Brunzkachel bavaroise – Gerhard Polt zum 75.

Der Übervater bayerischer Komik und Kabaretts wurde vergangene Woche 75. Er ist vielleicht der einzige, der selbst den bösen österreichischen Humor noch toppen kann, über die deutsche Konkurrenz, mei, da brauchen wir in der Kategorie gar nicht erst das Suchen anfangen.

Beim besonderen Wahnwitz der CSU-Skandale, von der Unterzuckerungsentschuldigung eines Meineids, der Förderung von Scientology in Albanien, einem Verkehrsminister, der mit 1,99 Promille einen Verkehrsunfall mit Todesfolge verursachte, der Fall Schottdorf, usw., Bayern-Ei wird ja noch untersucht, braucht es schon das Kaliber eines Gerhard Polts, um unsere Staatspartei kritisch zu würdigen.

Freilich, es gibt die noch politischeren Kabarettisten, da würde ich mal Bruno Jonas dazu zählen, ein Dieter Hildebrand auch, der wuchs ja in der Oberpfalz auf, dann die Anarchos wie den Hans Söllner und den jüngeren und viel lustigeren Weiherer, die eher brachial-komischen wie Günther Grünwald oder die Altneihauser Feierwehrkapelln. Polt ist irgendwie alles. Er ist natürlich politisch, sogar so politisch, dass seine Ausführungen über den Meineid-leistenden CSU-Politikers Friedrich Zimmermann im ZDF zensiert wurden. Als er im Jahr darauf einen Kleinkunstpreis verliehen bekam und das ZDF seine Rede übertrug, schwieg er einfach zehn Minuten. Allerdings findet Polt auch in konservativen Kreisen viele Fans, weil er eben nicht das plumpe „Politiker-sind-alle-Idioten-vor-allem-die-von-der-CDU-und-die-Amis-sowieso“-Kabarett bekannter Preußen-Kabarettisten nachplappert. Sondern weil er mit genauer Beobachtungsgabe konservative, spießige, schlitzohrige, liberale und rechtsextreme Figuren nachzeichnet. Und das so, dass sogar die reaktionärsten Menschen sich darin wiederfinden. Ein Zitat: „Die gefährlichsten sind immer die sympathischen Menschen“. Man denke an die Anekdote, als er bei Dieter Hildebrand im TV einforderte, man müsse in der Holocaust-Diskussion ja auch einmal die Sichtweise der SS-Wachen einnehmen. Ein extrem rechter Nachbar aus seinem Wohnort gratulierte ihm darauf in der Kneipe, dass er sich so etwas „bei der roten Sau“ getraut habe. Polt aber mochte keine Diskussion führen, sondern ließ sich von dem Mann einfach ein Bier zahlen.

Anarchisch ist er sowieso, man denke an seine Benedikt XVI. Imitation mit Laubbläser.

Brachial-komisch? Ich verweise nur auf die oagsoachte Brunzkachel und die Hämorrhoiden-Britschn, sowie seinen Ausflug aufs Oktoberfest.

Einer seiner Kabarett-Kollegen meinte einmal, dass man immer auch einen Teil seiner selbst in die Figuren lege, und daher auch der echte Polt ein stückweit in den Bühnenpersonen zu finden sei. Da schau her, was wohl der Polt in Erwin Löffler oder Dr. Leinweber ist? Seine Figuren sind meist die, von denen man im Alltag sagen würde: „A Hund is a scho.“ Also die gerissen bauernschlauen, die im flurbereinigten Bayern Kasse machen. Aber auch die Kulturbeflissenen, die zum Jubiläum des Feuerwehrhauptmanns die ägyptische Dynastien runterzählen.

Polt wurde in München geboren und siedelte dann ins katholische Herz Bayerns über, nach Altötting. Wo übrigens auch die Herzen der bayerischen Könige bestattet wurden. Was man kaum glauben mag, Polt ist evangelisch getauft. In Altötting schaute er sich bestimmt so manche bayerische Figuren ab, die er später auf die Bühne brachte. Er studierte Skandinavistik, herzlichen Dank von dieser Seite, er zeigte so nämlich, dass man es auch mit dem Studium von Orchideenfächern es zu was bringen kann. Weitere biographische Angaben entnehmen Sie Ihrem Feuilleton.

Die erste Bekanntschaft mit Polt machte ich, wie wohl jedes bayerische Kind mit dem Sketch Nikolausi-Osterhasi, den der BR früher zu diesen Festen regelmäßig übertragen hat. Ob er das heute auch noch tut? Für die Bildung der Kinder wäre es durchaus wünschenswert. Im Leistungskurs Geschichte hörten wir dann die Rede des Dr. Leinwebers von der Hanns-Seidl-Stiftung, der den Tschurangratlers die democracy und die deeply religious idea of Freibier nahe brachte. Das führte dazu, dass wir im Freundeskreis tonnenweise Poltsketche rauf und runter hörten, besonders hatte es uns das „Longline“ angetan. Einfach nur umwerfend. So konnten nur wir Bayern schimpfen. Polt bringt es fertig, das bayerische Überheblichkeitsgefühl ironisch zu brechen und gleichzeitig zu steigern. Freilich sind diese Bayernfiguren Polts mit ihren dicken Eiern schon schauderhaft böse Menschen. Andererseits: Sie sind cool, und die preußischen Nebenfiguren wie der Dr. Brezner einfach nur bemitleidenswerte Looser. Was uns lehrte: wir Bayern haben eben die dicksten Eier, Mitglied im erweiterten CSU-Vorstand müssen wir dafür aber glücklicherweise nicht auch noch werden.

