Im digitalen Austragshäusl

Pfiadi Voixmusi! Der Bayerische Rundfunk will ab Pfingsten die Volksmusik aus dem Programm von Bayern 1 nehmen. Keine Volksmusik mehr über UKW, nur noch über Digitalradio. Das sorgt für großen Aufruhr im Bayernlande und darüber hinaus. Und das zu Recht!

Der Isarrider, alias Roland Hefter, etwa beklagt, dass sich die Omas extra ein neues Digitalradio kaufen müssen, um weiter Volksmusik hören zu können. Im Landtag gab es eine Debatte über die Entscheidung. Die Freien Wähler starteten eine Unterschriftenaktion und selbst Heimatminister Söder gab qua Amt seinen urbayerischsten Löwensenf dazu ab. Der BR musste dazu Stellung nehmen. Und auch quer brachte einen handwerklich wie journalistisch hervorragenden Beitrag (an dem sich so manche ein Beispiel nehmen sollten) zu diesem Thema. Selbst der Hörfunkdirektor Martin Wagner und BR Heimat Programmchef Stefan Frühbeis sprachen mit Kritikern in der Sendung: „Wie bayerisch soll der BR sein?“ Man merkt, Herr Wagner und seine Kollegen haben es sich mit ihrer Entscheidung nicht leicht gemacht. Sie bringen gute Gründe vor. Die man allerdings auch ganz, ganz anders sehen kann.

Welche Gründe sprechen denn dafür?

  • Immerhin schalten 110 000 Leute jeden Tag den Digitalkanal BR Heimat ein. Und 5000 klicken täglich dessen Livestream an.
  • 81,1 Prozent haben zu Hause Empfang mit dem Digitalradio.
  • Jedes dritte 2015 in Bayern verkaufte Radio war ein Digitalradio.
  • Wer kein Digitalradio hat, kann ja über Internet oder Radio-App reinhören.
  • Es sei„ein faires Angebot“, die acht Stunden Volksmusik auf UKW wöchentlich gegen 24 Stunden Heimatprogramm täglich auf dem Digitalsender „zu tauschen“, so Hörfunkdirektor Wagner.
  • Jedes Halbjahr, so informiert uns BR Heimat Programmchef Stefan Frühbeis, würden bei Bayern 1 Volksmusik um 19:00 Uhr 10 – 20 000 Hörer weniger einschalten.
  • Es „fühlt sich keiner wohl“, so Hörfunkdirektor Wagner, wenn Pop, Rock, Oldies usw. plötzlich von traditioneller Volksmusik unterbrochen würden.

Welche Gründe sprechen dagegen?

Die 110 000 Hörer am Tag wirken zunächst recht groß, sind aber wenig im Vergleich zu den 2,54 Millionen, die täglich Bayern 1 einschalten. Und allein um 19:00 Uhr sind 210 000 Hörer dabei, also fast doppelt so viele, als die, die über den ganzen Tag verteilt auf BR Heimat vorbeischauen. Und 5000 Klicks am Tag via Internet? An dieser Marke hat dieser Hobbykeller-Gratis-Blog auch schon mal gekratzt. Das wir uns nicht falsch verstehen: Dieser Beitrag soll dem Leser auf gar keinen Fall BR Heimat madig machen. Diesen fantastischen Sender sollen unbedingt mehr und mehr Leute hören. Super Entscheidung, den zu gründen! Aber was die Reichweite angeht, ist er eben noch lange kein gleichwertiger Ersatz zur UKW.

Denn 81,1 Prozent heißt auch, dass ein knappes Fünftel der Bayern keinen Digitalradio-Empfang in den eigenen vier Wänden hat. Wenn die Oma sich also endlich ein neues Digitalradio gekauft hat, dann muss sie in rund 20 Prozent der Fälle in der freien Natur Radio hören. Mei, das kann auch schön sein. Gerade im Winter.

Die Verkaufszahlen zeigen, dass zwei Drittel der Radiokäufer immer noch kein Interesse am Digitalen haben.

