Rock im Park

Ein Besuch am kultigsten Festival Bayerns. Leider ohne Musik.

Die Gäste freuen sich auf Pogo in the Fuhrer's face!

Die Gäste freuen sich auf Pogo in the Fuhrer’s face!

Am Vortag war Sommerfest in der Firma, weniger als vier Stunden Schlaf, aber egal. Die Nacht zuvor war ich auch nicht besonders zum Schlafen gekommen, aber sowas muss ein Rocker aushalten!

Also Morgenstund hat Gold im Mund, darum gehe ich erst einmal in den Penny. Da bin ich zwar sonst nie, aber es ist gleich ums Eck und der Zug nach Nürnberg zu Rock im Park wartet nicht. Dort wird ein sehr harter Junggesellenabschied gefeiert. Im Penny kaufe ich mir einen halben Liter Absolut Wodka für 9,99 und einen Tetrapack mit Apfelsaft, elf Euro zahle ich insgesamt. Muss ein guter Apfelsaft sein. Auf Rock im Park darf man keine Flaschen mit rein nehmen, nur Tetrapacks. Klar, dass sich in den Verpackungen nicht unbedingt das befindet, was draufsteht. 1,5 Liter Wasser für die Zugfahrt habe ich mir schon am Vortag gekauft. Jetzt noch schnell zum Metzger und diverse Wurstsemmeln mitgenommen. Drei Bananen hab ich auch dabei. Fast alles wird auf der Zugfahrt reingemampft. Grundlage ist immer wichtig.

Links die Tribüne, rechts der Zeppelin. Ob der auf die Hindenburg oder auf Led Zeppelin anspielt? Oder ist das nur eine sehr dicke Zigarre mit Wurstschnürpfel?

Links die Tribüne, rechts der Zeppelin. Ob der auf die Hindenburg oder auf Led Zeppelin anspielt? Oder ist das nur eine sehr dicke Zigarre mit Wurstschnürpfel?

Im Zug beim ersten Schluck aus dem Tetrapack stelle ich fest: es ist ein 1,5 Liter Karton, erlaubt sind aber nur ein Liter (bei Rock am Ring sind es gar nur ein halber Liter, aber da kam ja genügend zusätzliche Erfrischung hektoliterweise vom Himmel).

In Nürnberg nochmal im Bahnhof in den Lidl und da einen 1 Liter Tetrapack gekauft, naturtrüber Bio-Apfelsaft. Der Gesundheit wegen. Und, ganz kurz entschlossen, noch eine Dose Red Bull. Des Wachseins wegen. Auf dem Bahnsteig Apfelsaft in die Wasserflasche abgegossen, den halben Liter Wodka in den Tetrapack geschüttet und dann noch das Doserl Red Bull drauf. An einem anderen Tag käme man sich vor wie der letzte Alko-Assi (obwohl es sich ja um Bio-Apfelsaft und Absolut Wodka handelt, wenn schon zugrunde gehen, dann mit Stil!), aber heute ist es herzlichst wurscht.

SPD Stand und "Kein Bock auf Nazis". Wenn das der Führer wüsste... dass auf seinem Gelände jetzt Seat Werbung gemacht wird. Zu lustig. Der Mann im Vordergrund ist übrigens ein original Photosturzkampfbomber.

SPD Stand und „Kein Bock auf Nazis“. Wenn das der Führer wüsste… dass auf seinem Gelände jetzt Seat Werbung gemacht wird. Zu lustig. Der Mann im Vordergrund ist übrigens ein original Photosturzkampfbomber.

Die Flasche wird im Glasabfall am Bahnsteig entsorgt, für die Dose spreche ich vermeintliche Leergutsammler vor dem Bahnhof an, ob sie mein Pfand wollen. Der erste, schon ein wengerl ältere, behauptet, auch auf RiP zu fahren, der zweite nimmt es gern.

Zurück am Bahnsteig warten schon viele Schwarzgekleidete, wir steigen in die S-Bahn Richtung Stadion.

In der Bahn geht’s ganz locker zu, es herrscht eine leicht freudig gespannte Stimmung, so sehr Metaller eben Freude zeigen können. Viele Damen tragen Gummistiefel, sie erwarten wohl übles Wetter.

Wir steigen aus und marschieren Richtung Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände. Hatte ich schon erwähnt, dass das Festival auf eben diesem Gelände stattfindet? Heissa, schauen wir mal, wie viel schlechte Nazi-Anspielungen im Zuge des Artikels uns dazu einfallen (ich schätze mal bis zu zwei).

Stilleben in Asphalt.

Stilleben in Asphalt.

