Beim Papst a.D. daheim

Wenn man in Altötting nicht schnell genug von der Autobahn kommt, führt einen die Schnellstraße vom langjährigen ins kurzjährige Zentrum des bayerischen Katholizismus. Ich habe mich verfahren und weiß nicht, wo ich bin, aber dieser Ortsname sagt mir irgendwas. „Marktl 1 km“. War da nicht mal… Ohja. Schaun wir uns die Sache mal an, ich brauch noch was zu essen für die lange Weiterfahrt.

Etwas durch die Innenstadt gegurkt, und schon finde ich einen Parkplatz. Innenstadt, na ja, es nennt sich Marktstraße. Eine Reisegruppe kommt aus einem Haus, scheinen Philippinos, oder eher Philippinas zu sein. Ein paar Franken sind auch dabei.

Hier wurde nicht nur der Papst geboren...

Hier wurde nicht nur der Papst geboren…

Das wird doch nicht schon? Einfach so? Direkt vor mir? Tatsächlich. Das Geburtshaus. Eher klein und gedrungen steht es da, am Ende der Straße. Rechts neben dem Eingang wurde eine steinerne Tafel in den Putz eingelassen, die vom großen Sohn der Stadt kündet. Links gibt es noch eine Tafel: „In diesem Hause wurde geb am 31.3.1779 Georg Lankensperger Erfinder Der Achsschenkellenkung gest 11.7.1847“ Diese Tafel scheint schon etwas länger zu hängen. Was eine Achsschenkellenkung ist weiß ich nicht, aber die Tafel ist genau so groß wie die Papst-Tafel. Muss also ein genauso bedeutender Mann gewesen sein. Schon krass, wie viel Historie so ein Haus bergen kann…

Anstatt ins Haus zu gehen und da womöglich eine Führung allein zu nehmen, suche ich lieber den Bäcker. Schließlich hab ich Hunger und will den Daheimgebliebenen Devotionalien wie die Benedikt-Torte oder das Papst-Bier mitbringen, das sollte es ja auch nach dem Rücktritt noch geben. Doch nein, es ist 12.30 Uhr und alle Schotten sind dicht. Haben die während seines Pontifikats genug verdient? Oder ist alles schon ausverkauft? Oder halten sie gar die Sabbatruhe? Der Metzger hat ebenfalls zu. Keine Benedikt-Bratwurst und auch keine Ratzinger-Rouladen. Zwischen Geburts- und Rathaus („Markt Marktl steht da geschrieben, und das steht, hihi, in der Marktstraße) hat man die Benedikt-Säule errichtet. Nett.

Ab in die Taufkirche

...sondern auch der Erfinder der Achsschenkellenkung. Wahnsinn!

…sondern auch der Erfinder der Achsschenkellenkung. Wahnsinn!

Ich gehe in kleinem Abstand hinter den Philippinas her, möchte mir gern die Kirche anschauen. Die Taufkirche, wie überall geschrieben steht. Joseph Ratzinger, an einem Karfreitag geboren, wurde ja am Ostersonntag mit frischem Weihwasser getauft. Ein Zeichen? Die Kirche ist recht hübsch hergerichtet, es gibt einen gotischen und einen nachkonziliaren Altar. Die Philippinas machen Fotos vor dem gotischen Altar, ich bete zum neuen hin, der für einen modernen Altar ungewöhnlich einladend und schön aussieht. Jetzt fangen die Philippinas an zum singen, Holy Spirit verstehe ich. Schon krass, da fahren diese Leute um die halbe Welt um sich Marktl anzuschauen und kriegen mittags nicht mal eine Leberkäs-Semmel. Aber sie sind trotzdem fröhlich. Da können wir noch was lernen.

Eingerahmte Fotos zeugen vom Besuch des Oberhirten. Die Ministranten (und Ministrantinnen) schütteln ihm die Hand, es ist ein schöner Tag, weiß-blaue und gelb-weiße Luftballons und Fahnen überall. Ach, wie schön ist Bayern. Schließlich sieht man noch die Dorfgemeinschaft vor einer Art Willkommens-Spruchband: „Dies ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Gefallen gefunden.“ Selbst wenn der große Sohn der Stadt Papst ist, das geht schon ein bisserl weit. Schließlich ist er ja nur der Stellvertreter des Chefs.