Nunja, Internetradio ist wunderbar wenn ich an meinem Laptop sitze. Allerdings konkurriert es da gegen Soundcloud, Spotify, der Musik auf Youtube und natürlich gegen den Wust der anderen Internetradios der großen weiten Welt. Aber wenn ich durchs Land fahre (und da nutzen ich und meine Freunde das Radio nun am aller-aller-meisten), ist die Konkurrenzsituation viel kleiner. Und so gut die Radio-App ist, beim Fahren streame ich nicht eine Stunde oder länger durch. Das mögen mein Handy-Akku und mein Datenvolumen gar nicht. Bleibt also nur die Umrüstung meines Autos auf Digitalradio. Entweder man kauft sich eines und baut es selber ein, oder man geht zum Vertragshändler. Denn Digitalradio zählt nicht zur Serienausstattung. Ab Werk zahlt man beim Golf etwa 1105 Euro! WTF??? Der DAB-Empfänger kostet 235 Euro, aber dann brauche ich noch eine komplett neue Bedienoberfläche für 870 Eumeln. Dass die Volksmusik eine so teure Geliebte sein kann…

Acht Stunden in der Woche gegen 24 Stunden täglich tauschen, das hört sich tatsächlich nach einem guten Deal an. Aber Moment mal, BR Heimat gibt es doch schon. Seit einem Jahr. Ich tausche also keineswegs. Die bereits bestehenden 24 Stunden im Digitalen bleiben, die acht Stunden auf UKW fallen weg. Oder schafft es der BR Heimat, den Tag auf 25 Stunden erhöhen? Vor so einer Leistung würde wohl selbst Sheldon Cooper den Hut ziehen! Und uns verkauft man die Entdeckung der Gravitationswellen als physikalischen Meilenstein.

Nun, dass immer weniger Leute einschalten, das ist tatsächlich ein Grund, über den sich Medienmenschen Gedanken machen müssen. Entweder die Volksmusik-Fans schalten weg – oder sie sterben weg.

Aber wie stellt man denn die sinkenden Zahlen fest? Die Quote im Radio ermittelt man durch Telefonumfragen. Eine bestimmte Anzahl Menschen im Lande wird angerufen und danach gefragt, welche Sender sie wann und wie lange hören. So eine Art der Quotenmessung zieht natürlich Kritik auf sich. Denn wer keinen Festnetzanschluss hat, der wird nicht gefragt. Aber Hand auf den Hörer: Wer hat denn bitteschön noch einen Festnetzanschluss? Kaum einer meiner Freunde. Wir haben Android oder Apple, bei uns ruft keiner an. Ergo: Was wir so hören, fließt nicht in die Quotenmessung ein.

Im Übrigen hat Hörfunkdirektor Wagner selbst im Tagesgespräch festgestellt, dass die Jugend Volksmusik einschaltet. Wenn sich das Radio also verjüngen sollte, wieso muss dann dieVolksmusik verschwinden? Mehr noch, es wird häufig auf den großen Erfolg von BR Heimat verwiesen. Nun, waren die Digitalkanäle nicht mal ursprünglich als Spielwiese gedacht, neue Sachen auszuprobieren und bei Erfolg ins Hauptprogramm zu übernehmen? Das ZDF hat das bei Neo Paradise verbockt, und nun läuft Circus Halligalli auf ProSieben. Ok, die Volksmusik werden die Unterföhringer wohl nicht übernehmen. Aber es gibt schon zu denken, wenn die dortigen Kollegen Seiler und Speers „Ham kummst“ in ihren auf Hochglanz polierten Trailern spielen.

Wer es bis jetzt noch nicht geschnallt hat, warum ich diese Zeilen schreibe, sage ich geradeheraus: Jawoll, ich höre Bayern 1 Volksmusik, und ich bin nicht allein in meiner Altersgruppe!

Meine Schwester (30) findet die Kürzung gar nicht gut. Denn sie hört gerne BR Volksmusik beim Autofahren, das sei so entspannend. Sie hat mit einigen ihrer Bekannten (alle Anfang 30) gesprochen. Einer meint: „Zum einen gefällt mir die Musik (zumindest meistens 🙂 und zum anderen find ich es schön, dass eine Stunde am Tag amal was anderes kommt als des, was jeden Tag gespielt wird.“ Sein Kumpel, ein Handwerker, findet die Stunde am Abend recht gut, um „runter zu kommen“. Auch mit einem Freund rede ich darüber. Er erzählt, dass er gerne die Blasmusik auf Bayern 1 hörte, als er Sonntags von seiner damaligen Freundin zum Mittagessen nach Hause fuhr. Immerhin über mehrere Jahre, damals war er Mitte 20.

