Der längste Tag

Extrawelt legt im extradicht gepackten Club auf

Extrawelt legt im extradicht gepackten Club auf

Von vielen guten Abenden ahnt man ja meist vorher nicht, dass und wie gut sie werden. Und bestimmt ahnt man nicht, wie lange die Abende werden! Dies ist ein laaaanger, lustiger Artikel über einen laaaaaangen, lustigen Abend.

Zum Einstieg des Samstagabends trinke ich daheim zwei Tassen Jasmintee. Ich möchte ja fit sein.

Extrawelt spielt in der Roten Sonne, da ich keinen Platz auf der Gästeliste habe, und die Schlange vor diesem Établissement meist seeehr lange ist, fahre ich gleich nach Öffnung um 23.00 Uhr hin und hole mir den Stempel. Ich zahle 10 statt 12 Euro, als ich gleich wieder gehe, ist die Schlange schon deutlich länger geworden.

Danach treffe ich einen Freund im Kirr Royal am Rosenheimer Platz. Ein berühmter Name in dieser Stadt, handelt die gleichnamige Serie von Helmut Dietl doch vom Schickimicki der oberen 10 000. Nun, das Kirr Royal ist kein P1, der Eintritt für die Bar kostet 5 Euro, der Espresso allerdings 2,20. Musikalisch feiert man hier gerade die 80er, das Publikum ist gemischt, nicht unbedingt Baby-Schimmerlos-Publikum. Es gibt auch schicke Menschen, doch vorherrschend sind die Normalos, aber aus allen Kontinenten. Gerade feiert eine hübsche Damen Geburtstag, der Wirt ballert eine Riesen-Konfetti-Kanone auf die Tanzfläche. Ja, Feierfreude kommt bei der Musik, den Leuten und der durchaus ordentlichen Anlage fei schon auf. Nach dem Epresso trinke ich noch ein Bitter Lemon und dann geht’s weiter.

Die Bar Centrale finden wir in der Münchner Innenstadt, hier treffen sich die Ü-40 Semester. Hauptsächlich Pärchen und solche, die es werden wollen. Im Vorraum Pärchen für einen Abend, im hinteren Teil für länger. Der italienische Name scheint Programm zu sein, es riecht wie in einem italienischen Lokal, so eine Mischung aus Süden, Kaffee und Seife. Die Toiletten wirken ebenso, ein sehr angeheiterter italienischer Bubi mit langen Locken Anfang 20 unterhält allein den Raum.  Die Bedienung begrüßt mich mit einem „Buona Sera“, worauf ich ihr mit einem freundlich, aber bestimmten „Servus“ antworte. Ich genehmige mir einen Earl Grey.

So, jetzt endlich mit dem Taxi in die Rote Sonne. Die Schlange ist nun enorm lang, also wirklich lang. Aber ich hab ja meinen Stempel, hihihi.

Beengte Verhältnisse

Der erste DJ ist ganz ok. Im Angebot ist österreichischer Bio-Wein für 5,50 das Glas. Was die Münchner nur allerweil mit ihren Ösi-Weinen haben, ausgerechnet wieder Grünen Veltliner, tztztz. Weil der bestimmt sauer ist, trinke ich lieber einen Chardonnay. Der passt, allerdings ist der Laden schon so voll, dass eine Dame gegen das Glas stößt und ich die Hälfte auf mein T-Shirt kippe.

Danach trinke ich im Laufe des Abends noch ein Clausthaler (ein wirklich gutes alkoholfreies Bier), einen so lala Cuba Libre, zwei Club Mate, Wasser und einen Mizner Shot. Das ist Wodka mit Gin und Fruchtsaft. Schmeckt hauptsächlich nach Fruchtsaft. Manche Leute beschweren sich, ich verweise auf die Vitamine.

Ordnung muss sein!

Ordnung muss sein!

Gegen halb drei fängt Extrawelt an und ist doch ganz gut, leider ist überhaupt kein Platz mehr auf der Tanzfläche, alles schiebt und drückt, nicht schön. Ich stehe vorne und will ein Foto von einem lustigen Zettel machen. Da rempelt mich so ein bemützter Jugendlicher mit zerzauselten Haaren an und nölt: „Ey Mann, lass den Blitz weg, das neaaarvt.“ Weil er „nervt“ mir preußisch-offenem A und nicht mit bayerisch-nasalem A ausspricht, blitze ich der dummen Sau in die Augen. Der hat allerdings noch eine Geheimwaffe. Er tanzt mit erhobenen Armen, und hat offensichtlich sein Deo vergessen. Der Dunst nach Zwiebeln und Knoblauch lässt mich dann das Panier ergreifen.

