Die Gostenhofer Kerwa

Da dieses Jahr die Bamberger Sandkerwa ausfällt, die Gründe scheinen von mangelhafter Unterstützung durch die Stadt bis zum überbordenden Sicherheitsaufwand zu reichen, muss der Kerwa-Afficionado sich 2017 umschauen. Auf die Bergkerwa wollen zu wenige Leute fahren, aber ein Freund lädt mich zur Kerwa in Nürnberg ein. Ui, Kerwa in Nürnberg, das muss ja ein Riesenfest sein! Seltsam, dass ich da noch nie was von gehört habe. Etwas aufgeregt frage ich wegen der Parkplatzsituation und möglichen Straßensperren an, höre aber nur, dass alles so sei wie immer. Seltsame Kerwa. Jedenfalls ist sie in Gostenhof, dem hier schon öfters besuchten Kultviertel. Ich komme an, finde schneller einen Parkplatz in der Gegend als sonst, steige aus und folge der Musik. Und da ist sie, die gigantomanische Gostenhofener Kerwa: Ein Würschtlstand, ein Getränkestand, ein gebrannte-Mandeln-Stand, eine Bühne, kleinere Fahrgeschäfte und zwei Schnaps- bzw. Cocktailstände. Achja. Das ist wohl die kleinste Kerwa, die ich meiner Lebtag gesehen habe, und ich war auch schon auf recht winzigen Dorffesten.

Aber vielleicht soll die Kerwa auch gar nicht so groß sein, denn gefeiert wird die Kirchweih der – evangelischen Kirche. Diese verrückten Nürnberger.

Putzig gruppieren sich die Stände um die evangelische Kirche.

Zunächst muss der Magen gefüllt werden. Ich kaufe mir also Drei im Weggla für drei Euro, die passen schon. Damit stelle ich mich beim Bier an. Helles, Radler und Rotbier kosten je vier Euro die Halbe, Pfand gibt’s keins. Mit einem Radler in der Hand stelle ich mich nun wieder beim Wurststand an und kaufe mir für vier Euro zwei Fränkische Bratwürste. Die sind grob, aber auch recht fettig. Nun ums Eck zum Spielplatz. Hier treffen sich alle jungen, alternativen, hippen Eltern mit ihrem Nachwuchs. Freilich trinkt man Bier und lässt die Kleinen toben. Man ist zwar in der Großstadt, aber auch in Bayern, und deswegen ist man viel normaler als die Typen im Prenzlberg. Mit zwei Kindern holen wir Pizza bei einem Pizza-Lieferdienst. An der großen Fürther Straße wissen die Kinder schon aufzupassen, oder in ihrer Sprache: „Danger! Danger!“ Ob die wohl wie wir früher Danger Mouse anschauen? Die Pizza ist eher so 0815, aber dafür gibt’s eine große Flasche Limo mit dazu. Auf der Straße fallen uns viele Jugendliche auf, die wohl aus dem mittleren Osten kommen, sie führen sich auch nicht anders auf als die deutschen Jugendlichen. Anscheinend hat man die Flüchtlinge hier in Nürnberg dezentral unterbringen können.

Ein paar Kolleginnen testen eine große Plastikrolle, die sie in einem Wasserbecken als Giga-Tretmühle rotieren lassen. Das sieht von außen schon recht lustig aus, teilweise kommen sie gischtend gut voran, teilweise aber ist die Eigenrotation doch schneller und die Damen purzeln durcheinander. Tatsächlich wurde ein Fuß etwas aufgescheuert (man darf ja nur ohne Schuhe rein), aber es hat den Beteiligten überaus Freude bereitet und für drei Euro, was will man mehr? Endlich eine Hüpfburg, die auch Action für Erwachsene bietet. Einzig die zotigen Sprüche des Schaustellers sorgten für etwas Missmut.

