Der westdeutsche Charme der Bourgeoisie in Rothenburg

Was damals wehrhaft war, wirkt heute etwas wie Schlumpfhausen im Mittelalter.

Was damals wehrhaft war, wirkt heute etwas wie Schlumpfhausen im Mittelalter.

Rothenburg ob der Tauber steht wohl wie sonst kein anderer Ort in Deutschland für touristisch konservierte Bauhistorie. Unzählig die Motive, die Rothenburg als Aushängeschild unserer Republik in die Welt getragen hat, um von einem mittelalterlichen, pittoresken, kitschigen, romantischen, kurz harmlosen Deutschland zu zeugen. Ob in Japan oder den USA, Rothenburg hat geholfen, aus dem bösen Deutschen den putzigen Deutschen zu machen. Unser Land hat durch die Westbindung enorm profitiert, in der BRD ließ es sich gut leben. Nun gibt es so viele Zuckungen des bösen Deutschen wie nie zuvor, und das nicht nur im Osten. Der Ami ist auf einmal der Feind und der Russe der Gute, die Differenz zwischen links und rechts verschwindet, gerade an den Rändern. So wie sich manche in Ostdeutschland die DDR zurückwünschen, schwelgt der Wessi in Nostalgie an das gute alte made in western Germany. Ich habe eben in diesem Rothenburg einen Ort gefunden, wo es das noch zu geben scheint.

Ich bin auf der A7 unterwegs und würde gerne etwas essen. Regelmäßige Leser wissen, dass ich dafür nicht ins Mäcki gehe oder ins KFC, was Bayerisches derfs schon sein.

Der Marktplatz

Der Marktplatz

Welche Stadt liegt an der Autobahn, na klar Rothenburg. Laut dem Buch „Genuss mit Geschichte“ soll die Weinstube Zum Pulverer sehr zu empfehlen sein. Das Auto vor der Stadtmauer abgestellt. Auf dem Parkplatz stehen einige Jugendliche und junge Männer rum, gleich nebenan ist die Kneipe Dideldum. Frauen sehe ich keine. Hm, zum Essen ist das nichts. Weitermarschiert. Auf dem Weg in die Innenstadt komme ich an der Kartoffelstube vorbei. „Deutsche Restauration“ steht an den Fenstern, Restauration nicht im Sinne von Restaurierung, sondern von Restaurant. Das Wirtshaus scheint in der Zeit von 1900 stehen geblieben zu sein. Für den Erstkontakt mit Rothenburger Gastronomie schon mal nicht schlecht. Leider aber gibt es warme Küche nur bis halb zehn, und bis dahin sind es nur noch fünf Minuten, das ist mir zu knapp. Ich durchschreite also das Rödertor, eine pittoreske Wehranlage, sogar mit Wassergraben und extra Durchgang für Fußgänger. Sowas kennt man fast nur noch von norditalienischen Orten. Danach zeigt sich eine schöne Fachwerkstadt mit Straßenschildern in altdeutscher Schrift. Die Wege sind sauber, so sauber, dass sogar die Menschen fehlen. Einen derart ausgestorbenen Ort habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Ich komme vorbei an unzähligen Touristenläden, die allerlei Dekozeugs, hochwertige und hochpreisige Küchengeräte sowie verkitschtes Heimatgefühl an Gäste aus aller Herren Länder bringen wollen.

Ich beschließe, im Sommer wiederzukommen. Die Stadt ist wirklich schön, und wenn sie belebt ist, ist die Stimmung sicherlich nicht so surreal. Um eine Ecke herum eröffnet sich mir auf einmal der Marktplatz, und da muss ich den Hut ziehen! So offen, so pompös in der Renaissance gebaut, diese Stadt kann Siena und Co. durchaus Konkurrenz machen. Wenn denn nur Menschen hier wären! Noch etwas gelaufen, und ich stehe vor dem Pulverer. Da ist aber kein Licht drin. Im Fenster hängt ein Zettel, bis 7.1. geschlossen. Je nun, der ist schon lange vorbei. Wirtshäuser und Hotels hat die Stadt zur Genüge, aber etwas, das noch um kurz vor zehn offen hat ist Mangelware.

Die Eingangshalle könnte so auch in Indiana Jones 3 für Schloss Brunwald verwendet worden sein.

Die Eingangshalle könnte so auch in Indiana Jones 3 für Schloss Brunwald verwendet worden sein.

Im Hotel Eisenhut brennt noch Licht. Ich trete in eine ordentlich auf Mittelalter getrimmte Empfangshalle. Eine ältere Dame hinter dem Tresen liest Zeitung. Ich frage sie, ob die Küche denn noch offen hat. Sie kuckt auf die Uhr. „Nur noch was Kleines“. „Bratwürste?“ „Ja das geht.“ In einer der Stuben oder Säle ist wenigstens ein Tisch besetzt, die Leute sprechen Englisch. Ich schaue mich nach einem normalen Tisch mit normalen Stühlen um, aber den gibt es hier nicht. Nur Plüschsessel, die an vergangene große Zeiten erinnern. Und Kaffeetische mit irgendwelchen alten Spielkarten und Fotos, die unter Glas liegen. Wie man da essen soll? Der Ober kommt und geht aber gleich wieder um in der Küche zu fragen, ob ich noch was zu Essen kriege. Schon wieder? Er hat kurze Haare und Koteletten, dazu trägt er eine schwarz-perlmuttfarbene Weste. Wie Ende der 60er, Anfang der 70er. Der ganze Raum scheint diese Stimmung zu atmen.