Extrawelt spielt eine Zugabe nach der anderen, die vorletzte und letzte fetzen richtig geil. mein Kollege erkennt fachmännisch: „Das zweitbeste Set, das sie je gespielt haben!“ Und zieht aus der Musik die Energie für die folgenden Stunden.

Nach ihrem Auftritt ist endlich einmal etwas mehr Platz auf der Tanzfläche, der folgende DJ hat die Zeichen der Zeit erkannt und legt einen Remix des Beatbox Rockers auf, worauf sich die durchs Koffein begünstigte musikalische Spannung in, nun ja, elegischen Tanzschritten lösen kann.

So gegen sechs brechen wir wieder auf, ein Kollege will ins Imperial. Dieser Club liegt südlich des Bahnhofs, im „Nuttenviertel“, wie der Taxler meint. Von außen sieht es wie ein Stripschuppen aus. Eine Dame geht voraus, kommt aber gleich wieder raus. „Da gehen wir bitte nicht rein!“ Okeee, also ab ins Palais.

DJ’s, Fans und Freaks

Das Palais liegt nördlich des Bahnhofs und ist für seine Afterhour bekannt. Ich war bislang nur einmal drin. Auf den Klotüren wurde darauf hingewiesen, dass es verboten sei, hier mit Drogen zu handeln. Ich habe mich mit einer Dame unterhalten, die mich von den Vorteilen von Ecstasy überzeugen wollte. „Da sieht der Tisch dann voll geil aus.“ Ich machte sie darauf aufmerksam, dass sie sich das Geld lieber sparen sollte und sich damit einen Tisch kaufen sollte, der auch ohne Drogen geil aussehe. Die übrigen Anwesenden machten einen nicht weniger druffen Eindruck.

Daher bin ich auch jetzt skeptisch, als es heißt: Palais. Der Eindruck kostet 10 Euro, und als wir ein Helles bestellen, bekommen wir Jägermeister. Hört sich ja auch ähnlich an.

Danach trinke ich Wasser, Wasser, Wasser. Und ein halbes Helles, das wir beim zweiten Versuch bekommen. Löwenbräu Urtyp Hell, geht.

Die DJs halten den Saal am Kochen. Ja, hier lässt es sich fein abgehen. Ich schaue auf die Uhr, huch, es ist gleich Neun. Seit 25 Stunden wach. Auf der Toilette ist das Schild mit dem Drogen-Verkaufs-Verbot verschwunden.

Bei dunkelroter Farbe tanzt es sich oftmals sündig

Bei dunkelroter Farbe tanzt es sich oftmals sündig

Eine blonde Dame, Anfang Mitte 30, nicht unhübsch, kommt her zu mir und spricht mich an. „Hast du Pillen?“ Aha. Da liegt der Hase im Pfeffer.  „Nein, habe ich nicht. Und das solltest du bleiben lassen.“ „Ich will aber abgehen, was meinst du, was die anderen alle eingeworfen haben?“ Darauf erzähle ich ihr die Vorzüge grünen und schwarzen Tees. Das gefällt ihr aber nicht. „Pass auf, ich geb dir 20 Euro und du besorgst mir Pillen.“ Ich bin versucht, das Geld zu nehmen und ihr davon Tic Tac zu kaufen. Aber da müsste ich zum Bahnhof in ein Geschäft laufen, also versuche ich sie noch einmal von der Bahn des Verderbens wegzubringen. Ich wünsche ihr Gottes Segen. Irgendwann geht sie dann zu den DJs hoch. Aber auch da scheint ihr zum Glück kein Glück beschienen zu sein.

Tatsächlich aber gehen hier einige Druffis ab, ob auf Koks oder Speed, keine Ahnung, ein Männlein mit Dreitagebart und eine ältere noch kleinere Dame springen stundenlang im Veitstanz hin und her und zerdeppern permanent ihre Sektgläser. Ein alter Mann mit weißen Haaren, schwarzen Brille und Bodyguard versucht die Dame abzuknutschen. Ein anderer Typ tanzt statt mit einer Zigarette mit einer Salzstange hinter dem Ohr. Ein Glatzkopf mit Vollbart schaut mich bitterböse an, als ich mich kurz hinter ihm an die Bar hinsetze. Ein eher bieder wirkender junger Mann mit Brille und Bart versucht, die Damen der Schöpfung anzumachen. „Der studiert bestimmt IT und hat nüchtern noch nie mit einer Frau gesprochen,“ meint ein Kollege. Etwas später frage ich den Mann, was er denn studiert. „Tourismusmanagement“, sein Vater sei Spanier. Als er einige Stunden danach permanent versucht, unserer weiblichen Begleitung sein Getränk anzubieten, weise ich ihn höflich darauf hin, dass die Dame dies nicht möchte. „Ey, die braucht sich nix denken, ich hab eine Freundin.“ Aha.

