Der fantastische Realismus in Viechtach

Aus der nobelpreisgekrönten Literatur Südamerikas kennt man den „magischen Realismus“. Ob Mario Vargas Llosa in Peru oder Gabriel Garcia Marquez in Kolumbien, die Autoren haben die unheimliche Kraft und Macht des undurchdringlichen Urwalds, das schiere Bersten vor Leben und die permanente Anwesenheit der Todesgefahr, das Fressen und Gefressenwerden, das heiße, leidenschaftliche Lieben mit den Traditionen und Ritualen der katholischen Kirche, dem Aberglauben der Landbevölkerung und teilweise auch mit dem militärischen Geist in der Gesellschaft verbunden und daraus Weltliteratur geschaffen.

In der Gläsernen Scheune vermischen sich Mensch und Natur, Sage und Geschichte.

Sagen und Legenden gibt’s bei uns auch. Genauso wie eine katholische Kirche. Und he, sogar einen Wald. Nämlich den Bayerischen Wald. Machen wir uns auf, in ein mystisches Bayern aus dunklen, leuchtenden Farben. In ein Bayern voller Leben und Tod. Einen nobelgepreisten Schriftsteller haben wir nicht, aber dafür einen anderen Künstler. Einen Glaskünstler. Rudolf Schmid. Und einen Zauberort: Die Gläserne Scheune.

Das Bauwerk verspricht außen einiges, innen ist es aber noch viel eindrucksvoller.

Als ich ein kleiner Junge war, da verschlang ich jedes Sagenbuch, das mir in die Hände fiel. Hinter der sichtbaren Welt noch eine weitere zu finden, die vollgepackt war mit historischen Ereignissen, ob Raubrittertum, 30-jährigem oder Hussitenkrieg, Mord und Totschlag, Habgier, Edelsteinsuchern aus Italien oder der Pest, aber auch Fabelwesen wie Hexen, Drachen, Zwergen. Das, was in der Heimat nach Flurbereinigung und Zersiedelung noch übrig war, bekam auf einmal einen besonderen, geschichtlich weit zurückreichenden Tiefgang. Ein Buch handelte vom Mühlhiasl, dem Propheten des Bayerwaldes. Zugegeben, nicht meine Herkunftsecke, aber die Geschichte war doch sehr faszinierend. Die Geschichte eines Mannes, der an einer Zeitenwende lebt, nämlich um 1800. Einer Zeit, als das alte Reich mit seinen festen Gewissheiten verschwand, und eine neue Epoche begann. Der Mühlhiasl stammte aus einfachen Verhältnissen, war in einem Kloster angestellt, sagte dem Abt die Zukunft voraus, lernte in der Glasbläserei das kostbare Rubinglas kennen und sprach von allerlei Kriegen, die uns bevorstünden, wenn ein „stählernes Ross“ durch den bayerischen Wald zöge.

Der Stammbaum der Familie.

Noch besser als die Geschichte waren aber die Bilder in dem Buch. Denn die stammten allesamt aus der so genannten Gläsernen Scheune. Eine Scheune, über und über ausgestattet mit detailreichen Holzschnitzereien und farbigsten Glasmalereien. Da musste ich hin! Und nur knapp 25 Jahre später war es dann soweit. Durch Viechtach muss man erst einmal durch, mehrere Wohnviertel passieren, und dann, außerhalb des Ortes, steht sie da: die Gläserne Scheune. Wobei, so viel Glas seh‘ ich gar nicht. Sondern einen großen, gemauerten Turm, auf den ein großes bärtiges Gesicht gemalt ist. Das wird wohl der Mühlhiasl sein. Der hat eine schwarz-rot-goldene Augenbraue, die europäische Flagge im Auge und darunter eine Träne mit bayerischem Wappen. Wie lässt sich das deuten? Europa im Blick, Bayern im Herzen, hmmm, bei Deutschland kann man wohl nur die Augenbrauen hochziehen. Offiziell ist es wohl ein positiver Kommentar zur deutschen Einheit.

