Die Passauer Innenstadt

Verwinkelt, barock, mit einem Hauch Gotik, Passau hat kunsthistorisch allerhand zu bieten.

Verwinkelt, barock, mit einem Hauch Gotik, Passau hat kunsthistorisch allerhand zu bieten.

Passau, der Ort in Bayern, der wie kein anderer für die starken Reden der CSU steht. Wo jede Woche tausende neue Flüchtlinge ankommen. Wo das katholische Barock allgegenwärtig ist. Wo anarchisches Kabarett scharf richtet. Wo Pegida nicht marschiert.

Zunächst wollen wir in der Innstraße beim Hias etwas essen, dem hochberühmten Apfelkoch. Doch der hat leider zu. Also stapfen wir Richtung Innenstadt und genehmigen uns in der Pizzeria Padu eine überaus wohlschmeckende Pizza. Natüüüüürlich hätten wir auch ganz besonders dinieren können, etwa in der Heilig-Geist Schänke, aber so lange haben wir es einfach nicht ausgehalten. Dieses besondere Lokal schauen wir uns aber trotzdem mal an. Das Heilig Geist Spital wurde Mitte des 14. Jahrhunderts von einem wohlhabenden Ehepaar gestiftet, um arme, alte und kranke Menschen zu pflegen. Bis heute besteht diese soziale Einrichtung, immerhin nach mehr als 650 Jahren! Wie etwa im Julius- oder Bürgerspital in Würzburg ist bei diesen Pflegestationen auch immer ein Wirtshaus mit dabei. Sozialleben ist schließlich auch wichtig. Es fällt auf, dass hier enorm viel gebechert worden sein muss, da unzählige leere Weinflaschen die Wände schmücken. Über einer Tür steht der Spruch „Heilig Geistwein heisst er, wer ihm traut, den schmeisst er.“ Die Innengestaltung stammt von 1927, im Stile altdeutscher Bier- und Weinstuben.

Der Biergarten ist durch Hecken eher verwinkelt und separiert gestaltet. Auch hier wächst Wein.

Ziemlich pompös, man will denn Nachbarn im Süden ja in Nichts nachstehen.

Ziemlich pompös, man will den Nachbarn im Süden ja in Nichts nachstehen.

Die berühmteste Orgel der Welt, weil die größte Domorgel.

Die berühmteste Orgel der Welt, weil die größte Domorgel.

In der Nähe der Universität befindet sich das Kapfinger Wohnheim, über dessen berühmten Aufenthaltsraum ja schon berichtet wurde. Daneben steht der frühere Eiskeller der Löwenbrauerei offen. Endlos lang und immer dunkler und kälter zieht sich das Gewölbe in den Berg (oder eher Hügel). Wir tappen und tappen immer weiter hinein, nur erhellt vom fahlen Licht des Handydisplays. Irgendwann kommen wir dann an einer halb zugemauerten Treppe wieder heraus, am anderen Ende des Wohnheims. Das wäre auf jeden Fall ein ziemlich geiler Ort für einen Club. An vielen weiteren Ecken der Innenstadt finden sich leere Räume, die früher mal richtig schön gelegene Kneipen waren. Jenseits des Inns, in der Lederergasse, soll früher einmal eine Partymeile existiert haben. Doch die Anwohner (zumeist Zuagroaste) schienen sich nicht daran zu erfreuen und klagten sie hinfort ins Nichts. Vielen Dank dafür, dass ihr ach so hippen Neureichen dahin gezogen seid, weil es so eine coole Umgebung war, um dann die Nachbarschaft mit neu erwachtem Spießertum in eine antibayerisch-sterile Einöde zu verwandeln.

Die Gisela-Kirche hebt sich wohltuend vom ganzen Barock-Pomp ab und lässt einen im architektonischen und touristischen Gewusel einkehren und ausruhen.

Die Gisela-Kirche hebt sich wohltuend vom ganzen Barock-Pomp ab und lässt einen im architektonischen und touristischen Gewusel einkehren und ausruhen.

