Hammas scho wieda, habemus papam!

Hintergrund: Die Jesuiten, die Armen und der Papst

Ein Jesuit, der den Namen Franziskus annimmt. Das ist eigentlich ziemlich krass. Wieso?

Holen wir mal weeeeeeeiiiiiiiiit aus. Die Franziskaner und Jesuiten sind in vergangenen Jahrhunderten immer wieder aneinander geraten. Das Ganze gipfelte darin, dass Papst Clemens XIV., ein Franziskaner, auf Druck der spanischen und portugiesischen Könige den Jesuitenorden 1773 auflöste. Denn die Jesuiten boten den Indios in den spanischen Kolonien Schutz vor Ausbeutung und Ausrottung. Schlecht fürs Kolonialwarengeschäft. Die so genannten Jesuiten-Reducciones, also Rückzugs- und Schutzgebiete waren wohl der einzige Ort auf der Welt, wo Kommunismus jemals funktioniert hat. Die Indios kannten nur die gemeinsame Arbeit und keinen Privatbesitz. Der Film „Mission“ mit Jeremy Irons und Robert de Niro zeigt sehr gut und echt spannend die damalige Arbeit der Jesuiten.

200 Jahre später. Jesuiten gibt es wieder, und wieder herrschen im Lateinamerika der 70er und 80er Jahre brutale Regime. Und wieder setzen sich gerade die Jesuiten in der so genannten Befreiungstheologie für die Armen ein. Von Rom werden sie dafür wieder äußerst kritisch beäugt. Doch die Jesuiten zahlen einen brutalen Blutzoll, gerade in Nicaragua, El Salvador und Guatemala, aber auch in Argentinien werden die Ordenspriester gefoltert und ermordet.

Bergoglios Rolle während der Militärdiktatur ist umstritten. Hat er zwei Mitbrüder, die zeitweise verschleppt wurden, fallen gelassen? Verraten hat er sie nicht, dieser Verdacht wurde von einem der Betroffenen widerlegt. Andere sagen, dass er Priester vor den Todesschwadronen gerettet habe. Ein Jesuit zwischen den Stühlen?

Nochmals 30 Jahre später. Diesmal herrschen in vielen Ländern Lateinamerikas sozialistische Regierungen. Angetreten, um vorgeblich für die Armen zu kämpfen, grassieren stattdessen Korruption, Vettern- und Misswirtschaft. Demokratische Strukturen und Pressefreiheit werden teilweise ausgehebelt. Hier ist es wieder ein Jesuit namens Bergoglio, der die Stimme dagegen erhebt. Der mit dem Bus zur Arbeit fährt und bescheiden lebt. Und der jetzt den Namen Franziskus angenommen hat. Die Verbindung zwischen Franz von Assisi und den Armen sollte ja jeder noch hinbekommen. Zum Konklave ist der Kardinal in der Touristenklasse geflogen und auf der Loggia hat er auf viele Prunkgewänder verzichtet. Und zuerst kam das Volk, das für ihn betete, dann erst sein Segen. Wie würde er sich selbst beschreiben, wurde er vor einiger Zeit gefragt. Die Antwort: „Jorge Bergoglio, Priester.“

Insofern ist es eine schöne Ironie der Kirchengeschichte, wenn der erste Jesuitenpapst ausgerechnet den Namen des Gründers des Franziskanerordens annimmt. Jenes Ordens, der die Jesuiten einst verbot. Doch der Einsatz für die Armen wiegt schwerer, als irgendwelche Geschichten aus der Gruft der Kirchengeschichte.

Was wird man sich von diesem Papst erwarten dürfen?

Reformen, die man sich im Westen wünscht, wie Frauenpriestertum, mehr Offenheit für Geschiedene oder für andere Konfessionen wird es mit diesem Papst wohl nicht geben. Er legt eher das Augenmerk auf die Missstände im Süden. Franziskus wird ein Papst sein, der sich, ganz seinem Namen nach, bei den Armen sieht. Der sich gegen Nahrungsmittel-Spekulation ausspricht, gegen Ausbeutung, Umweltverschmutzung und neo-koloniale Tendenzen. Vielleicht auch gegen den Reichtum mancher Landeskirchen. Afrika, Asien, Lateinamerika werden ins Zentrum rücken. Der große Jesuitenheilige Franz Xaver (eventuell kommt sein Name auch daher), war ein wichtiger Missionar in Asien. Dem Kontinent, wo die Kirche meiner Meinung nach am nachhaltigsten wächst. Europa ist nun ein Kontinent unter vielen katholischen.