Dahinter eine Scheune aus Holz und Stein. In der Mitte ein Parkplatz, linkerhand eine Baustelle. Am Eingang finden wir den Stammbaum der Familie Schmid, die allerhand Künstler hervorgebracht hat. Bei einer recht patenten, älteren Dame bezahle ich den Eintritt, fünf Euro. Sie ist die Frau des Künstlers, Margarete Schmid, und kommt gleich hinterher und fragt, ob ich noch irgendetwas zur Scheune wissen will.

Das Rauhnachttor ist mit 3,80 x 3,50 m ein wuchtiges Portal in die Sagenwelt des Bayerwaldes.

Die möchte ich mir aber zunächst alleine anschauen. Zumindest erfahre ich, dass die Scheune 2017 40-jähriges Jubiläum feiert. Sie konnte mit einem Kredit des Sohnes, der damals bei der Marine war, gekauft und realisiert werden. Der Sohnemann hat etwas surrealistische Bilder ausgestellt, die irgendwo zwischen HR Giger und Salvador Dalí changieren, soweit ich das in meiner Banausenhaftigkeit beurteilen kann. Eine Wand aus Glasbausteinen hat er richtig schön umgebaut.

Die Geschichte des Wolfs von Gubbio. Draufklicken und durchlesen!

So aber nun zum Rundgang. Zuerst finden wir hier einen großen Stamm auf einer gepressten Kugel. Das ist der Schwindelbaum, der auf die Erde drückt. Die Welt, die unter der Lüge zu leiden hat. Dahinter finden wir auf einem großen Glasbild die Geschichte des Räubers Heigl, der zwischen Böhmen, Viechtach, Landshut und Straubing sein Unwesen trieb. Als man ihn fasste, verurteilte man ihn zum Tode. Doch das Volk schrieb an den König, um ihn um Gnade zu bitten. Und der erhörte das Volk und wandelte die Todesstrafe in eine Haftstrafe um. Dort wurde er allerdings von einem Mithäftling erschlagen.

Im nächsten Raum sehen wir nur einen Dachbalken, auf dem eine Sagengestalt hockt, die in den Glasbläsereien ihr Unwesen treibt. Und eine Tür. Nein, ein Tor. Das vielleicht unfassbarste Tor, das je ein Mensch gesehen hat. Die Rauhnacht stellt das 30 Zentner Ungetüm dar. Rauhnacht. So hieß eines meiner Sagenbücher. Rauhnächte, das sind die Nächte zwischen Weihnachten und Neujahr, also jene Zeit, in der der Winterwind ganz besonders kalt pfeift. Jene Zeit, in denen Magie, Hexen, Geisterwesen, Teufelsbeschwörungen, wilde Jagden, Schatzsuchen, kurz: alles Obskure, Dunkle, Vorchristliche möglich war. Diese Vorstellungen erwachsen aus dem Holz des Tores, werden lebendig, ziehen einen hinein in diesen Strudel. Wir durchschreiten das Portal. Und stehen im Hauptraum.

Linkerhand finden wir die wirklich zu Herzen rührende Geschichte des Wolfes von Gubbio, den der Heilige Franziskus zähmte. Den Bilderzyklus hat Rudolf Schmid für eine Kinderkrankenhauskapelle geschaffen. Leider riss ein Fenster, also musste er das alles noch einmal anfertigen. Die erste Version hängt nun hier.

Die Bilder der Lebensgeschichte des Bayerwaldpropheten ziehen einen hinein.

In der Mitte das Hauptwerk. Die Lebensgeschichte des Mühlhiasls. Detailreiche Zeichnungen, fast in einem farbenfrohen Comicstil, fantastisch, realistisch aber visionär, leuchten durch das Glas. Schmid spannt den Bogen zwischen den bunten Bildern der legendenumrankten Vita und seinen in schwarz-weiß gehaltenen Weissagungen, die an eine dystopische Zukunft erinnern. Und ein Plädoyer für die christliche Achtsamkeit vor der Schöpfung sind. Wow! Vom Band kommt die Erzählung seines Lebens. Keine professionellen Sprecher reden da, was bisweilen lustig, aber auch volksnah klingt.

Die Visionen mahnen ein gelebtes Christentum an, bevor es zu einem wie auch immer gearteten Kollaps von Ökosystem und Gesellschaft kommt.