Es wird halb elf. Mir scheint, am Vormittag werde ich nicht mehr in die Kirche gehen können… Wir tanzen und tanzen und tanzen, ich bin ganz froh, dass ich am Vortag nicht auch noch laufen war, sonst könnte ich meine Füße wohl ganz wegschmeißen.

Dancefloor-Jedis vs. Siff-Lords

11 Stunden dancen, mei, da hab ich bestimmt viiiiiiiiiieeeeeeele Kalorien verballert. Und der Infekt, der sich die Woche vorher angekündigt hat, ist komplett rausgeschwitzt. Meine Ohren hab ich zum Glück mit Filtern geschützt. Ich merke, dass ich die musikalischen Aktionen des DJs vorwegnehme. Wie geht das? Nun, wie ist denn das mit den Jedis und der Macht? Der Jedi kann deshalb mit seinem Lichtschwert die Blasterschüsse abwehren, weil er spürt, wo sie hintreffen. Er weiß es schon vorher. Und genauso ist das jetzt auf der Tanzfläche. Ich hebe die Hand bevor der Basswechsel einsetzt, und lasse sie exakt in dem Moment nach vorne schnellen, als der Rhythmus sich ändert. Weil ich es spüre, wie das Musikstück sich entwickelt, bevor es sich entwickelt. Vielleicht sollte ich den Orden der Dancefloor-Jedis gründen. Die treten dann gegen die dunkle Seite der drogenverseuchten Siff-Lords an.

So gegen 12 verlassen wir das Palais. Trotz bedeckten Himmels ist es draußen doch ungewohnt hell. Wir fahren mit dem Taxi in die Rosenheimer Straße. Der anscheinend russischstämmige ältere Taxifahrer erzählt uns Witze, die so schlecht sind, dass sie fast schon wieder lustig sind. Ich frage mich, woher der Schuhabdruck an der Wagendecke kommt.

Schöne Aussichten trotz bedeckten Himmels

Schöne Aussichten trotz bedeckten Himmels

In der Rosenheimer Straße setzten wir uns auf ein Flachdach. Der Sonnenaufgang ist leider schon vorbei und die Sonne ist hinter den grauen Wolken eh nicht zu sehen, aber die Aussicht ist schon beeindruckend. Danach spachteln wir noch schnell Nudeln mit Pesto rein und beschließen: „Nochmal zurück ins Palais.“ Angeblich hat das ja bis 16.00 Uhr auf. Im Taxi hören wir diesmal den Sound of Silence. Gutes Lied, auch an so lauten Tagen.

Wieder stehen wir vor dem Palais, doch diesmal sind alle Lichter aus, die Türe ist aber angelehnt. Wir gehen die Treppe hinauf und finden das Team beim Frühstücken, um 14 Uhr. Wie wir denn hier herein kämen? Die Tür war auf. „Was?“ Als wir darauf hinweisen,  dass das Palais doch bis vier Uhr nachmittags offen habe, meint der Angestellte: „Die Zeiten sind schon lange vorbei.“ Damit bugsiert er uns die Treppe hinunter und hinaus, nicht einmal Salzstangen kriegen wir. Wo wir denn jetzt noch hin können? „Wir gehen dann ins Imperial,“ informiert er uns. Und Sunshine Pub? „Sunshine Pub, uhhhhhhh….“

Feiern wie im Harem

Dieser DJ hat keine Stimme mehr

Dieser DJ in Dunklen hat keine Stimme mehr

Also wieder Imperial. Wir gehen dort die Treppe nach unten, vorbei an Typen, die etwas an Zuhältergehilfen erinnern. „Können wir den Ausweis sehen? Nein, war ein Scherz.“ Eine Dame möchte unsere weibliche Begleitung „behalten“. Hmmmm. „Wir haben nur noch eine dreiviertel Stunde auf,“ weist uns ein anderen Türsteher hin.

Drinnen siehts aus wie eine Mischung aus billigem Table-Dance-Harem und Disco. Vorhänge an den Wänden, Separees laden zum Sitzen ein, und eine Stange steht auf einer Seitenbühne.