Wir gehen am Inn entlang, Richtung Uni. Hier sehe ich zum ersten Mal zwei junge Männer, die Flüchtlinge sein könnten. Sie sitzen auf einer Parkbank und schauen zwei Mädels nach, wenden sich dann wieder ihrem Gespräch zu. Wir schauen den Damen auch hinterher, wissen aber bald gar nicht mehr, wo uns der Kopf steht. Denn die Uni Passau ist neueren Datums, sie hat 12 000 Studenten, davon 70 Prozent Frauen. Huiuiui. Alles ist hier an Ort und Stelle, die Sportler, die Informatiker, die Politikwissenschaftler, die BWLer. Die modernen Gebäude wirken gar nicht mal so fehl am Platze, ein rötliches Gebäude wird gar Leberkäs-Bau genannt, und sieht auch so aus. Da ist man doch mit der modernen Architektur schnell vertraut, wenn sie so ausschaut, wie das, was auf dem Teller liegt. Ein Teil der Uni ist noch im Nikolakloster untergebracht, dem Hauptsitz der Deutschordensschwestern. Einige Promikinder sollen hier ebenfalls studieren. Arm scheinen die Studenten nicht zu sein. Wie man hört sollen einige „Gwappelte“ nicht mit dem Bus an die Uni fahren, der BMW Z4 sei auch schon out. Sie bekommen einen Benz-Klassiker aus den 70ern gesponsert, oder stiegen gleich aus dem Rolls Royce Drophead Coupé Cabrio. Joa, ob das allein am fruchtbaren Gäuboden Niederbayerns liegt??

Ripperln auf österreichisch.

Ripperln auf österreichisch.

Am nächsten Tag fahren wir über die Grenze, in Österreich lässt sich schließlich wohlig speisen. Wir fahren zum Gasthof Bauer in Steinbrunn. Das Tagesgericht sind Ripperln, das ist eine ordentliche Portion, tatsächlich aber mehr Knochen als Fleisch, dieses aber gut. Ebenso der Minikartoffelknödel. Der Semmelknödel ist recht füllend. Ausgezeichnet war das warme Weißkraut. Da soll angeblich Speck mit dabei gewesen sein, mir kam das eher vor wie dunkle Schinkenstreifen. Nun aber schnell wieder zurück, unserer internationalen Offenheit wurde genüge getan, in Passau gibt’s was anzuschauen!

Barock, Baby!

Barock, Baby!

Die Passauer Innenstadt wurde nach einem Brand 1662 von den beiden italienischen Baumeistern Carlone und Lurago wieder aufgebaut, was einen konsequenten und wunderschönen Barock-Stil zur Folge hatte, der aber bei vielen Häusern eher sanft und nicht schwülstig daherkommt.

Überall sehen wir noch die Spuren des Hochwassers von 2013.

  • Teilweise fehlt der Putz an den Wänden und wird nun durch einen ersetzt, der dem Wasser besser standhalten kann.
  • Teilweise ist das Erdgeschoss komplett entkernt und wartet darauf, neu saniert zu werden.
  • Und teilweise fehlt das Erdgeschoss, weil das komplette Haus abgerissen werden musste.

Seit 500 Jahren hatten die Passauer kein solches Hochwasser mehr. Wann wird die nächste Katastrophe kommen? Die Lage am Wasser hat Passau früher reich gemacht, und sorgt auch heute noch für zahlreiche Touristen. Aber ein Risiko bleibt immer.

Wir kommen an einem Studentenwohnheim vorbei. Weil es recht heiß ist, treten wir ein in das kühle Innere. Ein Automat spendiert uns für wenig Geld ein Getränk, das Wohnheim selber hat durchaus historisch-bauliche Klasse. Das Pfand lassen wir natürlich hier.

Treppauf, zur höheren Wissenschaft streben!

Treppauf, zur höheren Wissenschaft streben!

Auch die theologische Fakultät gucken wir uns an. Neben einer gemütlichen und gleichwohl intellektuellen Stimmung, die diese Fakultäten stets haben, gibt es hier solide barocke Bauweise. Die hat anscheinend einen Dozenten und späteren Professor angesteckt, der hier für kurze Zeit lehrte, Franz-Peter Tebartz van Elst.

Noch prächtiger als die Fakultät ist die bischöfliche Residenz, hier schauen wir uns aber nur kurz den Treppenaufgang an. Die ganze Innenstadt ist wunderbar verwinkelt, herrlich alt, besonders in der Zengergasse. Der Dom setzt dem Ganzen in Pomp und Pracht noch die Krone auf, überbordend ist wohl das richtige Wort. Außen teilweise noch tolle Gotik, innen Barock. Die Orgel hören wir leider nicht spielen, sie ist die größte Domorgel der Welt. Vor dem Dom steht eine Statue von König Max Joseph I. Zur Erinnerung, dass das Bistum Passau 1803 während der Säkularisation nach Bayern kam. Eigentlich ein ziemlich starkes Stück, stellt man eine Statue vor den Dom, fast um zu sagen: Hier hat jetzt der König das Sagen.

An das Deckenfresko der Würzburger Residenz kommen die Passauer nicht ganz heran, aber zumindest haben sie sich bemüht.

