Ein Nachruf auf Georg Lohmeier

Dieser Beitrag ist ein Nachruf auf jenen Mann, ohne den es diesen Blog vielleicht nie gegeben hätte.

Erlebt hat er sie nicht mehr, die gute alte Zeit vor anno ’14. 1914 wohlgemerkt. 1926 kam er auf die Welt, als Sohn eines Brauereibesitzers im Erdinger Land. Ein Mensch der Bildung, ein Geschichtenerzähler, ein königstreuer, weltoffener Patriot.

Der visionäre Blick zurück nach vorn. (Quelle Wikicommons)

Der visionäre Blick zurück nach vorn. (Quelle Wikicommons)

Jedem kann ich sein Buch Liberalitas Bavariae ans Herz legen. Ich hab es in einem Buchantiquariat in Bamberg entdeckt, ein interessanter Titel mit einem fürchterlichen Coverlayout. Aber signiert. Der Name Lohmeier sagte mir irgendetwas, doch erst beim Lesen eröffnete sich mir der geistige Kosmos dieses Menschen. Die Rubrik „Zitate und Anekdoten“ wurde durch dieses Buch angeregt. Ein Werk über Bayern, kein chronologisches Geschichtsbuch, sondern eine Sammlung besonderer Orte, Begebenheiten und Personen. Ein Kapitel handelt von Kanzeln, ein anderes von Ludwig I., dann wiederum eines von Benediktinerklöstern in Franken, eines von Oskar Maria Graf und eines vom Sprachforscher und Wortklauber Johann Andreas Schmeller und von vielem, vielem mehr. Ein Panoptikum, zusammengetragen in unzähligen Stunden in Archiven, oder auf Reisen durch unseren Freistaat. Immer wieder stoßen wir neben historischen und literarischen Bezügen auch auf einen tiefen, bodenständigen, aber auch aufgeklärt-heiteren Glauben. Die ökologische Komponente kommt damals, in den 70ern, nicht zu kurz. So wirft er einen Blick auf das Gut eines Adeligen, das bald unter dem Betonmeer des Großflughafens München verschwinden sollte. Gebildet, oh, das war dieser Mensch, zuerst in Theologie, in Freising zusammen mit Josef und Georg Ratzinger. Aufgrund eines „brünetten Dogmas“ trat er aus dem Seminar aus und studierte unter anderem Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte. Eine andere Bildung erfuhr er im Wirtshaus seines Vaters. Viele Episoden aus dem königlich-bayerischen Amtsgericht haben ihren Ursprung in den Erzählungen am Stammtisch.

Bayern

Ja, das königlich-bayerische Amtsgericht. Generationen von Bayern und Nichtbayern erheiterten und erwärmten die Geschichten um den Ort Geisbach. Wie einem die Stimme von Gustl Bayrhammer ins Ohr und Herz geht:

„Es war eine liebe Zeit, die gute alte Zeit vor anno 14. In Bayern gleich gar. Damals hat noch Seine Königliche Hoheit der Herr Prinzregent regiert, ein kunstsinniger Monarch. Denn der König war schwermütig. Das Bier war noch dunkel, die Menschen warn typisch; die Burschen schneidig, die Dirndl sittsam und die Honoratioren ein bisserl vornehm und ein bisserl leger. Es war halt noch vieles in Ordnung damals. Denn für Ordnung und Ruhe sorgte die Gendarmerie und für die Gerechtigkeit das Königliche Amtsgericht.“

Mei, wie einfach das damals war, man denke heutzutage nur an die Geschichten von Richterin Barbara Salesch und Co. Aber ich will nicht in ein „früher war alles besser“ verfallen. So sehr Georg Lohmeier auch diese gute alte Zeit mochte, rumgejammert hat er nicht. In Liberalitas Bavariae beschreibt er, wie sich das Bild der guten alten und der bösen neuen Zeit durch alle Jahrhunderte zog. Jedes früher war immer besser als das heute. Und folgerte daraus mit Karl Valentin: „Heute ist die gute, alte Zeit von morgen.“ Im Abspann wird von nochmal von der „lieben Zeit“ gesprochen, dass es damals „menschlich halt“ zugegangen ist. Ich glaube, das zeichnet Lohmeiers Blick auf die Geschichte aus. Nicht nur faktenorientiert und detailliert Zusammenhänge aufdecken, nein, auch menschlich, liebevoll halt diese dem geneigten Leser und Zuschauer nahe bringen.

Heute, im 21. Jahrhundert, finden wir die Musik vom königlich-bayerischen Amtsgericht noch in Mittelfranken als Klingelton auf einem Handy.