Aber die Musik ist hervorragend. All die schönen harten Lieder der Neunziger und Nullerjahre. Und Platz ist auch noch auf der Tanzfläche. Drei Leute aus dem Palais treffen wir wieder. Leider kann ich nicht so abgehen wie ich will, da dieses dämliche 48 Stunden Sport-Deo keine 12 Stunden Tanzfläche mitmacht. Ich bin das erste Mal froh, dass die Leute nun das Rauchen anfangen. Der DJ krächzt mit einer absolut heiseren Reibeisenstimme: „Hier wird so lang gefeiert, wie gesoffen wird! Jägermeister!“ Und dann spielt er einen Remix von „Bezaubernde Jeanny“ und Insomnia. Hach!

Das Frauenbild im Imperial ist wohl reformbedürftig

Das Frauenbild im Imperial ist wohl reformbedürftig

Ich geh aufs Klo. Das ist mit Schildern geschmückt, die Alice Schwarzer wohl noch schneller in die Schweiz zu ihrem Geld treiben würden. Als ich mir die Hände wasche, kommt die Frau vom Eingang mit einem Mann rein und verschwindet Richtung Toiletten. „Dauert nicht lang,“ lächelt sie mich an. Als sie wiederkommt und mich auf der Tanzfläche sieht, drückt sie mir den Arm, lächelt wieder und geht weiter. Ihre Hand ist kühl, vermutlich hat sie sich auch brav die Hände gewaschen.

Unsere weibliche Begleitung fragt nach dem Damenklo, das tatsächlich nicht ausgeschrieben ist. Ich leite die Frage an einen älteren Mann Ü-60 weiter, der herumschwankt und jeden verliebt anguckt. „Ahja, Damenklo.“ Er grinst und reibt sich an der Nase, als ob dort gleich etwas reinkommen sollte. Er geht auf eine schwarze Tür zu und öffnet sie, dahinter tatsächlich die Frauentoilette. Dann geht er selber rein und bleibt drinnen.

Da wir gerade einen Hänger haben, ziehen wir weiter. Wir treffen am Bahnhof die Palais-Crew und weisen sie daraufhin, dass das Imperial auch gleich zumacht. Ein Eis auf dem Weg gekauft, unsere weibliche Begleitung verabschiedet und zu Fuß ins Glockenbachviertel marschiert. Dort befindet sich das Sunshine Pub. Mein Kollege warnt mich. „Die sind da alle auf Koks, aufpassen, die können aggressiv sein.“ Tatsächlich steht vor der Türe die Polizei und nimmt die Daten von einigen Gästen auf.

Schaut das Imperial nicht schön bunt aus?

Schaut das Imperial nicht schön bunt aus?

Drinnen sind Gäste aus Afrika, Rumänien, Preußen. Einer spricht perfekt bayerisch. Es ist ein Schwarzer. Ansonsten sind die meisten Herren der Schöpfung vom anderen Ufer. Ich warte darauf, jeden Moment müsste Rainer Werner Fassbinder reinkommen. Eine Blondine in Leopardenoptik zwischen 35 und 50 beklagt sich bei einem feisteren Herren über die Geschichte mit der Polizei. Anscheinend wollte ein Freier nicht zahlen, irgendwie kam es dann zu Handgreiflichkeiten.

Eine schwarze Dame mit unglaublichem Fahrgestell und Dekolletee zieht die Blicke der Männer auf sich. Von meinem Kollegen möchte sie die Nummer haben. Weil sie so enorm durchtrainiert ist, fragen wir ihren schwulen Freund, ob sie denn früher ein Mann war. Was er lachend verneint.

Sonntägliche Seelsorge

Zwei Schwulis setzen sich zu uns an den Tisch. Es ist nun 16.00 Uhr. Beide trinken Wodka Bull. Das andere In-Getränk des Abends ist übrigens Wodka Ginger Ale. Der eine meint: „Wehe du trinkst aus meinem Glas, dann kriegst du Hausverbot.“ Ahja. Der andere erzählt uns seinen Tag. „Ich war im P1, dann im Pascha und dann im Palais. Da haben sie mich rausgeschmissen, als sie mich beim Koksen erwischt haben. Diese Asozialen!“ Er kommt aus Rumänien, lebt aber schon viele Jahre hier in Deutschland. Er sieht aus wie Ende 20. „I’m forty years old,“ informiert er uns auf englisch. Ich frage, dass er aber dann schon operiert ist. Er lacht kokett: „Sometimes.“

