Mass Bier oder in Unterfranken ein guter Schoppen Wein entspannen die Muskulatur und eine gscheide Brotzeit lässt den Serotoninspiegel ansteigen. Denkt an den runden bayerisch-buddhistischen Bauch! Die Atmung beruhigt sich, ein leichtes, dann ein breites Lächeln zieht sich voller Zufriedenheit übers Gesicht. Das Wissen um den Wert der Tradition, und das Wissen um die Gegenwart. Dass nämlich die ganze Welt einen genau jetzt um diesen Augenblick im Biergarten beneidet. Sagt nicht auch Homer Simpson, als er auf ein Bierfest geht: „Diese Deutschen, man kann ihnen nicht lange böse sein.“ Klar, dass das positive Deutschland im Ausland meist mit Bayern gleichgesetzt wird.

Es ist die Einfachheit, die den Wert totaler bayerischer Entspannung ausmacht. Wir brauchen keinen 300 Euro Bordeaux oder ein 7-Gänge-Menu. Die einfache Brotzeit langt auch. Denn der Bayer weiß, je mehr Aufwand, desto mehr Stress.

Und wenn die Kinder am Spielplatz neben dem Biergarten rumlärmen: Na und? Freuen wir uns an ihrer Freude, außerdem zahlen die uns mal die Rente.

Halten wir fest: Zur Entspannung von der Arbeit kann die bayerische Lebensart durch ihre Einfachheit enorm beitragen. Außerdem hilft sie, mögliche Störungen als Gottgegeben hinzunehmen und ins Positive umzudeuten.

Von der Einteilung der Arbeit

Kann aus Bayern denn etwas Gutes kommen? So haben sich viele preußische Gelehrte im 19. Jahrhundert gefragt, als Bayern noch ein Agrarstaat war und die Nordlichter reihum alle Konkurrenten militärisch und ökonomisch niederrangen. Dem Hurra-Patriotismus setzten wir ein braves „Ja mei“ entgegen. Nuja, Preußen muss ich heute auf der Landkarte etwas länger suchen. Aber schon damals stimmte die Einschätzung nicht. Bereits König Ludwig I. war ein großer Förderer der Kunst und der Wissenschaften. Namen wie Joseph von Fraunhofer oder Oskar von Miller verwiesen die bösen Vorwürfe ins Reich der Fabel.

Doch selbst in unserer Zeit spotten mancherlei Gestalten immer noch. Heute wohl aus Neid.

Halten wir fest: Der Bayer war und ist ein fleißiger und vor allem genau und gewissenhafter Arbeiter. Durch beständiges Forschen bringt er es auf den ersten Platz der Patentanmeldungen in Deutschland. Den Bayern sind nicht die Schnellschüsse zu Eigen, sondern das akkurate und beständige Ein-Schritt-vor den-anderen. Eine gewisse Sturheit sorgt für Planungssicherheit, denn das Hü und Hott von heute-so-und-morgen-ganz-anders-und-übermorgen-haben-wir-keine-Ahnung schafft nur Verwirrung und verzögert das Handeln. Meetings und Blabla haben wir nicht so gerne, dafür mehr Zeit zum Denken und Tüfteln. In der Ruhe liegt unsere Kraft. Und wenn dann einmal die Zeit drängt, dann sind wir trotzdem schneller, weil jeder Handgriff sitzt. Durch Hudelei entstehen Fehler, die wieder Zeit und Geld kosten. Wie schlecht beraten ist eine Firma, die durch Personalknappheit ihre Angestellten zur Hetze zwingt. Das Potential der Mitarbeiter kann nicht wachsen, die Innovationfähigkeit und Kreativität wird geschreddert. Im internationalen Wettbewerb kann man so nicht mithalten. Die Effizienz des Arbeitsablaufs fällt dann dem Verwalten eines Flickenteppichs zum Opfer. Natürlich obliegt es auch dem Angestellten, auf Missstände hinzuweisen. Und rechtzeitig Stopp zu sagen, wenn er merkt, dass er seine Pflichten nicht mehr sorgfältig erfüllen kann. Oftmals entstehen Burn-Outs durch einen übersteigerten Perfektionsdrang. Doch etwas Vollkommenes kann der Mensch nicht schaffen. Nie schaffen. Es geht immer besser. Ein Professor meinte mal zu mir: „Eine vollständig umfassende und erschöpfende Dissertation hat es noch nie gegeben.“ Das nimmt ganz schön Druck weg! Hier sind wir wieder in der Pflicht:  Drängt die Zeit, dann muss das Projekt zuerst einmal fertig werden. Haben wir Zeit, dann ist die Möglichkeit für Experimente, Kunst, Tüftelei gegeben.

