Hindafing – der neue TV-Kult aus Bayern?

An dieser Stelle wurde schon oft „Monaco Franze“ zitiert, über die „Münchner Geschichten“ geschrieben oder über deren Macher Helmut Dietl. Auch Gerhard Polt mit „Fast wia im richtigen Leben“ bekam eine Würdigung. Fernsehen, das uns Bayern bis heute prägt. Doch aus der Gegenwart? Was wird heute an TV-Kult produziert? Hmmm, der fränkische Tatort? Der verfiel leider nach gutem Start wieder in die Durchschnittlichkeit. Der Münchner Tatort ist solide, aber jetzt nichts unfassbar umwerfendes.

Nun hat der BR eine Serie ins Programm gebracht, die in allerlei Medien rauf und runter gelobt wird. „Hindafing“ nennt sie sich, und von der Lokalpolitik im gleichnamigen (fiktionalen) bayerischen Örtchen handelt sie.

Kurz die Story: Ein Bürgermeister in einer kleinen Gemeinde in Bayern ist Crystal Meth abhängig. Gerade ist sein Vater verstorben, ein absoluter Machtmensch, natürlich mit Schwarzgeldkonto, auf das Junior aber zunächst keinen Zugriff hat. Der Bürgermeister hat schon einen Windpark in den Sand gesetzt und sich damit gehörig verschuldet. Ein Bio-Outlet-Center soll kurz vor der Wahl die Wende bringen, aber auch hier gibt es im Verlauf der Geschichte einigen Hickhack zwischen Bürgermeister, Investor, Landrat und Gemeinderat. Dazu kommen noch ein Tross Flüchtlinge, kriminalisierende Polizisten, ein uneheliches Kind, und die im Meth-Rausch ausbaldowerten Problemlösungen, die alles nur noch schlimmer machen.

Ständig werden deutsche Serien mit amerikanischen verglichen. „Morgen hör ich auf“ wurde als das deutsche „Breaking Bad“ tituliert, was Hauptdarsteller Bastian Pastewka gar nicht gepasst hat. „Im Angesicht des Verbrechens“ verglich man mit „The Wire“. Hindafing nannte man gar das deutsche „Fargo“. Dabei kommt dann allerweil die gleiche Leier, das amerikanische TV sei so viel besser als das deutsche, blablabla. Damit glauben wohl einige Feuilletonisten, vor ihren Lesern punkten zu können, wenn sie sich besonders gut mit dem dernier cri amerikanischen TVs auskennen. Na Bravo. Dabei vergessen all diese Leute den zentralen Punkt: Was hierzulande produziert wird, ist in den allermeisten Fällen für das frei empfangbare Fernsehen gemacht. Also das öffentlich-rechtliche oder werbefinanzierte TV. Sprich: Fernsehen für alle. In den USA ist die höchste Fernsehkunst nur hinter der Bezahlschranke des Pay-TVs zu finden. Wer nicht bezahlt, ist häufig weit entfernt von der oft mittelmäßigen, aber doch soliden Qualität im deutschen Free-TV.

Das soll nicht heißen, dass man hierzulande auf Qualität verzichtet, nur leider landet man damit im Fernsehen oft auf der Nase, was RTL mit der Serie „Deutschland 83“ erfahren musste. Von Kritikern weltweit bejubelt, im TV aber nur mit mittelmäßigen Quoten belohnt.

Wagen wir kurz den Vergleich mit den US-Produktionen. Die Ortspolizisten erinnern an „Fargo“, ok. Und „Hindafing“ spielt in der Provinz. Das wars dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Einige Szenen könnte man auch aus „Breaking Bad“ rausnehmen. Wobei Crystal Meth nicht unbedingt eine Hommage an die US-Serie ist, sondern traurige Realität im bayerisch-tschechischen Grenzland. Die Männerfreundschaft zwischen Bürgermeister und Unternehmer lässt an die österreichischen Serie „Braunschlag“ denken. Etwas erinnert an die Stimmung der bayerischen Provinzkrimis wie „Dampfnudelblues“. Das holt einen wieder aufs leicht gehobene Normalniveau zurück, ist aber wenigstens kein Tatort.

