Freier Staat Bayern

Die Schotten stimmen ab, die Katalanen stimmen ab, die Bayern, naja, die haben keine Stimme und leben weiter in fiskalischer Unterdrückung. Bayern die Unabhängigkeit – wohl oder wehe?

Zuallererst muss ich gestehen: Ich war lange, lange Zeit ein Verfechter der Unabhängigkeit. Aber man muss halt schon schauen, was da alles an zusätzlichen Kosten auf einen zukommen: Ein Außenministerium, Botschaften in aller Herren Länder, ein Heer, uiuiui. Jetzt sind wir Weltmeister, wir sind wir dann?

Fakten auf den Tisch: Österreich hat acht Millionen Einwohner, die Schweiz sieben, Belgien und Griechenland elf. Schweden 9,5, Norwegen 5, Irland nur 4,5 Millionen! Hallo, wir Bayern sind über 12 Millionen! Also von der Einwohnerzahl müssen wir uns überhaupt nichts denken. Eine Unabhängigkeit könnte da eher von Vorteil sein. Denn Bayern hat derzeit im EU-Parlament nur 17 Sitze, Griechenland dagegen 24. Aber Hallo! Insgesamt wären wir nach Bevölkerung gemessen in der EU an neunter Stelle.

Und in sportlicher Hinsicht, zumindest was die olympischen Winterspiele angeht, da macht uns kein Deutscher was vor! Im Medaillenspiegel lag Bayern in Sotschi auf Rang sieben. Restdeutschland wäre nur noch auf Platz 15 gelandet… Fußballtechnisch wird’s spannend. Klar müssen wir auf viele gute Männer verzichten. Aber wir haben Müller, Schweinsteiger und Lahm (vielleicht will der dann doch wieder bei der bayerischen Nationalmannschaft einsteigen?). Der Neuer mit seiner Oberpfälzer Freundin wird eingebürgert. Also sportlich läufts. Wenn auch eine Weltmeisterschaft zugegebenermaßen schwieriger wird.

Das liebe Geld

Klar können wir Bayern uns viel Geld sparen. Etwa mit dem Länderfinanzausgleich. Der kommt in die Tonne. Aber, aber, rufen da die restdeutschen Mäkler, ihr Bayern habt jahrzehntelang empfangen. Jetzt könnt ihr auch was geben. Auf gut bayerisch sage ich da Pardon, im Vergleich zu dem, was wir die letzten 20 Jahre gezahlt haben, sind unsere Empfänge Peanuts. Erdnüsse. Goua nix. 43 Milliarden haben wir bis 2013 mehr gezahlt als empfangen. Da hat Berlin einiges für den Flughafen verpulvern können.

Das Bruttoinlandsprodukt in Bayern lag 2013 pro Einwohner bei 37 472 Euro (Bundesdurchschnitt 33 355 Euro), in Österreich bei 36 930 Euro. Also bitte.

Wollen die Bayern denn überhaupt die Unabhängigkeit? 2009 führte die Hanns-Seidel-Stiftung eine Studie durch. Ein Punkt war das Heimatgefühl und die Frage nach mehr Unabhängigkeit und Eigenständigkeit. 2003 wollten 24 Prozent mehr Unabhängigkeit, 2009 waren es schon 39 Prozent. Einen eigenen Staat wollten 2003 17 Prozent, 2009 wuchs die Zahl auf 23 Prozent. Aha! Und das war vor fünf Jahren. Wenn der Trend so weiter geht…

David Cameron stimmte damals auch der Abstimmung zu, weil die Umfragewerte für ein unabhängiges Schottland so niedrig waren. So ändert sich das.

Und wie soll der freie Staat dann aussehen? Nehmen wir uns wieder einen König? Bevor wir uns teure Präsidenten leisten, die auch nach Abtritt Kosten verursachen, käme wohl ein König billiger. Da gibt’s nur einen so lange der lebt. Und was da die internationale Klatschpresse berichten könnte. Alles Publicity für unser Land! Für den Tourismus ist so ein König eh besser. Und wie war das damals mit dem Museum der Moderne? Auf einmal hatte man ein Museum, aber keine Kunst. Modernes Zeugs, das hatte der Freistaat nicht gesammelt. Wohl aber Herzog Franz. Und der stellte dann seine Sammlung zur Verfügung. Ja, so einer wie Ludwig I., ein Förderer der Kunst und der Wissenschaften. Das wär was. Aber ich schweife ab…

Am internationalen Parkett

Dann das übliche Thema Kosten. Wir brauchen etwa eine eigene UN-Vertretung in New York. Bei den Mietpreisen da, schluck. Aber Liechtenstein hat das auch. Und die haben halb so viel Einwohner wie ein kleiner bayerischer Landkreis. Doch in deren UN-Vertretung treffen sich oftmals Konfliktparteien, bevor es offizielle Gespräche gibt. Denn welche großen Interessen soll Liechtenstein schon haben?