Vom Umgang mit den Menschen

Spätestens seit Stromberg wissen wir, wie es in preußischen Betrieben zugeht. Da ist ein Hauen und Stechen, ein Intrigieren, einer gegen den anderen, der Krieg aller gegen alle. Das Problem: Solche Kämpfe kosten Zeit und Kraft, die dann in der Arbeit fehlt. Und dann entstehen wieder mehr Probleme mit den Mitmenschen. Ein Teufelskreis. Der Bayer sollte sich nicht in die Querelen der anderen einmischen, besser ist es, er nimmt (wenn er gefragt wird!) eine Vermittlerposition ein. Niemand ist nur schwarz, niemand ist nur weiß. Jeder hat seine Fehler, jeder hat seine Stärken. Nimm auch einmal die Position des Gegenübers ein. So lassen sich die Teufelskreise der Bürokriege durchbrechen. Und wenn einer partout ein Quertreiber sein mag: Auf gut bayerisch geht einem so einer dann „am Oarsch vorbei“.

Natürlich ist der Bayer dem Fremden gegenüber (v.a. wenn es aus dem Norden kommt) misstrauisch. Ja, vor so manchen Bauernfängern muss man sich schon in Acht nehmen! Doch ausländischen Spezialisten gegenüber sind wir dafür umso herzlicher, das war zu Zeiten Giambattista Tiepolos nicht anders als heute. Das Rokoko in Bayern könnte man ohne die Fachkräfte aus dem Süden komplett in die dann eben schnörkellose Tonne treten. Wer Bayern geistig bereichert, mit dem teilen wir gerne unsere Brotzeit im Biergarten. Und sogar aus Preußen kam bestimmt einmal etwas Gutes. Zum Beispiel die Fischsemmel.

Wo wir wieder im Biergarten wären. Ein Beisammensein nach der Arbeit in diesen herrlichen Einrichtungen lässt den Stress verfliegen und bringt eine Abteilung zusammen. Dieser Gemütlichkeit muss man sich dann auch bitte öffnen. Wer den Biergarten nicht mag, braucht sich nicht wundern, wenn die Mitmenschen nicht gut mit ihm auskommen. Gegen die Zwiederwurz ist leider noch kein Kraut gewachsen, aber Einsicht ist ja bekanntlich der erste Weg zur Besserung.

Kritik muss nichts Schlechtes bedeuten, sie ist zuallererst einmal eine Chance, meine Persönlichkeit oder meine Arbeit zu verbessern. Und huiii, also mit Kritik, bisweilen sehr deftiger Kritik, da fehlt sich ja in Bayern nix. Was allerdings verbessert werden sollte, ist die Lobkultur. Denn die ist in Bayern ja eigentlich gar nicht vorhanden. „Nix g’sagt ist genug gelobt“ heißt es in der Oberpfalz, die Franken haben immerhin schon das „Basst scho“ als Form des höchsten Lobes entdeckt. Hier müssen die Bayern tatsächlich noch etwas üben.

Halten wir fest: Auch im Büroalltag ist mit den Mitmenschen ruhig und besonnen umzugehen. Kritik hilft, Lob aber auch.

Fazit: Die bayerische Lebensart entdeckt in den Feiertagen, der einfachen, aber sehr guten Lebensweise und der bräsigen Wurschtigkeit im Umgang mit stressigen Mitmenschen äußere Bollwerke gegen den Burn-Out. In der Arbeit selbst ist der Bayer eher ein konstant vorwärtsgehender Arbeiter, der sich Schritt für Schritt seinen Zielen nähert, statt einer „Alles-oder-Nichts“-Zockermentalität zu verfallen. Selbst in hektischen Zeiten schützt das überlegte Handeln vor Fehlern. Schließlich muss der Bayer auch auf sich achten und darf sich nicht über einen längeren Zeitraum überlasten. Um seine Arbeitskraft für die Firma und sich selbst zu erhalten, muss er von Zeit zu Zeit wieder zur Ruhe kommen. Ob in der Kirche oder im Biergarten.

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