Heute die Welt, morgen ganz Preußen?

„Bajuwarisierung. Ganz Deutschland wird zum Hofbräuhaus“ So titelt ein Artikel in der Welt. Der Artikel stammt nicht aus der Kulinarik-Redaktion oder aus dem Wirtschaftsressort, sondern aus dem Stil-Blog. Er erzählt, wie die Hamburger mit Bier, Tracht und einer (hessischen) Band gscheid feiern lernen. Und wie viel Bierabsatz und Euroumsatz die Wirte damit machen. Kurz erklärt der Beitrag, dass Bayern mehr ist als Feierei, zum Beispiel ein zorniges soziales Gewissen hat. Und dann sind wir auch schon bei Markus Söders neuem Heimatministerium, das die Digitalisierung weiter vorantreibt und das Bayern wie das alte Amerika ein neues Land der Möglichkeiten werden will. Der Artikel endet mit der Aussicht, dass die Nordlichter durch die Feierei schon mal für ihren Umzug in den Süden üben.

Hurra, alle lieben uns, alle wollen feiern so wie wir, alle werden ins gelobte Bayernland strömen!

Dass Asiaten und Amerikaner Bayern lieben und bewundern, das war klar. Vor allem, da Standard & Poor’s Bayern mit AAA besser bewertet als die USA. Aber jetzt auch die Preußen? Tatsächlich, in Berlin sind Tegernseer und Augustiner Kultgetränke der Hipster, und sogar die Wiener feiern ein Oktoberfest (das aber angeblich Eintritt kostet). Hatten wir doch früher ständig Angst, die Preußen nehmen uns die Post und das Heer und die Eisenbahn, und dann habens den Münchnern auch noch den Dialekt gestohlen, diese Saupreissn diese elendigen! Aber jetzt freuen wir uns auf die totale Bavarisierung des deutschsprachigen Raumes, endlich! Oder?

Nun, sicher ist es schön, für unsere Feierkultur bewundert zu werden. Aber wer Bayern mit dem Hofbräuhaus gleichsetzt, der hat sich in einen geschickten Kommerzartikel verguckt, der wenig mit dem echten Bayern zu tun hat. Naja, Kommando zurück, erstens gehört ein gewisses Verkaufstalent zu den Bayern und zweiten, was ist das „echte“ Bayern? Hmmm, also wenns um was authentisches, ursprüngliches geht, dann würde ich sagen, dass echte Bayern liegt in Oberfranken, also da wo die Brauereiendichte am höchsten und die dörflichen Traditionen noch sehr lebendig sind. Aber dass Oberfranggn die Welt erobert? Almächt, naaa, da haben die Oberbayern die Lederhosen an was geschicktes Marketing angeht.

Aber bitte meine Burschen und Madeln, Bayern ist mehr als Tracht, Bier und deftiger Feierei! Bayern, das ist auch der stille Nebel über einer Teichlandschaft mit den Sagen von Irrlichtern, Armen Seelen und Wassermännern. Es ist nicht nur das boomende Oberbayern, sondern genauso das ausblutende Nordostbayern. Und nicht nur Alpengipfel, sondern auch Weinberge (obwohl die Münchner das ständig vergessen und permanent zum sauren österreichischen Veltliner greifen, solche oenologischen Deppen).

Und wie schauts denn bitte mit dem Dialekt aus? Sobald das Bayerische als vorbildlich, intelligent und schön empfunden wird, erst dann glaube ich, dass die Preußen uns wirklich reschbektieren. Bisher finden sie es ganz nett oder süß, aber das wars dann auch schon.

Außerdem sollte man anmerken: Wenn bayerisch feiern ein Trend ist, dann kann so ein Trend auch ganz schnell vorbei sein. Und Gegentrends hervorrufen, die uns Bayern gar nicht gewogen sind. Man denke nur an die kritische Textzeile von Marteria in seinem Song „Kids„: „Jeder liebt die Bayern.“ Die Botschaft scheint klar: Die Arrivierten, Gesättigten, früher mal Lässigen, jetzt nur noch Schickimickis, die mögen uns. Wer in Marterias Sicht noch cool ist, der schaut in der Denke Bayern = Erfolg = Arroganz auf unser Heimatland ganz böse herab.

Also um jeden Preis auf den Zug mit aufspringen? Muss man nicht. Auch wenn schön ist, in der Ferne ein Stück Heimat (wenn auch sehr kommerzialisiert) erleben, konsumieren und Nichtbayern nahe bringen zu können. Es kann ein niederschwelliges Angebot sein, mit dem Bayerntum erstmals in Berührung zu kommen. Wer weiß, vielleicht fängt ja der ein oder andere an Preuße mit Seppl-Hut an, alle bayerischen Dialekte zu lernen. Oder statt Paulaner zum Vierzehnheiligener Nothelfer Bier der Brauerei Trunk zu greifen. Haben nicht auch Takeo Ischi und Billy Mo zu einer zumindest volkstümlichen Form des Bayerischen gefunden (beide übrigens sehr intelligente und musikalische Menschen!)? Bleiben bloß wir auf der ersten Feierstufe nicht stehen, sondern kümmern uns jetzt schon um die „höheren bayerischen Weihen“. Ob die Preußen die dann auch mitmachen? Warten wir mal ab. Das Warten können wir Bayern ja eh gut, neben dem Feiern.

 

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