Am Eingang werde ich erst einmal zur Kasse weitergeschickt, weil dort mein Ticket hinterlegt wurde. Dort noch einen großen Schluck aus meiner Apfelschorle (der alkoholfreien) und meinen Rucksack abgeben. Den darf ich ja nicht mit rein nehmen. Bananen aber schon. Die stopfen und man kriegt keinen Kater am nächsten Tag. Zurück am Eingang bekomme ich für mein Ticket ein grünes Band ums Handgelenk.

Ich erhalte die Nachricht, dass die anderen Leute des Junggesellenabschieds auf der anderen Seite vorglühen. Also einmal quer durch das Festival zur Großen Straße. Das Publikum auf RiP ist unterschiedlich, wir haben die klassischen Metaller, sehr betrunkene Jugendliche, gebräunte Schönling-Bubis in kurzen Hosen, Hipster, hübsche Damen und auch Mädels, die aussehen wie aus sehr käsigem Knödelteig geformt. Hart wie Kruppstahl kommt mir keiner vor. Ein Schönling meint über einen besoffenen Herumstolpernden: „The walking dead.“ Nunja, Zombies bewegen sich eigentlich koordinierter.

Gerade spielt Amon Amarth, die hätte ich gerne gesehen, aber ich höre sie ja etwas im Vorbeigehen.

Das Band allen Übels.

Das Band allen Übels.

Auf der Großen Straße parken hunderte Autos, am Straßenrand stehen Zelte und Stoffpavillons Seit an Seit. Nach einigen hundert Metern kommt mir der Organisator des Junggesellenabschieds entgegen. Sie haben ein Sofa für sich requiriert, natürlich mit nachträglicher Genehmigung des Besitzers. Die Stimmung ist schon sehr gut. Einer ruht sich am Boden aus und nutzt eine steinerne Treppenstufe als Kopfkissen. Das ist Einsatz! Schnell sind alle begrüßt und ich muss aufholen. Außerdem sind die Reserven zu vernichten. Also bekomme ich Jack Daniels und etwas Cola in einen Becher geschenkt, im Verhältnis 1,5:1. Schmeckt sehr süß. Und deutlich besser als zu Jugendzeiten. Da immer noch einige Colaflaschen übrig sind, spenden wir diese den Eigentümern der Straßencouch.

Wir gehen zum Eingang, alles schnell ausgetrunken, nur die Tetrapacks haben wir mit. Und schon gibt’s ein erstes Problem. Ein Türsteher will mich nicht reinlassen, weil ich im Gegensatz zu allen anderen an diesem Eingang kein orangenes, sondern ein grünes Bändchen habe. Er muss erst einmal klären, ob das denn alles seine Richtigkeit hat. Ticktackticktack, hat es, also los! Wir gehen gleich zum Hauptfeld, da sollen später Disturbed, Tenacious D (die Band von Jack Black, dem lustigen dicken Schauspieler) und Volbeat spielen. Wir genehmigen uns erst einmal eine Prise Schnupftabak, Gawith wenn ich mich recht erinnere. Mei, da werden Erinnerungen an die Jugend wach! Wenn man nämlich Nichtraucher ist und auch in der Schule war, aber damals trotzdem mit den leicht anrüchigen Tabakwaren flirtete, und dabei noch bayerische Traditionen achten wollte, dann griff man zum Schmalzler. Was hatten wir für einen Taschentuch-Verbrauch! Cool war das nicht, und gut ausgeschaut hat das bestimmt auch weniger, aber es war sehr unangepasst! Eigentlich waren wir die einzig echten Punks. Naja. Zeit vorbei. Der Schmalzler reißt einen erst einmal gscheid daher, aber danach fühlt man sich heiter-benebelt, und zwar rauchfrei!

Irgendwo links vorne soll es Musik geben. Keine Ahnung.

Irgendwo links vorne soll es Musik geben.

Je nun, wir trinken erst einmal ein oder zwei Becks, vier Euro kostet eines, plus ein Euro Pfand. Leider gibt’s kein anderes Bier. Dem Junggesellen gefällt es total. „Der hat heute Feierabend“, meint einer. Die Bananen essen wir auch. Währenddessen leeren wir den Tetrapack. Selbst den gestandenen Mannsbildern kommt der Inhalt heftig vor. Liegt wohl daran, dass der Apfelsaft naturtrüb ist. Mit irgendwelchen Damen rede ich auch.

Schwarzblende

Ich sitze im Taxi. Nanu? Wo ist denn mein Rucksack? Ist es denn schon so spät, dass ich heim muss? Hab ich die anderen verpasst, die mit einem Bus heim wollten? Mein Rucksack! Den darf ich nicht vergessen! Also wieder umgekehrt. Entweder im selben Taxi oder mit einem anderen. Oder zu Fuß. Auf jeden Fall bin ich auf einmal klitschnass. Es hat wohl einen extremen Wolkenbruch gegeben.