An das Deckenfresko der Würzburger Residenz kommen die Passauer nicht ganz heran, aber zumindest haben sie sich bemüht.

Im Priesterseminar wohnen nun auch Flüchtlinge.

Im Priesterseminar wohnen nun auch Flüchtlinge.

Am anderen Ende des Domplatzes steht das Priesterseminar. Die Fassade noch verschnörkelter und verspielter als alles vorher. Die Seminaristen haben das Haus aber nicht nur für sich alleine, die Kirche hat mittlerweile darin Platz gemacht für Flüchtlinge, die hier permanent über die Grenze kommen. Besonders viele habe ich ja auf meinen Besuchen nicht gesehen (der allerdings schon einige Wochen her ist). Tatsächlich wurden sie aber überall in der Stadt einquartiert. Etwa im THW. Da haben sie eine wunderbare Aussicht auf das eroscenter PLATIN. Die kaleidoskopartige Widersprüchlichkeit und Liebenswürdigkeit der Stadt wird die Flüchtlinge vielleicht wundern, aber auf jeden Fall regt es sie an, sich mit ihrer neuen Heimat auseinanderzusetzen.

Nun kommen wir in eine Kirche, die so ganz anders ist als die Barockpracht, eher schlicht und einfach. Hier wird man nicht überwältigt oder sagt touristisch Oh und Ah, hier kommt man eher zur inneren Einkehr. Viele ungarische Fahnen und Kränze sind an ein Grabmal gelehnt, denn die Kirche ist der heiligen Gisela geweiht, der Schwester Heinrichs II. (jawoll, der aus Bamberg), Ehefrau des heiligen Stephan und damit Königin von Ungarn.

Wieso die Passauer Schirme über die Straßen hängen? Das Wasser kommt doch meist von unten...

Wieso die Passauer Schirme über die Straßen hängen? Das Wasser kommt doch meist von unten…

Schon vor den Flüchtlingen kümmerte man sich darum, dass Menschen nicht weiter in Not abrutschen, das hier gibt's etwa Gemeindewohnungen.

Schon vor den Flüchtlingen kümmerte man sich darum, dass Menschen nicht weiter in Not abrutschen, das hier gibt’s etwa Gemeindewohnungen.

Die Innenstadt liegt etwas erhöht, bis zur Donau geht man ganz schön bergauf und bergab. Das kleine Passau hat auch eine ganz reizende Künstlerstraße, die Höllgasse, italienische Lebensart lässt grüßen. Dabei scheint man auch die bedürftigeren Leute nicht aus der Stadt vertreiben zu wollen, ein recht schönes und größeres Gebäude in der Innenstadt erweist sich als Gemeindebau.

Wir gelangen an die Spitze der Innenstadt, zum Dreiflüsse-Eck. Hier fließen Donau und Inn zusammen, die Ilz kommt knapp vorher in die Donau. Mattgrün der Inn, er ist breiter und sauberer, grünbraun die Donau, sie ist länger und tiefer. Beide Flüsse behalten auch nach dem Zusammenfluss noch für hunderte Meter ihre eigene Farbe. Aufgrund der unterschiedlichen Fließgeschwindigkeiten und Temperaturen kann es hier zu tückischen Strömungen kommen, Baden sollte man da nicht unbedingt. Es gibt schattige Bäume, eine tolle Aussicht und einen Kinderspielplatz. Auf diesem Kinderspielplatz gab der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer den Logo-Kindernachrichten ein lustiges Interview. Gleich ums Eck, am Innkai gibt es einen wunderbaren großen Baum, Parkbänke und eine Steinmauer. Hier setzen sich bei warmem Wetter die Anwohner raus und essen zu Abend. Wow, schöner kanns in Italien in einem Ristorante am Lago auch nicht sein.

Links die dunklere Donau, rechts der hellere Inn.

Links die dunklere Donau, rechts der hellere Inn.

Hier fällen scharfe Zungen ihr Urteil.

Hier fällen scharfe Zungen ihr Urteil.

Wir kommen am Scharfrichterhaus vorbei, jenem Ort, der mehr noch als Lach- und Schießgesellschaft oder Lustspielhaus für das anarchistische, kabarettistische, subversive, kurz: fürs Revoluzzer-Bayern steht. Sogar ein winziges Programmkino gibt’s hier. Bayern ist in Passau aufs Extreme verdichtet, vielleicht sogar auf die Spitze getrieben: Das Barock-Katholische, die politischen Aschermittwoche, die praktische Flüchtlingshilfe und das Anarchische.

So, genug rumgelaufen, Zeit für die Abendgestaltung! Das Kreuzweis ist eine legendäre Kneipe, in dem Sinn dass sich hierum zahlreiche Legenden ranken. Die reichen von einem felinen Latrinenbesänger bis zu erstaunlichen Funden.

