Eine kleine Geschichte des Blutwurz’

Nicht Blut und Boden, sondern Blut- und Bärwurz sind wohl die wichtigsten Erzeugnisse Niederbayerns, abgesehen von Glasbläserkunst und Kabarettisten. Während der Bärwurz eher in den Bereich Medizin und Schädlingsbekämpfung gehört, ist der Blutwurz tatsächlich ein Genussmittel. Aber welchen kann man empfehlen?

Es war einmal…

Unsere Geschichte beginnt nicht in Niederbayern, sondern in – Berlin. Im Vatikan der Genüsse, im Mekka des Konsums, im Apple Store der Gaumenfreuden: In der Feinkostabteilung des KadeWe. Eines schönen Samstages betrat ein braver Oberpfälzer diese heiligen Hallen, bestaunte mit großen Augen all die Auslagen, Wurst- und Fleischsorten, Fische und Krustentiere, Kuchen und Pralinen und konnte erahnen, wie die ersten Ossis nach der Wende all das empfunden hatten. Und wunderte sich, warum man in der Fleischabteilung Produkte von Vinzenz Murr als Delikatessen feil bot. Sollte denn im Gegenzug im Dallmayr oder Käfer Berliner Döner verkauft werden? Irgendwann kam er auch in die Spirituosenabteilung.

Höchste Gefahr
Doch anstatt ihn ruhig seiner Wege gehen zu lassen, sprangen ihm sogleich zwei anzugtragende Spießgesellen vor die Füße. Ein mitteleuropäisch aussehender mit englischem Akzent, und ein arabisch aussehender hochdeutscher Zunge. „Halt! Kein Schritt weiter ohne Beratung!“ Das oberpfälzische Bäuerlein seufzte, man konnte wohl nie etwas ungestört betrachten. Aber dann kam ihm in den Sinn: „So will ich denn diese beiden auf die Probe stellen, ob ihre Jackets und Krawatten tatsächlich von Weisheit zeugen.“ Er setzte eine unschuldige Miene auf und fragte: „Ei, so sagt mir, welchen Pisco führt ihr denn?“ Der arabisch aussehende Mann dachte nur Sekundenbruchteile nach und hechtete mit seinen Siebenmeilenhalbschuhen an ein Seitenregal. „Hier haben wir chilenischen Pisco und peruanischen von Ocucaje. Ich persönlich tendiere eher zum peruanischen, der ist weicher im Geschmack.“ „Nun,“ dachte unser Oberpfälzer, „so hat er die richtige Wahl getroffen. Dieser Sieg sei der Eure.“ Und darum setzte er sogleich nach: „Ja, der Ocucaje ist schon gut, aber ich finden den Tres Generaciones besser.“ Unser Verkäufer machte ein Gesicht, das ausdrückte: Das Bäuerlein hatte gleichgezogen.

Die entscheidende Schlacht

Bereit zum finalen Endkampf zwischen Kunde und Berater setzte der Held der Geschichte an: „Gut, gut, was wollen wir in die Ferne schweifen, bleiben wir doch lieber im Lande. Stellt mir doch Euer Sortiment des magischen Getränks vor, welches – Blutwurz genannt wird!“ Dem Verkäufer verschlug es die Sprache, hilfesuchend blickte er seinen Kollegen an. Dieser wähnte eine Finte und meinte (mit englischem Akzent): „Hahaha, Blutwurst finden Sie in der Fleischabteilung da vorne, nicht hier, hahaha.“ Doch das Lachen war nur vorgetäuscht, beiden war jegliche Farbe aus dem Gesicht gewichen. „Nein, nicht Blutwurst, BlutWURZ. Mit Z. Der Likör aus dem Bayerischen Wald.“ Ein gewaltiges Zischen und Fauchen hob an, Blitze und Donnergrollen erfüllten die Abteilung und mit einem wehklagenden „Kenn’ wa nich, hamm’ wa nich“ fuhren die beiden Nachtmare des Konsums wieder in das Reich der Einkaufs-Schatten und gaben den Weg zum Bummeln ohne Geldausgeben frei. Unser listiger Oberpfälzer verweilte noch etwas und begab sich dann mit der S-Bahn zum Ostbahnhof, wo er die East-Side-Gallery besuchen wollte. Vor dem Bahnhof begrüßte ihn ein überdimensionales Werbeplakat: „Bavarian Summer! Echt Bayern. Echt Penninger. Echt Blutwurz.“

