Das Afrika-Dirndl

So muss ein Dirndl aussehen.

So muss ein Dirndl aussehen.

Dirndl gibts in allen Formen und Farben, einmal sexy, einmal züchtig, einmal modern, einmal traditionell. Aber immer schön alpenländisch. Meist wird der Kampf ums Auffallen in dieser Modesektion ja über Aus- und Einblicke geführt. Wer den stilsichereren Weg gehen und trotzdem eine höchst ungewöhnliche Idee auftragen will, der braucht das afrikanische Dirndl.

Rahmée Wetterich und ihre Schwester Marie Darouiche kamen vor 35 Jahren aus Kamerun nach München. Mit den traditionellen bayerischen Dirndln hatte Rahmee ein Problem.

“Ich lebe zwar hier, man achtet auf die Tradition und tralala. Aber es gibt auch Grenzen, es ist halt nicht authentisch. Ich würde es tragen, aber nicht als Dirndl. Als Kleid, aber nicht als Dirndl.”

Doch der Dirndl-Schnitt an sich, der gefiel Rahmée auf jeden Fall. Also entwickelte Schwester Marie ein Dirndl aus typisch afrikanischen Stoffen und Mustern. Ihre Dirndln haben es mittlerweile sogar in internationale Modezeitschriften geschafft. Dabei muss man doch etwas suchen, bis man die Schneiderei in der Türkenstraße in Maxvorstadt findet. In einen Hinterhof und von dort in den Keller. Handwerk mitten in München, wieso denk ich gerade an Meister Eder???

Bavaria africana

Kreativität und unternehmerischer Sachverstand.

Kreativität und unternehmerischer Sachverstand.

Neben deftigem Essen haben Kamerun und Bayern noch weitere Gemeinsamkeiten.

“Ich glaube dieses Gemüt, dieses so, ich mach jetzt eine Bewegung (Rahmée zeigt mit beiden Händen eine bräsig-in-sich-ruhende Bewegung an), dieses bayerische, ich glaube, man sagt Sitzfleisch. Das haben wir auch in Afrika. Und ich bin immer erstaunt, wie lange die Menschen hier sitzen können. Das hat mich von Anfang an fasziniert. Dieses lange, lange, lange Sitzen. Das haben wir auch.”

Marie wirft ein, dass das Bier ist auch sehr wichtig sei in Afrika. Außerdem gebe es am 3. Oktober in Kamerun immer ein Oktoberfest.

Rahmée schließt: “Also: Wir sind quasi ein Volk.“

Marie muss genau darauf achten, dass die vernähten Stoffe wieder ein stimmiges Muster ergeben.

Marie muss genau darauf achten, dass die vernähten Stoffe wieder ein stimmiges Muster ergeben.

Für das bayerisch-afrikanische Volk brauchen die beiden erst einmal Stoffe. Tausende Stoffe. Dieselben traditionellen Wachsdrucke findet man auch auf den Märkten Afrikas, der Hersteller sitzt aber in Holland. Hmmm, sollten die beiden nicht in Afrika einkaufen? Tatsächlich kommen die Stoffe schon immer aus dem europäischen Holzschuh- und Käseland, ein weiterer großer Hersteller sitzt in Vorarlberg in Österreich. “Die ganzen nigerianischen Mamas kaufen in Lustenau ein,” meint Rahmée. Bei Stoffen aus anderen Quellen sei es außerdem möglich, dass diese eher aus China oder Bangladesch stammen. Und die dortigen Arbeitsbedingungen wollen unsere Unternehmerinnen nicht fördern. Stattdessen unterstützen sie ein Ausbildungszentrum für Schneiderinnen in Benin.

Schnipp-Schnapp

Zurück in die Werkstatt: Die Kunden können sich hier die Farbe und das Muster aussuchen, die zu ihnen passen.

In der Werkstatt fertigt Marie die Prototypen, größere Mengen werden auswärts in Passau hergestellt.

In der Werkstatt fertigt Marie die Prototypen, größere Mengen werden auswärts in Passau hergestellt.

“Wir suchen die auch sehr sorgfältig aus. Und das ist auch sehr wichtig, dass meine Schwester mit dabei ist. Es geht nicht nur um die Farbe. Man muss wissen, dass diese Stoffe für den afrikanischen Markt konzipiert werden. Das heißt, fast 100 Prozent gehen nach Afrika. Die sind auch für den Markt dort. Die Menschen sehen anders aus. Wir machen den Umkehrprozess, das heißt, wir bringen die Stoffe zurück.” Eine dunklere Afrikanerin könne eben viel mehr Farben tragen als eine blonde Europäerin. Dafür seien die Dirndl auch für Damen geeignet, die sich sonst nicht trauten Dirndl zu tragen, weil zu wenig “Holz vor der Hütten”. Die Farben und der Schnitt ließen diese Frauen trotzdem überragend zur Geltung kommen.

Anschließend macht sich Marie an die Arbeit. Das Schneidern hat sie im Blut, ihre Familie hat eine lange Tradition in diesem Handwerk. Marie verschwindet zeitweise. “Zum Gebet”. Ihr Vater war Kurde, die Mutter Kamerunerin. Rahmée selbst arbietete lange Zeit Managerin.

Wichtig ist, dass die Muster auch nach dem Verarbeiten ein stimmiges Bild ergeben. Über das Design streiten Rahmée und Marie recht lange, welcher Knopf passt an welche Stelle?

Bunter Laden im bunten Viertel

Von Österreich nach Äthiopien und zurück nach Bayern.

Von Österreich nach Äthiopien und zurück nach Bayern.

Danach kommen die Dirndl in den Laden im Münchner Glockenbachviertel. Noh Nee heißt das Label, Geschenk Gottes auf Suaheli. Neun verschiedene Modelle gibt es, und diese in unzähligen Mustern und Stoffen. Die Dirndl kosten zwischen 500 bis 1100 Euro. Rahmées Tochter Hannah mimt im Familienunternehmen das Modell. Ein echter Hingucker, nicht nur auf dem Oktoberfest. Zum Dirndl gibts noch extra Schuhe, Taschen und Schmuck. Die Armreifen hat vor Kurzem eine Praktikantin entworfen. Die Umhängekreuze sind dagegen wesentlich älter.

“Das ist interessant, das kommt sogar aus Österreich. Das sind Maria-Theresia-Taler, die in Äthiopien vor knapp 150 Jahren gelandet sind. Und die Menschen haben daraus Kreuze gemacht.”

So, raus auf die Straße. Im bunten Glockenbachviertel sind die Meinungen zwei Drittel Pro, ein Drittel Contra. Die Contra-Fraktion meint, etwa in Gestalt eines Mannes im quietschbunten Hemd, so etwas brauche es nicht, man habe ja schließlich bayerische Dirndln. Eine ältere Dame, die gerade von einer Pflegerin durch die Straßen geführt wird, findet es dagegen wunderbar. Auch viele andere Leute, die “niemals ein Dirndl” kaufen würden, würden so eines tragen.

Fazit: Das afrikanische Dirndl schaut nicht nur gut aus, es polarisiert sogar. Und hey, Aufreger und Aufregendes zu schaffen, davon träumt doch jeder Modedesigner. Und dann auch noch beim traditionellen, alpenländisch-afrikanischem Dirndl…

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