Südliches Flair in Nürnberg

Alternatives Leben fällt in Nürnberg wohl unter Naturschutz.

Alternatives Leben fällt in Nürnberg wohl unter Naturschutz.

Nürnberg ist bekannt für Lebkuchen, für Bratwürste, vielleicht noch für Firmenpleiten wie Quelle oder der TV-Hersteller. Aber für südliches Lebensgefühl? Es ist ein warmer Sommerabend, und wir schlendern durch die Innenstadt.

Da unser Sinn nach Fleisch steht, setzen wir uns ins Block House am Hauptmarkt. Je nun, ein typisches Nürnberger Wirtshaus ist das nicht, aber man kann so schön draußen sitzen. Wir bestellen, ja was denn nun, Rib Eye? Rump Steak? Filet Mignon? Ähm. Fleisch halt.

Durchaus wohlschmeckend. Bemerkenswerterweise forderte der Block House Chef vor einger Zeit die Deutschen auf, WENIGER Fleisch zu essen. Das müsse und solle nicht jeden Tag sein, dafür aber dann auf die Qualität achten. Sehr löblich, wenn er das dann auch bitte im eigenen Unternehmen konsequent umsetzt.

Während man in Bayern ja sonst im Biergarten eher der Natur und hohen Bäumen frönt, ist hier die Stadt, der weite Platz das ausschlaggebende. Die Leute flanieren über den Hauptmarkt, überall warmer Sandstein, Holländer am Nebentisch. Ja samma da in Italien oder was?

Taghell erleuchtet ragt der Turm der Nürnberger Burg in die Höhe.

Taghell erleuchtet ragt der Turm der Nürnberger Burg in die Höhe.

Aufgegessen, noch a weng sitzen geblieben, und dann Höherem entgegenstreben! Der Burg nämlich. Hier gehen noch einige Touristen umher, aber im Vergleich zu den Touri-Hotspots anderer Städte ist es sehr gemäßigt. Von der Burgmauer gibt es einen beeindruckenden Ausblick auf die Stadt. Die wirkt von oben keineswegs mittelalterlich, sondern eher modern. Gut, die Kirchen sind beleuchtet, aber auch so manche Bürotürme.

Runterwärts zum Dürerhaus. Da muss der eingefleischte Franke jetzt ganz, ganz stark sein. Wenn Nürnberg für irgendwas weltweit bekannt ist, dann wohl für Albrecht Dürer. Und vielleicht für die Nürnberger Prozesse und Lebkuchen und Bratwürste. Aber eben auch für Dürer. Um das ganze Dürerhaus herum natürlich Wirtschaften, denn hier kommen ja die Touristen allesamt vorbei, um die Hasen- und Wiesennachdrucke zu bewundern. An diesem Platz kann der Franke einerseits Geld einnehmen, andererseits auch sich selber präsentieren. Aber was sehen wir da? Überall Augustiner Werbung. Tatsächlich wird im Herzen fränkischen Selbstverständnisses Münchner Bier ausgeschenkt. Oh du armes Frankenland!

In den Wirtshäusern schenken sie Augustiner aus, in den Buden gibt's Nürnberger Bier.

In den Wirtshäusern schenken sie Augustiner aus, in den Buden gibt’s Nürnberger Bier.

Doch so wie Dürer anno dazumal nach Venedig pilgerte, scheinen heute Gruppen aus Italien oder sogar Spanien gekommen zu sein. Keine Maler, sondern Musikanten, Straßenmusikanten, die hier aufspielen und sich auf den blanken Boden des Platzes setzen. Immerhin Lebens-Künstler. Überhaupt sitzen fast alle auf dem Platz. Am Boden! Wie im Süden. Von einer deutsch-mittelalterlichen Stadt würde man sowas doch nicht erwarten.

Wir zögern noch etwas uns da hinzufläzen, wollen uns lieber in einem nahegelegenen Biergarten treffen. Der sieht von draußen ganz nett aus, hat aber leider zu. Also geht’s wieder zurück zum Platz vor dem Dürerhaus. Die Gäste auf dem Platz holen sich riesige Bierflaschen aus einer mittelalterlichen Bude.

Am Fuße der Burg, unter einem großen grünen Baum, neben dem Dürerhaus, ein touristisches Epizentrum.

Am Fuße der Burg, unter einem großen grünen Baum, neben dem Dürerhaus, ein touristisches Epizentrum.

Das ist ein Erker, und was für einer!

Das ist ein Erker, und was für einer!

Da geh ich doch auch gleich rein, doch ohweh! Es ist Schankschluss. Wir werden nicht mehr bedient. Allerdings sagt mir der Wirt, ich könnte mir Flaschen aus der Hausbrauerei Altstadthof holen. Und die dann auf den Bänken der Bude unter einem großen Baum trinken. Ein bisserl Biergartenfeeling gibt’s also noch. Die Brauereiwirtschaft ist nicht weit entfernt, für drei Ein-Liter-Flaschen und eine Halbliterflasche zahle ich inklusive Pfand 24 Euro. Wobei das Pfand deutlich teurer ist als der Inhalt. Die Menschen aus dem Süden dürften solche Preise gewohnt sein. Das Bier schmeckt durchaus, dank der wuchtigen Flasche wird es auch in der Hand nicht allzuschnell warm. Und die Einliterflasche sieht echt, ja, männlich-mittelalterlich aus. Die Brauerei Altstadthof ist die älteste Biobrauerei Deutschlands und war nach der Stilllegung 1905 die erste Brauereineugründung nach dem 2. Weltkrieg. 1984 hatte nämlich das Neumarkter Lammsbräu die Brauerei wiedereröffnet, 1997 hat sie der auch aus der Oberpfalz stammende Braumeister übernommen. Besonderheit ist das Rotbier, das es bis 1806 neben Weißbier in Nürnberg fast ausschließlich gab. Unter bayerischer Herrschaft starb das fast aus, heutzutage braut aber wieder neben dem Altstadthof etwa noch die Brauerei Schanzenbräu ein Rotbier. Auch die Literflaschen sind ein Relikt aus der Vergangenheit, die waren bis etwa 1930 üblich. Gelagert wird das Bier übrigens gleich nebenan, in den Felsenkellern tief im Berg unter der Burg.