Doch einfach nur ein „mei, wie schön es früher war“ ist Lohmeiers Sache nicht. Der Film „Die Überführung – Die feuchte Ballade einer Freundschaft“ zeigt in teils dramatischen, teils lustigen Szenen die Geschichte zweier traumatisierter Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg.

Bier

Jedem, der gerne bayerisches Bier trinkt, sei der Film „Der Pfandlbräu“ ans Herz gelegt. Max Grießer verkörpert einen oberbayerischen Brauer, dem die Münchner Braukonzerne so sehr auf die Pelle rücken, dass seine Hausbank ihm den Hahn zudreht. Ein ergreifendes Bild, wie das immer größer, immer schneller, immer kapitalistischer, kurz der industriell-rational rasende Zug des Strauß’schen Bayerns das traditionelle Gewerbe überrollt. Am Ende fährt der Pfandlbräu nach München und bittet bei den Heiligen und vor den Königsgräbern „Steig herab und schau, wie es mit deinem Bayernland steht“. Lohmeyer zeigt in die selbe Richtung, wie Gerhard Polt und die Biermösl Blosn, aber nicht mit beißender Satire, sondern mit einem Blick zurück, teils liebevoll, teils verschmitzt. Der Pfandlbräu hat so eine melancholische Seite, kein seichter Klamauk, aber auch kein schwülstig-tristes Drama. Der Film hat gezeigt, dass Bayern, so groß und mächtig wir auch im Bund und in der Welt auftreten mögen, verletzlich ist. Gerade im Kleinen, Traditionellen, Regionalen. Der Film schärft das Bewusstsein, den glimmenden Docht nicht auszulöschen, das geknickte Rohr nicht abzubrechen, sondern wertzuschätzen und publik zu machen. Das wir eben nicht nur das Oktoberfest-BMW-CSU-FC-Bayern-Bayern im Auge haben (das ja per se nicht schlecht sein muss), sondern eben auch die kleinen, aber oft sehr feinen Aspekte in unserem schönsten Land der Welt. Die Kraft und die Vielfalt unseres Landes kommt aus der Provinz, ob aus Amorbach oder Sandizell, ob aus Hof oder Laufen. Das Kleine zu entdecken und zu bewahren, hoffentlich kann Bavaritas dazu einen Teil beitragen.

und Politik

„Das Bayerische ist eine Denkweise. Ein guter Bayer kann auch aus Afrika sein“, zitiert ihn die Süddeutsche Zeitung. Eine Denkweise die wir heute gut gebrauchen können, zu einer Zeit, in der sich konfessionslose Herrschaften anmaßen, die christliche Kultur durch Ausgrenzung schützen zu wollen. Nein, mit solchen Kaschperlkepf hätte unser Georg Lohmeier wahrlich keine Freude.

Politisch, ha, ja, da war der Lohmeier Georg, ein Patriot, der „letzte Patriot“ wie manche Zeitung titelt. „Wir brauchen keinen König, aber schöner wär’s schon.“ Die Monarchie, nicht als Veranstaltung reaktionärer, antidemokratischer Absolutisten, sondern als kunstsinnige, repräsentative und vor allem auch integrative Kraft. Nix politisches, sondern etwas emotionales, verbindendes. Darum war er auch treibende Kraft der bayerischen patriotischen Verbände. FJS wollte ihn vor den Karren spannen und ihn zum Intendanten des Bayerischen Rundfunks machen. Doch dafür in die CSU eintreten? Nein, seine Unabhängigkeit wollte er behalten.

Königstreu und weltoffen, hochgebildet und bodenständig, witzig und gläubig, ein Auge fürs Detail und fürs große Ganze. Ein Bayer mit großem Herzen für alles Kleine, Alte und Schöne.

Ob er zufrieden gestorben ist? Ich denke schon, schließlich stammt von ihm der praktische, lebensfrohe Satz:

„Zwoa Quadratmeter g’langen auf d’Letzt,

a so is am Menschen aufg’setzt;

drum woas i nix Bessers, nix Feiners,

wiar a frische Maß Bier und a Schweiners.“

 

Von all den Nachrufen, ob im Berliner Tagesspiegel, im BR oder im Münchner Merkur, die Süddeutsche hatte meiner Meinung nach den schönsten Schlusssatz:

„Von schwerer Krankheit war er schon bei seinem 85. Geburtstag gezeichnet und trotzdem war er von bayerisch-katholischem Kampfgeist beseelt: „Auf zu Gott“, rief er lautstark dem Tod entgegen, „nachad schert sich der Deifi an Dreck um mich.““

So sehr Du Dich um das bayerische Paradies verdient gemacht hast, so sehr soll Dir der Herrgott den Weg ins ewige Paradies weisen.

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