Der U-Boot-Fahrer im Ampertal

Wer hat nicht schon oft davon geträumt, ein U-Boot in seinem Keller zu haben? Oder eine Titanic im Garten? Noch keiner? Aber ein Schloss Neuschwanstein neben dem Gartenteich wär dann doch ganz nett. Ein Ausflug in die Extremform der Gartengestaltung. In Oberbayern gibt’s barocke Gärten, den Englischen Garten, Biergärten und den Garten von Helmut Pokorny.

Schiff ahoi

Schiff ahoi

Helmut Pokornys Garten finden wir in Helfenbrunn bei Freising. Beim Reinfahren in den kleinen Ort müssen wir aufpassen, dass wir keine Hühner, Enten und Gänse überfahren, die laufen hier nämlich noch auf den teils noch ungeteerten Straßen herum. Bayerisches Dorfidyll im Ampertal.

Linkerhand ist auf einmal ein vom Sonnenuntergang rot erleuchtetes Alpenpanorama an eine Stadlwand gemalt. Rechterhand ein gläserner Vorbau, erinnert irgendwie an Wintergärten der Gründerzeit oder an russische Datschen. Und das ist genau das, um was es sich eigentlich handelt. Ein Gartenhaus. Mit einem Garten.

Die Bauten

Die Bar ist halb offen und Wind und Wetter ausgesetzt

Die Bar ist halb offen und Wind und Wetter ausgesetzt

Dann sehen wir einen Leuchtturm im Grünen. Der soll einem Schiff den Weg in den Hafen weisen. Denn dahinter erhebt sich majestätisch ein 12 Meter langer und vier Meter hoher Bug der Titanic. In einem Gartenteich. Über eine kleine Brücke, Vorsicht vor einer Bohle, kommen wir auf die andere Seite. Und von da gelangen wir ins Innere der Titanic. Da steht natürlich erst einmal eine Schiffsbar. Über eine Treppe gelangen wir aufs Oberdeck. Bitte nicht nach vorne gehen. Da sind die Bretter nämlich schon undicht, Pokorny lässt das Schiff verrotten, wie die Original-Titanic auf dem Meeresgrund. Am Jahrestag 2012 läutete er sogar die Schiffsglocke für das berühmte Vorbild.

Sowas gehört in jeden bayerischen Garten!

Sowas gehört in jeden bayerischen Garten!

Von der Titanic hat man einen guten Blick auf Neuschwanstein. Genau, das steht auch hier, endlich was Bayerisches. Über einen Bekannten gelangte Helmut Pokorny an Kopien der Original-Baupläne. „Die Japaner wolltens es und haben es nicht gekriegt, die Amerikaner wollten es und haben es nicht gekriegt, ich hab sie bekommen.“ Denn bei ihm war man sich wohl sicher, werde etwas Ernsthaftes draus, und kein „Plastic-Fantastic“. Irgendwie ist er in seiner Bauwut König Ludwig II. doch recht ähnlich.

Und was ist da in die Hauswand gekracht? Der Orientexpress, natürlich. Einen stilvolleren Anbau gibt’s wohl nicht. Als die Bahn von dem Vorhaben Wind bekam, lieferte sie ihm Original-Schienen und Schotter. Die Illusion ist wirklich täuschend echt. Innen drinnen ists wirklich nobel-hobel. Schöne Sessel schaffen ein gediegenes Ambiente. Die und den Teppich bekam er vom Manager des Freisinger Mariott-Airport Hotels gestiftet. Dazu später mehr.

Wer ist Helmut Pokorny? Ein eher kleinerer Mann, Mittelscheitel, man kann schon etwas Kreatives an ihm erkennen. Mal trägt er die KaLeu-Uniform, also U-Boot-Fahrer Mütze mit Lederjacke, mal die Gala-Uniform eines Kapitäns. Ein Münchner der originelleren Sorte. Einer der träumt – und anpackt.