Vor gut einem Jahr fuhr ich durch Selb mit dem Mitbewohner (21) einer Freundin. Wir zappten uns durchs Radioprogramm, ich hatte ganz die Zeit vergessen. Auf einmal tönte da Volksmusik aus den Boxen. Ich ließ es da und er gestand: „Ich hea fei scho gern Volksmusik.“ (für die Münchner: Ich höre schon gerne Volksmusik) Darauf ich: „Ich fei aa!“ (Ich auch). Nur seine Mitbewohnerin, die Freundin, die hört das gar nicht, ihr Kommentar: „Das ist ja fast so schlimm wie No Angels.“

Als ich einem Kollegen (48), einem Dortmunder, von der Entscheidung des BR erzähle, regt er sich tierisch auf. Er fürchtet, dass der BR wohl auch bald so schlimm werde wie der WDR. 1 Live und WDR 2 schaffen es doch tatsächlich, tagsüber zur selben Zeit das gleiche Lied zu spielen, die Wellen versuchen sich gegenseitig Konkurrenz zu machen (Außerdem spielt WDR 2 Manic Monday von den Bangles an einem Dienstag – Lügenradio!). Der Kollege verbringt unter der Woche viel Zeit im Auto auf der A1, mittlerweile hört er gar keine Musik im WDR mehr. Stattdessen findet er die Musik im Deutschlandfunk origineller und überraschender. Mit seiner Familie (Frau 48, Tochter 16 und Sohn 13) ist er sehr häufig in den Skiurlaub unterwegs. Auf dem Weg dorthin kommen sie durch Bayern und beömmeln sich jedes Mal, wenn sie die Ankündigungen von Bayern 1, 3 oder Antenne Bayern im Auto hören. Ständig die besten Lieder der 70er, 80er, 90er und das Beste von heute. Immerzu dieselbe austauschbare Musik. Für einen notorisch linken Ruhrpottbewohner ist seine Meinung vom BR seit Söders Auftritt bei Dahoam is Dahoam deutlich gesunken. Aber zwei Sendungen mag er. Einmal quer: „Das die sich sowas trauen dürfen!“ Und die Volksmusik auf Bayern 1. Die hören er und seine Familie regelmäßig, wenn sie durch unser schönes Land fahren dürfen.

Keiner von uns hat jemals in einer Blaskapelle gespielt. Keiner von uns war Mitglied in einer Volkstanzgruppe. Keiner von uns ist ein Trachtler. Und trotzdem schalten wir bei Bayern 1 Volksmusik ein.

Und ich selber?

Alle paar Wochen fahre ich (32) aus einer westdeutschen Großstadt heim ins gelobte Bayernland. Dabei versuche ich die Abfahrt so zu takten, dass ich spätestens um 19:00 Uhr auf der A3 an Limburg vorbeifahre. Warum? Denn dann kann ich beim Radio umschalten. Der messerscharf fokussierte Geist, den bis dahin elektronische Klänge hervorgerufen haben, weicht einer heiteren Gelassenheit, einer ruhigen Wachheit. Ab Limburg bin ich im Empfangsbereich von Bayern 1. Gerade zum Autofahren ist das die ultimative Entspannung. Dabei gefällt mir die Volksmusik aus Franken etwas besser als die aus dem Süden, die wirkt mir einen Tick frecher und fetziger. Bei den Moderationen sagt mir dagegen der Süden eher zu. So ein wunderbares Gefühl von Heimat, wenn nach Wochen des Hochdeutsch auf einmal wieder schalmeiende bayerische Worte in den Ohren klingen. Wie friedlich und freundlich da auf einmal die Welt wird. Selbst den Belgiern und Holländern, jenen automobilen Geißeln der Menschheit, zeiht man ihre elendige Fahrweise auf der A3. Bayern 1 Volksmusik trägt somit zum Weltfrieden bei! Ohooo, ich und meine Freunde, wir fühlen uns sehr wohl, wenn Pop, Rock und Co. von Volksmusik unterbrochen werden.

