Friede auf Erden und Krieg der Sterne

„Ehre sei Gott in den Höhen und Friede auf Erden den Menschen guten Willens.“ So verkündet der Engel den Hirten auf dem Feld die Geburt Jesu.

Was für eine verrückte Geschichte, Friede auf Erden scheint in diesem Jahr wieder ein Stück weiter entfernt. Kriege in Syrien und im Irak, Kämpfe in Mali, Afghanistan, der Ukraine, Terror in Paris, Beirut, Ägypten, Tunesien, Israel, Palästina. Pardon wenn ich jemand vergessen habe, war keine Absicht. Wenn man all den Facebook Posts glauben will, dann ist immer die Religion daran schuld. Oh, welch Friede auf Erden erst herrschen würde, wenn Gott in der Höhe keine Ehre mehr zuteil werde!

Je nun, der Krieg in der Ukraine liegt nicht einem Konflikt zwischen russisch-orthodoxer und ukrainisch-orthodoxer Kirche zu Grunde. Das behaupten ja nicht einmal die wüstesten Verschwörungstheoretiker, die Putin in dem Konflikt als Unschuldslamm darstellen. Areligiöse oder gar antireligiöse Staaten, wie etwa der damalige Ostblock haben genauso Krieg geführt, man denke an die militärische Niederschlagung der Aufstände in der DDR 1953, in Ungarn 1956, in Prag 1968, den Konflikt zwischen China und der Sowjetunion in den 70ern, die Kämpfe zwischen China, Vietnam, Kambodscha. Wie sehen die Nachwirkungen atheistischer Systeme aus? „Ohne Gott und Sonnenschein, bringen wir die Ernte ein,“ so ein Aufruf in der DDR. Heute sind dort die meisten Menschen konfessionslos, leider brennen dort auch die meisten Asylbewerberheime. Und man denke an den nicht besonders religiös geprägten Staat Nordkorea, ein atheistisches Musterland.

Natürlich ist der Atheismus in Nordkorea ein anderer, als der Atheismus in unseren Breiten. Genauso wie der Islam der Leute hierzulande ein anderer ist als der Islam des IS. Und genauso wie der Katholizismus der Bayern ein anderer ist als der sizilianischer Mafiosi. Man muss aufpassen, nicht alles zu pauschalisieren.

Kürzlich las ich einen Facebook-Post, dass islamische Fundamentalisten morden, dass christliche Fundamentalisten morden, und das atheistische Fundamentalisten Vorträge halten. Leider ist dies nicht so, im Februar diesen Jahres hat ein Mann in den USA, der sich selbst als „militanten Atheisten“ bezeichnete, eine junge muslimische Familie erschossen. Vorher hatte er auf Facebook wiederholt gegen religiöse Menschen gehetzt.  Das ist ein Einzelfall, klar, aber genauso einer, wie der Mord an einem Abtreibungsarzt durch einen militanten Evangelikalen. Den Christen als am meist verfolgte Bevölkerungsgruppe der Welt deswegen ein mordendes Image zuzuschreiben, ist schon ziemlich verquer.

Der Atheismus ist also nicht das einzig wahre Allheilmittel gegen sämtliche Gewalt auf diesem Planeten. Besonders witzig hat das die South-Park Doppelfolge „Go God Go“ gezeigt. Cartman lässt sich einfrieren und wacht in der Zukunft auf, in der verschiedene atheistische Gruppen einen apokalyptischen Krieg um das wahre Erbe Richard Dawkins führen.

Die Macher haben erkannt, dass Krieg nun einmal im Menschsein angelegt ist, leider. Aber wieso nur im Menschsein? Ameisenvölker führen Krieg um Ressourcen und versklaven die Brut anderer Arten, die ganze Evolutionsgeschichte besteht aus Revierkämpfen, Fressen und Gefressenwerden, aus dem Überleben des Stärkeren. Gewalt braucht keine Religion, die war schon vorher da und wird wohl auch nach der Religion und sogar nach dem Menschen da sein.

Geschichtlich betrachtet dämpfte die Religion sogar Gewaltausbrüche, man denke etwa an die mittelalterlichen Landfriedensordnungen, die den permanenten Fehden der Ritter und Adeligen nach und nach einen Riegel vorschob. Friede auf Erden war denn auch die letzte Enzyklika Johannes XXIII., der in Italien il papa buono, der gute Papst genannt wird, vergangenes Jahr heilig gesprochen wurde, das 2. Vatikanische Konzil einläutete und in der Kubakrise eine starke Stimme für den Frieden war.

Nun also Friede, Freude, religiöser Eierkuchen? Ganz so einfach ist es nun doch nicht. Ich konnte kürzlich ein Gespräch mit Ahmed Al Basheer führen. Der produziert eine Satiresendung über den IS, über korrupte Politiker im Irak und über den Konflikt in der Region. Nicht vom Irak selbst aus, das wäre zu gefährlich, sondern von Jordanien aus. Er meinte, dass die Kriege dort in etwa mit dem 30-jährigen Krieg bei uns vergleichbar wären. Entzündet an einem Konflikt zwischen zwei Konfessionen, aber dann doch wieder genutzt als Spielball auswärtiger Mächte.

