Zerscht guggst, na hoggst!

Wie wichtig ist das Design für eine Kneipe? Ein Besuch im Nürnberger Szeneviertel Gostenhof sorgt für Klarheit.

Es gibt in Bayern drei Arten von Kneipen:

  • Und der Haifisch, der hat Zähne, und die hängt er an die Wand...

    Und der Haifisch, der hat Zähne, und die hängt er an die Wand…

    die richtigen Kneipen, die schon immer da waren oder so ausschauen als wären sie schon immer da gewesen. Im südbayerischen Raum auch Boazn genannt. Sie sind entweder Siff oder Kult oder beides. Auf die Einrichtung wird nicht  besonders viel gegeben. Hier kennt man den Wirt und der Wirt kennt die persönlichen Vorlieben. Hier geht man hin, weil man niemand Neues kennenlernen, sondern einfach nur mit den Kumpels und mehr oder weniger (meistens viel mehr) Alkohol entspannen möchte.

  • die Loungeartig eingerichteten „Kneipen“, die sich aber selbst nicht Kneipe, sondern Bar oder Lounge nennen und mit ihren dunkelbraunen Lederhockern, ihrem Nacho-mit-Dip und ihren Caipirinha-und-Cuba-Libre-Happy-Hours so absolut uninspiriert, steril und austauschbar wirken, dass mir schon beim Gedanken an sie schaudert. Hier geht man hin, weil frau das meist so schön findet oder weil man hofft, hier endlich frau fürs Leben oder für einen Abend zu finden (der Frauenfaktor ist hier tatsächlich recht hoch, der Armleuchterfaktor jedenfalls auch).
  • Die hippen Kneipen. Meist für Studenten. Oder Hipster. Die Kneipen dürfen hier sogar Kneipen heißen und sind alle nach einem Motto und einem Gesamtkonzept eingerichtet. In diese Kategorie fallen auch diese Bars und Kneipen, die sämtliches 50er Jahre Mobiliar der BRD zusammengekauft haben. Aber natürlich gibt’s noch viiiiiieeel mehr Design. Wir haben zwei solche Bars besucht, die neben den sterbenden alten Eckkneipen von Gostenhof aus dem Boden wachsen.

 

Hans Albers Gedächtniskneipe

Das Publikum ist bunt durchgemischt, einen Seebären konnte ich allerdings noch nicht entdecken.

Das Publikum ist bunt durchgemischt, einen Seebären konnte ich allerdings noch nicht entdecken.

Die Große Freiheit liegt vielleicht als Nummer Sieben auf der Reeperbahn, einen Ableger hat sie jedoch in der seit Alters her für ihre Schwermatrosen und Hochseehafen bekannten Stadt Nürnberg. Betreiber ist jedoch kein Kapitän a.D. oder St. Pauli’scher Bordellbesitzer, sondern der Wirt vom Schanzenbräu. Ist ja eigentlich auch logisch. Das Logo vom Schanzenbräu ist der Bär. Eisbär, Braunbär, Preiselbär, Seebär. Seefahrt. Seefahrerkneipe. Tadaaa.

Wir treten ein und suchen uns ein lauschiges Plätzchen am Eck. Überall Holz und Seefahrtnippes. Es wirkt schon alles angeranzt, ist aber neu. In die hölzerne Wandvertäfelung sind allerlei Portraits und Figuren anscheinend mit einem Haustürschlüssel reingekratzt, ist aber tatsächlich sehr kunstvoll. Nur ein Penis soll den Anschein erwecken, das alles wäre von Betrunkenen in jahrelanger Arbeit entstanden.

Am Nebentisch sitzen echte Rocker mit Westen einer Motorradgang. Also passt bloß auf ihr Studentenbubis, hier verkehren auch harte Jungs! Gut, dass ich früher mal Kirmesboxer war.

Darum bestelle ich auch ein Schlucki-Spezi. Ok, und ein Bier. Das Schlucki schmeckt sehr fruchtig und gut, das Bier hätte ich wohl vorher trinken sollen. Der süße Spezigeschmack lässt keinen Platz mehr für die Biernote. Die Preise sind für eine Stadt dieser Größe wirklich fair. Zum Schluss trinke ich noch eine Alte Zwetschge. Ein klarer Obstler vom fränkischen Brenner. Hmmm, kann man trinken, es gibt deutlich bessere, aber er ist immer noch weit über dem Durchschnitt.

