Griechenland und Bayern

Nein, ich will mich jetzt nicht auch noch an Griechenland-Bashing bzw. an Griechenland-Entschuldigungs-Chören beteiligen. Wer hat Schuld, wann kommt der Grexit, Tsipras oder Merkel, wer hat den längeren… Hebel? Derart aktuelle Berichterstattung hängt mir ehrlicherweise zum Halse raus. Nach dem millionsten Brennpunkt tut ein Blick in die Vergangenheit ganz gut.

Denn Bayern und Griechenland haben nicht nur aktuelle Verbindlichkeiten, sondern viel ältere Verbindungen. Und damit meine ich nicht etwa Vetternwirtschaft, die den Politikern beider Länder zu Eigen scheint.

Wer von Regensburg aus auf der A 3 Richtung Passau fährt und nach Norden schaut, der reibt sich die Augen. Nanu, so tief schon im Süden? Das Pantheon ist ja gut in Schuss. Und so reizvoll an der Donau gelegen. Gut, mit dem Namen Walhalla ist man in der Mythologie etwas durcheinandergeraten, aber wurscht.

Wer in München über den Königsplatz fährt, der ist ebenfalls überrascht. Die Propyläen, die Glyptothek, die staatliche Antikensammlung, beeindruckend, besonders wenn man hier des Abends mit einer Flasche Wein und einer angenehmen Person sitzt.

Der internationale Oktoberfestbesucher kennt die griechischen Säulen der Ruhmeshalle, die mit der Bavaria über die Alkoholleichen wachen, und auch die Befreiungshalle bei Kehlheim lässt manchen an Griechenland denken..

All das geht zurück auf Ludwig I., diesem überaus geschichts- und kunstbeflissenen Regenten Bayerns. Der hatte viele Interessen. Etwa für das Mittelalter, für das Christentum, weshalb er nach dem Radikalschnitt der Säkularisierung viele neue Klöster gründete, für die Wissenschaft und die Universitäten und für gesunde Staatsfinanzen.

Und er hatte ein Faible für die Antike. Das Pompejanum in Aschaffenburg zeugt von der Verbundenheit mit dem Alten Rom, aber viel, viel mehr Bauwerke weisen auf die griechische Antike hin.

Ludwig I. unterstützte auch den griechischen Freiheitskampf gegen die Osmanen mit 1,5 Millionen Gulden, er war einer der ersten europäischen Fürsten, die sich diesem Ziel verschrieben.

Den ersten Präsidenten der Griechen, Ioannis Kapodisistrias, hielt es nicht lange. Gegen ihn gabs heftigen Widerstand, manche sagen, weil er Vetternwirtschaft betrieb, andere meinen, er wollte die Steuern eintreiben und die Verwaltung und das Militär straffen. Das ergrimmte die Griechen so sehr, dass man ihn kurzerhand erschoss.

Weil Ludwig ein so eifriger Unterstützer der Griechen war, durfte nun sein Sohn Otto als nächster sein Glück mit den Griechen versuchen. Er wurde König Otto I. von Griechenland (nicht König der Griechen, da die Osmanen eine Ausweitung griechischer Aufstände nach Kleinasien fürchteten). Ein Heer von bayerischen Verwaltungsbeamten sollte das Land auf Vordermann bringen. Nach Entwürfen von Leo von Klenze baute Friedrich von Gärtner (Münchner Gärtnerplatz!) die königliche Residenz, das heutige Parlament, vor dem heute so viele Korrespondenten aus aller Welt stehen. Sogar das bayerische Reinheitsgebot beim Bier wurde eingeführt.

Leider überforderte auch Otto die Griechen mit Reformen zu einem modernen Staat. Viele, wie etwa die Bildungsreform, trugen erst sehr viel später Früchte. Ein weiteres Problem: An der Regierung waren zunächst nur Bayern beteiligt, man sprach von einer Bavarokratie.

Weil auch diesmal die Steuern nicht flossen, musste Ludwig I. mit ordentlich Bürgschaften nachhelfen. Tja, wie sollte es anders sein, er blieb auf knapp zwei Millionen Gulden sitzen, die zuerst auf dem bayerischen Staat lasteten, dann vom Hause Wittelsbach übernommen wurden. Der Streit um die Rückzahlung des Geldes zog sich noch jahrzehntelang hin, ein Bericht darüber ist höchst vergnüglich zu lesen, gibt es doch darin sehr viele Parallelen zu heute.

Nun, nach einem ersten Volksaufstand führte Otto das Amt eines griechischen Ministerpräsidenten ein. Da dieses Amt aber zwischen rivalisierenden Gruppen und Familien wechselte, kam da kaum Ordnung rein. Nach einem neuerlichen Volksaufstand 1862 musste Otto sein geliebtes Griechenland verlassen. Wieder zurück nach Bayern! Wohin? Nach Bamberg. Seinen Hofstaat von 50 Leuten nahm er mit, die blieben in griechische Tracht gekleidet. Noch heute heißt es in der fränkischen Domstadt, dass Bamberger mit besonders schwarzen Haaren von eben diesen griechischen Bediensteten abstammen.

Wer denkt, Otto stand den Griechen nach seiner Vertreibung nun missgünstig gegenüber, der irrt. Jeden Abend sprachen er und seine Frau zwei Stunden nur auf griechisch miteinander. 1866 finanzierte er von seinem nicht gerade üppigen Geld den Freiheitskampf der Kreter gegen die Osmanen. Und seine letzten Worte, so wird überliefert, lauteten: Griechenland, mein Griechenland, mein geliebtes Griechenland.

Mei, politisch hat sich wohl seit damals nicht so viel geändert. Leider. Architektonisch dagegen schon. Leider. Statt formschöner Tempelbauten zu Ehren der Künste bereichern uns Museen aus der heutigen Zeit mit kahlen Kanten aus Sichtbeton. Den Verlust von Geld gabs schon im 19. Jahrhundert. Der Verlust von erhabener Ästhetik ist wohl ein Zeichen der vergangenen Jahrzehnte. Und daran sind ausnahmsweise mal weder die Griechen noch die EU-Bürokraten schuld.

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