Der politische Aschermittwoch in Vilshofen

Oben weiß-blau, unten rot, ob das zusammen passt?

Wer an den politischen Aschermittwoch denkt, dem kommen zuerst Passau und die CSU in den Sinn. Vielleicht noch etwas detaillierter Stoiber und Strauß, manchen gar die Reportage „Bayern, Bier und Politik“ oder die Nibelungenhalle. Nur die ganz gewieftesten hören oder lesen in den Berichten darüber genauer hin und erfahren, dass es politische Aschermittwoch-Reden auch in anderen Orten wie etwa Vilshofen gibt. Dort tritt etwa eine Partei auf, die man in Bayern quasi zwischen Grünen, FDP, Freien Wählern und ÖDP ansiedelt, die Bayernpartei. Und wer noch ganz tiefer geht, der erinnert sich an die SPD. Tatsächlich, die gibt es noch in Bayern. Obwohl sie manchmal in Deutschland regiert, wird über sie immer erst an zweiter Stelle berichtet. Denn die CSU in Passau gilt immer als das Original, als größere Veranstaltung mit deutlich mehr Stimmung.

Aber Passau war nicht der ursprüngliche Ort der Aschermittwochs-Kundgebungen, sondern Vilshofen. Hier gab es seit 1580 einen Vieh- und Pferdemarkt, in dem die Bauern zusammenkamen und auch allerlei Themen diskutierte, seit dem 19. Jahrhundert auch die königlich-bayerische Politik. 1919 rief der Bayerische Bauernbund hier zu Kundgebungen auf. 1933 ging erstmals die KPD (ausgerechnet) in den Keller der Brauerei Wolferstetter. Während der Nazizeit war erzwungenermaßen Pause, 1948 fing die Bayernpartei mit dem politischen Aschermittwoch wieder an. 4000 Menschen waren da vor Ort. 1952 war die SPD erstmals im Wolferstetter Keller vor Ort. 1953 kam auch die CSU dazu, damals mit dem Redner Franz Strauß (noch ohne den Zusatz Josef). Die zog 1975 nach Passau in die Nibelungenhalle um. Die SPD und die Bayernpartei blieben in Vilshofen, die SPD ging 2011 auf den Festplatz.

Das Bier finde ich würziger als die Sprüche.

Weil die CSU wohl das größere Spektakel, die deftigeren Reden und die alkoholisiert-enthusiastischere Stimmung hatte, zog sie über Jahrzehnte die meisten Fans an. Doch Wunder oh Wunder, 2017 sollte alles anders werden. Die bislang malade SPD hatte einen neuen Schwarm namens Martin Schulz, und satte 5000 Leute waren vor Ort. In die Dreiländerhalle in Passau zur CSU passen feuerpolizeilich leider nur 4100, weswegen auf einmal in Bayern, ja genau, in unserem schöne Lande, die SPD größer war als die CSU. Wie alt muss man werden, um so etwas noch einmal erleben zu dürfen? Oder zu müssen. Freilich ist da die CSU nicht begeistert und spricht von gefühlt 10 000 Besucher (O-Ton Scheuer Andi), aber seit Trump wissen wir ja, dass gefühlte Wahrheit oft nix anderes ist als Fake News.

Besuchen wir also den Aschermittwoch der SPD. Keine Angst liebe CSU, bei dir werd ich auch irgendwann einmal vorbei schauen.

Immer noch ein ungewohnter Anblick: SPD und bayerisches Wappen.