Tauchfahrt

Das Boot ist DAS BOOT

Das Boot ist DAS BOOT

Jetzt geht’s erstmal in die Küche. Wir hetzen wirklich von einem Raum zum anderen. In der Küche stehen wir um eine Bar, über dem Tresen einige Flaschen Spirituosen. Helmut Pokorny öffnet eine Klappe im Boden und steigt eine Treppe hinab. Wir hinterher. Und stehen auf einmal in einem U-Boot, das doch deutlich an Das Boot erinnert. An der Wand hängt ein Foto seines Onkels. Der war U-Boot-Fahrer im Krieg, hat aber nie etwas von seinen Erlebnissen erzählt, was vielleicht auch ganz gut war. Denn Pokorny will das Boot auf keinen Fall mit etwas Militärischem in Verbindung bringen. Er kam auf das U-Boot über die Idee, in den Keller etwas zu bauen, mit dem man „abtauchen“ kann. Eskapistisch darf das wohl nicht gedacht werden. Eher als Art des Cocooning, des bewussten Ausgestaltens der eigenen vier Wände. Und das ist hier eben besonders individuell und visionär zu Traumräumen. Pokorny spricht vor allem über die Feiern, die er hier unten abgehalten hat. Bis zu zwanzig Mann und Frau waren hier schon auf einmal drin, wenn man es sieht, könnte man meinen, für drei wäre schon zu wenig Platz. Hier muss man eben zusammenrücken. „Und wenn dann nach einer Feier wieder aufgetaucht wird, ist jeder per Du.“ Der Onkel hat übrigens das U-Boot abgenommen, es hat ihm doch sehr gefallen. Eine Schulklasse hat er auch schon mal durchgeführt. „Sie haben mir jeden Wunsch in meinem Leben erfüllt,“ habe ein Schüler ihm gesagt.

Im U-Boot öffnet sich dann eine Tür, wir gehen gebückt hindurch – und stehen in einem Pharaonengrab. Die sandfarbenen Wände von oben bis unten bemalt mit Hieroglyphen und Figuren, in der Ecke steht der Kopf von Madame Nofretete, Wahnsinn.

Und wie kommt man auf ein Pharaonengrab im Ampertal? „Ganz einfach, wir fahren mit dem U-Boot in den Güllbach, dann kommen wir in die Amper, die fließt in die Donau, und die ins Schwarze Meer. Über das Marmarameer kommen wir dann ins Mittelmeer, und schon sind wir in Ägypten.“ Hätte man selber auch drauf kommen können. Außerdem habe Ägypten Handel mit Nordeuropa betrieben, was Bernsteinfunde in Gräbern ergeben. Die antike Handelsstraße ging durchs Ampertal. Und in einer TV-Doku wurde gesagt, dass die Ägypter hier auch selbst vorbeigekommen sind. Derartig historisch abgesichert spüren wir wirklich schon den Geist von Howard Carter, aber ganz ohne Mumie und Fluch.

"Entschuldigen Sie Herr Bauamtsreferatsleiter, auf einmal stand da dieser Orientexpress in meiner Hauswand..."

„Entschuldigen Sie Herr Bauamtsreferatsleiter, auf einmal stand da dieser Orientexpress in meiner Hauswand…“

Ja, aber ist denn so etwas überhaupt erlaubt in einem Land, in dem jeder An- und Vorbau langwierig genehmigt werden muss? So ganz angemeldet waren die Bauten ja nicht. Und tatsächlich sagte ein Beamter einmal zu ihm: „Wenn Du das so vorher angemeldet hättest, hätten wir es Dir nicht erlaubt.“ Dreht man diesen Satz um, kommt man zu einer nachträglichen Genehmigung.

Doch der Garten ist bedroht. Denn Pokorny ist nicht der Eigentümer, er hat den Garten nur vor Jahrzehnten gemietet. Und die Besitzerin möchte nun das Grundstück ihrer Tochter geben, damit die ihr Haus darauf bauen kann. Völlig verständlich für Helmut Pokorny. Er würde ihr das Grundstück gerne abkaufen, aber im Einzugsbereich des Flughafens sind Grundstücke halt immens teuer. Seine Geschichte ging durch die Medien, und er bekam viele Spendenangebote. Aber die will er nicht. Er möchte seinen Garten mit U-Booten retten. Nein, im Ampertal gehen jetzt keine Seewölfe auf Kaperfahrt, er will das Konzept U-Boot an Hotels, Gastronomie und Unterhaltungsbetriebe verkaufen. Da ist er wieder ganz in seinem Beruf, er leitet eine kleine Werbefirma.