Später geht’s zum Stand der Kneipe Große Freiheit. Da bekomme ich zunächst einen passablen Moscow Mule für 5,50 Euro und dann einen ordentlichen Gin Tonic. Mit Zitrone. Wegen Vitamin C und so. Auf der Bühne gibt eine Deep Purple Coverband alles, darum ziehen wir weiter zum Büdchen vorne an der Straße. Wie sich später bei der Internet-Nachrecherche herausstellt, handelt es sich hierbei um ein Guerilla-Food Lokal. Die Homepage bringt außer wohlklingenden Textblöcken aber nicht wirklich Info zum Gesamtangebot. Vor Ort sehe ich allerlei gutaussehende Kuchen in der Auslage und diverse Spezialbiere. Ich nehme ein Glas vom Weißwein, passabel. Ich hätte ihn allerdings vor den Long Drinks trinken sollen… Gerade spielt ein DJ neben dem Büdchen, leider währt dieses Hipster-Idyll nicht allzulange, schließlich muss man ja auf die Nachtruhe der Anwohner achten. Pfff, es ist Kerwa! Dass diese evangelischen nicht mal bei der Weihfeier ihrer eigenen Kirche länger Party machen wollen, tztztz.

Das Büdchen befindet sich in einem schönen Fachwerkhaus.

Als Wegtrunk nehme ich mir ein kleines Landbier der Brauerei Enzensteiner mit, das durchaus mundet. Wir begeben uns auf das Sommerfest des Musikzentrums, über einen eher dubiosen Eingang gelangen wir in einen riesigen Innenhof, oder eher Innenplatz, auf dem bunte Lichter gespannt sind und anscheinend jeder sich cool fühlende oder seiende Nürnberger vort Ort ist. Wow, so viele junge Leute an einem Ort, toll! Leider ist die Schlange am Getränkestand viel zu groß und angeblich kommt man auch nicht mehr zu den Bandauftritten rein, schade! Da hätte man früher kommen sollen.

Also nochmal zurück zum Büdchen, da genehmige ich mir noch ein Imperial genanntes Bier der Enzensteiner, dass man aber dann schon zwingen muss, also mein Geschmack ist es nicht. Für das nächste Mal sollte man wohl früher auf die Kerwa gehen, dann sich einen Stempel in diesem Sommerfest holen, beim Büdchen zum DJ dancen und schließlich zurück zum Sommerfest gehen um den dortigen Musikauftritten zu lauschen.

Wir gehen heim und dort gibt es noch das traditionelle thüringische Gericht Erdbeer-Quetsch, das genauso gemacht wird wie es heißt. Erdbeeren in einer Schale quetschen, also zermantschen, saure Sahne dazu und dann mit einer Buttersemmel essen. Außerdem verschwindet noch eine Packung Schokolade mit ganzen Haselnüssen in zwei Sekunden. Die Kerwazeit ist eben geprägt durch Völlerei.

Am nächsten Morgen schält man sich doch recht fit aus dem Bett, und nach dem Frühstück geht es wo hin? Natürlich in die Kirche. Eigentlich müsste man ja Kerwa-adäquat in die evangelische Kirche gehen, aber soweit kommt’s noch! Ich brauch Style, Baby! Und darum gehe ich in den katholischen Sonntagsgottesdienst zwei Straßen weiter. Auch hier sehe ich viele Menschen aus dem Nahen und Mittleren Osten, sogar unter den Ministranten. Es gibt Asiaten und dunkelhäutige Kinder, die zur Kommunion gehen. Tja, anscheinend stimmt der Spruch tatsächlich, dass die Ausländer die Jobs machen, die die Deutschen nicht mehr übernehmen wollen. Wie z.B. Sonntags in die Kirche gehen und das christliche Abendland retten. Die Fürbitten schlagen den Bogen zurück zur Kerwa. Denn hier beten die Katholiken für ein gelingendes Fest der evangelischen Schwestergemeinde. Und das zu Recht. Immerhin ist es schon als Zeichen der Rekatholisierung zu sehen, wenn sich die Evangelischen derart katholischen Eigenarten wie einer Kerwa und den damit verbundenen Ausschweifungen zuwenden.

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