Innstadt und Ilzschleife

Passau ist derzeit wegen der vielen Flüchtlinge in den Schlagzeilen. Nicht nur die können Bayern hier in einer hochkonzentrierten Form erleben.

Teilen wir die Stadt in drei Teile: Die Innstadt, jener schmale Streifen Bayern, der südlich des Inns liegt, dann die Innenstadt zwischen Donau und Inn, und das Gebiet nördlich der Donau, westlich und östlich der Ilz. In diesem Beitrag wollen wir ersteres und letzteres besuchen.

Die Suppe ist gehaltvoll und könnte einer Leberknödelsuppe durchaus Konkurrenz machen.

Die Suppe ist gehaltvoll und könnte einer Leberknödelsuppe durchaus Konkurrenz machen.

Das Mittagessen nehmen wir nicht in Passau selbst ein, sondern machen eine Landpartie. Nach Jacking bei Tiefenbach. Dort lockt der Gasthof Knott mit einem sehr schönen, gut besuchten Biergarten. Die Knotts haben den Blick über die Grenze gewagt und einige Einflüsse aus Österreich auf der Karte. Ich nehme eine deftig-würzige, aber nicht platt machende Wachauer Fleischstrudelsuppe und hernach einen Rindfleischsalat mit Kürbiskernöl und Zwiebeln. Herrlich. Fein säuerlich, deftig aber kaum fettig, fast fruchtig. Um etwas vergleichbar Originelles zu finden, muss man schon bis in die Zoiglstube Gloser in Windischeschenbach gehen und sich da das Oberpfälzer Carpaccio bestellen.

Von sowas können selbst Bayern noch lernen.

Von sowas können selbst Bayern noch lernen.

Dazu bringt uns die freundliche Wirtin eine Johannisbeerschorle. Eine dicke Katze liegt in der Sonne unter dem Tisch neben uns und scheint die Gemütlichkeit eines Biergartens noch mehr zu schätzen als wir.

Das nennt sich Schule...

Das nennt sich Schule…

Wir fahren wieder Richtung Innenstadt, das Auto parken wir beim Auersperg-Gymnasium, dem ehemaligen Schloss Freudenhain. Also das ist mal eine Schule! Nobel hobel. Wer hier Papier auf den Boden wirft oder gar Graffiti sprüht, der kriegt wohl von den Schülern selber was auf die Mütze.

Die Aussicht von hier oben hat schon was, wir kommen später nochmal in dieses Gebiet zurück.

Jetzt bewegen wir uns zum Severinsfriedhof. Das soll der älteste Friedhof im deutschen Kulturraum sein, bereits die Kelten haben anscheinend diesen Ort als Begräbnisstätte genutzt. Von denen sieht man hier aber nichts mehr. Die Kirche am Friedhof ist sehr romanisch, mit einer gotischen Apsis, sie wirkt recht steril für diese barocke Stadt (schaut aber immer noch gut aus). Den Pomp müssen wir nicht lang suchen. Gleich daneben ist noch ein Friedhof, und hier haben sich gar viele von und zu Hochwohlgeboren mausolieren lassen. Gerade die Brauereibesitzer. Sarg-en-haft. Am meisten haut einen der Tempel eines Herren Stockbauer um (beeindrucken ist das falsche Wort), des Besitzers der Löwenbrauerei. Dass die Passauer so gewinnbringend saufen, na sowas.

Gleich neben der Stadt so ein Naturparadies, die Lebensqualität in Passau ist wirklich hoch.

Gleich neben der Stadt so ein Naturparadies, die Lebensqualität in Passau ist wirklich hoch.

Nach dem Friedhof noch mehr Natur.

Ich seh Licht am Ende des Tunnels!

Ich seh Licht am Ende des Tunnels!

Wir fahren einmal über die Marienbrücke, durch die Innenstadt, über eine weitere Brücke, durch einen Tunnel, nochmal Brücke, soooo, jetzt sind wir in Hals. Unter schattigen Bäumen finden wir problemlos einen Parkplatz und wandern los. In dieser fast dörflichen, randvorstädtischen Natur wirken einige Hochhäuser unpassend, aber die sind schnell aus dem Blick, als wir den Stockbauersteig überqueren. Stockbauer, klingelts? Der Brauereibesitzer. Hat sich halt hier mal eine Brücke hingestellt.

