Niederaltaich

In Bayern unterwegs zu sein heißt auch, in Bayern einzukehren und unterzukommen. In den allermeisten Fällen gelingt das bei Freunden, aber ab und an muss man doch kostenpflichtig einchecken. Wer hier die volle barock-bajuwarische Dröhnung will, der übernachtet am besten in einem Kloster. Da kommt man zur Ruhe und zahlt meist nicht allzuviel.

Ich bin von Regensburg aus donauabwärts unterwegs. Hier liegt das berühmte Kloster Niederaltaich, das Umweltschützern vor allem wegen seines Widerstandes gegen den Donauausbau bekannt sein dürfte. So segnen die Mönche jedes Jahr das letzte frei fließende Stück des Flusses mit einem ostkirchlichen Wassersegen. Übrigens: Niederaltaich liegt im Ort Niederalteich. Mit ei.

Die Türme sind das Wahrzeichen Niederaltaichs.

Die Klosteranlage ist sehr weitläufig, es gibt ein Gästehaus mit Tagungszentrum, die Klausur, in der die Mönche wohnen, eine Schreinerei, ein Wirtshaus, eine Likörkellerei, eine große und eine kleine byzantinische Kirche, eine große Barockkirche, ein Gymnasium und natürlich einen Klosterladen. Also ein Kloster, wo noch ordentlich was los ist.

Ich komme recht spät an und gehe erst einmal in die Gaststätte Klosterhof. Dort hole ich mir meinen Zimmerschlüssel ab. Ein Einzelzimmer mit Bad kostet 59 Euro inkl. Vollpension. Wer nur eine Nacht bleibt, muss neun Euro mehr zahlen. Wer sich Mittag- und Abendessen sparen will, zahlt dementsprechend weniger.

Im Innenhof des Klosters suche ich anschließend den richtigen Eingang in den Wohntrakt. Die Anlage ist nicht gerade klein, die Rezeption liegt an einer Seite, die Klosterpforte auf der anderen. Ein Mann mittleren Alters kommt vorbei, er sieht mit einem augeleierten roten T-Shirt und seiner Jeans aus wie der Hausmeister oder ein Schreiner. Er fragt, ob er behilflich sein kann und verweist mich auf die Pforte. Drinnen muss ich auch noch etwas suchen, bis ich mein Zimmer gefunden habe. Die Inneneinrichtung ist funktional, das Bad recht hübsch.

Ob die Pilze selbst im Wald gepflückt wurden?

Da ich noch nichts gegessen habe, wende ich mich dem Klosterhof zu. Drinnen ist es recht urig, ich bleibe aber wegen des schönen Wetters draußen im Biergarten.

Die Waldpilzsuppe für 3,20 Euro ist gut, erinnert aber irgendwie an eine Packerlsuppe von Knorr oder Maggi. Der Kalte Braten für 6,90 Euro ist ebenfalls gut und wird immer besser, je mehr man davon isst. Das dazu gereichte Brot mundet mit Meerrettich, Gurkerl und Tomate.

Eine recht gute Brotzeit.

Auf dem Zimmer schaue ich mir die ausgelegten Schriften an. Einen Fernseher gibt’s nicht. Dafür die Bibel, die gedruckte Benediktsregel und das Hausmagazin „Die beiden Türme“. Dort drin finden sich einige Fotos der Mönche, auch der Typ von vorhin scheint darauf abgebildet. Allerdings im Habit, also dem Mönchsgewand. Abt Marianus steht in der Bildunterschrift. Öha, also doch kein Hausmeister. Inhaltlich hat dieser einen sehr interessanten Text zur Schöpfung und dem Theodizee-Problem verfasst, also der Frage, wieso ein guter Gott Leid zulassen kann. Der Text ist recht umfangreich, ganz durchlesen kann ich ihn nicht. Denn am nächsten Morgen muss ich früh raus.

Die Feuerlöcher werden hier mit Liebe zum bajuwarischen Detail verstaut.