Jenseits von Penninger

Die obige Geschichte hat sich so tatsächlich zugetragen. In Bayern kennt man ja die Blut- und Bärwurz-Werbungen von Penninger. Die Radio-Werbung selbst mit Elmar Wepper ist mir durchaus sympathisch, sie strahlt Entspannung und Ruhe aus. Und wie das Berliner Beispiel zeigt, möchte der Konzern auch über unsere Landesgrenzen hinaus die Bavaritas, oder in diesem Fall Bavarity befördern. Löblich. Doch gibt es noch einige Kleinsthersteller, die geschmacklich einiges drauflegen und rotes Gold produzieren.
Die Geschichte unseres Favoriten beginnt wieder nicht in Niederbayern, sondern in der Oberpfalz. Es war einmal vor langer, langer Zeit, da probierte ein enorm gutaussehender junger Mann (derselbe wie oben) auf einem Bauernmarkt ein Getränk, das sich als Blutwurz herausstellte. Doch trotz 50 Prozent brannte es nicht, sondern verbreitete im Mund einen Geschmack, der an Rosenduft erinnerte. Sogleich erkannte er die herausragende Qualität und kaufte der Marktfrau die halbvolle Flasche für 6 Euro ab. Auch die Freunde waren begeistert, und so versuchte man, dieses Getränk nach Leerung der Flasche (die ob der besonderen Güte Monate dauerte), mehr zu besorgen. Leider kam dieser Blutwurz aus Lalling im Lallinger Winkel, wo kein Oberpfälzer jemals hinkam. Ein Anruf beim Hersteller Duschl ergab, dass dieser sich keinen Reim darauf machen konnte, wie sein Blutwurz in die Oberpfalz gekommen war. Jedenfalls gibt es im weiteren Umkreis keinen Direktverkauf. Außerdem hat der Produzent kein Brennrecht, sondern setzt den Blutwurz nur an. Mit den obligatorisch geheimen Zutaten. Ein Rentner geht für ihn auf die Suche nach der Wurzel, die beim Brechen rot wird, daher der Name Blutwurz. Wenn eine Wurzel ausgegraben wird, so wächst in den nächsten Jahren die Blutwurz, ein gelbblühendes Rosengewächs, besser nach. Meint Herr Duschl. Die heilsamen Eigenschaften lernt dort wohl jedes Kind in der Grundschule, also einfach den nächstbesten Niederbayern fragen.

Wie bekommt man den?
Bei der Bestellung gibt’s nur ein Problem: Der Blutwurz wird nicht in Flaschen verschickt (außer man nimmt die Bestellbox, da ist es aber nur eine Flasche, und dazu muss man eine Flasche Bärwurz nehmen). Normale Versandart: Die allseits beliebten 3- und 5-Liter Kanister. Herr Duschl füllt nach Bestellung das Getränk ab und auf geht’s zur Post. Schnell ist das Getränk zu Hause und muss dort noch schneller in Flaschen umgefüllt werden, da sonst Stoffe aus dem Plastik herausgelöst werden könnten und sich der Geschmack verändert. Netterweise sind aber Aufkleber für 1, 0,7, 0,5 und 0,2 Liter mitgeliefert. Inklusive Versand ist man dann mit knappen 20 Euro pro Liter dabei, viel teurer als der Penninger ist dieser Blutwurz also nicht. Wer Freunde hat oder gerne Menschen beschenkt, kann also getrost einen Kanister bestellen. Allein einen 5-Liter Kanister 50-prozentigen niederbayerischen Super-Saft geliefert zu bekommen ist schon ein Erlebnis. Und vielleicht bringt dann mal jemand eine Flasche im KadeWe vorbei.

Advertisements

Ein Kommentar

  1. Freut mich, wenn dir unser Blutwurz gut schmeckt! Aber ich kann Dir versichern, wir sind ein mittelständischer Familienbetrieb und kein „Konzern“. 😉

    Viele Grüße aus Hauzenberg,
    Stefan Penninger

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s