Landshuter Hochzeit – So wird gefeiert!

Die Feier der Landshuter Hochzeit beginnt am Freitag mit Lagerleben. Gemütliches Beisammensein also. Das noch mehrfach wiederholt wird. Ab Samstag Mittag aber geht’s dann in der Innenstadt rund.

Die Fische sind für die Fürsten, das einfache Volk bekommt gegrillte Hasen. Auch nicht schlecht

Die Fische sind für die Fürsten, das einfache Volk bekommt gegrillte Hasen. Auch nicht schlecht

Vor der Heilig-Geist-Kirche, die zu einem Museum umgewandelt wurde, hat sich die Stadtwache mit einem kleinen Lager postiert. „Schnell, die Trumeter spielen gleich drin, da hats eine super Akustik,“ lässt uns ein audiophiler Stadtwächter mit Helm und Hellebarde wissen. Also rein in die Kirche. Unter dem gotischen Kreuzrippengewölbe donnert auf einmal eine Pauke los und dann fallen die Posaunen von Jericho, pardon Trumeten von Landshut ein. Die Wände wackeln nicht, wohl aber die Ohren. Von so viel Wohlklang natürlich. In Discolautstärke. Die Salzburger Trumeter sind die Bläsergruppe des Salzburger Erzbischofs. Der hat damals 1475 das Brautpaar getraut. Und weil überliefert ist, dass er Musiker mit dabei hatte, gibt es diese Musikantengruppe. Insgesamt sind es rund 400 Musiker in 23 Gruppen. Am Abend erklärt man mir, dass davon allein 10 Bläsergruppen sind. Damit sei allerdings, so der Informant, jeder der was könne in der Stadt mit dabei. Eine elfte Gruppe sei im Moment qualitativ nicht mehr machbar.

Stadtrundgang

Gehen wir wieder vor die Kirche. Ein Stadtwächter drückt mir einen Tonbecher in die Hand, randvoll mit Bier. Wenn man will, kann man was spenden. Ansonsten grillen die Männer. Zu besonders viel Einsätzen muss die Stadtwache nicht ausrücken. „Wir Kostümierten kennen uns ja untereinander.“ Nur wenn’s zwischen den Gruppen mal Stress gebe, dann klopften sie den Leuten mal auf die Finger. Was ihn an der LaHo gefällt? Die alten Bekannten nach vier Jahren wieder treffen. Einmal rauskommen aus dem Alltag und rein ins Mittelalter.

100 Meter weiter laufen wir einer Buchsbaumkränzchen-Verkäuferin über den Weg. Wenn man ein Bild einer typischen bayerischen Oma sucht, hier ist es. In Tracht, mit geflochtenen Haaren und verschmitztem, gütigem Lächeln und mit einem Bollerwagen voller Buchsbaumkränzchen. Vor über 100 Jahren setzte sich ein Mädchen auf der LaHo einen Buchsbaumkranz auf den Kopf, um auch ein wengerl geschmückt zu sein. Das wurde zum Trend. „Und deswegen sind unsere Madeln immer so schön!“ Der immergrüne Kranz galt bald als Symbol für die ewige Liebe. Männlein und Weiblein des Mittelalterfestes tauschen ihn aus, werfen ihn ins Publikum oder fangen ihn von den Zuschauern auf. Schee.

Nochmal ein paar Schritte. Wir laufen den Jongleuren und Feuerschluckern über den Weg. Diesmal mit Keulen und nicht mit Feuern. Das Publikum heizen die Jungs trotzdem an. Da wird über die Köpfe jongliert und ein Gast darf sich in die Mitte stellen mit einer Zigarette. Der Jongleur meint beruhigend: „Es werden Keulen fliegen. Eventuell werden auch Zähne fliegen.“ Und schon zeigt man den Kindern, dass Rauchen ungesund ist und nicht ins Mittelalter gehört. Schwups wird die Kippe chirurgisch mit der Keule entfernt. Nach der Vorstellung der Jongleure sind die Zuschauer dran, und sie spenden reichlich.

Was geht ab im Lager?