Wir erwähnen, dass wir seit gestern nicht geschlafen haben. „Haha, wir haben seit Freitag nicht geschlafen!“ Irgendwann will ich mir was zu essen kaufen. „Haha, wir haben seit Freitag nichts gegessen.“

Das Sunshine-Pub: Fassbinders favourite Boazn

Das Sunshine-Pub: Fassbinders favourite Boazn

Dann beginnen die Seelsorgegespräche. Unser Rumäne erzählt mir, während mein Kollege mit dem Model tanzt und die Anzüglichkeiten eines wärmeren Herren abwehren muss, von seiner Jugend. Er sei ein Sinti, seine Mutter habe ihn rausgeschmissen, als er 15 war. Dann schlug er sich als Stricher durch, und kam so bis nach Deutschland. Hier lernte er seinen jetzigen Mann kennen. Der half ihm bei der Einbürgerung durch Heirat. Doch unser junggebliebener Vierzigjähriger sagte ihm von Anfang an, er wolle versuchen, ihn zu lieben, doch dafür gebe es keine Garantie. Tatsächlich sind sie nun 10 Jahre verheiratet und von Liebe ist zumindest bei unserem Freund keine Spur mehr. Er hat einen „Boyfriend“ aus Österreich und nimmt auch sonst immer Männer mit heim, was dem Ehemann natürlich nicht gefällt. Der muss dann nämlich am Sofa schlafen. Ich finde das natürlich nicht sonderlich überzeugend, doch der Rumäne meint: „Der ist so eine deutsche Kartoffel.“ Da werde alles aufgerechnet, was der Mann gutes für ihn getan habe. Dafür sei er ihm auch dankbar. Aber der Mann habe damals auch seine Notlage ausgenutzt.  Jetzt zahle er 700 Euro Miete im Monat. Und wenn der Ehemann Sex will, sage er: „Willst du Miete oder Ficken?“ Puh. Ähnlich schwierig ist die Lage mit den Eltern. Die wollten nämlich jetzt Geld von ihm. Nachdem sie ihn mit 15 verstoßen haben. Die Mutter hat Diabetes, der Vater Krebs. Doch das Tuch ist für ihn zerschnitten. „Ich habe ihnen gesagt, lieber kaufe ich davon Koks, als dass ihr mein Geld bekommt.“ Seelsorgerliche Vermittlungsversuche meinerseits laufen irgendwie gegen die Wand. Später dreht der Wirt die Musik kurz leiser. „Heut ist Sonntag, habt ihr alle schon gebetet?“ Mein Hinweis, dass ich heute noch in die Kirche gehe, geht im wiederaufflammenden Rumgetanze der anderen unter.

Himmlische Heimfahr-Hilfe

Wir packen es irgendwann und gehen hinaus in den sonnigen Münchner Abend. Im Café Haidi tue ich endlich meine Kontaktlinsen raus, leider können wir nix deftiges essen, weshalb wir gleich wieder verschwinden. „Wichtigen Telefonanruf bekommen,“ meint mein Kollege entschuldigend zur Bedienung. In der Rosenheimer Straße genehmigen wir uns einen Döner, setzen uns an die Straße und hören Electro über eine erstaunlich basskräftige portable Box, die so groß ist wie eine Coladose. Die Wolken färben sich leicht rosa.

Um 19 Uhr gehe ich in die nahe gelegene Kirche St. Wolfgang. Die Frauenchor singt ein fantastisch klingendes Kyrie. Bei den Lesungen und der Predigt gelingt mir der Kampf gegen den Sekundenschlaf nicht immer, doch beim Abendmahlsteil werde ich wieder wacher. Beim Schlusssegen durchfährt mich auf einmal eine enorme Lebensenergie. Ich verabschiede mich vom Kollegen, setze mich ins Auto und fahre los. Als die Geschwindigkeitsbegrenzung aufgehoben ist, spielt fm4 das Lied „I wanna be a Hippie“ von Technohead. Danach erzählt der Moderator vom Happy Hardcore der Neunziger, die hätten damals alle Amphetamine genommen. Ja, natürlich, damals. Heute trinken wir grünen Tee und können genauso gut feiern. Und die Energie des kirchlichen Segens bringt mich enorm gutgelaunt und fit wie nie zuvor nach Hause. Den Tatort im Bett über die Mediathek anzuschauen, gelingt mir dann doch nicht mehr ganz. Gegen halb eins schlafe ich ein und wache pünktlich um acht morgens auf. Nachmittags gehe ich spazieren und habe immer noch die Electrobeats im Kopf und in den Füßen. Vergnügt denke ich mir: Wer weniger schläft, hat mehr vom Leben.

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