Der Franken-Tatort

„Wieso Nürnberg?“ „Wieso nicht Nürnberg?“ Ja wieso denn eigentlich nicht, das fragte man sich jahrzehntelang in Bayern. Während andere Sender der ARD im vorletzten Kaff noch Kommissare durch die Gegend trieben, produzierte der BR nur München, München, München. Sicherlich, das waren ordentliche und oft gute Tatorte, aber zu Recht kam gerade in Franken Unmut über den Wasserkopf München und den BR auf. Immerhin wurde die zweitgrößte Stadt Bayerns den Millionen und Abermillionen Fernsehzuschauern vorenthalten, die sich wöchentlich vors kriminologische Lagerfeuer der Republik versammeln.

Dabei gab es ja schon Versuche mit Regionalkrimis. Ob „Sau Nummer vier“ aus Niederbayern, ein ziemlich schwarzhumoriges Stück, übrigens vom selber Regisseur wie dieser Tatort, Max Färberböck. Ein weiterer Testlauf war „Freiwild“, ein Frankenkrimi als Tatort-Ersatz-Trostpflaster. Schön gedreht aber von der Story und den Figuren, tztztz. Das war dann doch noch keine Königsklasse, die dem kritischen Zuschauer aus ganz Deutschland zur Primetime vorgesetzt werden konnte.

So, wie war er denn nun, dieser erste Tatort aus Franken? Solide. Und gut. Sehr gut.

Glücklicherweise gabs keine krebskranken, alkoholabhängigen oder sonstig verstörten oder ulkigen Ermittler, sondern sympathische, engagierte (schon an der Grenze der Leidenschaftlichkeit) werkelnde Polizisten. Na, de zwaa bassen scho. Fremde in Franken zwar, aber das ist genauso ganz gut. Die Schießhemmung Frau Ringelhahns und das bisweilen sehr hyperaktive Vorgehen von Herrn Voss, aha, naja, mei. Zumindest ersteres hätte man sich auch sparen können. Toll, wie gut die beiden von Anfang an harmonieren und auf leidige Gewöhnungskämpfe verzichtet wird.

Das erste „Ade“ wirkte schon ein bisserl arg mit dem frännggischen Dialekt-Vorschlaghammer reingezwungen, war aber schnell vergessen, als Matthias Egersdörfer mit seinem gewohnten Zynismus und ungewohnter Poesie vom „Waldsterben“ erzählte. Zum Glück hat man sich die Bratwurst gespart. Das wäre echt zu viel gewesen.

Tolle Kameraarbeit und witzig geschnitten, gerade die Szenen mit dem Chef der beiden Kommissare, höchst vergnüglich. Schön, dass die Komik aber nicht das Hauptmotiv war, wie in manch anderen Tatorten. Interessante Ideen mit den Rückblenden. Sich derart intensiv in die jeweiligen Personen hineinversetzen können, nein, also das hatten wir schon lange nicht mehr so beeindruckend. Nochmals Lob an die Kameraarbeit! Und dieses obergruselige Einödhaus, da schauderts mich jetzt noch.

Also Spannung kam in diesem Tatort echt auf. Die Geschichte selbst? Nicht schlecht, solide eben, mit menschlichem, moralischen, aber ungezwungenem Tiefgang.

Dieses französische Lied als wiederkehrendes Motiv ok, mein Musikgeschmack wars allerdings nicht.

Die Luftaufnahmen zeigen eine schöne Frankenmetropole, allerdings ging man auch kurz auf die wirtschaftlichen Niederlagen ein, ob Quelle, Adler oder AEG. Ansonsten mag ich eigentlich Fahrbilder ganz gern, aber die waren heute schon deutlich zu viel. Zum Glück haben die Macher damit nicht damit den Film beendet, sondern mit der Aufnahme eines Hauses. Ein Verbrechen hinter den ganz normalen, alltäglichen vier Wänden. Ein Verbrechen, das so überall stattfinden könnte. Ein moralisches Vergehen führte zu einem kapitalen Verbrechen, vielleicht sollten auch wir mal über unsere Vergehen nachdenken und ihre Folgen…

Fazit: Der BR hat sich sehr lange, viel zu lange mit dem Nürnberger Tatort Zeit gelassen. Aber das Ergebnis zeigt, dass die langsam mahlende Mühle BR immer noch Preziosen hervorbringen kann.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s