Wir spielen Schnauz, ein Kartenspiel bei dem man 60 Cent verlieren oder den ganzen Pott gewinnen kann. In unserem Fall 3,60 Euro.

Irgendwas gewinnen oder verdienen kann man auch mit einem blauen Kasten an der Wand. Der gehört dem Sparverein. Soweit ich meinen angeheiterten Fremdenführer verstanden habe, wirft man da bei jedem Besuch Geld rein. Das bekommt man am Ende des Jahres wieder. Und aus den Zinsen feiern die Barbetreiber ein Fest für die Mitglieder des Sparvereins. Keine Ahnung, ob das so stimmt oder alkoholisiertes Seemannsgarn war.

Kein Seemannsgarn gibt’s am Klo. Dort befindet sich ein Bullauge über dem Waschbecken, in dem ein schwarz-weißer Seemannsfilm läuft. Das Klo selber trägt den Charme der ins Land gegangenen Jahrzehnte.

Mittlerweile sind die Rocker gegangen und obercoole Hip-Hopper sind an ihre Stelle getreten. Eine Dame an unserem Tisch echauffiert sich über deren jugendliches Alter, das bei näherer Betrachtung doch schon um die 20 liegen dürfte. Wir haben zu Ende gespielt und zahlen. Die nächste Kneipe wartet.

 

Zeig doch mal die Möpse

Zu Recht blickt dieser Herr ernsthaft drein, die Verkostung fränkischer Biersorten ist eine hochkomplexe Angelegenheit

Zu Recht blickt dieser Herr ernsthaft drein, die Verkostung fränkischer Biersorten ist eine hochkomplexe Angelegenheit

Der Mops von Gostenhof hat nichts mit dem Heringsgericht zu tun, und auch nicht mit weiblichen Körperteilen (liebe Männer, bitte trotzdem weiterlesen!).

Sondern mit dem den Älteren von Loriot, den Jüngeren wohl aus Internetvideos bekanntem Hundsvieh. Der Mops von Gostenhof ist auch in Generals- oder Admiralsuniform auf dem Bierdeckel abgebildet, wohl einer der witzigsten Bierdeckel den ich kenne (und ich kenne sehr, sehr viele Bierdeckel!). Vor der Türe unterhalten sich zwei Damen darüber, wo sie wohl nach ihrem Referendariat hinkommen.

Solche Decken gehören eigentlich in jedes Wohnzimmer!

Solche Decken gehören eigentlich in jedes Wohnzimmer!

Unser Begleiter wohnt zwar um die Ecke, war aber noch nie drin, weil es immer zu voll war. Doch wir haben Glück und kommen rein.

Im Vorraum die obligatorischen 50er Jahre Möbel, aber dann huiiiiii, ein Deckenfresko mit Kronleuchter. Ja, hier könnte man sich doch gar lieblich und gepflegt die Kehle anfeuchten. Wir bekommen noch Platz auf einem kleinen Podest und studieren die Karte. Es gibt zahlreiche ausgewählte fränkische Biersorten. Obwohl ich eigentlich keins mehr trinken mag, bestelle ich für 2,90 eine Halbe Leinburger Hell, weil das laut Beschreibung „läuft wie die Sau“. Tatsächlich, ein äußerst feines Bier! Erst am Schluss zieht es sich etwas. Das reichhaltige Whiskeyangebot testen wir heute nicht, und auch der Rest der Bierkarte bleibt jungfräulich. Wie schön wäre es aber, von jedem ein kleines Probiergläschen zu verkosten…

 

So, was haben wir jetzt aus dieser Beschreibung gelernt? Wenn du eine neue Kneipe aufmachst, dann mach sie konsequent. Bis in die Holzritzereien in der Wandvertäfelung, dem Klobullauge und dem Bierdeckel. Liebe zum Detail. Ja, jeder will ein Individuum und was Besonderes sein (für den Lieben Gott seid ihr das sowieso, geneigte Leser!), selbiges gilt natürlich für die Lieblingsbar. Wenn dazu noch das Angebot aus sehr guten regionalen Produkten zu fairen Preisen besteht, dann steht dem Erfolg (der natürlich die Freude und Zufriedenheit des Gastes ist), nichts mehr im Wege. In diesem Sinne, Prost!

Übrigens riecht es weder im Mops nach Hund noch in der Freiheit nach Fisch.

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