Freunde in der Not

Jetzt will er ein neun Meter langes U-Boot in seinen Garten stellen. Damit die potentiellen Kunden sich vorstellen können, was es mit der Idee „U-Boot“ auf sich hat. Dabei unterstützen ihn die zwei Schreiner Hans Hadler und Herrmann Sedlbauer. Das sind zwei echte bayerische Originale, denen man nicht zumutet, irgendwas für visionären Firlefanz übrig zu haben. Doch so etwas zu bauen, „ist doch mal was anderes als jeden Tag nur Fensterrahmen.“ Sie bringen auch eigene Ideen ein. Etwa, dass man Bullaugen einbaut, hinter die sie dann Flachbildschirme packen. Und auf diesen sieht der Kunde dann die bunte Unterwasserwelt. Einer der beiden hat sich schon eine Kamera gekauft, um beim nächsten Seychellen-Urlaub beim Tauchen mitzudrehen. Das es bei der noch rohen Holzkonstruktion des Prototypen im Moment von der Decke tropft, ist ein unbeabsichtigter, aber kein tragischer Wassereinbruch.

Kennst du das Land, wo die Visionen blühen?

Kennst du das Land, wo die Visionen blühen?

Ein weiterer Mitstreiter ist der Musiker Vitus „Don Vito“ Meisinger. Er hat erst vor Kurzem eine Band gegründet, und das erste Lied namens „Subdance“ handelt natürlich vom U-Boot. Stilistisch zwischen Rock und Electro einzuordnen, handelt es von der Befreiung von den uns umklammernden Sorgen. Durch das U-Boot. Also die Möglichkeit, in eine andere Welt einzutauchen.

Gut, das klingt nun alles recht esoterisch, welcher Manager wird denn darauf einsteigen? Jörn Heinrich zum Beispiel. Der Geschäftsführer des Mariott Airport Hotels in Freising hat kurz geschorene Haare, einen exakt sitzenden Anzug und eine ebenso exakte Sprache. Wie der Vorname verrät, kommt er nämlich aus Norddeutschland. Ein Preuße mit Interesse an bayerischen Träumen?? Ganz genau. Denn Heinrich achtet darauf, wie er sein Hotel, dass v.a. für Kongresse genutzt wird, von anderen Unterkünften absetzen kann. Er hat eigene Bienenstöcke auf sein Dach gesetzt, die Honig produzieren und setzt auf die regionale Herkunft seiner Speisen. Nun will er einen Tagungsraum zu einem U-Boot umbauen. Warum? Einmal, weil tagende Manager auch mal kreativen Input brauchen. Zum Anderen, weil ihn U-Boote schon von Kindesbeinen an der Nordseeküste fasziniert haben. Jetzt müssen nur noch die Chefs der Mariott-Kette überzeugt werden. Nämlich mit dem Prototypen von Hans und Hermann.

Das ist mal ein Anbau an ein Gartenhäuschen

Das ist mal ein Anbau an ein Gartenhäuschen

Die Juniflut hat auch vor dem Garten nicht Halt gemacht und sogar das U-Boot in sein Element gesetzt. Das Aus für die Pläne? Mitnichten und Mitneffen. Die beiden Schreiner denken gerade an einen älteren Plan von Helmut Pokorny: Einen Tanzpalast. Im Garten. Für das Dorf. Die Baukosten will er diesmal nicht über Planverkauf, sondern über Spenden finanzieren. Wo Ideen wachsen, sind Investoren hoffentlich nicht weit. Damit auch weiterhin im Ampertaler Garten besondere Bauten sprießen.

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