Eine einzige Stunde eigenständige, authentische, bayerische Musik am Tag im frei empfangbaren UKW. Fünf Sender habt ihr lieben Leute vom BR auf UKW, die 24 Stunden rund um die Uhr Programm machen. 120 Stunden am Tag sind das. Mit den 119 anderen solltet ihr doch auskommen. Aber die eine, die eine einzige Stunde originär bayerische Musik, die lasst uns doch bitte.

Aber, so das Argument, Volkmusik passt nicht ins Programmschema. Davor Pop, danach Pop, und dazwischen Volksmusik. Also nein! Diese Bruchkante muss raus, das Schema muss optimiert, perfektioniert werden. Geglättet, kantenlos, konturlos. Meine Sorgenfalten, die ich ziehe, wenn ich die Geschichte einer Familie höre, die die letzten Tage des Krieges auf einem Bergbauernhof überlebt hat: Botox drüber. Mein Bauchansatz, den ich von so deftigen Liedern wie „Fleischtag, Knödeltag, Nudeltag, Krauttag (usw.)“ bekommen habe: Abgesaugt. Meine Lachfältchen, die durch lustige Erzählungen entstanden sind, etwa über den Namen Valentin: Weggeschnippelt. Welch wunderbar geliftetes Gesicht sich mir da entgegenstreckt: so herrlich auf jung getrimmt, so herrlich austauschbar!

Ich habe mir überlegt, ob ich die Metapher noch weiter aufladen soll, indem ich Botox & Co. mit irgendwelchen Pop-Interpreten benennen soll. Aber das wäre unfair. Ich höre sehr gerne Genesis, Metallica, Daft Punk, DJ Hell, Huey Lewis and the News etc. Das ist ebenfalls wunderbare Musik. Aber die kann ich (bis auf DJ Hell) rund um die Uhr auf sehr, sehr, sehr vielen Radiowellen hören. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal. Das erhalte ich, wenn ich einfach so durchzappe. Das ist alles soooooooo erwartbar. In einem Film über den bekannten Radiomoderator Howard Stern hieß es, seine Gegner wie Fans würden ihn einschalten, weil sie wissen wollten, „was er als nächstes sagt“. Überraschung, etwas Unerwartetes, das packt die Hörer doch auch! Und Volksmusik auf Bayern 1 ist Überraschung und Unangepasstheit par excellence. Volksmusik bekomme ich nur auf Bayern 1. Neben dem Verkehrsfunk ist das die einzige Sendung, die ich gezielt einschalte.

Doch wieso sollte sich der Bayern 1 von den Wellen der übrigen austauschbaren deutschen öffentlich-rechtlichen Musiksender unterscheiden? Hmmm, nach Militarismus und Discounterfleisch sollten wir Bayern doch gelernt haben, dass wir nicht jeden Scheiß mitmachen müssen, der aus Preußen kommt. In einer Zeit, in der sich so viele Leute vor Überfremdung fürchten, sollte man den rechten deutschnationalen Hetzern eine positive, friedliche und weltoffene Tradition der bayerischen Heimat gegenüberstellen. Und den Neuankömmlingen über UKW die Integration in dieses Land zwischen Spessart und Karwendel, zwischen Mamaladnamala und Oachkatzlschwoaf erleichtern.

Ah geh, der Volksmusik-Opa, der ist einfach zu peinlich. Den können wir nicht mehr auf den Marktstand der UKW mitnehmen, der verscheucht uns ja die Kunden. Der kommt ins digitale Austragshäusl. Der darf daheim bleiben, hinterm Ofen sitzen, da hat er’s schön warm und stört niemand. Dass ihm die Kinder und die jungen Leute so gerne zuhören, das wissen wir ja nicht, denn die werden ja nicht gefragt. Aber dass die Jugend daraus ihre eigene Musik entwickelt – LaBrassBanda, Koflgschroa und das Kellerkommando lassen grüßen – das sollte uns doch zu denken geben. Vielleicht macht der Opa ja doch eine gute Figur auf dem Markt. Weil seine Musikentspannend ist. Weil sie überraschend ist. Weil sie so schön bayerisch ist. Und so schön anders, als alles übrige.

Aber was wissen meine Freunde und ich schon? Wir sind ja nur die werberelevante Zielgruppe.

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