Doch: Die Geschichte mit den Flüchtlingen, die Suche der Ehefrauen nach Beschäftigung, das ist dann schon nicht so häufig gesehen. Dieses scheinbar endlose sich Hinziehen von Fahrten in einer mediokren Landschaft mit Industriebebauung (ja sowas gibt’s auch in Bayern). Diese herrlich monoton wirkende Provinz. Aus der erdige Menschen mit konkreten (meist wirtschaftlichen) Ideen kommen, und kein oberflächlicher Firlefanz wie in der Großstadt. Sehr schön gemacht.

Überhaupt. Was soll die ganze Vergleicherei. Mei, muss es denn immer „das deutsche [Namen einer amerikanischen Erfolgsserie einfügen]“ sein? Es ist eine bayerische Serie und als solche muss sie aus sich heraus genial sein. Weil sie aus Bayern kommt. Bayern muss einfach groß denken. Und dieses Große im Kleinen der Provinz oder des Stadtviertels finden.

Das schafft das Drehbuch es jungen Teams von Rafael Parente, Boris Kunz und Niklas Hoffmann (Hindafing war seine Abschlussarbeit an der Münchner Filmhochschule) schon ganz gut, sehr, sehr gut sogar, auch wenn mit Klischees nicht gegeizt wird. Etwa die im Hintergrund reinregierende Partei, das hat ja auch bei „Braunschlag“ recht lustig funktioniert. Ziemlich platt als Klischee sind dagegen zwei Nebenhandlungen dargestellt. Ich will jetzt nicht zu viel verraten. Einmal die Homosexualität in einer bestimmten Berufsgruppe (wobei das gegen Ende der Serie zu sehr eindrücklichen Szenen führt), ein anderes Mal eine Fortpflanzungsmethode, die die Preußen gerne den bayerischen Hinterwäldlern vorwerfen. Also das ist dann schon ein bisschen zu viel Holzhammer.

Die Geschichte ist durchaus spannend, wobei die Cliffhanger eher komisch als nägelkauend sind. Was wirklich nervt ist der fürchterliche Soundtrack. Ein absolut uninspiriertes Gejaule, das vor Äonen vielleicht mal Jazz gewesen sein soll, den man mit Zwölftonmusik gekreuzt hat. Da haben die Macher wirklich ein gutes Mittel gegen den Serienmarathon gefunden. Nach einer gewissen Zeit muss man unterbrechen, auch wenn man wissen will wie es weitergeht. Aber diese Musik erträgt man einfach nicht zu lang am Stück. Dabei hat doch der BR als einer von wenigen oder vielleicht noch als einziger Sender Musikberater, also Fachleute, die für Beiträge das richtige Musikbett raussuchen. Und er hat Redakteure im wunderbaren Sender BR Heimat, die sich sowohl in älterer als auch in neuerer bayerischer Musik auskennen. Was hätten die da nur zaubern können… Aber das?

Ist Hindafing das deutsche „Fargo“? Nein. Damit würde ich es nicht vergleichen. Vielleicht die weniger skurrile Version von „Braunschlag“. Ist es die beste deutsche Serie? Wenn man sich die vergangenen zwanzig Jahre anschaut: Zählt dazu. Freilich hatten wir geniale Serien wie „Stromberg“ oder „Pastewka“. Im öffentlich-rechtlichen den „Tatortreiniger“. Aber „Hindafing“ hat schon einen ganz eigenen, ganz besonderen Charme. Ja, das könnte Kult werden. Und wenn die Menschen in dreißig oder vierzig Jahren sich die Serie anschauen, so wie wir heute die „Münchner Geschichten“, dann haben sie doch einen sehr guten Einblick in das Bayern zwischen Flüchtlingskrise, Provinzeinöde, Crystal Meth Missbrauch und Energiewende.

Viele Handlungsstränge haben ein offenes Ende, da muss doch noch was forterzählt werden? Sechs Teile sind wirklich nicht viel, bitte, bitte weitermachen. Und liebe Leser: Bitte fleißig anschauen. Auf der Mediathek stehen schon alle Teile bereit, ganz ohne Bezahlschranke.

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