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Ganz Passau ist von der CSU besetzt. Ganz Passau? Nein, eine Kneipe leistet immer noch Widerstand.

Zunächst sitzen wir draußen auf der Straße, das wirkt schon sehr wie Italien oder Österreich, mitten in dieser schönen alten Stadt, auf einem gepflasterten, teils überbauten Weg (passenderweise die Pfaffengasse) die Bierbänke, ein Auto müht sich in Schrittgeschwindigkeit die Steigung hinauf, wir sitzen mit (noch) Fremden am Tisch, ein Hund ist auch noch da, ja schon sehr gemütlich.

Das Kreuzweis ist a weng das Anarcho-Gegenstück zum CSU-treuen Block zu sein. Schon der Name scheint Protest gegen eine politisch, vielleicht auch klerikal, in Kitsch-Tradition festgefahrene Mentalität zu sein. Das findet man in Niederbayern häufig. Gerade da, wo die katholische Konfession unbehelligt von evangelischen Einflüssen war und man daher nicht in Austausch oder Diskussion mit der anderen Glaubensrichtung überzeugen musste, zeigt sich eine ziemlich harte, beißende Kritik an einer triumphalen, barock-mächtigen Kirche. Als Katholik sollte man also durchaus den Evangelen dankbar sein, dass sie schon allein durch ihr vor-Ort-sein so eine Kritik abschwächen.

So viel Lebensweisheit, diese Passauer sind doch einfach unglaublich!

So viel Lebensweisheit, diese Passauer sind doch einfach unglaublich!

Auch die Staatspartei darf nicht fehlen, gerade in der Stadt der legendären Nibelungenhalle. Der Ort, in dem Strauß und Co. (man erinnert sich ja eh nur an Strauß – und vielleicht noch a bisserl an Stoiber), gewaltig austeilten. Ein Fotoheft des in allerlei Kunsthandwerk bewanderten Satirikers Rudolf Klaffenböck liegt aus und zeigt Macht, Anarchie und Abriss der berühmten Halle.

Zurück zu unserem Biertisch. Draußen wird’s frisch, und außerdem die Anwohner…, Sie wissen Bescheid. Wir gehen also rein. Drinnen ist es auch recht gemütlich, viel Holz und ein Gewölbe. Das Zwickl schmeckt naja, das Helle der Brauerei Lang aus Freiung dagegen gut, ähnliches soll für das Weizen gelten, welches ich aber nicht probiert habe. Der Welschriesling mundet ebenfalls (oder war’s doch der gelbe Muskateller?).

Oft treffen sich die Wirte der übrigen Kneipen zu später Stunde bei der Heidi. So heißt die Wirtin, wobei das Geschäft eigentlich ihre Tochter führt. Denn hier kriegt man noch zu allerspäter Stunde etwas zu essen, auch Heißgetränke sind dabei. Darum wird mir noch ein Espresso kredenzt, garniert mit einem Baileys.

Die Gäste sind ähnlich wie die Kneipe geartet, hier hört man durchaus krasse Geschichten. Aber die werden wir hier nicht vertiefen, eine Station haben wir noch.

Liebe zum Detail in der Club-Deko.

Liebe zum Detail in der Club-Deko.

Der Club Camera hat zu dieser späten Stunde noch geöffnet, der Türsteher streitet sich draußen mit ein paar halbstarken, oder eher viertelstarken Altpennälern oder Jungstudenten, wir gesetztere Herren können ohne Probleme passieren. Und müssen gleich eine Treppe nach unten. Wieder in einem schönen Gewölbe, oder eigentlich mehreren Gewölben, befindet sich die Disco. Die Musik ist durchaus gut, so hören wir etwa von Tito & Tarantula „After Dark“, den Soundtrack aus From Dusk til Dawn. Hier räkelt sich aber leider keine unglaublich laszive Salma Hayek, stattdessen stehen und sitzen ein paar verlorene Seelen um die Tanzfläche, zwei tanzen etwas mau herum.

Die Einrichtung beweist einige Liebe zum Detail, wir haben es hier also nicht mit einem topmodernen und seelenlosen Styler-Club zu tun. Sondern mit etwas gewachsenem. Auch die Bedienungen lassen mit sich reden. Eigentlich möchte man ja in zwei Minuten zumachen, aber ich bekomme noch einen passablen Gin Tonic, schnell geschlürft und aus is und gar is und schad is dass wahr is.

Ja, die Flüchtlinge haben sich wahrlich einen geeigneten Ort ausgesucht, um Bayern kennen zu lernen.

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