Die haben eine Fahne…

Heute wehen in Fußballstadien die Fahnen wild durcheinander. Die Fahne ist also seit dem Mittelalter nie out geworden. Aber damals schwangen Männer die Fahnen präzise geordnet.

Vor Kaisern und vor Königen, und natürlich vor dem einfachen Volk. Denn Fahnen waren früher die Insignien der Macht. Das Schwingen und das Werfen folgen einer eigenen Choreographie. Und die will erst mal gelernt sein.

Eine Woche vor der Aufführung. Die Handballer der Turngemeinde Landshut treffen sich seit Monaten, um die Schwünge und Würfe auf Kommando exakt einzustudieren. Seit Generationen sind die Handballer schon als Fähnriche auf der Landshuter Hochzeit aktiv. Die Ursprünge liegen in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Denn bei den Sportvereinen waren noch Männer da, die körperlich in der Lage waren, den damals schon sehr anstrengenden Umzug durchzuhalten. Sie hatten die Struktur und die Organisation. Und weil Handballer geschickte und flinke Hände haben, wer hätte das gedacht, kamen sie eben zum Fahnenwerfen.

 

Früher hatten es die Handballer mit der historischen Korrektheit der Motive nicht so genau genommen. Jetzt soll alles stimmen. Vereinsmitglied und Fahnen-Guru Michael hat in mühevoller Kleinarbeit vierzehn Fahnen nach mittelalterlichen Vorbildern rekonstruiert. Rund 35 Stunden braucht er – pro Fahne. Handgemalt auf reiner Seide. Polyester gabs ja damals noch nicht. Die Motive fanden die Fähnriche in alten Chroniken. Die Stöcke kommen von Spezialisten aus Italien. Sie sind aus leichtem Balsa-Holz und haben unten ein mit Leder angenähtes Bleigewicht. So kippt der Schwerpunkt immer zum Griff.

Das Fahnenwerfen entstand aus dem mittelalterlichen Schwertkampf. Denn die Fähnriche hatten auf dem Schlachtfeld keine Waffe um sich zu verteidigen. Außer der Fahne.

Die Werfer müssen besonders darauf aufpassen, dass die Fahnen in der Luft nicht zusammenstoßen. Ach ja, und fangen darf man ja auch noch.

Die Techniken haben sich die Werfer von Italienern abgeschaut. Die präsentieren das Fahnenwerfen jedes Jahr etwa in Siena. Beim Fahnenschwingen stehen natürlich die Fahnen des Kaisers und des Herzogs an erster Stelle.

Wenn man das hier so sieht, möchte man Landshut gleich zur nördlichsten Stadt Italiens machen (Ja, um diesen Titel streiten sich in Bayern viele Orte). Fröhlich-südliches Lebensgefühl verbinden die Fahnenwerfer mit deutschem Fleiß. Fähnrich Michael ist immer wieder aufs Neue begeistert:

„Das ist natürlich sehr schön, wenn die Leute einen im Umzug erkennen, 100 Meter bevor man da ist. Da geht schon der Jubel los, jetzt kommen die Fahnenschwinger. Und das motiviert einen dann doch sehr, da eineinhalb Stunden Höchstleistung zu bringen.“

Von mittelalterlichen Fähnrichen bis zum Handballverein, der die Insignien der Macht nach alten Vorlagen selbst herstellt. Die Fahnenwerfer brauchen Geschick im Werfen, in der Wappenkunden und – in der Seidenmalerei. Tradition mit Action eben.

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