Raus aus der Kirche und wieder zurück. Ein Müllwagen fährt vorbei. Der Müllmann steigt ab und brüllt wild durch die Gegend, man weiß nicht, warum und wieso. Die philippinische Reisegruppe guckt etwas befremdet.

Jäger des letzten Souvenirs

Nett restaurierte Details vor der Kirche

Nett restaurierte Details vor der Kirche

Das Schlaufon weist mir über einige Umwege die nächste Sparkasse aus. Hinter den Fassaden (mit teils recht alten Jalousien) der Marktstraße blättert in den Nebengassen schon (oder noch immer?) der Putz ab. Etwas weiter weg finde ich einen Penny Markt und einen Getränkemarkt. Im Penny Markt gibt’s auch keine Andenken oder Devotionalien. Eine Packung Erdnuss-Flips muss fürs Mittagessen reichen. Ich deklariere sie angesichts mangelnder Alternativen sinnenfrohen Katholizismusses zu Benedikt-Flips. Eine Hoffnung gibt’s ja noch, den Getränkemarkt. Ich suche und suche und finde kein Papstbier. Wobei über ein Drittel des Sortiments aus Bier besteht. Ich frage beim Verkäufer nach. „Papstbier (Pause) ahm (Pause) (Pause) hmmm (Pause) (Pause) (Pause) (Pause) keine Ahnung, hamma nimmer.“ Ob sie es denn nochmal reinkriegen und ob es noch gebraut wird? „Ahm (Pause) (Pause) (Pause) (Pause) (Pause) (Pause) glaub net.“

Ich greife zum nächstbesten und am urtümlichsten wirkenden Bier in der Umgebung, so ganz umsonst will ich den armen Buben ja nicht hinter die Kasse gelockt haben. „1,35.“ Ja mi hods g’haut. 1,35 für eine Flasche Bier im Getränkemarkt? Sind wir in Bayern oder im römischen Touri-Nepp? Wurden die Preise von der Inquisition festgelegt? Oder von iranischen Sittenwächtern? Noch völlig verdattert zahle ich und schaue draußen genau auf den Kassenbon. 85 Cent fürs Bier und 50 Cent Pfand. Hohoooooo. Ok, dunkle Bier können schon teuer sein, und die Flaschenform ist extrem selten. Aber 50 Cent Pfand, meiomei. Vielleicht haben die Touristenmassen aus Kroatien, Indien und Südamerika immer hier Bier gekauft und nie die Flaschen zurückgebracht, so dass der Getränkemarkt zu derart abstrusen Preisen greifen musste. Da waren ja die Ablassbriefe billiger. Aber irgendwie ist das Pfand auch eine Art moderner Ablasshandel. Der Eurocent in der Kasse klingt, das grüne Gewissen aus dem Feinstaub springt. Nicht das Heil im Jenseits wird erkauft, sondern das Heil der Polkappen. Ist beides wichtig, keine Frage. Nur damals standen vor dem Kauf die Reue und der Wille zu Umkehr und Versöhnung. In Zeiten des Emissionshandels braucht keiner mehr Reue zeigen, der Mammon regelt auch die schlimmsten Umweltsünden.

Während ich wieder Richtung Innenstadt marschiere, reißt mich ein Mann aus meinen Gedanken. Er brüllt einen stehenden Bus an, warum denn die Leute schon einsteigen würden. Wie Benedikt in so einer Umgebung nur der Papst der leisen Töne werden konnte…

Frisch gestrichen in den Farben des Vatikans, denn da kommt der Vati auch her

Frisch gestrichen in den Farben des Vatikans, denn da kommt der Vati auch her

Während ich das Auto aufsperre, fährt der Müllwagen vorbei, der Müllmann sieht die Packung Souvenirflips und die Flasche Ablass-Bier auf dem Autodach liegen und sieht mich befremdet (aber stumm) an. Ja, was anderes kriegt man hier ja nicht zu Mittag. Fairerweise muss ich gestehen, ich hätte auch in ein Café oder ins Wirtshaus gehen können. Aber ich wollt was Schnelles zum Mitnehmen kaufen.

Rauf auf die Hauptstraße, und schwups, raus ist man aus Marktl. Kurz danach fahre ich durch Eggenfelden. Die hatten vor einigen Jahren auch mal einen großen Sohn. Aber dem wird man wohl keine Steintafel an sein Geburtshaus hängen. Der hat ja auch nicht die Achsschenkellenkung erfunden.

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