Barschick und Barschwein

München gilt ja als besonders gegelt und geschniegelt. Auch und gerade das Partyleben hat in Restdeutschland ja einen eher zweifelhaften Ruf, aufgrund des vermeintlich elitären Schicks. Wir schauen uns an einem Abend zwei komplett verschiedene Bars an.

Stilprägend, sogar weltweit stilprägend ist sicherlich ein Münchner Barchef, Cocktail-Erfinder und Männermodel. Er, der für das italienische Label Baldessarini Mode macht, welches die men von den boys trennt, stammt ausgerechnet aus der Oberpfalz. Aus der Oberpfalz kommt vieles Gute, aber eine Stilikone? Ouwäi, dös häid i niat denkt!

Charles Schumann, alias Karl Georg Schuhmann (mit h), stammt aus Kirchenthumbach und arbeitete in Südfrankreich in Bars, angeblich als DJ, angeblich als Betreiber eines Erotiklokals. In Frankreich bekam er auch seinen Namen Charles. 1982 gründete in München die Bar „Schumann’s“. Ohne h. Dafür mit Apostroph.

Er gibt an, nie Teil der Schickeria gewesen zu sein. Wenn man die Berichte über ihn liest, scheint er immer noch ein bodenständiger Lebemann geblieben zu sein. Baldessarini wollte ihm ein mickriges Gehalt zahlen für seine Modeldienste, da nahm er lieber gar nichts. Dafür bekommt er immerhin die durchaus ansehbaren Anzüge. Ein Werbedreh mit Jessica Alba war da schon finanziell lohnenswerter. Geld gibt der gute Mann auch aus, etwa für die neuen Kirchenglocken in Kirchenthumbach. Schuhmanns (ohne Apostroph) Karriere ist eigentlich wegweisend für dieses unsere Land. Aus der Provinz in die weite Welt, dort Erfahrungen gesammelt, aber erst in München, daheim in Bayern, zur weltweiten, stilprägenden Perfektion gereift. Dabei immer bodenständig und in sich ruhend geblieben. Noch einer mit so einem Lebensweg fällt mir ein, Helmut Josef Geier, alias DJ Hell. Aufgewachsen in Altemarkt an der Alz, eine weltweite Electro-Ikone, spricht immer noch bayerisch, und sponsert die Fußball-Trikots seines Heimatvereins.

So, aber jetzt wollen wir wissen, wie denn diese Bar überhaupt ist. „Deprimierend“ meinen die Freunde, die draußen warten und reinspitzen. Tatsächlich ist es sehr dunkel drinnen. Also so schnell darf man aber nicht aufgeben. Einmal reingegangen, um die Ecke rum und nach freien Tischen gespäht. Entweder besetzt oder leere Gläser stehen noch drauf oder Schilder mit: „Reserviert“. Sehr viel ist hier reserviert. Um ein Uhr nachts??? Für wie viele Stammkunden wird denn hier freigehalten?

Ich frage einen der Barkeeper, für wie viel Uhr reserviert sei? „Hier ist grundsätzlich reserviert.“ Aha. „Können wir uns mit acht Personen hier hinsetzen?“ „Wer sind denn die acht Personen?“ „Halb Männlein, halb Weiblein.“ „Ok.“

Gut, wir waren elf und mussten dann mit den Stühlen zusammenrücken, aber mei. Die Kellner haben alle Schürzen, weiße Hemden und schwarze Krawatten. Sehr schick. Und Ja, schon etwas blasiert. Aber freundlich.

Die Karte ist überreichlich. Eine Auswahl der Klassiker. Dann Klassiker, von denen man noch nie etwas gehört hat. Und Eigenkreationen, die Klassiker wurden oder vielleicht noch werden, wie der Swimmingpool aus den 70ern oder der Kyoto Fizz aus jüngerer Zeit.

Drei Leute bestellen einen London Leaves, das ist eine Art Gin Tonic mit Apfelsaft und Minze. Sehr delikat. Mein Nebenmann nimmt einen Journalist, der kommt in einem Champagnerglas und scheint bis auf ein Stück Orangenschale nur aus Alkohol zu bestehen. Lecker, aber davon sollte man allerhöchstens einen am Abend trinken. Die armen Journalisten-Lebern. Kann doch nicht jeder ein Hemingway sein! Mein Kyoto Fizz kommt deutlich leichter daher, an Alkohol ist nur Sake drin, ansonsten unter anderem Orangenblütensaft, Limette und Eiklar. Der dauert aber etwas länger, was der Barkeeper im Nachhinein mitfühlend feststellt. Geschmacklich sind die Getränke wirklich fein. 10,50 Euro kosten die meisten, für die Qualität geht das eigentlich. Der opulentere Champagnercocktail für 13,50 ist etwas teurer, aber dafür kommt er in einem Silberbecher daher.