Die Ilzschleife ist ein wunderbares Naturjuwel, die Sonne bricht durch die Blätter, viel entspannender kann wandern kaum sein. Die Ilz selbst ist nur einen Meter tief, und wird daher gern bis 25 Grad warm. Außerdem ist sie Moor führend, deshalb nutzte man das Wasser früher für Kuren. Franz Léhar etwa weilte hier. Eigentlich macht die Ilz ja zwei Schleifen, aber eine sparen wir uns. Denn in vorigen Jahrhunderten transportierten Flösser das Holz aus dem bayerischen Wald über die Ilz. Und damit die auf die letzten Meter genug Wasser hatten, schlugen sie an einer engen Stelle im 19. Jahrhundert einen Tunnel durch das Gestein. Links fließt Wasser, rechts, etwas erhöht, gehen wir den schmalen Gang hinauf. Und kommen wieder an der Ilz heraus, an einer Brücke, die früher wohl mal eine Stausperre war. Im Wirtshaus Zur Triftsperre ruhen wir uns erst einmal im Biergarten aus und genehmigen uns unter Weinreben eine Johannisbeerschorle. Die Stärkung tut uns Not, denn den Rückweg treten wir nicht durch den Berg, sondern über den Berg an. Das ist ganz schön steil und ordentlich anstrengend. Oben erwartet uns ein renovierter Burgturm, der auch dem Herren Stockbauer gehören soll. Ja sag amal…

Feldweg mit Ruine.

Feldweg mit Ruine.

Die Häuser in Hals machen echt was her.

Die Häuser in Hals machen echt was her.

Der schattige Wald lichtet sich zu einem schönen Weg mit Feldern und Wiesen zu beiden Seiten. Unten an der Ilz sehen wir zahlreiche Badegäste, die die Ilz gratis für den Badespaß nutzen, die Parkplätze kosten aber.

Hals ist ein positiv behäbig wirkender Ortsteil mit anmutigen Ecken, die Häuser erinnern schon fast an Österreich. Eine Burgruine steht im Ort. Früher gehörte die dem Staat und konnte besichtigt werden. Dann kaufte angeblich ein Niederbayer für 10 000 Öcken den Kasten und stellte fest: Wenn da bei einer Besichtigung was passiert, kommt die Versicherung auf mich zu. Also ist das Ding nun gesperrt. Toll gemacht.

Kurz bevor wir wieder das Auto erreichen, werde ich auf die Metzgerei Unholzer hingewiesen, die hat zwar leider gerade Urlaub, soll aber sehr gute Ware führen.

Für den Abend wollen wir zu einem Mostbauern. Dafür bewegen wir uns wieder auf die andere Innseite, auf den schmalen Streifen, den wir den Ösis abgetrotzt haben. Wir holen jemand ab, der in einer Studentenwohnung lebt, die es in sich hat. Die Aussicht aus dem Fenster: unglaublich. In ganz Bayern gibt’s wohl nur wenige Studenten, die über ihren Hausarbeiten derart augenschmauserisch sinnierend in die Ferne blicken können. Und das zu Mietpreisen, für die ein Student in München nicht mal eine Besenkammer bekäme.

Studenten mit solch einer Aussicht...

Studenten mit solch einer Aussicht…

...sollten öfters WG-Party feiern! Bin dabei, wer noch?

…sollten öfters WG-Party feiern! Bin dabei, wer noch?

Wir fahren mit dem Auto entlang der alten Stadtmauer, eine sehr schöne Strecke, wenngleich auch recht eng. Dabei spielen wir das lustige Ratespiel: Kommt uns wer entgegen? Die Ausgrabungen des Kastell Boiotro, des römischen Lagers hier an Inn und Donau, sind zu besichtigen.

Einen sehr steilen Berg hinauf und hups, sind wir in Österreich. Das ging dann doch recht schnell. Wir kommen an einem alten Kloster vorbei, das nun ein Studentenwohnheim ist. In Österreich. Für deutsche Studenten. Das ist völkerübergreifende Bildungsarbeit. Der tägliche Weg in die Uni wohl über den steilen Berg hält die Passauer Madames so schön schlank. Hat eben alles was für sich.

Wir erreichen endlich den Mostbauern. Oder auch Mostausschank Unterer Inn genannt. Ein Bauernhof in einer welligen Hügellandschaft, gleich daneben die Bahnlinie und der Inn. Eine Schaukel und ein Trampolin steht da, und dann natürlich einige Bierbänke.