Vor dem Italien-Urlaub schauten wir mit den Kumpels „Man spricht deutsh“ an, und grausten uns anschließend am Strand vorm dem „öden Geschmack“.

Ende 2002 war Polt dann einmal an einem Gymnasium in der Oberpfalz zu Gast, keine Ahnung warum. Er brachte vor allem seine Sketche zu Gehör und antwortete danach auch auf Fragen der Schüler. Dem Oberpfälzer Lokalfernsehen gab er jedoch kein Interview, da er aus Prinzip dem TV keine Interviews gab. Das fand ich dann doch etwas divenhaft, immerhin war er durch seine Fernsehauftritte und Sendungen erst so richtig bekannt geworden.

Es folgte der Film „Germanikus„, den wir uns im Kino anschauten, aber den Saal nach dem Film mit einem Naja verließen.

Der BR wiederholte dann irgendwann die Reihe „Fast wia im richtigen Leben“. Mei, das war eine Offenbarung! Wie herausragend Polt die Widersprüchlichkeit der bayerischen Seele einfangen konnte, zwischen Konservativismus und Neubaugebiets-Tristesse, zwischen Kleinbürger-Spießertum und irrwitziger Industrialisierung. Dabei fand man auch den Verlust von traditioneller Landschaft und Strukturen wieder. Die Endszene von „Hoagascht urban: der lange Weg zur Stubenmusi“ mit diesem Aufzieher von der wunderbar geborgen-gemütlichen Stuben auf das eiskalte Wohngebirge der Hochhaussiedlung, unfassbar beeindruckend! „Der Geschäftsbrief“, der die krassen Wohngegensätze in München zeigte, usw usf. Ein Kollege hat mir vor einigen Jahren die komplette DVD-Box geschenkt, schaut man sich das an, so scheinen manche Probleme von damals heute wiederzukommen. Polt hat dadurch die pervers übersteigerte bayerischen Identität dargestellt, die nur deshalb so übersteigert wird, weil wir sie durch Flurbereinigung und Brachialfortschrittsoptimierung immer mehr verlieren. Kurz gesagt: Der Fortschritt durch die CSU führt zum Verlust der Identität, der dadurch durch die CSU noch stärker propagiert werden muss. Alles klar? Nein? Welcome to Bavaria! Allerdings darf man hier nicht das gesamte Lob Polt überlassen. Gisela Schneeberger meinte einmal in einem Interview, dass sie die strenge Kraft hinter den Drehbüchern war. Während Polt und Hans-Christian Müller sich schon am Anfang über ihre Gags beömmelten, holte sie die Herren wieder auf den Boden zurück, weil sie das überhaupt noch nicht lustig fand und sie weiter dran feilen mussten.

Dann hat mir meine Schwester eine Karte für einen Auftritt Polts geschenkt, zwar nicht mit den Biermösl-Blosn, sondern mit einer anderen Band, die aber durchaus Stimmung machte. Der Ort war eine Schulturnhalle einer mittelgroßen bayerischen Provinzstadt, also genau dort, wo Polts Figuren auch beheimatet waren. Das Besondere an Polt ist, dass er politische Inhalte so rüberbringt, dass es eben nicht nur Kabarett für pensionierte Lehrer ist, die die SPD wählen (soll es in Bayern vereinzelt geben, ich kenn von diesem Schlag glücklicherweise kaum jemand), sondern dass vom Landwirt zum Physik-Professor, vom Arbeiter bis zum BWLer jeder drüber lachen kann. Also eigentlich jeder, der in Bayern CSU wählt. Also alle halt.

Wenn dereinst doch einmal der Russe kommt und wir unser bayerisches Erbe in einem Atombunker für die Nachwelt erhalten wollen, dann packen wir da neben den Rezepten für St. Georgen Kellerbier und Zwetschgenbames, den barocken Bauplänen Balthasar Neumanns, Gemälden aus Murnau und Albrecht Dürers, einem Herrgottswinkel mit Kruzifix und Bild von Ludwig II. und den Enzykliken Benedikts XVI. sicherlich auch die DVD Box „Fast wia im richtigen Leben“ und die Aufnahmen von Longline und dem Oktoberfest-Besuch mit rein. Damit die Menschen späterer Jahrtausende dereinst wissen, was für ein feinsinnig-deftiger Menschenschlag wir Bayern waren.

Doch bis dahin freuen wir uns auf das noch kommende späte Oeuvre des kabarettistischen Grandseigneurs Polt, dem wir die niveauvollste Hämorrhoiden-Britschn überhaupts zu verdanken haben.