So, jetzt aber ab ins Lager. Die fast 2500 Mitwirkenden sind dazu angehalten, keine „Zivilisten“ (das steht da tatsächlich in den Vorschriften), d.h. keine Unkostümierten ins Lager zu lassen. Quer durch die Festwiese verläuft ein Holzzaun. Davor gibt es Rittergyros und Aperol Spritz, dahinter gibt’s Bier, Wein und richtig mittelalterliches Essen. Wenn man kein Kostüm anhat, darf man das Treiben vom Zaun aus beobachten. „Wie im Zoo“, meinen manche. Fragt sich nur, wer der Eingesperrte ist. Die begafften Mittelalter-Darsteller, oder die, die nicht aus ihrem Alltagstrott des 21. Jahrhunderts rauskommen?

Wo man im Lager auch hinkommt, jeder lädt einen ein, kommts doch bei uns vorbei, wir haben noch ein Fass da… Der Verein quartiert die Gruppen nämlich in mittelalterlichen Hütten ein, wo sie sich aufhalten und ihre Sachen lagern können. Getrunken wird natürlich Bier und Wein. Nur irgendwo ganz im Eck versteckt sich vielleicht eine Flasche Wodka. Aber das Bier ist hervorragend, meist Wittmann, ja so gefällt das späte Mittelalter.

Dieses kollektive Ausbrechen aus der Leistungs- und Keine-Zeit-Gesellschaft, das miteinander sein Können zeigen, das Trainieren, das Anbandeln, das Trinken, das gemütliche Beisammensein: wir verstehen, warum sich die Leute seit mehr als einem Jahr die Haare wachsen lassen und warum sie monatelang üben, proben, eifern.

Die Junker zahlen 280 Euro, damit sind sie all inclusive versorgt. Vier Wochenenden aufs köstlichste essen und trinken, na da soll mal ein Urlaubsressort dagegen ankämpfen. Die Hofdamen zahlen weniger, müssen dafür aber das Trinken bezahlen. Da hat wer mitgedacht.

Die anderen bringen ihre Sachen selber mit und kochen sie auf offenen Feuerstellen. Die meisten Metzger der Stadt bieten auch Catering an. Das muss dann aber schon mittelalterlich ausschauen!

Die Raucher haben Pech gehabt, meint man. Nein, es gibt einen abgetrennten Bereich, wo die Kostümierten ihr Geschirr waschen können und wo sich die Raucher treffen. Und natürlich all jene, die ein Handy haben und sich da verabreden müssen. Also praktisch jeder. „Das ist zwar unhistorisch wie die Sau, aber dem muss ich jetzt eine SMS schreiben“, meint ein Mädel im abgetrennten Bereich, als sie ihr Smartphone aus dem Samtgewande zückt.

Die Gruppen schauen beileibe nicht mit Neid nach oben, zu den Kaisern und Fürsten. Ja, es ist eine ständische Gesellschaft, höre ich. Aber wir können was. Und wer kein Instrument spielt oder akrobatisch oder sonstirgendwie was drauf hat, der wird halt Fürst, frotzelt man gegen die Großkopferten.

Jeder der hier mitmacht, muss aus Landshut oder Umgebung kommen oder da wohnen. Und Mitglied beim Verein „Die Förderer“ sein. 7000 Mitglieder hat der Verein. Schätze mal, Tendenz steigend, es kommen ja immer wieder neue Gruppen hinzu. Ob man wohl auch die Gruppe „trinkfreudige Oberpfälzer Bauernfünfer“ gründen sollte? Hoffentlich finden die Historiker der Förderer in den überlieferten Akten Hinweise darauf.

So lasset uns in den Club gehen!

Nach Lagerschluss feiert man hier...

Nach Lagerschluss feiert man hier…

Langsam leert sich das Lager, zwischen eins und zwei setzt sich ein Tross von Kostümierten in Bewegung. Richtung Marstall. Das ist ein großer, mittelalterlich wirkender Lagerraum, der nur während der LaHo geöffnet hat. Und darin geht’s rund. Die Nichtkostümierten fallen hier eher auf. Es spielt zwar Musik, doch bis um fünf Uhr in der Früh und später liefern sich Businenbläser, Trumeter und Co in ihren Samt- und Brokatgewändern einen Wettstreit, wer am lautesten, längsten und virtuosesten blasen, trumeten, businieren kann. Die spätmittelalterlichen Lieder (kann man hier schon von Märschen sprechen?) gehen gut ins Ohr, noch einen Tag später kann ich trotz enormen Schlafmangels nicht einschlafen, weil mir die Melodien nicht aus dem Kopf gehen.