Ich will die Frühmesse besuchen, und die ist um sechs Uhr. Schauder. Ich gehe durch das Kloster und suche die Kapelle. Hinter einer mächtigen Eichentür im Erdgeschoss finde ich einen Gang mit alten Gemälden und Mönchszellen. Ganz am Ende des Ganges endlich die Kapelle. Sie wirkt eher kahl, die hätte ich mir in so einem Barockkloster anders vorgestellt. Aber vielleicht wollen sich die Mönche hier aufs Wesentliche konzentrieren.

Die Messe ist mit einer Laudes, also dem Morgenlob verbunden. Auf einen kurzen Hinweis des Abtes, der die Messe feiert, gibt mir ein indisch aussehender Bruder oder Pater das Heft mit den heute zu singenden Psalmen. Dieser Mönch erinnert mit seinen längeren grauen Haaren und dem Bart eher an einen Brahmanen oder einen anderen erleuchteten Weisen vom Subkontinent.

Wir singen abwechselnd, wobei ich allein in der Gästebank Platz genommen habe. Außer mir sind sieben Mönche inklusive Priester und Konzelebrnt da. Die anderen werden wohl das gleichzeitig stattfindende Morgenlob in der byzantinischen Kirche feiern. Das Fenster ist offen, allerdings mit einem gusseisernen Gitter davor. Wer weiß, ob Diebe hier goldene Gerätschaften stehlen wollten? Das Infoblatt für den Gast weist darauf hin, keine unbekannten Leute ins Haus zu lassen. Besonders viel Gold sehe ich aber nicht, stattdessen zwitschern die Vögel im Garten draußen zum beginnenden sonnigen Tag. Ohja, das ist wirklich ein Idyll.

Im Flur vor der Pforte passt der Hund des Priors auf, bzw. liegt halt so rum.

Nach der Messe überlege ich mich noch etwas hinzulegen, aber einschlafen kann ich natürlich nicht mehr. Also lese ich weiter im Text des Abtes und gehe dann zum Frühstück. Dort treffe ich auf eine handvoll Gäste. Ein evangelisches Ehepaar aus Nürnberg ist hier, der Mann ist Pastor und hält einen Vortrag im Kloster. Vier Männer zwischen 40 und 50 sitzen bei mir mit am Tisch. Sie sind ebenfalls aus Nürnberg angereist, zwei allerdings aus der Oberpfalz gebürtig, einer aus der Lüneburger Heide. Die Herren kommen seit vielen Jahren hierher. Teilweise arbeiten sie auch mit. Hmmmm, das könnte ich mir für meinen nächsten Urlaub auch vorstellen, ein paar Tage in der klostereigenen Likörkellerei…

Die Leute sind recht nett, sie wirken, als hätten sie den Aufbruch der katholischen Kirche nach dem II. Vatikanischen Konzil von Anfang an mitgemacht. Einer erzählt mir von seiner Zeit bei der Jungschar, wie toll das früher beim Zelten gewesen sei. Heute sei das aber aufgrund von Versicherungsbestimmungen und bürokratischem Aufwand genauso teuer wie ein normaler Urlaub. Darum hätten Pfadfindergruppen große Probleme.

So groß ist das Kloster heute nicht mehr.

Ich schaue mir das Kloster weiter an. Im Trakt des Gästehauses finde ich noch ein Gymnasium, Schüler laufen mir über den Weg. Außerdem gibt es irgendeine Tagung zur Kräutertherapie. Gegenüber ist die byzantinische Kirche St. Nikolaus. Die wurde 1986 in der alten Brauerei eingerichtet. Also weniger bierig-bajuwarisches, dafür byzantinisches. Auch mal was anderes. Ich versuche mir diese Kirche anzuschauen, allerdings ist der Kirchenbereich mit einem Gitter verschlossen und mit den Lampen im Gang kann ich nicht wirklich den Raum illuminieren.

Wie anders ist da doch die barocke Klosterkirche. Die beeindruckt. Leider habe ich die Klosterführung nicht mitgemacht. Denn nur mit dieser kann man die Sakristei und die Oberkirche besichtigen, die sehr sehenswert sein sollen.

Der Eingang zur byzantinischen Kirche macht was her.

Um den Innenraum und die Ikonen zu erkennen, muss man wohl an der Kirchenführung oder dem Gottesdienst teilnehmen.

