Eine Hochzeit zu Landshut

„Während des Fests sind die Menschen anders, offener, toleranter.“ Männer mit langen Haaren hauen sich gegenseitig Schwerter um die Ohren, ständig muss ein Mann mit einer Holzstange dazwischen gehen. Ob mit Mordhammer, Langmesser oder Aalspieß, bei der Landshuter Hochzeit rücken die Bürger einer der vier Niederbayernmetropolen näher zusammen.

Über 70 Gruppen, mehr als 2500 Mitwirkende, 110 Jahre Tradition. Über ein halbes Jahrtausend Geschichte. Das aufwändigste und größte Mittelalter-Fest Europas.

Mächtig steht sie über Landshut rum und passt auf, dass die ehemalige Haupststadt bayerisch bleibt

Burg Trausnitz: Mächtig steht sie über Landshut rum und passt auf, dass die ehemalige Haupststadt bayerisch bleibt

Worum geht’s? 1475 heiraten der Sohn des Bayernherzogs und eine polnische Prinzessin (Polen war damals eine riesige Kontinentalmacht von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer). Sogar der Kaiser ist anwesend. Landshut war für diese Zeit das Zentrum der Welt. 1903 wollen die Bewohner einer der vier niederbayerischen Metropolen wieder an diese Tradition anschließen. Ein Verein mit dem Namen „Die Förderer“ entsteht, der nun alle vier Jahre die Hochzeit mit großem Pomp und extremer historischer Akkuratesse ausrichtet.

Vor Jahren traf ich mal einen Kumpel, der hatte bei einer Veranstaltung einen Becher aus Kupfer und Zinn am Gürtel seiner Lederhose geschnallt und trank daraus sein Bier. Wieso nicht aus einem Krug? „Das ist von der Landshuter Hochzeit, das ist richtig krass.“ Ahja, es geht dabei also darum, Bier aus Kupferbechern zu trinken. Das blieb lange Zeit meine einzige Information. Doch auch Exil-Landshuter, die eher dem alternativen Spektrum zuzuordnen sind, finden dieses mittelalterliche Fest saugeil. Grund um nachzuforschen.

Wir hören aber genauso von Menschen, die die LaHo nicht so positiv sehen (treffen tun wir aber tatsächlich keinen). Diese sprechen eher vom „Strumpfhosenfasching“. Und verweisen darauf, dass man, wenn man eine Hauptrolle spielen will, am besten aus einer Familie stammen sollte, die schon seit Generationen die Hauptrollen spielt. Außerdem sollen sie von enormen Kosten nennen, die das Fest mit sich bringt. Allein die Aufbauten des Turnierplatzes und des mittelalterlichen Lagers übersteigt die Millionengrenze. Zu den Kosten später mehr.

Aber warum sind dann sogar Alternative begeistert? Und warum machen denn dann überhaupt so viele Leute mit? Die Antwort findet sich nicht, wenn man die Hochzeit von Braut und Bräutigam her sieht. Sondern von den Menschen, die in den einzelnen Gruppen auftreten und enorm viel Herzblut investieren. Und da stellt man gleich einmal fest: Die meisten Rollen bleiben in den Familien, ob das Fahnenwerfer oder Ritter sind.

Die Kämpfer

Wenn die Sonne brennt, wird es dem Herren Ritter gar heiß. Schwertübungen verheißen Abkühlung - NOT

Wenn die Sonne brennt, wird es dem Herren Ritter gar heiß. Schwertübungen verheißen Abkühlung – NOT

Schauen wir uns einmal die Leute an, die gerade mit tödlichen Waffen aufeinander losgehen. Das kommt nicht aus der Familientradition, diese Gruppe gibt’s erst seit der LaHo 2013. Die Veranstaltung heißt Fechtschule auf der Schwedenwiese. Die liegt über Landshut auf der Burg Trausnitz. Sehr malerisch.

Genauer gesagt, ist es die Fechtschule des Paulus Kal. Das war ein Fechtmeister der damaligen Zeit, der damals ein Buch „Richtig Kämpfen für Anfänger und Fortgeschrittene“ verfasst hat. (Ja, das Buch hat anders geheißen, aber das Thema stimmt). Und die Inhalte des Buches werden hier dem Publikum gezeigt, Paulus Kal höchstselbst ist auch dabei. Stöcke, Schwerter oder Spieße, die Waffen sind zwar an den Spitzen leicht abgerundet, „aber wenn so ein Schwert die Schläfe trifft, isses aus. Das macht allein die Masse“. Darum trainiert wohl kaum eine Gruppe so lange wie die Schwertkämpfer. Drei Jahre geht das. Zunächst das Ringen und Bewegungsabläufe. Dann mit Holz- oder Gummischwertern. Schließlich mit scharfen, also wuchtigen Waffen.

Die Zuschauer sind beeindruckt. Wir auch. Denn ums noch einmal zu sagen, hier geht’s echt zur Sache. Da muss jeder Schritt sitzen und jeder Wurf richtig landen, die Bewegungen sind genauso, wie es Paulus Kal in seinem Buch beschrieben hat, bis hin zum Arschtritt. Besonders imposant ist der Luzerner Hammer. Ein langer Holzstab, an dessen Ende ein Spieß, eine gebogene Kralle und ein Hammer stehen. Das untere Ende war ursprünglich auch mit einem Spieß versehen. „Aber wir brauchen unsere Kämpfer noch eine Weile“, so der Kommentar. Die Spieße sind dazu da, in die offenen Stellen der Rüstung reinzustechen und die Weichteile oder den Fuß zu treffen. Da wird einem beim Zuschauen etwas unwohl. Die Kralle, um die Rüstung aufzubiegen. Und der Hammer, da machts klong und du bist hin. Bis zu 30 Kilo wiegen die Rüstungen, man achtet in Landshut enorm auf die historische Genauigkeit. Kein Spaß bei brütender Hitze. Aber warum tut man sich so gefährliche Dinge an? Es liegt den Kämpfern am Fechten selbst, jahrhundertealte Bewegungsabläufe zur Perfektion einzustudieren, wie haben die damals das gemacht, wie ging das damals? Denn den japanischen Schwertkampf kennt jeder. Den europäischen findet man nur in jahrhundertealten verstaubten Büchern. Hier wollen die Fechter „weltweit einzigartig“ vorführen, wie man diesen „Sport“ früher betrieben hat. Erlebnisunterricht Mittelalter Deluxe sozusagen, bei dem die Schüler absolut in die Materie hineingezogen werden.

Wir lassen die gerüsteten Männer hinter uns und wenden uns etwas Feurig-Friedlicherem zu.

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