Wie es heißt, ist seine Gesundheit nicht die allerbeste. Doch kann Franziskus I. durchaus positive Impulse setzen. Das Boulevard-Magazin spiegel-online kolportiert folgendes Zitat:

„Wenn wir rausgehen auf die Straße, dann können Unfälle passieren.  Aber wenn sich die Kirche nicht öffnet,
nicht rausgeht, und sich nur um sich selbst schert, wird sie alt.
Wenn ich die Wahl habe zwischen einer Kirche, die sich beim Rausgehen auf die Straße Verletzungen zuzieht und einer Kirche, die erkrankt, weil sie sich nur mit sich selbst beschäftigt, dann habe ich keine Zweifel:
Ich würde die erste Option wählen.“

Ein Muss ist die Reformierung der Kurie. Da liegt ja einiges im Argen. Vielleicht ist auch hier der Name Programm. Vom heiligen Franz von Assisi gibt es ja die Geschichte: „Franziskus, geh, und baue mein Haus wieder auf.“ Als ausgebildeter Chemiker sollte der neue Papst wissen, welche witterungsbeständigen Baustoffe er dazu hernehmen muss. Zementfüße muss wohl kein Kurienkardinal befürchten, aber es werden sich wohl einige in den nächsten Monaten in den Ruhestand verabschieden. Allen voran Tarcisio Bertone, quasi der Ministerpräsident des Vatikan-Staats.

Und was ist das Besondere am Jesuiten-Papst?

Die Jesuiten haben wohl die längste und gründlichste theologische Ausbildung. Intellektuell wird dieser Papst sicherlich weit vorne mitspielen. Aber auch die Naturwissenschaften stehen den Jesuiten sehr nahe. 35 Mondkrater sind nach Jesuiten benannt, die sich um die Wissenschaft verdient gemacht haben. Bill Clinton, Denzel Washington, Alfred Hitchcock und die Frau des japanischen Thronfolgers lernten auf Jesuitenschulen. Die Societas Jesu, so der offizielle Name, hat das Chinin entdeckt, damals als Malaria-Medizin. Und damit verbunden das Tonic Water. Ohne Jesuiten keinen Gin Tonic! Gut, Franziskus I. wird sicherlich nicht den Messwein gegen Longdrinks austauschen. Aber er wird sich gegen fundamentalistische Tendenzen wehren und den Wert der Wissenschaft verteidigen.

Doch die Jesuiten sind keine trockenen Geistesmenschen. Gerade in den Exerzitien wird eine besonders tiefe Form der Spiritualität gelehrt und gelebt. Wer diese Spiritualität mal zu Hause im Alltag ausprobieren will, dem kann ich das launige Buch „The Jesuit Guide to (almost) everything“ von James Martin SJ (Societas Jesu) empfehlen.

Jorge Mario Bergoglio hat in Deutschland promoviert. Im bayerischen Bibliotheksverbund findet sich nur ein Buch von ihm: „Dialoge zwischen Johannes Paul II. und Fidel Castro“. Interessant. In einem wissenschaftlichen Artikel von 1985 diskutiert er die Inkulturations-These. Dass das Evangelium in den verschiedenen Erdteilen so gepredigt werden solle, wie es die Situation vor Ort vorgibt. Kann es sein, dass dann die deutsche Kirche Worte finden und Taten folgen lassen darf, die die Bürger hierzulande endlich wieder verstehen und gutheißen?

Jetzt noch schnell den bayerischen Aspekt finden…

Wie schaff ich hier jetzt den Bogen zu Bayern? Schwierig.

Ah Moment, jetzt hab ich doch was: Die Jesuiten haben gerade die Gegenreformation in Bayern getragen. Sie haben Wissenschaft und heiliges Theater nach Bayern gebracht. Wissenschaft haben wir immer noch, Kultur sowieso, das Theater wurde zur Politik profanisiert. Und die Jesuiten haben viele der Barockkirchen geprägt, die Bayern heute so schön machen. Also ganz fremd ist uns der neue Papst dann doch nicht. Und ein Schweinsbraten wird dem Papst aus dem Land der Rindersteaks sicher auch schmecken.

Ein ziemlich guter Übergang von unserem Papst aus Bayern. Hoffen wir, dass er für seine Aufgaben genügend Kraft bekommt. Von seinem Chef und seinem (auch bayerischen) Volk.

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