Schuhmann möchte, dass man sich seine Cocktails noch leisten kann, eine sehr soziale Ader. Und 10 Euro kosten die Cocktails in Münchner Clubs auch, die schmecken dann aber teilweise wie Mundwasser mit Haarspray. In anderen Städten kosten die Cocktails in mittleren bis gehobenen Bars ebenfalls oft mehr, erreichen aber nicht diese Qualität.

Nun, deprimierend würde ich die Stimmung oder die Atmosphäre nicht beschreiben. Eher stilvoll gedämpft. Das Publikum besteht aus vielen Silberrücken, und solchen, die es sein wollen. Aus Edelmodellen, und solchen, die es vielleicht einmal sein wollten. Das Ambiente dämpft mancherlei arrogante Aufgekratztheit in gekünstelte Gelangweiltheit. Je nu, es sind nicht alle so. Der Tisch mit den Oberpfälzern lässt sich die Getränke schmecken.

So, aus der Noblesse zu einer anderen Adresse.

Wir wechseln von der Innenstadt nach Schwabing. Eigentlich auch eine feine Gegend, aber Schickeria haben wir für heute genug, jetzt der totale Stilbruch bitte.

Wir treten ein, und uns kommt ein leicht versiffter Geruch nach Klo und altem, verschütteten Bier entgegen. Ein Bar halt, in der gefeiert wird, als ob es kein Morgen gäbe.

Das Barschwein hat wohl das gruseligste Logo ever. Ein fies grinsendes altes Schwein. Wäh. Das haben sie fett auf ihre Kölsch-Gläser gedruckt, damit man beim Trinken keine schönen Gefühle bekommt. Kölsch-Gläser??? Richtig, im Barschwein trinkt man Kölsch, genauer gesagt Früh-Kölsch. Kein schlechtes Bier, aber in München, tztztz. Na gut, Hofbräuhaus Tegernsee habens auch im Angebot, aber fast jeder greift zum Kölsch. Is halt besser, wenn man in der Runde beieinander ist, zahlt jeder mal einen Kranz.

Vom Publikum her komplett das Gegenteil, statt Silberrücken eher Stiernacken, und solche die es mal werden. Ob sie wollen oder nicht. Ok, ein paar Zigarettenbürscherln sind auch dabei. Und Studenten von TU und LMU. Der DJ spielt den „besten“ Mainstream-Rock-und-Techno-Kitsch der letzten 25 Jahre. Herrlich, wie in unserer Dorfdisco daheim, aber mitten in München! Die Stimmung ist prollig, aber sehr entspannt. Mei, hier muss man sich nicht besonders anstrengen oder so und so angezogen sein. Weder als Styler noch als Hipster noch als gepflegter Herr. Freilich könnte man auch entspannt in einer Boazn fortgehen. Aber eine Boazn ist eine Boazn und keine Bar, da geht man nicht hin um mit Freunden einen drauf zu machen oder um was Gutes zu trinken, sondern nur um zu trinken. Der Flirtfaktor im Barschwein ist auch nicht gerade ohne, wenn, ja wenn Frauen da sind. Denn je später der Abend, desto ungünstiger das Männer-Frauen-Verhältnis. Entweder man führt dann ein laaaaaaaanges Gespräch mit einer Bedienung, das sich über zahlreiche Getränke zu einer jahrelangen Freundschaft entwickelt, oder man gräbt eine Madame an, die sich dann als Freundin des DJs herausstellt. Wahrscheinlich war deswegen die Musikauswahl streckenweise so grausig.

Wir treffen hier Ungarn, Thüringer und Preußen, das Barschwein ist ein Sammelbecken und ein Wohnzimmer. Eben nicht für höchste Ansprüche, sondern um mal runter zu kommen.

Wer in München was Edles will, der bekommt weltweite Spitzenklasse zu einem vernünftigen Preis-Leistungs-Verhältnis geboten. So. Dafür braucht man die Stadt nicht zu verdammen. Denn das Lockere kann diese Stadt genauso, auch wenn man dafür ein Kölsch mit einer Monstersau drauf in Kauf nehmen muss.

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