Zwischen 731 und den 740er Jahren wurde das Kloster Niederaltaich gegründet. Es hat also schon einige Jährchen auf dem Buckel. Zur Gründungszeit machte es die raue Gegend des Bayerischen und Böhmischen Waldes urbar und kultivierte sie. Nach über 1000 Jahren kam die Säkularisation, das Kloster wurde aufgelöst und nach einem Blitzschlag und Brand 1813 großteils abgebrochen. Gute 100 Jahre später, 1918, kam die Wiederbesiedelung aus dem Kloster Metten. Seit den 1930er Jahren beschäftigten sich die Mönche mit der Ökumene. Nach dem Zweiten Weltkrieg fingen einige Brüder an, im byzantinischen Ritus, also dem der Kirche in Russland und Co. zu beten und Liturgie zu feiern. Tatsächlich hatte schon Papst Pius XI. 1924 die Benediktiner gebeten, in diesem Ritus zu feiern. So sollten sie eine Verbindung zu den – damals schon vom Kommunismus bedrängten – Ostkirchen finden.

Schlicht ist der Raum für die Andachten.

Jetzt muss ich aber schnell meinen Zimmerschlüssel abgeben. Der frühe Check-Out gegen neun Uhr nervt schon. Letzte Station ist der Klosterladen. Hier treffe ich Frater Gabriel. Er pflegt diese besondere Mischung aus innerer Ruhe und überaus trockenem Humor, wie man sie eigentlich nur im Kloster findet. Scheinbar überall kennt er Leute. Wir unterhalten uns etwas über eine Eremitin, die ich am Tag vorher getroffen habe (Geschichte folgt noch). Er meint, jeder Mönch wäre eigentlich per se Eremit, der allerdings in einer Gemeinschaft lebt. Ohne diese Gemeinschaft sei es aber sehr schwer, ein geordnetes Leben führen zu können, die Eremitin würde das aber meistern. Wie das wohl sein muss, hier als Mönch zu leben? Freilich lebt man hier nicht komplett abgeschottet von der Welt, aber die Leute hier scheinen mir doch nicht besonders besorgt wegen nordkoreanischer Diktatoren, amerikanischen Egomanen und russischen Kriegstreibern. Die Wellen einer zornigen Welt scheinen sich an den Klostermauern zu brechen. Und dennoch ist es offen für jeden, der anklopft. Hier im Kloster scheint ein Friede des fröhlichen und entspannten Gemüts zu herrschen. Keine Gleichgültigkeit, man gehört immerhin einer weltumspannenden Organisation an, die oftmals unter den regionalen Herrschern und Verfolgungen zu leiden hat. Aber ein gesundes Gottvertrauen wirkt sich äußerst positiv auf die Psyche aus.

Eine Frau kommt herein und bringt volle Flaschen der Klosterliköre. Während sie diese bewirbt, warnt Frater Gabriel etwas davor. Manche mögen sie, manche nicht. Die Zutaten kommen allerdings nicht aus dem Klostergarten, sondern werden zugeliefert. Ich probiere und muss sagen: schon sehr rass. Ein anderer Likör tendiert Richtung bessere Jägermeister-Version, die nehme ich mit. Außerdem noch Bienenwachskerzen, die ebenfalls von einem Eremiten hergestellt und hier vertrieben werden. Dazu kaufe ich mir noch einen Kräutertee aus dem Kloster Beuron. Der sei tatsächlich von kontemplativen Menschen gepflückt worden, meint Gabriel ironisch.

Wie man sich so ein bayerisches Kloster vorstellt.

Ich verabschiede mich und fahre weiter. Das war tatsächlich ein kurzer Aufenthalt im Kloster, vielleicht 14 oder 15 Stunden nur. Mit ein paar raschen Begegnungen, die dennoch im Gedächtnis bleiben. Wiederkommen würde ich sehr gerne. Dann für einen längeren Zeitraum. In der Likörkellerei oder im Klosterladen könnte man was Praktisches tun. Und in den Gebetszeiten wunderbar zur Ruhe kommen und auftanken. In jedem Fall würde ich so einen Klosteraufenthalt einem Wellness-Hotel vorziehen. Und selbst wer nur auf der Durchreise ist, der gewinnt hier auch in wenigen Stunden ganz neue Einblicke.

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