Tschüss Dialekt

Ou wäi, hobtsas g’heat? D’Siddeitsche houds gschriem: Leit mied am Dialekt, däi wou a gscheide Sprouch nu hom, däi wern dischkriminiert. Dischgerierts amal dou driewa!

Alles verstanden? Der Norddeutsche wird den Kopf schütteln, der Franke wird sagen, die Moosbüffel wieder, und der Ober- und Unterbayer wird (wie immer) verächtlich auf das unverständliche West-Tschechich der Oberpfalz herabblicken. Nur der Schwabe sagt nix. Ein bärtiger früherer Bundestagspräsident aus Berlin hat ihm gerade erst die Fresse poliert.

Man sieht: Nicht nur wir Bayern werden diskriminiert für unseren Dialekt, die Bayern diskriminieren auch fleißig selber. Nämlich die Oberpfälzer. Und die ersetzen dann in der Fremde ihr „goud“ durch das „guad“. Wohin soll das führen, wenn schon die Bayern selber so manchen Dialekt ihres Landes nicht wertschätzen?

Dialekt hat Herz, hat Charme, Dialektsprecher wirken für mich auch ehrlicher, weil authentischer. Da ist ein Mensch, der einen Hintergrund hat. Der irgendwo Wurzeln hat. Und keine seelenlose hochdeutsche Automatenstimme, glattgeputzt und charakterlos. Dialekt vermittelt also Emotionen. Aber auch negative. Manche mögen kein sächsisch, andere kein pfälzisch.

Und genau da kommt die Diskriminierung her. Der bayerische Dialekt klingt schon gemütlich, da müssen die Bayern doch auch im Kopf etwas gemütlicher, sprich denkfauler sein. Doch das stimmt nicht. Kinder, die Dialekt sprechen, sind intelligenter. Das sieht man ja auch an den PISA-Studien. Wo gibt’s die krassen Dialekte? In Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg. Und wo kommen die schlauen Schüler her? Genau.

Zwischen klug wirken und klug sein besteht halt doch ein Unterschied. Ein Blick in die alltäglichen Talkshows der öffentlich-rechtlichen Sender beweist dies mehr als deutlich.

Ob Leute, die ausschließlich mit hochdeutsch aufwachsen, dümmer sind, weiß ich nicht. Mein bayerisches Chauvi-Ich kann es sich aber gut vorstellen. Denn warum sollten sie dann Dialektsprecher diskriminieren?

Nun fordert der emeritierte Augsburger Sprachwissenschaftler Werner König, Diskriminierung wegen Dialekts unter Strafe zu stellen. Denn es würden etwa bei Bewerbungen Dialektsprecher schon vorher ausgesiebt. Eine Sauerei. Und wenn jemand wegen seiner Herkunft nicht diskriminiert werden darf, warum dann wegen seines Dialekts? Ob dunkle Hautfarbe oder dunkle Sprache, Diskriminierung ist Diskriminierung, ou wäi ou wäi. Und mittlerweile können die Bayern schon so gut hochdeutsch, dass man sie trotz Färbung überall versteht.

Nun, ich bin kein Freund von political correctness. In San Francisco habe ich mal ein Graffito gefunden: „Political correct linguistics comes from double-speak. Double speak means word-Nazi.” Alles hinter einer Wand verlogener Begriffe zu verbergen löst das Problem nicht. Soll dann der Bayer als „Hochdeutsch herausgeforderter Mensch mit wäldlichem Migrationshintergrund“ bezeichnet werden? Natürlich sollte Menschen, die andere wegen ihres Dialekts runtermachen, eins vor den Latz geknallt werden. Aber die Lösung kann nur von den Dialektsprechern selber kommen. Diskriminiert wird nur, wer sich diskriminieren lässt. Warum watschen uns die Hochdeutsch-Sprecher so ab? Natürlich nur aus Neid, weil es bei uns Arbeit gibt, weil es hier so schön ist, weil wir so gut aussehen… Oder aus Angst vor dem Unbekannten, weil wir über eine arkane Geheimsprache verfügen, die sonst niemand versteht, wie z.B. das Oberpfälzische. Darum: Brust raus, Bauch raus, Mund auf und mit gewitztem Selbstvertrauen gredt, sua wäi oim da Schnobl gwochsn is. Oder so, dass uns die dialektal benachteiligten Menschen mit Flachland-Migrationshintergrund gerade noch verstehen.

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Ein Kommentar

  1. Worin unterscheidet sich Diskriminierung wegen anderer Sprache (Dialekt) von Diskriminierung wegen anderer Hautfarbe oder anderem Geschlecht?
    Wir wissen gar nicht, was wir da anstellen. Ich selbst bin ja auch nicht frei davon mal das Sächsische oder das Fränkische oder einen Österreichischen Dialekt zu belächeln. Seit ich aber selber täglich wegen meines Oberpfälzischen Zungenschlags menschlich „runtergestuft“ werde, habe ich dazu gelernt. Ich denke schon, dass eine Bewusstheit geschaffen werden muss, was da eigentlich vor sich geht.
    „Brust raus“ allein hilft den Schwarzen in Amerika auch nicht …
    Hubert Treml

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