Die Brotzeit könnte vielleicht hier und da noch etwas Würze vertragen, andererseits: je natürlicher im Geschmack, desto besser. Und hier ist man schon ganz nah dran an der Natürlichkeit

Die Brotzeit könnte vielleicht hier und da noch etwas Würze vertragen, andererseits: je natürlicher im Geschmack, desto besser. Und hier ist man schon ganz nah dran an der Natürlichkeit

Ich trinke einen verdünnten Most, der ist süßlich, wie der wohl schmeckt wenn er nicht verdünnt ist? Der Melissensaft tendiert eher zum aromatisierten Wasser, ist aber gut. Man könnte sich auch allerlei Schnäpse bestellen, aber da muss ich leider passen. Und weil man auf einem Bauernhof ist, gibt’s auch Milch und Buttermilch im Angebot.

Freilich müssen wir auch schmausen. Die Karte springt einen schon an, uiuiui, die Qual der Wahl. Ich nehme den Jausenteller. Das Geräucherte ist recht salzig, das Rindfleisch gut, der Käse sogar sehr gut. Die Leberwurst könnte Würze vertragen, der Kartoffelkas ist mild, der andere Frischkäse ebenso.

Tipp: im Monat wird hier geschlachtet, wer mag, kann sich ein 5 Kilo Fleischpaket vorbestellen.

Ein paar Tische weiter sitzt eine Gruppe Studenten, anscheinend zur Hälfte Spanier, zur Hälfte Preußen. Die besetzen die Kinderschaukel und gehen dann Tiere anschauen. Was für ein Erlebnis! Total aufgekratzt kommen sie wieder zurück und müssen sich ganz dringend waschen, sie haben wohl das erste Mal in ihrem Leben eine Kuh gesehen.

Hier herrscht irgendwie eine andere Stimmung als in einem bayerischen Biergarten, es gibt’s ja schließlich Most. Und man ist nicht in Bayern, sondern in Österreich. Während ich in Bayern an so einem Ort eher zum Wort Gemütlichkeit tendiere, eine fröhliche Tiefenentspanntheit, würde ich den Mostbauern mit einer geerdeten Lässigkeit beschreiben. Ist jetzt alles unklarer als vorher? Dann muss der geneigte Leser wohl selber vorbeischauen und den Vergleich wagen.

Mei, was zum Fortgehen hab ich auch noch für Euch:

Eine Ode ans Weizen. Hingeworfen mitten ins Leben. Hingeklebt auf den Klopapierabroller.

Eine Ode ans Weizen. Hingeworfen mitten ins Leben. Hingeklebt auf den Klopapierabroller.

Passau hat sehr schnieke Studenten, aber auch für Normalos und die Subkultur finden sich durchaus wohlige Orte. Einer davon ist das Colors. Das Colors riecht nach gelebter Trinkkultur, nach Kultkneipe, nach sehr vielen durchzechten Abenden, also bierig-modrig. Als hätte der Hausschwamm sich mit dem verschütteten Bier zusammengetan, um allzu hochnäsige und aufwieglerische Leute olfaktorisch zur Ruhe zu bewegen. Wir treten ein und begrüßen die wenigen Herrschaften an der Theke. Die Einrichtung hat schon bessere Zeiten gesehen, wirkt wie der Schick der 90er. Man wirbt mit wechselnden DJs, die jedoch keinen Mainstream spielten. Es lässt sich kickern, Billard spielen und am Sonntag Tatort gucken. Fußball läuft freilich auch.

Das Colors hat einen sehr schönen Biergarten im Hinterhof, ein mächtiger Baum dominiert den Freiraum und schafft Gemütlichkeit, die in eine Zeit zurückreicht, als es die Kneipe noch gar nicht gab. Grillduft weht herüber, das Grillzeug darf man selber mitbringen und hier im Garten zubereiten.

Das Pils der Brauerei Aldersbacher passt schon.

Das Colors hat einen weiteren Vorteil, es hat am Wochenende bis drei Uhr nachts offen. So lange bleiben wir aber nicht. Ausgetrunken und weitergezogen, über die Marienbrücke ins Kreuzweis. Die Innenstadt werden wir jedoch ein anderes Mal kennen lernen.

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