Mit dem Kinderwagen durch Gostenhof

Mit solcherlei leckeren Wörrschd lässt sichs auch ohne Weggla leben.

Mit solcherlei leckeren Wörrschd lässt sichs auch ohne Weggla leben.

Nerrnberch gilt so manchem als das Berlin Bayerns. Abgebrannt und alternativ. Fußballtechnisch genausowenig erfolgreich, und dennoch herabblickend auf die Münchner Geldsäcke. Ok, nicht so arm wie Berlin, und wohl auch nicht so kosmopolitisch-sexy, aber trotzdem mit dem Charme eines typisch unterschätzten fränkischen Underdogs. Der zufälligerweise mit Ballungsgebiet fast eine Millionenmetropole ist.

Prenzlauer Berg/Mitte/Kreuzberg heißen hier Gostenhof und Bärenschanze. Wir haben uns passenderweise einen Kinderwagen geschnappt und sind damit ein wengerl umhergefahren.

 

Schanzen-Charme

Ein linker Laden neben dem anderen.

Ein linker Laden neben dem anderen.

Zunächst noch ohne Kinderwagen: Das Schanzenbräu kurz vor Schankschluss. Nur ein Punkpärchen sitzt drin, aber das verschwindet bald. Wir sind die letzten Gäste. Darum müssen wir ein wengerl bitten und betteln, bis wir noch eine Halbe bekommen. Und gleich zahlen. Wir trinken und bestellen noch eine. Die zahlen wir auch gleich. Dann bekommen wir noch zwei Schnitt aufs Haus (die Trinkmenge darunter gibt’s im Schanzi angeblich auch noch, die nennt sich „Maulvoll“). Die weibliche Bedienung ist sehr charmant, die männliche ist wohl die fränkische Antwort auf Conchita Wurst. Mittlerweile sitzt der Wirt dabei. Zweifelsohne der witzigste Wirt, den ich jemals getroffen habe. Mit trockenem Humor haut er einen Spruch nach dem anderen raus. So vermutet er, dass die Bedienung einen falschen Zopf habe, und ob sie sich den unter www.timoschenkodutt.de bestellt habe. Um diese Uhrzeit und in dem Teil unseres Landes war das sehr, sehr lustig. Fei echt. An die anderen Sprüche kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Weitere Gesprächsthemen sind Beschäftigungstherapien für rumänische Schwiegermütter. Multikulti-Viertel, verstehst?

So, wie schauts denn da aus: Das Schanzenbräu ist eine Mischung aus urbayerisch-fränkischer Wirtschaft, mit viel schwarzem Holz, sehr gutem Bärenschanze-Bier und diversen fränkischen Leckereien, wie Bacchus, Silvaner oder Obstbränden. Essen und Antialk kommen später. Daneben hängen aber eher sehr sehr linke Plakate drin. Und über dem Holz könnte die Wand auch mal gestrichen werden. Aber damit würde das Schanzi seinen Charme verlieren. Gemütlich, aber nicht kommerzialisiert. Sowas gibt’s halt in Franken noch, liebe Südbayern!

Um zwei wackeln wir heim, während die drei von der Bierstelle noch bis drei Uhr hockenbleiben.

Morgenstund um Zehn

Die Produktion und der Verkaufsraum sind eins, sehr sympathisch. Leider soll das alles bald in eine größere Stätte ausgelagert werden

Die Produktion und der Verkaufsraum sind eins, sehr sympathisch. Leider soll das alles bald in eine größere Stätte ausgelagert werden.

Fürs Frühstück kaufen wir uns Brezen bei Brezen Kolb. Ich bestelle drei ohne Salz und zwei mit. Die wohl türkischstämmige Bedienung packt mir erst einmal drei Brezen mit Salz ein, und dann noch welche. In eine zweite Tüte packt sie dann nochmals weitere Brezen, diesmal ohne Salz ein. „Sie wollten acht?“ und reicht mir die zwei Tüten rüber. „Nein, drei ohne und zwei mit, also fünf.“ Sie schaut mich etwas befremdet an, dann gibt sie mir die Tüte mit der richtigen Kombination. Die Brezen sind noch warm, sie kommen unten in den Kinderwagen rein.

Auf der Straße reden zwei ältere Frauen miteinander, ist es türkisch oder fränkisch? Wahrscheinlich frürkisch.

Semmeln müssen gekauft werden. Vor einer Bäckerei warte ich mit dem Kinderwagen. Zwei ältere Männer sitzen davor und diskutieren. Der eine vielleicht ein Obdachloser, der andere mit Goldringen und Halsketten behängt. Vielleicht ein ehemaliger Zuhälter? Wie aufregend!

Drei Stufen ziehe ich danach den Kinderwagen in einen Bioladen hoch. Junge hippe Pärchen und Studenten im Viertel, muss ja ein Bioladen in der Nähe sein. Der Bioladen führt neuartige Spezereien, etwa das Pilzpaket. Ein fränkisches Start-Up. Die Abonnenten bekommen damit regelmäßig etwa frisch gezüchtete fränkische Austernpilze ins Haus geliefert.

