Arbeit in der Kälte

Ein Gastbeitrag aus Mittelfranken

Octavian Sando füllt Nürnberg mit Musik (Foto: Nathanael Meyer/PolTec-Magazin)

Oktavian Sando füllt Nürnberg mit Musik (Foto: Nathanael Meyer/PolTec-Magazin)

Ein Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt trinken, das zurückliegende Jahr ausklingen lassen. Das Fest der Liebe feiern. Doch einige müssen arbeiten, in der Kälte. Jeden Tag im Jahr stehen sie auf, um sich ein wenig Geld hinzuzuverdienen. Flüchtlinge und Rentner häufig. PolTec hat vier Schicksale porträtiert, vier Menschen die für weniger als den Mindestlohn in der Kälte schuften.
Es ist ein kalter Dezembertag durch die Nürnberger Einkaufspassagen drängen sich die Menschenmassen. Alle warm eingepackt mit Mützen, Handschuhen und warmen Mänteln. Einige gehen hinein zum H&M, andere in edlere Boutiquen wie Betty Barclay. Vor dem Müller sitzt ein älterer gebrechlicher Mann. Er sagt nur seinen Nachnamen – Sattler, 58 Jahre alt. Er verkauft das Sozialmagazin „Straßenkreuzer“. Jeden Tag sitzt er und macht seinen Job, Winter wie Sommer, das seit acht Jahren. Man sieht ihm an, dass er friert, seine Nase ist rot angelaufen und er schnieft während des Interviews häufig. Zwei Kinder hat er, eines elf, das Ältere zwölf Jahre. Frau aber hat er keine. Das Leben, so sagt er, habe ihm nicht gut mitgespielt, es sei viel falsch gelaufen. Was genau will er nicht konkretisieren, nur soviel: „Einiges“. Ob er eine Fußverletzung habe, weil ein Krückstock neben ihm liegt, verneint er. Er erzählt, dass er die Gehhilfe benötigt, da er schon zwei Schlaganfälle hatte und letzten August ein Herzversagen. Zum Schluss sagt er noch, dass er sich lieber länger auf der Straße frisch halte, statt irgendwo zu vergammeln. Er lächelt.

Wer steckt hinter der Verkleidung? (Foto: Nathanael Meyer/PolTec-Magazin)

Wer steckt hinter der Verkleidung? (Foto: Nathanael Meyer/PolTec-Magazin)

Vor der Lorenzkirche steht eine Pantomime, ganz in Weiß gekleidet, sein Gesicht angemalt in mattem Weiß. Er lächelt, streckt seine Hand zum Gruß aus und begrüßt mich herzlich. Sein Name ist Covaci Laurentio, vor sechs Monaten ist er aus Rumänien nach Deutschland gekommen, auf der Suche nach Arbeit. Der aus Timisoara stammende Mann erzählt seine berührende Geschichte. Er, seine Frau und ihre fünf Kinder sind nach Deutschland gekommen, da es in Rumänien keine Arbeit mehr gibt. Sie erhoffen sich hier ein besseres Leben. Momentan steht er jeden Tag vier bis fünf Stunden in der Kälte, um seine Familie zu ernähren. Dies alles erzählt er in gebrochenem Deutsch, doch immer mit einem Lächeln im Gesicht.
Touristen laufen hin und her und trinken Glühwein auf dem weltberühmten Nürnberger Christkindlesmarkt. Doch gegenüber der Volksbank sitzt Okatavian Sando aus Rumänien. Er hockt auf einem Campingstuhl und spielt Akkordeon. Seit fünf Monaten ist er schon in Deutschland, auf Arbeitssuche: „Deutschland ist ein gutes Land für Arbeit“. Seine Kinder sind noch in Rumänien, aber seine Frau ist mit nach Deutschland gereist, erzählt er. Welches Lied er denn am liebsten hört, frage ich. Er scheint es nicht ganz zu verstehen, er erwidert nur, dass er am liebsten Jazz spielt. Doch sein Korb für das Geld ist fast leer.
Vor dem Eingang zur U-Bahn am Hauptbahnhof steht noch ein Verkäufer des Magazins „Straßenkreuzer“. Reinhard Semtner, 76 Jahre alt, Rentner. Jeden Tag, seit nunmehr zwölf Jahren, verkauft er dieses Blatt. Ein bisschen Geld dazuverdienen will er, da seine Rente nicht reicht. Was er davon halte, dass man alleine von der Rente nicht mehr leben kann? „Ich finde es traurig und unverständlich bei einem so reichen Land wie Deutschland“, kommentiert er nüchtern, „aber wenigstens bin ich gesund“.
Zum Schluss gibt er mir noch mit auf den Weg, dass er froh ist, im Alter noch soviel Kontakt zu haben, dabei zeigt er mit einem leicht ironischen Lächeln auf die vorbeihuschenden Leute.

Ein Artikel von Nathanael Meyer

Ersterscheinung am 19. Dezember 2013 in www.poltec-magazin.de

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