Was würde das wohl für uns bedeuten? Nun ja, ob uns in der UN-Vertretung auch so ein großes Vertrauen entgegengebracht wird? Ja, weil wir überall für unsere Gemütlichkeit bekannt sind. Nein, weil wir einige große Waffenschmieden im Lande haben.

Für die Bundeswehr zahlen wir ja jetzt auch schon mit, aber wir dürfen nicht verheimlichen, dass bayerische Rüstungsfirmen daran ordentlich verdienen.

Die sündhaft teure Landesvertretung in Brüssel bekommt ein Botschaft-Schild vor die Türe gehängt. Tja, die Botschaften werden sicherlich uns einiges kosten. Dafür wird sich sicherlich jeder Mann und mindestens jede gemütlich denkende Frau auf Erden darum reißen, Honorarkonsul oder –konsulin des Königreichs Bayern zu werden! Hand aufs Herz: Wer sich im Ausland Deutschland vorstellt (und einmal nicht an Nazis denkt), dem kommt immer erst einmal Bayern in den Sinn. Jamei, jetzt gibt’s Bayern auch als Land. Bayern – das Original! Aber hat Deutschland nicht auch einen guten Ruf in der Welt, gerade die deutschen Produkte! Tauschen wir Made in Germany gegen Made in Bavaria ein? Es gilt, das Bild vom rationalen, kalten Deutschen durch das Bild vom rationalen, gemütlichen Bayern zu ersetzen.

Ob Bayern dann weiterhin von der CSU regiert wird? Ich bezweifle das. Immerhin kann man die CSU in München wählen, damit man denen in Berlin einen Denkzettel verpasst. Zur Not kontrolliert da oben immer wer nach. Im Falle der Unabhängigkeit könnte vielleicht noch der König als moralapostolische Instanz à la Präsident Gauck aufpassen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass dann auch öfters mal das Kreuz bei der dann königlich bayerischen Sozialdemokratie gemacht wird. Oder bei der ÖDP. Oder oder oder. Vielleicht ein Grund, warum die Staatspartei einer bayerischen Unabhängigkeit den Riegel vorschiebt. Eiskaltes Machtkalkül, huuuuu.

Momendamal, sagt da der Franke. Ich möcht da fei a a Wörtla mitredn. Ich bin kaa Bayer. Tatsächlich sind in den fränkischen Bezirken die Zustimmungswerte für eine Unabhängigkeit geringer. Aber auch dort gibt es diese. Und ich kann mein Mantra nur wiederholen. Die Franken sind die authentischeren Bayern. Essen, Bier, Gemütlichkeit, die Franken haben mit den Altbayern mehr gemeinsam als mit irgendeinem anderen Bundesland. Und was sollen denn die Oberpfälzer und Schwaben sagen? Die Franken können stolz auf sich und ihre Geschichte sein. Tatsächlich sollten sie das eigene Profil deutlich mehr schärfen. Als Teil eines eigenen Staates dürfte das deutlich besser gelingen als als „Regierungsbezirk“. Welcher Asiate oder Amerikaner kann so ein Wort überhaupt aussprechen?

Contra

Gibt es denn keinen Grund, warum wir noch bei Deutschland bleiben sollten?

  • Mitleid. Mit den finanz-, wirtschafts- und bildungsschwachen Bruderstämmen. Naja, dafür gibt’s ein Entwicklungshilfeministerium. Das kann dann Mikrokredite an Töpferläden und Handwebereien im norddeutschen Flachland der Ahnungslosen vergeben.
  • Kartographieästhetik. Wie sähe denn Deutschland aus wenn Bayern sich abspaltete? Total zerfasert und verzettelt. Geht doch nicht.
  • Aber wer soll unsere BMWs kaufen? Wer unsere Leopards II? Ok, die einen kauft die reiche Welt, die anderen kauft die ganz ganz friedliebende und stabile Welt.
  • Aber jetzt durchfährt’s mich: Wohin mit dem bayerischen Atommüll? Was, wenn der an der Grenze wieder umkehren muss und wir den im Land behalten müssen?? Ähm, tja, vielleicht sollten wir noch einmal über die Unabhängigkeit nachdenken. Bis alle AKWs rückgebaut sind.

Aber dann heißt’s: Willkommen im kernenergie- und länderfinanzausgleichsfreien Bayern (des wo dann vielleicht amal a nu a Königreich werd’n dadert)…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s