Ja, so war das damals.

Ja, so war das damals.

Auf den ersten Blick wirkt alles mittelalterlich. Dann aber merkt man an den wuchtigen, aber glattpolierten Deckenbalken, dass die Räume hier wohl vor einigen Jahrzehnten entkernt und auf mittelalterlich getrimmt wurden. In der Kaminvertiefung neben mir steht ein braun bemalter Heizkörper, sein Thermostat ist deutlich älter als 1980. Die Bar mit ihren Hockern könnte auch im feudalen Anwesen eines Krupp-Industriellen oder Hollywood-Produzenten der 60er gestanden haben. Es stellt sich heraus, dass die zwei Pärchen am Nebentisch aus Deutschland kommen. Sie reden nur meist englisch, da einer der Männer aus den USA zu sein scheint. Seine Frau, Deutsche, spricht mit perfektem US-Akzent. Ihre Art, ihr Stil erinnern mich an Anette von Soettingen, die Ehefrau des Monaco Franze. Der kühle, luxuriöse Charme der frühen 80er, damals gespielt von Ruth Maria Kubitschek, hier in Live. Vom Alter her sind die Leute schwer einzuschätzen, weil sehr gepflegt, ich denke so zwischen 45 und 55. Sie sprechen zunächst über Bayern und dann über Antiquitäten. Frau von Soettingens Beruf, weißte Bescheid!

Die Bratwurst im Stil des Historismus.

Die Bratwurst im Stil des Historismus.

Beim Ober aus den 60ern bestelle ich mir ein kleines Landwehr Toppler Pils für 3,40 Euro, das zunächst mild, dann herb kupfern schmeckt. Den Namen Toppler findet man hier übrigens öfter. Er war im Spätmittelalter Bürgermeister in Rothenburg, führte die Stadt durch wilde Zeiten und starb im Kerker.

Die fränkischen Bratwürste für 9,80 Euro sind OK, sie wirken allerdings wie in einem Wasserbad aufgewärmt. Das Kraut ist gut, das Brot auch. Die Preise sind, ja doch, gehoben. Oder einem Touristenort und einer westdeutschen Herberge für die oberen 10 000 angemessen.

Wer in der freien Welt vor Jahrzehnten von Rang und Namen war, logierte hier.

Wer in der freien Welt vor Jahrzehnten von Rang und Namen war, logierte hier.

Frau von Soettingen bestellt „nochmal sowas, ja, mit Champagner“ und stellt fest, dass die Gläser aus Spiegelau sind. „Die haben wir doch auch zu Hause.“ Selbst die Aussprache der Leute hat eine Art jovial-distanzierter Noblesse. Dann steht Madame auf und schaut sich die wall of fame an. Wer war hier nur alles zu Gast? Ein Mann am Tisch macht derweil irgendwelche schmatzend-saugenden Geräuche, daraufhin sprechen sie über den Film „Der Exorzist“. Die Dame hat derweil einiges zu Tage gefördert. Silvia von Schweden war schon im Hotel und Burt Lancaster. Gesprächsthema ist nun „From here to eternity“. Außerdem war auch „der Simmel“ da. Und Strauß. Und Churchill. „Was Churchill?“ „Ja, Churchill, und Simmel“. „Churchill, na sowas, Churchill…“ Es fallen noch Namen wie Farah Diba, Otto Waalkes, und als jüngste Vertreterin Anastasia Zampounidis, „das war so eine Moderatorin“. Ein Who is who der 50er, 60er, 70er, das wohl irgendwann spärlicher wurde. AfD, Pegida, Flüchtlingskrise, alles scheint hier soweit weg. Damals dachte man höchstens noch an die RAF. Wie seltsam erstarrt und distanziert, aber auch wie seltsam vertraut und geborgen wirkt der Einblick in diese Zeit. Der deutsche Mann versucht dem Amerikaner noch irgendwelche halblustigen deutschen Witze und Wortspiele beizubringen. Die scheinen auch aus früheren Jahrzehnten zu stammen. Ich zahle derweil und verlasse das Lokal.

Der Ober, die Einrichtung, die Gäste, hier gibt es ihn noch, den westdeutschen Charme der Bourgeoisie. Ethnologen und Anthropologen sollten rasch vorbeischauen, denn so ausgestorben die Straßen waren, weiß man nicht, wie lange noch. Zumindest vor dem Dideldum ist die Stimmung gut, mittlerweile stehen auch einige Frauen vor der Tür, drinnen spielt eine Live-Band. Ob die Rothenburger wissen, welches Reservat sie da in ihrer Stadt haben?

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