Die Alphorn-Bläserin

Wenn es ein Instrument gibt, dass im Ausland mit Bayern identifiziert wird, dann ist das zweifellos das Alphorn. Riesengroß, über weite Gebirgstäler zu hören, Zeichen alpenländischer Potenz. Wo könnte man es besser lernen, als bei Elisabeth Heilmann-Reimche, Leiterin der weltgrößten rein weiblichen Alphornbläsergruppe. Den Werdenfelser Alphornbläserinnen.

Frau Heilmann-Reimche wohnt in Garmisch-Partenkirchen, mit Blick auf die Zugspitze. Die gebürtige Partenkirchnerin stammt aus einer sehr musikalischen Familie, ihr Vater spielte im Orchester in Baden-Württemberg, sie studierte Trompete. Die Liebe führte sie wieder zurück in die bayerische Heimat. Schon vor dem Haus hören wir das Alphorn spielen. An der Tür begrüßen uns Frau Heilmann-Reimche im Dirndl und zwei kleine quirlige Hunde.

Sie führt uns in den ersten Stock, in die Ferienwohnung ihres Hauses. Hier hat Elisabeth Heilmann-Reimche schon ein paar ihrer 14 Alphörner bereitgelegt und zahlreiche andere Hörner aus aller Herren Länder. Tibetische, indische, indianische, rumänische und und und. Wer geglaubt hat, dieses Blasinstrument wäre nur ein alpenländisches Instrument, der irrt, überall spielt man solche Hörner. Das Alphorn ist vermutlich deshalb so krumm, weil es ursprünglich aus schief gewachsenen Bäumen aus Hanglage gefertigt wurde.

Das Holz-Trum

Die hölzernen Hörner sind so schwer nicht, drei Kilo wiegt eins. Sie können in zwei bis drei Teile zerlegt werden und in einer Art Golf-Bag transportiert werden. Ein bekannter Schreiner stellt sie in Handarbeit her. Kostenpunkt ab 2000 Euro aufwärts. Der Schreiner fertigt sie mittlerweile etwas dünnwandiger. Damit kommen die Töne zwar leichter, klingen aber nicht so lange nach wie die alten, dickwandigen. Wenn die Werdenfelser Alphornbläserinnen auf ein Konzert gehen, dann achtet Elisabeth Heilmann-Reimche darauf, dass nur alte oder nur neue spielen, beide zusammen wird schwierig.

So, nun steh ich vor so einem Riesenteil. Wie spielt man das? Bayerisch-deftig natürlich. Zumindest erklärt es die Frau Lehrerin so. „Wie beim Pfurzen oder beim Kotzen.“ Ach was. Hätt’ ich nicht gedacht. Alles aus dem Körper holen. Der Bauch (über den ich zum Glück reichlich verfüge) in Spannung bringen und dann die Lippen (wie wenn man einen Pfurz nachmacht) zum Schwingen bringen. Frau Heilmann-Reimche langt mir gleichmal an die Lippen und zeigt, wo sie schwingen müssen. Tja, und dann legen wir mal los.

Der erste Ton klingt, so ein Kollege, wie der Brunftschrei eines Dinosauriers. Die Chefin aber ist ganz angetan. Könnte was werden. Jetzt muss die Spannung gehalten werden, damit sich der Ton stabilisiert. Besonders schwierig sind die tiefen Töne, da müssen der Bauch gespannt, die Lippen aber ganz locker bleiben.

Historische Klänge

Ein paar Tonveränderungen bekomme ich auch noch hin, aber für ein Stück, da müsste ich wohl mehr üben. Zwei Schülerinnen spielen dagegen mal auf. Preußens Gloria wünscht sich eine 17-Jährige Gymnasiastin. Im Hintergrund hängt ein Bild vom Flötenkonzert von Sanssouci, in der Glasvitrine spielt eine friderizianische Porzellankapelle. Da kommt Stimmung auf. Und das ausgerechnet im bayerischen Oberland. Aber keine Angst, vor der Prussifizierung rettet uns das nächste Lied, ein Jazz-Stück. Die resolute Frau hat die meisten Stücke selbst komponiert oder fürs Alphorn arrangiert. Besonders stolz ist sie auf ihre Maria-Riesch-Polka. Die haben sie schon im Musikantenstadl zum Besten gegeben. „Und zwar ohne Playback und ohne vorherige Saalprobe.“ Das ist beim Alphorn eine besondere Herausforderung, denn vorn an der Bühne ist der Klang oft anders als hinten im Saal.

So, nun möchte ich aber Frau Heilmann-Reimche nicht als heimliche Preußin da stehen lassen, von wegen. Sie scheint mir eher ein Freund des 18. Jahrhunderts zu sein. Für Auftritte schneidert sie selber Kostüme aus dieser Zeit und bastelt an stilechten Notenständern. Überall stehen Büsten von Ludwig II., der ja auch ein Nachhall der Zeit schöngeistiger Rokoko-Fürsten war. Und ein vorausschauender, fleißiger und guter König sowieso (das ist historischer Fakt!).

Die Trachten-Kostüme ihrer Alphornbläserinnen sind auch Eigenarbeit. Sehr aufwändige Eigenarbeit. Und enorm kreativ. Mit über 60 Jahren sprüht Frau Heilmann-Reimche immer noch vor schelmischem Witz, bayerischer Eloquenz und neuen Ideen. Ihr Sohn, ein Holzschnitzer (früher sagte man Herrgottschnitzer, aber davon kann hier kaum noch wer über die Runden kommen) lebt bei einem Indianerstamm in Kanada. Ihre Tochter leitet eine Pferde-Therapie-Station für Kinder in der Nähe. Nun ist Elisabeth Heilmann-Reimche die musikalische Ersatz-Mama für Generationen von Alphornbläserinnen. Doch sie hat ein Problem. Alphorn können schon Neun- bis Zehnjährige lernen. Doch um richtig schnell und virtuos zu werden, braucht es viel Übung. Die hat man nach einigen Jahren. Aber schon werden die jungen Damen flügge, gehen zum Studieren fort oder heiraten. Und dann ist es meist aus mit dem regelmäßigen Spielen. Es ist darum für unsere Lehrerin besonders schwierig, die erfahreneren Alphornbläserinnen für gemeinsame Auftritte zusammenzutrommeln. Die Mobilität der heutigen Zeit erschwert also das virtuosere Alphornspielen, das Frau Heilmann-Reimche so befördert hat. Allerdings bringt die Mobilität auch immer Feriengäste nach Garmisch-Partenkirchen. Und die lernen die Grundlagen des Spielens in drei Tagen. Viele kaufen sich sogar dann ein Alphorn und üben daheim weiter. Bis nach Usedom hat die kreative Lehrerin das Alphornspiel gebracht. Wenn über die preußischen Sanddünen bayerische Klänge wehen, dann ist das doch ein kleiner Hoffnungsschimmer bayerischen Kulturexports.

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