St. Englmar

Zeit für einen kurzen Trip in den Bayerischen Wald? Gut, die Frage war rhetorisch. Die Antwort ist mir wurscht, ich nehm‘ euch einfach mit auf eine Tour nach St. Englmar.

Jegliche Anspielung auf den weiß-blauen Himmel wäre bei dieser Aussicht zu platt und nicht angebracht.

Zunächst fahren wir durch eine normale hügelige Landschaft, sanft gewellt. Und auf einmal rutschen wir auf dem Autositz nach hinten, weil es  immer höher und höher. Zack, sind die Berge da. Und wir oben auf. Eine fantastische Landschaft bietet sich dar, wie weit man hier wohl blicken kann? Was glänzt da in der Ferne? Straubing? Landshut? Lässt sich bei gutem Wetter vielleicht sogar bis München schauen?

Schnell noch beim Kloster Kostenz vorbeigeschaut, in dem wohl gerade eine Jugendfreizeit stattfindet. Und es wird fleißig gebaut. Schaut eigentlich alles ganz nett aus, aber länger muss ich mich nicht unbedingt hier aufhalten. Noch kurz dem weidenen Fleckvieh Hallo gesagt, und weiter geht’s.

Kleine Schatzkästchen im Wald.

Durch die Täler des Bayerischen Waldes führt der Weg, ich komme an einem Bach vorbei, der über Schaufelräder allerlei kleine Figurenspiele antreibt. Ganz putzig sieht das aus, ein Windmühle dreht sich, es wird gesägt und getanzt. Einfach so im Wald. Toll! Allerdings weist ein Schild darauf hin, dass diese Wasserspiele gefährdet seien. Nach 52 Jahren Betrieb verlange das Landratsamt Straubing-Bogen eine Genehmigung. Immerhin verfüge der Aufsteller nicht über die Wassernutzungsrechte des Mühlbogenbaches. Nuja, Ordnung muss sein, aber für so ein paar Wasserspiele Wassernutzungsrechte beantragen?

Fröhliche Totenbretter.

Mein Weg führt mich nach St. Englmar, hier will ich was essen! Aber vorher mal was zu Trinken holen, ist immerhin ein heißer Tag. Kurz am Supermarkt gehalten, Wasser für die Fahrt und lokale Biere für daheim gekauft. Im Ort geparkt, was sind denn so die Sehenswürdigkeiten? Viele Schilder weisen auf das Xperium hin, eine Art Naturkundemuseum zum Mitmachen und Erleben. Also eher was für Familien.

Beim Kirchawirt sitzen Leute draußen und putzen Schwammerler und schälen Kartoffeln. Sehr schön. Allerdings will ich mich noch weiter umschauen. Die Kirche wirkt von außen eher historistisch, tatsächlich stammt der Turm von 1892, eine Erweiterung des Schiffs gab es 1901. Innen ist sie aber schön Barock. Im Hochaltar befinden sich Reliquien des heiligen Englmar. Englmarus war ein Einsiedler, der hier im Wald bei den Bauern die Tiere heilte und 1100 im Winter von Neidern erschlagen wurde. Die begruben ihn im Schnee, erst zu Pfingsten fand ein Pfarrer seinen Leichnam, der noch frisch ausgesehen haben soll. Über seinem Grab entstand eine Kapelle, später ein Ort.

Im Ort finden wir auch sehr schöne Totenbretter. Am Bächlein, das mitten durch St. Englmar plätschert, stehen einige lustige Sprüche geschrieben. Anscheinend wohnen hier ein paar Künstler?

Die Ziegen können von Kindern gefüttert werden.

Meine Wanderung führt mich an das Familienlokal Mühlliesl. Mei, schon eine arge Idylle. Ein Mühlrad ist da, Ziegen grasen, viel Holz, grünes Gras, weiß-blauer Himmel. Sehr schön das alles. Nur eine laute Baumaschine stört. Als sie aufhört rumzuröhren, sinkt sofort der Blutdruck auf totale Entspannung. Ah, so geht gemütlich.

Ich bestelle mir ein dunkles Karmelitenbier für drei Euro, das ist leicht rauchig, nicht soooo malzig, sehr süffig, wunderbar.

Ausnahmsweise mal keine Leberknödelsuppe. Die bayerische Küche ist vielfältiger, als man denkt.

Das Essen dauert etwas. Aber dann kommt eine Zwiebelsuppe mit Käse überbackenen Brezenscheiben. Kostet auch drei Euro, ist deftig, ohne Fleisch, sehr gut, aber mir ist zu viel Salz drin. Fairerweise sei gesagt, dass ich eh wenig Salz esse. Für 10,50 Euro gibt es Kalbsleber. Der reine Lebergeschmack ist schon heftig, aber mit Portweinsoße, den krass kross gebratenen Zwiebeln und dem Apfelgröstl ist sie richtig fein. Die dazu gereichten Kartoffeln sind OK, der gedünstete Sellerie gut.

Als Erfrischungsgetränk reicht man hier Buttermilch. Die ist kühl, a bissl säuerlich, mit Gurkenscheibe und Kresse sehr schön serviert, die Kresse bringt auch geschmacklich einen interessanten Akzent mit rein. Ui, jetzt hab ich aber einen Riesenwanst. Aber dafür war’s mal was anderes als allerweil Schweinebraten und Spezi.

Und kein Schweinebraten. Achtet auf eure abwechslungsreiche Ernährung!

Die Bierfahrer kommen und liefern neue Getränke. Einer singt beim Ausladen vor sich hin und äußert sich nach einem zünftigen Stoßseufzer mit „Ja mi leckst am Oarsch“. Wunderbar. In der Gegend ist Bierfahrer echt ein Traumjob! Ein Gast weist den anderen Fahrer darauf hin, dass er sich doch nun mit einer Mass Bier erfrischen solle. Der aber verweist brav darauf, dass er nur eine Wassermass trinkt.

Nach dem Essen soll ich jetzt mal lieber 1000 Schritte tun. Also noch etwas gewandert, den Ausblick über ein sanftes Tal genossen und den recht übersichtlichen „Kurpark“ begutachtet.

Wenn ein Gasthof schon so ausschaut, dann kann die Küche es echt drauf haben.

Als ich mit dem Auto den Flecken verlasse, komme ich noch an einem grausigen Betonklotz vorbei. Diese Anlage wurde als Wintersportzentrum in den frühen 70ern errichtet, autsch. Die Einheimischen nennen es angeblich „Schachterldorf“. Einerseits ist es gut, wenn die Urlauber alle an einem Ort untergebracht werden, und nicht die Landschaft zersiedeln. Andererseits kann man Massenunterkünfte auch schöner gestalten. Aber diese Zeit war wohl noch nicht soweit. Wobei man in unserer Zeit auch lange suchen muss, um harmonische Neubauten zu finden. Allerdings ist die Aussicht in die Ebene wieder fantastisch.

Eine Landschaft, die ruhig macht.

Den beworbenen Baumwipfelpfad kann ich beim nächsten Mal besuchen. Wer mit Kindern einen schönen Heimaturlaub verbringen will, der sollte sich St. Englmar dick anstreichen. Es gibt Landschaft, es gibt Tiere, es gibt Aussicht und es gibt köstliches bayerisches Essen zu vernünftigen Preisen.

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