Wir trinken zunächst auf den Bänken, dann kommt ein Kellner und fragt, wo wir denn die Flaschen her hätten, immerhin sei das ja Fremdgut. Ich erkläre ihm, vom Wirt höchstpersönlich zur Brauerei geschickt worden zu sein, und er beschwert sich nicht mehr.

Circa zwanzig Minuten kommt der Ober nochmal und meint, nun müsse er uns aber doch vertreiben, der Biergarten werde geschlossen. Wir müssen also von unserem Tisch aufstehen und uns einen Meter weiter auf die Bank unter einem Baum setzen. Denn die Bank gehört nicht zum Biergarten sondern der Stadt. Und da können wir dann unser Bier weitertrinken. Manchmal lässt sich die deutsche Bürokratie auch gut mit bayerisch-südlicher Gemütlichkeit und Lebensart verbinden.

Der Handwerkerhof wird demnächst durchprobiert!

Der Handwerkerhof wird demnächst durchprobiert!

Auf dem Heimweg gehen wir durch die Stadt, die um diese Stunde weniger südlich, sondern wieder deutsch-mittelalterlich ist. Es kommt also doch auf die Menge und die Art der Menschen an, die auf den Straßen flanieren. Und auf die Außentemperatur. Wir sehen einen beeindruckenden Erker. Der hat was, aber mangels Wärme mag man hier doch nicht länger verweilen oder gar noch einen Wein zu dessen Füßen trinken.

Wieder zu Hause essen wir erst einmal gesalzene Sonnenblumenkerne. Und zwar die türkischen, die noch in der Schale stecken. Hier ist das Zusammenspiel von Fingern und Zunge gefragt, um den Kern rauszufieseln. Wenn man aber die Technik drauf hat, macht das Zeugs echt süchtig.

Auch am nächsten Tag geht’s türkisch weiter, wir kaufen in einem türkischen Supermarkt ein. Die Gegend erinnert durchaus an die türkischen Viertel in westdeutschen Städten. So eines gibt’s auch in München, südlich des Bahnhofs, hat da aber noch einen stärkeren Schuss Arabien intus. Der Supermarkt wirkt etwas steril, ähnlich diesen italienischen Supermärkten, die aus Großmärkten heraus entstanden sind und kaum ihr lukullisches Kunsthandwerk in die Innengestaltung übersetzen können.

Der Captain versorgt die Straße aus dem Erdgeschoß bereits zu Mittag mit elektronischen Klängen.

Der Captain versorgt die Straße aus dem Erdgeschoß bereits zu Mittag mit elektronischen Klängen.

Da mir die Nachspeise Künefe empfohlen wurde, versuche ich sie, in einem etwas gehobener wirkenden Döner Imbiss zu bekommen, gibt’s aber nicht. Also machen wir uns auf in die Innenstadt. Neben der Kirche St. Klara gibt’s ein türkisches Restaurant, das diese Nachspeise führen soll. Zunächst noch ein paar Zeilen zur Kirche. Das ist die Kirche der Jesuiten in Nürnberg. Die haben hier ein recht offenes Angebot für jeden, der da kommen mag, ob Yuppie oder Obdachloser. Der Innenraum wurde von den Architekten Brückner aus der Oberpfalz gestaltet. Die haben etwa den Umbau des Blockheizkraftwerks und des Kulturspeichers in Würzburg zu verantworten, in die Neue Zürcher Zeitung schafften sie es ebenso. Wir finden gleich nach dem Eingang eine alte Marienstatue in einer ultramoderner „Grotte“, die direkt der Matrix-Trilogie entsprungen sein könnte. Der Kirchenraum selber ist schlicht, hell, stylish könnte man sagen. Innere Einkehr lässt sich ebenfalls finden. Ein Besuch rentiert sich auf jeden Fall.

Unter dem karamellisierten Zucker oder Honig befindet sich geschmolzener Käse.

Unter dem karamellisierten Zucker oder Honig befindet sich geschmolzener Käse.

Wir sitzen nun in dem Restaurant und bestellen die Nachspeise. Ein Engländer am Nebentisch will nur einen Tee und beschwert sich, dass es keinen Süßstoff für sein Getränk gibt. Nunja. Der? Die? Das? Künefe ist ein enorm üppig süßes Desserts (für 3,90 Euro). Man könnte es mit Zuckerfäden und Honig, manchmal auch Pistazien überbackenen Mozzarella vergleichen. Käse und süß, sehr gute Kombination. Leider auch sehr stopfend, so dass wir beim abschließenden Rundgang über den Handwerkerhof keine Nürnberger Bratwürste mehr degustieren können. Aber nach dieser Beitrag über die südliche Atmosphäre Nürnbergs kommt ein Besuch der mittelalterlichen freien Reichsstadt sicher auch noch, und dann werden die Brutzelchen am Herd alle nacheinander durchprobiert!