Das Festzeltgelände liegt etwas außerhalb der Innenstadt, vor dem großen Bierzelt steht schon eine Armada an Übertragungswagen. Bevor wir ins Zelt gelangen, werden wir erst von der Security abgetastet, ob nicht irgendein gefährlicher Gegenstand dabei ist. Im Zelt selbst ist es schon recht warm, was mich wundert, da Bierzelte in der Früh meist eisig kalt sind, siehe Oktoberfest. Aber hier heizt ein großes Gebläse, und die Musik läuft auch schon. Die schönsten Hits der Österreicher, von EAV – Lederhosenzombie bis Wia a wuids Wasser. Kein Wunder, immerhin besuchen schon seit vielen Jahren Abordnungen der SPÖ diesen Aschermittwoch. Heute sollen es gar 1000 Ösis sein, und weil ein Ruck durch die deutsche SPD ging, will gar der österreichische Bundeskanzler Christian Kern herkommen und eine Rede halten. Die AfD versucht zu kontern und stellt in Osterhofen neben Frauke Petry einen ungesund aussehenden HC Strache auf die Bühne. Petry wird erwähnen dass sie evangelisch ist (schwerer Fehler im katholischen Niederbayern) und einen Wikipedia Artikel zur Fastenzeit vortragen (die ist übrigens auch katholisch, genauso wie der Aschermittwoch, mei diese Ostdeutschen wissen auch gar nix mehr über Konfessionen).

Zurück nach Vilshofen. Noch vor dem eigentlichen Publikumseinlass kommt ein Urbayer mit weißem Rauschebart und voller Trachtenmontur ins Zelt. Also ein Journalist scheint mir das nicht zu sein, auch kein Ordner, ob ihn die SPD eingekauft hat, weil es schönes Bild ist? Gegen diese These spricht, dass er sich wenig bildgewaltig an den Rand setzt. Ansonsten sind vor allem aus Österreich viele in Tracht, manche gar ganz hipsterig aus Wien mit platinblond gefärbten, gegelten Haaren. Das ist eine Mischung, da haben uns die Ösis deutlich was voraus. Deutsche sind auch da, einer reiste gar mit einer Gruppe aus Rotenburg an der Wümme an, immerhin 768 Kilometer entfernt meinte er. Unter den Besuchern herrscht eine hoffnungsvolle, zuversichtliche Stimmung, der sogenannte, durch Fakten nicht erklärbare Schulz-Effekt. Andere wiederum sehen aus, als ob sie vom jahrzehntelangen Versuch mit der SPD in Bayern Politik zu machen gezeichnet wären. Es könnten aber auch mit allen Wassern gewaschene SPÖ-Apparatschiks sein.

Der Einzug der roten Helden wird mit allerlei medialem Tamtam begleitet, das Publikum rastet so aus, wie Sozen es halt maximal können.

Mittlerweile hat eine Blaskapelle zu Spielen begonnen, auf ihren Notenpulten prangt das bayerische Wappen, das bringt man so gar nicht mit der SPD in Verbindung. Allerdings hat die Bayern-SPD auch das Wappen mit der bayerischen Krone oben drauf in ihrem Logo. Kleiner Tipp: Wenn sie sich wieder zur königlich-bayerischen Sozialdemokratie bekennen würden, könnten sie auch mal was reißen hierzulande.

Um 9:21 Uhr spielt die Kapelle ihr erstes Prosit der Gemütlichkeit. Aber kaum einer singt mit. Na da sollten sie sich bei der Stimmung was vom Oktoberfest abschauen. Das Bier stammt von der Brauerei Wolferstetter, ist leicht herb-metallisch, frisch, wenig würzig, durchaus trinkbar, auch ein paar davon dürften ohne Probleme süffig sein. Ausgeschenkt wird übrigens ins Halbe-Krügen.

Gegen zehn folgt die Begrüßung durch den SPD Chef und Bürgermeister der Stadt Vilshofen, Florian Gams, er weist auf die Generalkonsule aus Russland, den USA, Ungarn und weiteren Ländern hin. Wow, der politische Aschermittwoch als internationales Ereignis. Draußen kommen derweilen Martin Schulz, Christian Kern, der Bayern-SPD-Chef Florian Pronold und der bayerische Fraktionschef Markus Rinderspacher an. Die Begrüßung während des Einmarschs ins Zelt könnte durchaus enthusiastischer sein. Naja, selbst für einen Martin Schulz ist es schwierig, ihnen die jahrzehntelange Underdogmentalität und darausfolgende Zurückhaltung auszutreiben.