Natüüüüürlich erzählt man dann dem zugereisten Gast nach dem x-ten Getränk von einer ominösen Liste, die während der LaHo kursiert. Die meisten Punkte bekommt der, der mit den meisten ähm, naja, ihr wisst schon. Und eine Sonderpunktzahl bekommt derjenige, der die öh, Themawechsel. Obs die Liste wirklich gibt, oder ob das so eine medieval urban legend ist, eine legenda rubra, ein Bär, den man dem Auswärtigen aufbindet?

Hab ich schon erwähnt wie hübsch die Damen dieser Stadt sind? Sie sind sehr hübsch. Sie sind auch sehr charmant. Und schon bin ich mit meinem Latein oder Mittelhochdeutsch am Ende. Das Minnespiel muss der Zugereiste anscheinend noch etwas üben.

...zu Electrogestampfe und Businengebläse

…zu Electrogestampfe und Businengebläse

Alle erzählen, wie offen, toleranter, einfach anders Landshut während der LaHo ist. Und das stimmt. Weil der embedded journalist kein Hotelzimmer mehr gefunden hat, darf er sich bei Leuten, die er erst ein paar Tage kennt, im Gästezimmer embedden. Und sowas in Niederbayern. Demnächst werden vielleicht auch die Oberpfälzer Fremden gegenüber offen sein? Na, lieber nicht.

Hochzeit

Am nächsten Tag ist Hochzeitszug. Obwohl die Stadt durchgemacht hat, sind alle um Mittag herum auf den Beinen und fit. Da ist Bayern noch leistungsfähig und in Ordnung! In allen Fenstern um die Route sitzen Leute bis unter den Giebel. Aus dem Erdgeschoss heraus verkaufen die geschäftstüchtigen Landshuter Essen. 4 Euro für ein Paar Wiener, ja wo gibt’s denn sowas? Ich greife lieber zu vitaminreicher Kost und kaufe mir zwei Pfirsiche für einen Euro. Danach kehre ich in einer Metzgerei ein, zunächst bleibe ich brav beim Quarkbrot mit Schnittlauch, nehm mir aber dann doch noch eine Leberkässemmel mit. So viel Leberkäs wie ich schon in Landshut gegessen habe, uiuiui, langsam schau ich schon selber aus wie einer. Aber was soll’s, ich bin halt ein Leberkäs-Afficionado.

Vor dem Zug her gehen die Joculatores und unsere Feuerschlucker, allerdings wieder ohne Feuer. Der Zug selber ist sehr schön anzuschauen, und das Haaaaallooooo reißt echt mit. Danach wird im Lager weitergefeiert. Es ist Sonntag Nachmittag und der Freitag und Samstag waren schon lange Tage. Eigentlich wollten es die Landshuter heute mal ruhiger angehen lassen. Aber nach dem ersten Bier im Lager ist’s dann doch so schön und gemütlich, und man beschließt, den Tag im Mittelalter laaaaaaang und fröhlich ausklingen zu lassen. Man hat ja nur vier Wochenenden. Und das nur alle vier Jahren. Die Landshuter Hochzeit ist wie ein Blick zurück nach vorn, die Neudefinition der Feierei – aus dem Mittelalter. Es ist eine andere Welt. Bestimmt nicht unschuldig, sondern eher deftig – und offen freundlich. Na dann Prost und Himmel Landshut, Tausend Landshut. Haaaaallooooo, du geilstes Kostümfest aller Erdteile!

Ein Kommentar

  1. Das mit den schönen Mädels muss ich jetzt aus Mädelssicht ergänzen: alle 4 Jahre bewundere ich, wie „schön“ manche Männer im Mittelalter gewesen sein müssen. Schöne Beobachtungen hast du gemacht, hab beim Lesen viel und oft geschmunzelt – liebe Grüße von Doris

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