Am Ende der Tour kommt noch einmal Frau Schmid auf mich zu. Sie erzählt, dass ihre Großmutter aus Hundsbach kam und zeigt mir einen Grasrupfschein aus Waldsassen. Ja, arme Leute mussten sich eine Erlaubnis kaufen, Gras von Gemeindeflächen zu rupfen, die sie dann an ihr Stückl Vieh verfüttern konnten. Das sind Geschichten in der Geschichte! Außerdem zeigt sie mir alte Bilder, wie das früher einmal war, da am Land. Ich erfahre, wie ihrem Mann einen Tag vor der Hochzeit gekündigt wurde, weil er sich nichts sagen lassen wollte. Im Laden kann man sogar ein Buch über sie kaufen.

Ich verlasse die Scheune. Die 25-jährige Wartezeit hat sich gelohnt. Ein beeindruckender Bau.

Ein Ausschnitt aus dem El Cid Zyklus.

Draußen sehe ich einen älteren Herrn mit einem Strohhut auf dem Kopf an der Baustelle werkeln. Er klatscht Mörtel gegen den Eingang. Es ist Rudolf Schmid himself. Ich gehe hin und rede mit ihm. El Cid, das spanische Nationalepos soll das neue Haus einmal darstellen. Die Glasbilder sind jetzt schon drin. Ab Ende September soll es zumindest besichtigungsfertig sein. Aber nun sei er 79 Jahre alt und müsse sich nicht mehr beeilen, meint Schmid. Er erzählt mir, wie er den Passauer Bürgermeister angeranzt habe, als dieser den Bayerischen Wald als Bayerisch Sibirien bezeichnet habe. Denn das sei eine Beleidigung für die Region, aber genauso für Sibirien, das als Negativ herhalten muss. Am Schluss empfiehlt mir Schmid noch den Gläsernen Wald bei Weißenstein, den er ebenfalls gestaltet hat. Besonders schön soll er im Winter sein, da sich die farbigen Glasbäume von der weißen Kristallwelt abheben. Sein Sohn ist ebenfalls Künstler, mit Ausstellungsreihen in Amsterdam, Paris, Florenz, Prag – und eben Viechtach. Für Schmid ist Viechtach das Zentrum des „fantastischen Realismus“, viele Präsentationen kämen hierher.

Die Geschichte des Mühlhiasls in ihrer Gesamtheit.

Mei, da kommt so ein Künstler daher, in dieser wunderschönen, aber auch harten Landschaft, und baut sich da eine Gläserne Scheune hin. Was wohl die Alteingesessenen damals von ihm gehalten haben? Ein christlicher, vielleicht nicht allzu kirchlicher Künstler, mit einem bayerischen Sturschädel, der voller Visionen ist. Und aus dieser Gläsernen Scheune wird nicht nur eine Arche, ein Archiv für die Sagenwelt des Bayerischen Waldes. Sie wird auch Kern für etwas Neues, Innovatives, dafür, die Heimat mit neuen Augen zu sehen. Für diese Kunst gibt es vielleicht keinen Nobelpreis. Aber sie zeigt doch, dass wir den Herrschaften aus Südamerika mit ihren leidenschaftlichen Büchern in Nichts nachstehen müssen. Für den fantastischen Realismus braucht man kein Kunststudium, um das Werk halbwegs zu deuten oder zu entziffern. Jedes Kind kann die Bilder verstehen. Aber dennoch packen sie einen und führen in eine ganz andere, wilde, dunkle, buntschillernde, faszinierende Parallelwelt. Ja, das war das Bayern, bevor die Moore trockengelegt wurden, die Flure bereinigt und zu Industriegebieten ausgewiesen wurden, bevor Maismonokulturen totgespritzt und die Kirchenglocken wegen Ruhestörung stillgelegt wurden. Ein Bayern, in dem noch Raum war für Träume, Visionen und Leidenschaft. Freilich, es war auch ein unzivilisierteres, wüstes Bayern. Aber es ist Teil unserer DNS. Ein Spiegel unserer Vergangenheit, in den wir öfters blicken sollten, um zu wissen, wer wir sind. Auch in uns schlägt das Herz des Dschungels, nicht das des südamerikanischen, aber das seines geistigen Verwandten, des Bayerischen Waldes.

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