Wir gehen an italienischen Supermärkten und Dönerläden in ehemaligen Metzgereien vorbei. Neben den Gründerzeitvillen steht ein kleines Haus mit einem geschlossenen Wirtshaus, „Zur Heimat“. Gegenüber hat ein Tätowiererladen geöffnet, dessen Motive eher an Warhammer 40.000 als an Kaiser Wilhelm erinnern.

Das Weinstockwerk wird mir nicht empfohlen, da sollen nur Schnösel drin sitzen und das Achterl sieben Euro kosten. Ich habs nicht nachgeprüft, wer andere Erfahrungen hat, bitte kommentieren!

In der Nähe ist die Bar „Mops von Gostenhof“. Hier werden diverse fränkische Biersorten geführt, der 16-jährige Llagavulin kostet 6,90 Euro. Aber wir trinken nix, wir müssen ja erst noch frühstücken.

Dann fahren wir an einer Bar namens Al Pacino vorbei, aus einer Bar noch weiter gucken mich mehrere Leute (vielleicht sogar aus Kalabrien oder Sizilien, huuuu) misstrauisch an. Sind die Leute hier Freunde von Mafiafilmen??? Scarface ist ja schließlich einer der Lieblingsfilme süditalienischer Herrschaften. Andererseits wäre es vielleicht doch etwas zu offensichtlich.

Ansonsten ist das Viertel von Homöopathen und ähnlichen Heilern für Wollsocken besiedelt.

Das Kindlein quengelt, wir sind aber noch nicht daheim. Bis dahin kriegts erst einmal ein Stückerl salzfreie Breze.

Rot-Socken-Front

Die Plakate wurden gebraucht billig aus Kuba eingekauft

Die Plakate wurden gebraucht billig aus Kuba eingekauft.

Die MLPD, also die Marxistisch-Leninistische-Partei Deutschlands scheint hier die absolute Mehrheit zu haben, geht man zumindest nach den Wahlplakaten. So viel Sozialismus war ja nicht mal in Karl-Marx-Stadt. „Revolution gegen die EU ist Gerechtigkeit“ werde ich informiert. Aha. Erinnert mich an ein ähnlich gehaltvolles Graffito aus Salzburg, das eine pummelige Frau mit der Aufschrift zeigt: „Dick sein ist politisch!“ In Gostenhof steht an den Wänden: „Fick die Bullen“. Zum Glück kann das Kind im Wagen noch nicht lesen. Mein Begleiter ist amüsiert: „Da sind sie gegen den Staat, aber alle schreien nach der Mietpreisbremse.“ Ihn erinnern die Plakate an Kuba. Ansonsten sehe ich nur je ein Plakat der CSU, der PARTEI, und der Grünen.

Wir frühstücken erst einmal zu Hause, auch das Baby kriegt was gscheids zum Essen. Gegen Mittag machen wir uns wieder auf mit Kind und Wagen zum nächsten Spaziergang. Wir begegnen einer jungen Mutter mit Punkhaarschnitt und einem noch jüngeren Koch aus Sibirien, der vor einer Kirche mit Kindern Fußball spielt. Gesprächsthema Nummer eins ist die Eröffnung des neuen Spielplatzes.

Jetzt gibt’s erst einmal einen Frozen Yoghurt. Den kann man mischen mit drei verschiedenen Schoko- oder Obstsachen. Noch süßer als die Auslagen sieht allerdings die Bedienung aus.

Nachdem wir den Joghurt in der Sonne gegessen haben und ich immer stärker von den Vorteilen einer Vaterzeit überzeugt bin, gehen wir gleich nebenan in das Al Pacino. Unser Kindlein schüttet den Zuckerstreuer am Tisch um, der freundliche Ober macht sogleich sauber und kredenzt mir einen durchaus feinen Espresso.

Bei unserem weiteren Spaziergang treffen wir auf eine Eckboazn nach der anderen, die so klingende Namen tragen wie „Planungskneipe“. „Die sterben alle, weil die Gäste verrecken,“ werde ich informiert. Ich denke, wegen des fortgeschrittenen Alters der Stammgäste. „Totgesoffen.“ Die meisten Eckkneipen mit deutschem, traditionellen Namen hätten mittlerweile eh griechische Besitzer. Ein weiteres Beispiel für den Mulitkulti-Standort Gostenhof.

Multikulti schätzen die jungen Paare. Während in den reinen Familienvierteln schon um acht die Gehsteige hochgeklappt würden, spielten die Kinder in Gostenhof noch bis zehn auf der Straße Fußball. Tatsächlich könnten manche Straßenszenen aus Michael Endes „Momo“-Film herausgeschnitten sein.