Hart wie Kruppstahl, flink wie Windhunde, schlank wie Eisbären. Glücklicherweise habe ich keine Ahnung, wie dieses fotografische Dokument entstanden ist.

Hart wie Kruppstahl, flink wie Windhunde, schlank wie Eisbären. Glücklicherweise habe ich keine Ahnung, wie dieses fotografische Dokument entstanden ist.

Leider komme ich am Gelände bei einem sehr waldigen Eingang an. Lauter große Reisebusse stehen da. Vielleicht die Band-Busse? Der Türsteher will mich schon wieder nicht reinlassen. Ich erkläre ihm lang und breit, dass es die grünen Armbänder am anderen Eingang gegeben hat. Aber er schickt mich nur weiter. Nach einigen hundert Metern komme ich zu einer Türsteherin, die das selbe Theater abzieht und mich wieder zurückschickt. Langsam nervts, ich will doch nur meinen Rucksack holen. Der Türsteher von vorhin will mich immer noch nicht reinlassen, ich gehe langsam durch die Decke. Da erklärt er mir, dass bei diesem Eingang die Plätze der Bands seien, kein Zutritt für Normalsterbliche. Ahso. Oder um es mit Wayne’s World zu sagen: „Wir sind unwürdig!“ Nach gefühlten Stunden und tatsächlichen Kilometern bin ich auf einmal wieder am Gelände und stehe dann auf der Großen Straße. Falsche Seite! Die richtige finde ich zum Glück schneller und habe endlich meinen Rucksack in der Hand. Auf den Gedanken, dass die anderen Mitglieder des Junggesellenabschieds ja noch da sein könnten, komme ich gar nicht.

Damit habe ich wohl genau das ausgeführt, worum es beim Rock, und noch viel stärker beim Metall geht: Nämlich nicht um die Musik. Sondern um ein sehr, sehr wildes Lebensgefühl ohne Kompromisse. Und ohne an andere zu denken. Und ohne Erinnerungen. Naja. Schon ein ziemlicher Schmarrn, oder? Aber irgendwie muss man es sich ja schön reden, bei  k e i n e r  Band vor der Bühne gewesen zu sein. Zumindest nicht bewusst. Wo ist dieser Affen-Emoji, der sich die Hände vors Gesicht hält???

WTF, einfach nur WTF...

An dem Abend war man eigentlich schon hinterm Mond und wieder zurück.

Ich mache mich auf den Weg zum Bahnhof. Erst einmal zu Fuß, dann mit der Straßenbahn, in der mir freundliche Nürnberger erklären, wo ich aussteigen muss. Ausgestiegen und durch eine Straße gelaufen, die mir bekannt vorkommt. Hatte da nicht mal eine Freundin gewohnt? Egal, so durchnässt wie ich bin, geh ich lieber gleich zum Bahnhof. Da kaufe ich mir eine Fahrkarte. Jetzt fällt mir auf, dass es ja noch gar nicht so spät ist. Ich gebe also den Jungs vom Junggesellenabschied ein Lebenszeichen und erkläre die Lage. Die sind froh, dass es mich noch gibt. Ihr Abend verlief dann auch noch etwas wüst, aber sicherlich mit mehr Musik!

Weil noch Zeit bleibt, gehe ich in den Buch- und Presseladen im Bahnhof und kaufe mir in meinem Suri einen Tim und Struppi Comic. „Reiseziel Mond“. Einfach so. Die Rakete am Cover schaut aus wie eine aufgebohrte V2. Passt irgendwie zu diesem Tag.

Außerdem genehmige ich mir ein Pizzastück vom Ditsch. Davon fällt mir aber die Hälfte ins Gleisbett, warum auch immer. Auf der Heimfahrt lese ich die erste Seite des Comics ungefähr fünfmal. Und wundere mich immer noch, weshalb ich auf einmal in diesem ominösen Taxi war. Einige Tage später wird das Mysterium aufgeklärt: „Du wolltest in der Stadt Schnupftabak kaufen“ informiert mich ein Teilnehmer des Junggesellenabschieds. Aha! Ich war also in einer bestimmten Mission unterwegs! Sowas sollte man sich wohl irgendwo aufschreiben. Aber harte Rocker notieren sich nix. Die machen einfach. Auch wenn sie dann irgendwann nicht mehr wissen, was genau sie da so machen. Scheiß auf die Musik, Hauptsache man ist auf Tour!