Nach den Grußworten durch Christian Flisek, dem niederbayerischen SPD-Vorsitzenden (der allerdings ziemlich hochdeutsch spricht) und dem Chef der Salzburger SPÖ ist Florian Pronold dran. Bei seiner Rede merken wir, woher die Zurückhaltung der Sozen kommt. Inhaltlich eigentlich gar nicht so schlecht, aber wie wird die denn vorgetragen?! Da möchte man die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, damit gewinnt die SPD weder Wählerstimmen noch einen Blumentopf. Gut, dass Pronold sein Amt dieses Jahr zur Verfügung stellt, liebe SPDler, wählt doch bitte mal einen kernig-gestandenen Bayern zum Chef. So eine Außenwirkung zwischen Gymnasiums-Schülersprecher und House of Cards Mentalität ist keine gute Mischung.

5000 Leute im Zelt lauschen der Rede Christian Kerns (gutangezogener weißer Fleck im Hintergrund über der Glatze des Ordners).

Wie anders ist da Christian Kern. Er stellt sich als Vorband von Martin Schulz vor, ist aber ein charmanter Österreicher par excellence und heimlicher Showhöhepunkt. Ich glaube, dieser Mann ist der bestangezogene Politiker der Welt, noch besser als Christian Lindner. Perfekt sitzendes strahlendweißes Hemd, dunkler Anzug und Krawatte, ebenso perfekt sitzend. Da könnten sich sogar die James Bond Einkleider noch was abschauen. Seine Rede ist solide, „staatsmännisch“ wie er meint. Er schimpft auf die FPÖ. Vor seiner Rede kommt ein Werbevideo für den „Plan A für Österreich“, sehr schön gedreht und geschnitten. Ja, davon können wir uns in Bayern noch was abschauen. Ausgerechnet von den Ösis. Dass dieser Plan Steuervorteile für Unternehmen vorsieht, die Österreicher lieber einstellen als Ausländer (wozu wir Bayern in Österreich zählen (obwohl es ja mal zu uns gehörte und dialektal immer noch gehört)) und die bayerische Regierung darüber gar nicht glücklich ist, steht auf einem anderen Blatt. Trotzdem: Die Österreicher kommen zu uns, um hier einen politischen Aschermittwoch zu erleben. Das lernen sie halt dann von uns.

Als Höhepunkt hält Martin Schulz seine Rede, sie ist gut, feuert an, ja, eine echte Wahlkampfrede ist das. Ein junger Bayer mit Hut, geschminkten Augen (die Jusos in Bayern sind halt einfach anders) und riesiger Juso-Fahne klopft diese zustimmend gegen das Zeltgestänge, dass das ganze Zelt dröhnt. Die Leute halten Schilder mit der Aufschrift „Zeit für Martin“ und „Jetzt ist Schulz“ hoch. Inhaltsleer wie der Wahlkampf bisher, aber anscheinend funktioniert es – noch. Die anwesenden Fans jedenfalls sind begeistert, tun sich allerdings auch schwer, klar zu benennen, was denn nun inhaltlich anders bei Martin Schulz sei.

Erste Leute gehen schon während seiner Rede. Denn danach kommen ein paar Schlussworte der SPD-Generalsekretärin Natascha Kohnen und dann ist nach einem Bad in der Menge für Schulz schon Schluss. Ein paar Fans sammeln noch SPD-Fahnen und die Schulz-Schilder, es ist erstaunlich, wie schnell das Zelt wieder leer ist. Und das um 13:00 Uhr. All das Brimborium für einen Vormittag politische Reden. Na, wenigstens können dann die Leute am Nachmittag in die Kirche in den Aschermittwochs-Gottesdienst gehen. Außer dieser evangelischen Petry, die schieben wir ab in die Zone.

Die Buttons sind aus. Daneben gab es im SPD Fanshop noch Toaster, Plätzchenformen und Waffeleisen mit SPD Logo, und natürlich allerlei Martin-Schulz-Devotionalien.