Baumpfleger

Dieser Wahlspruch reißt dagegen die Massen sicherlich mit!

Dieser Wahlspruch reißt dagegen die Massen sicherlich mit!

Viele Straßenbäume und der Raum drumrum sind liebevoll gepflegt, die Szenerien erinnern fast an Mini-Schrebergärten. Natürlich mit Zäunen abgegrenzt. An einem Baum hängen sehr hoch Schilder mit der Aufschrift „Dog + Shit = Shit“. Vermeintlicher Kleinbürgermief in Alternativen-Viertel?

Die Stadt hat eine Baumpatenschaft ausgeschrieben. Wer sich um einen Baum kümmert, bekommt 75 Euro von der Stadt im Jahr und muss die ein oder zwei Quadratmeter pflegen. Und bei 75 Euro Investitionssumme im Jahr und diversen Stunden Arbeit rufen Hipster und Multikulti-Punks: „Ordnung muss sein!“

Doch wie lange hält sich das Viertel so bunt? Der große Arbeitgeber der Umgebung, die Datev, baut derzeit an einem neuen IT-Campus. Das schafft natürlich ordentlich Zukunftspotential für eine Stadt, die die industrielle Vorreiterrolle in Bayern schon vor Jahrzehnten an München abgeben musste.

Andererseits steigen jetzt auch die Mieten, und das böse Wort der Gentrifizierung lauert um die Ecke. Nunja, durchschnittlich zahlt man in Nürnberg 8,86 Euro pro Quadratmeter. Das ist immer noch für Bayern unterdurchschnittlich (9,53 Euro), aber natürlich mehr als im Rest der Republik (6,76 Euro). Gostenhof liegt mit 9,23 Euro knapp über dem Nerrnbercher Schnitt, die angrenzende Bärenschanze mit 7,18 Euro deutlich drunter.

Wir ziehen weiter, vorbei an diesen Gründerzeithäusern, ihren gusseisernen Toren, den efeuumrankten Hofeingängen, der bisweilen seltsamen Kunst in den Höfen, den alten Mercedes E-Klassen mit getönten Scheiben und bulgarischen Kennzeichen und den älteren Herren aus dem Süden, die auf der Straße debattieren. Ums Eck ist eine Freikirche. Die erschreckt die ehemals evangelische Kindesmutter. Denn die bösen Freikirchlicher haben doch tatsächlich nach dem Neujahrsfeuerwerk die Leute auf der Straße in die Gemeinderäume eingeladen. Keine Angst, die rettende katholische Gemeinde ist nur zweihundert Meter entfernt. Hoffentlich hat die rund um die Uhr geöffnet.

Franken-Zipfel

Dieses Wirtshaus hat leider zu, trotz der schönen Schriftart.

Dieses Wirtshaus hat leider zu, trotz der schönen Schriftart.

Zwei Tage später gehe ich am Mittag noch einmal ins Schanzenbräu. Die Bude ist voll, mit Menschen unterschiedlichsten Alters und unterschiedlichsten Einkommens. Der sibirische Koch ist auch da. Ich muss in den Biergarten ausweichen. Brave trinke ich eine naturtrübe Apfelschorle. Die schmeckt hervorragend oder meinetwegen herausragend. Der Hersteller zahlt seinen Bauern angeblich einen Aufpreis, damit die die fränkischen Streuobstwiesen erhalten. Dazu esse ich die besten Sauren Zipfel ever. Die (ungebratenen) Bratwürste sind nämlich grob, und dadurch besonders aromatisch. Der Zwiebel-Essig-Sud ist leicht süßlich, vielleicht ist Wein drin, ich versuche ihn noch mit der Gabel aufzuschlürfen. Das beigelegte Brot schmeckt für eine Großstadt ordentlich. Gesprächsthemen sind Habeammen, Kaiserschnitte, natürliche Geburten, Geburtshäuser und Geburten in Kliniken.

 

Im Moment ist es in diesem Teil von Nürnberg wirklich wunderbar zu leben, man hat eine Großstadt, aber keine Münchner Preise und keine Berliner Chaoten (auch wenn sich manche Plakat-Kleber gerne als solche gerieren würden). Aber dafür eine fränkisch-alternative Lebensart. Heidernei, sowas würd einem fei scho g’fall’n, gell?

Aber wie geht es weiter? Wird das Viertel gentrifiziert? Werden alle Eckkneipen sterben? Werde ich einmal einen eigenen Kinderwagen durch Nürnberg schieben? Gewinnt die MLPD die Europawahl? Diese und viele andere Fragen werden bestimmt einmal in irgendeiner neuen Folge unserer beliebten Bavaritas-Städtereisen beantwortet werden. Bis dahin, tschüssla!

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Ein Kommentar

  1. Tschüssla ist auf keinen Fall Nürnbergerisch, wenn schon, dann Bambergerisch, und dort heißt es „Adela“, aber was soll eigentlich diese sinnfreie Seite?

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