In Deutschland war es zunächst der Konflikt zwischen dem Kaiser und den protestantischen Fürsten, dann schlugen sich auch noch die Schweden und die katholischen Franzosen auf die Seite der Protestanten und mischten grausam mit, gerade die Oberpfalz kann davon ein unschönes Lied singen. Im Syrien und Irak kämpfen scheinbar Schiiten (und Alawiten) gegen Sunniten. Aber dann führen dabei Iran und Saudi-Arabien einen Stellvertreterkrieg um die Vorherrschaft im arabischen Raum, Russen und Türken mischen mit, die Europäer und die USA versuchen halbherzig irgendwie Ordnung rein zu bringen. So wie sich nach dem 30-jährigen Krieg die Menschen einer von einer absoluten Religion abwandten und die Aufklärung mit ins Spiel brachten, erzählt Al Basheer heute, dass sich viele seiner Freunde mittlerweile komplett von der Religion lösen. Selbst solche, die früher regelmäßig auf Wallfahrt gingen. Freilich nur insgeheim, Abfall vom Islam ist dort unten sehr gefährlich. Der Journalist meint, dass es in den nächsten 20 bis 30 Jahren in der Region zu großen Auflösungserscheinungen im Islam kommt. Zumindest, was den absoluten, politisierten angeht. Seine Redaktion besteht aus Männer und Frauen, aus Sunniten, Schiiten und Christen. Er meint, dass seine Fans am häufigsten darüber streiten, ob er Sunnit oder Schiit ist, da er sich über beide Konfessionen lustig macht. Ob es anders gekommen wäre, wenn die USA nicht in den Irak einmarschiert wären? „Dann wäre ich schon lange tot, unter Saddam hätte es so eine Satire niemals gegeben.“

Die Religion kann tatsächlich ausgenutzt werden seitens der Machtpolitik, kann auch selbst zur Triebfeder der Gewalt werden. Dabei sollten religiöse wie areligiöse Menschen darauf achten, dass die Religion, der Kult, nur ein Gefäß für den Glaubensinhalt ist. Der sich im Christentum etwa in der Nächstenliebe zeigt, ausgedrückt von ganz oben, dass Gott selbst sich als kleines Menschenkind in einem armseligen Stall auf die Welt kommt und nicht mal auf die Windeln verzichtet. Dienende Liebe, das lernen wir in der Weihnachtsbotschaft, ist der Kern. Große Kirchengebäude, das Lehramt usw. können diese Botschaft ausdrücken, in dem sie etwa der neugotische Dom in Regensburg oder die barocke Wieskirche auf das Himmelreich verweisen und so versuchen, Hoffnung zu geben. Aber sie sind nicht der Glaubensinhalt. Die Religion, der Kult muss für den Menschen da sein, und nicht umgekehrt. Das liest man schon in der Bibel, als Jesus das so auf das Sabbatgebot bezog. Ziemlich krass: Jesus, also nach christlichem Verständnis Gott selbst, sagt: der Mensch kommt vor dem Kult, vor der institutionalisierten Religion. Folge: Er wird umgebracht. Gott hat also seine Erfahrung mit religiösen Fundamentalisten. Wie historisch das nun tatsächlich ist, müssen die Bibelwissenschaftler und Historiker klären.

Und woher kommt dann der ganze Hass? Schauen wir uns doch einmal Star Wars an. Die Macher haben sich sehr stark an der christlichen Mythologie bedient, da darf ich mir auch einmal was ausleihen. Laut Yoda ist Furcht der Weg zur dunklen Seite, Anakin Skywalker, Kylo Ren (ups, Spoiler), alle gefallenen Jedi wechseln zur dunklen Seite, weil sie der hellen nicht die volle Kraft zutrauen. Ein Mangel an Vertrauen in das Gute. Mit Paulus könnte man sagen: Zu wenig Glauben, zu wenig Hoffnung, zu wenig Liebe. Genauso scheint es den Fundamentalisten zu ergehen. Sie vertrauen nicht auf ihren Gott, der uns doch in eine gute Zukunft führen könnte, sondern haben Furcht vor der Veränderung, vor der Welt da draußen. Dabei gibt es doch selbst in der Bibel die Sätze, „richte nicht, damit du nicht selbst gerichtet wirst,“ und es wird davor gewarnt, den Weizen mit dem Unkraut vor der Zeit auszurupfen. Auch die Furcht der Islamisten vor der gesellschaftlichen und militärischen Überlegenheit der westlichen Welt. Den Islamisten könnte man sagen: Wenn wir Ungläubigen eh alle in Ewigkeit brutzeln müssen, dann machen die paar Jahrzehnte Lebenszeit mehr oder weniger das Kraut auch nicht fett. Ihr könnt uns also ruhig leben lassen. Traut ihr Allah nicht zu, die Sachen selbst erledigen zu können? Oder um es mit Darth Vader zu sagen: „I find your lack of faith disturbing.“ Genauso die Pegida-Leute, die aus Furcht vor den Fremden die Asylantenheime anzünden. „Habt keine Furcht“ hielt Johannes Paul II. in seiner Antrittsansprache dagegen. Und das zu einer Zeit, als viele seiner Glaubensbrüder und -schwestern in kommunistischen Gefängnissen eingekerkert waren.

Ein kleines dienendes Licht wurde vor langer Zeit entzündet, das glimmt immer noch. Das Licht scheint es schwierig zu haben in dieser Zeit. Aber wenn man die Hilfsbereitschaft anschaut, die dieses Jahr gerade in Bayern geleistet wurde, dann weiß man doch, dass sich hier etwas mehr Glaube an das Gute, etwas mehr Hoffnung, etwas mehr Liebe eingefunden haben, dass das Weihnachtslicht in Zeiten der Not wieder stärker leuchtet. Das bringt nicht den Weltfrieden, aber etwas mehr Frieden hierzulande.

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