Reporter interviewen noch Markus Rinderspacher und Florian Pronold. Johanna Uekermann, die deutsche Juso-Vorsitzende und Straubingerin soll zwar da sein, ich kann sie aber nicht entdecken. Besonders happy ist sie ja nach der Listenplatzvergabe für die Bundestagswahl ja nicht mit ihrer Partei. Ein Tisch ist noch gefüllt, da scheinen sich die Lokalpolitiker ganz wohl zu fühlen. Sie sprechen ordentliches bayerisch und haben schon mehr als ein Bier. Ahhhhh, für die ist das wohl der schönste Frühschoppen des Jahres. Und wenn man dann noch größer ist als die CSU, da kann man auch als Sozi in Bayern glücklich sein.

Wir ziehen auch von dannen und wollen in der Stadt noch was essen. Unsere erste Station ist das Wolferstetter Gasthaus. Davor weist ein Schild auf den politischen Aschermittwoch der Bayernpartei hin. Ooooooch, das Original. Wir gehen rein, in der Wirtsstube ist es aber voll, die Bedienung schickt uns hoch in den Saal. Dort sitzen noch ein paar Bayernparteiler herum. Eher die von der Jugend. Die schauen erst einmal wie ein Auto was da für Leute reinkommen. „Seids ihr vo da SPD???“ ruft uns einer in einem leicht angriffslustigen Tonfall zu. Die Sozen gelten hier wohl noch als Kommunisten. Wobei der Hauptfeind laut Parteimagazin „Freies Bayern“ klar die CSU ist. Der Kellner hier oben meint, es gäbe nix mehr, also müssen wir uns ein anderes Lokal suchen. Schade, irgendwann will ich mir deren Reden auch mal anhören.

Übrigens: Der Wolferstetter Gasthof gehörte früher der Brauerei Groll. Aus dieser Brauerei stammt Josef Groll, der Erfinder des Pilseners (die Böhmen haben ihn abgeworben). Die nicht nur in Preußen, sondern auf der ganzen Welt am meisten verbreitete Biersorte hat also niederbayerische Wurzeln.

Der Retter der Sozialdemokratie und ehemalige Bürgermeister von Würselen: Martin Schulz himself.

Im Gasthof Goldenes Lamm kommen wir unter. Ein wunderbar verwinkeltes Lokal, der Test folgt bald. Ein Mann kommt herein, Hut auf dem Kopf, zwei große Taschen umgehängt, sein Gang lässig-urig. Irgendwo zwischen Penner und Waldler. Er war auch auf dem Aschermittwoch der SPD. Grüßt kurz und geht Richtung Tresen. Dort bleibt er einige Zeit. Als er wieder zurückkommt, hat er eine sehr lange gerollte Zigarette in der Hand, die eher an eine Virginia aus dem bayerischen Wald erinnert als an andere Rauchdinge in Longpapers. Sicherlich ist es ersteres. Da erkennt er uns: „Ihr wart’s doch auch im Zelt, bei dem Schröder.“ „Ja, aber der heißt jetzt Schulz.“ „Ah, da Schröder hoast etz Schulz?!“ Er schaut überrascht, zuckt mit den Schultern und wünscht uns einen schönen Tag. Mei, irgendwas muss vom politischen Aschermittwoch ja bleiben.

Der politische Aschermittwoch ist ein wunderbares Vehikel, beim Bier die eigene Partei in den Himmel zu loben und die anderen den Lokus runterzuspülen. Gerade in Zeiten von Twitter-Präsidenten und populistischen Facebook-Strömungen können hier die traditionellen Parteien wieder lernen, den Stammtisch und den Mann auf der Straße (hier halt im Bierzelt oder vorm Fernseher) anzusprechen. So ein Bierzelt zwingt halt zu einfacher Sprache und knackiger Rede. Und auf Social-Bots und russische Trolle muss oder darf man gleich ganz verzichten. Da schau her, das erfolgreichste Training gegen den Social-Media Populismus bekommt man in einem niederbayerischen Bierzelt am Aschermittwoch. Und so endet dieser Artikel wie fast alle Beiträge dieser Seite: Von Bayern lernen heißt siegen lernen. Prost!