Nürnberger Südstadt – Wenn man das Herz der Finsternis ins Herz schließt

Nach einer Feier in Nürnberg fahren wir mit dem Taxi heim. Da die Wohnung der Feiernden schon voll ist, fahre ich mit einer Dame und  ihrer Freundin zu ihr nach Hause. Denn die Wohnung in der Südstadt hat zwei Sofas. Der Nachtschlaf ist gerettet. Wobei es mittlerweile eher der Morgenschlaf ist. Die Wohnung ist 65 qm groß und kostet nur 350 Euro. Wahnsinn. „Nürnberg ist dreckig und billig, Nürnberg ist eine Arbeiterstadt!“, meint die Gastgeberin, selbst Nürnbergerin. Und sie ist stolz drauf. Ich schlafe im Wohnzimmer, daneben gibt’s noch eine mit allem ausgestattete Küche, Schlafzimmer, Bad und großer Flur. Dielenfußboden, die Räume sind gut geschnitten. Äußerst gemütlich.

In the Ghetto

Am nächsten Morgen geh ich durchs Viertel um Frühstück zu holen. Und hier wird die Arbeiterstadt deutlich, oder das, was von ihr übrig ist. Überall sind geschlossene Geschäfte, unter Reklameschildern aus den 50er (!) Jahren warten nun Internet- und Telefonkartenshops auf Kunden, Dönerläden an allen Ecken und Enden. Und selbst die sind teilweise geschlossen. Der neogotische rote Backsteinturm der Christuskirche erinnert noch an Glanz und Größe aus wilhelminischen Tagen.  Damals war der Protestantismus noch eine selbstbewusste Konfession. Heute steht er alleine rum (der Turm). Einige Meter weiter finden wir das Kirchgebäude, das eher an eine Turnhalle der späten 50er Jahre denken lässt. Ein Herr nähert sich der Kirche. Sein Anzug sticht in dieser Gegend so heraus wie ein Schneemann in der Wüste oder ein Nürnberger in Fürth. Allerdings strahlt er Mitgefühl und Sympathie aus, vermutlich der Pfarrer. Gegenüber der Kirche wirbt der Orion-Shop mit dem Komplementärangebot der sinnlichen Freuden. Eine Straße weiter, Ecke Peter-Henlein-Str.,  finden wir an einem Haus Werbung für AGFA-Foto. Der Laden selbst aber hat Milchglasscheiben, auf denen groß geschrieben steht: „PROGRESSIVE STREET FIGHTING. School of Filipino Martial Arts. Fight Mentality. Anatomy of a Streetfight.“

Alter Glanz, aber nicht mal neues Bling Bling

Ein ca. 45-Jährigen Mann wackelt mit dem Rollator durch die Gegend, er hat eine Pluderhose an. So eine, wie sie alte Damen im Seniorenstift in ihrer Freizeit tragen. Auf seinem T-Shirt prangt das Logo „FC Nürnberg, Pokalsieger 2007“. Wieder der Glanz der Vergangenheit. Neben Mülltonnen steht ein Schild: „Hier kostet das Müllabladen Strafe, beim Wertstoffhof nicht.“ Daneben liegt ein Kleiner Müllberg auf dem Gehsteig, unter anderem auch ein umgekippter Fernseher, ein Wasserkocher und eine Tonne Altöl. Das Zentrum der Südstadt ist der Aufseßplatz. „Ein Platz für das selbstbewusste neue Stadtviertel“, heißt es auf einer Säule zur historischen Info. Das war also die Stimmung der Gründerzeit. Der Brunnen, der auf dem Platz steht, soll den Nürnberger Stil einer Neorenaissance zeigen. Er kostete bereits damals 250 000 Goldmark und wurde, glaube ich, von einem Schuhfabrikanten gestiftet.

Ich frage nach der Bäckerei, ein überaus freundlicher Pensionär hilft mir mit einer fränggisch‘n Weechbeschreibung weiddä. Der Bäcker ist noch gut besucht, ältere Damen essen hier Kuchen, sämtliche Nationen und sogar einheimische Franken kaufen hier ein. Den Platz dominiert aber ein Riesenklotz am Südende des Platzes, die Galeria Kaufhof. Das Gebäude steht leer.

Völker dieses Landes, schaut auf diese Stadt! Schaut auf dieses Viertel! Wie schlimm es auch kommen mag: Die Südstädter machen trotzdem weiter. Sie sind trotzdem noch Club-Fans. Sie sind trotzdem stolz auf ihr Viertel. Scheißen auf die Selbstdefinition über rein wirtschaftliche Erfolge. Der homo sapiens behält trotzdem seinen Wert, auch wenn er kein homo oeconomicus ist. Das lernt man von der Südstadt. Irgendwie schließe ich die Leute hier ins Herz.

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