Die Bulgaren kommen!

Armuts-Zuwanderung, Bettlerbanden, Migrantenschwemme. Wohl nichts fürchten Politiker dieses Jahr mehr als die Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien. Wer aber sind denn diese Menschen? Wir haben drei von Ihnen besucht.

 

Dass sich im Untergeschoss Münchner Kirchen solche Kleinodien verstecken, wissen wohl die wenigsten.

Dass sich im Untergeschoss Münchner Kirchen solche Kleinodien verstecken, wissen wohl die wenigsten.

Tatsächlich nerven mich die Bettlerbanden. Im Abstand von 150 Metern gerade noch den Blick leidgeplagter Kümmernis geübt, und etwas später stehen die Herrschaften (teilweise Mitte 20) frohgemut umher und trinken Energydrinks oder Alk. Angeblich verdienen die damit nur 75 Euro im Monat, den Löwenanteil bekommt der Boss am Balkan. Und den armen, alten Witwen hierzulande wird das Geld aus der Tasche gezogen. Ein Skandal! Nun, das ist eine Seite. Die andere ist Bulgarien, das ärmste Land der EU, ein Land ohne Perspektiven.

Hausbesuch

Nedialko Kalinov ist bulgarisch-orthodoxer Priester in München. Unter der Kirche St. Johannes Baptist in der Nähe des Max Weber Platzes ist eine kleine, aber äußerst feine orthodoxe Kirche untergebracht. Seit den 90ern unterstützt Pater Kalinov seine Landsleute aber nicht nur mit geistlicher, sondern auch mit konkreter Hilfe. Denn er ist ebenso als Sozialarbeiter für die Caritas unterwegs.

Küchenzeile...

Küchenzeile…

Heute besucht er Frau H. Irgendwo in Giesing stellen wir das Auto ab und gehen durch ein Tor in den Innenhof eines Wohnblocks, der recht familienfreundlich aussieht. Im Hof selbst stehen einstöckige Reihenhäuslein, sie wirken weniger freundlich. Pater Kalinov klingelt an der Türe, die am wenigsten kaputt aussieht.

Die ganze Szenerie wirkt wie in einem Sketch aus „Fast wia im richtigen Leben“. Gleich sollte doch Gerhard Polt um die Ecke kommen, und als Vermieter/Unternehmer erklären, wie man mit diesen Menschen umzugehen habe. Der Putz fällt von den Wänden, der Türstock ist mit Paketband (!) festgeklebt, achja, es sind auch Löcher im Holz der Türe.

...Decke...

…Decke…

Frau H. lebt seit zwei Jahren mit ihrem Mann in Deutschland. Beide verdienen ihr Geld durch das Betteln. 6 bis 10 Euro am Tag. Sie sitzt in der Nähe des Hauptbahnhofs. Von den arabischen und türkischen Läden dort bekommen sie manchmal etwas zu essen. Einer Bettlerbande gehören sie nicht an, dennoch müssen sie fast alles erbettelte Geld abdrücken. Für das Zimmer in der Bruchbude zahlen sie im Monat 600 Euro an den – deutschen – Vermieter. Pfarrer Kalinov hat versucht, zu vermitteln. “Die meisten Vermieter wollen unbekannt bleiben. Warum? Weil sie diese baufälligen Gebäude ohne Mietvertrag vermieten. Das ist, würde ich sagen, Ausbeutung dieser Menschen. Manche zahlen bis zu 900 Euro Miete im Monat für ein Zimmer.” Angeblich sollen dem Vermieter drei Hotels gehören. Ob da die Mieten auch so hoch sind, weiß ich ncht, aber keinesfalls können die Zimmer in so einem erbärmlichen Zustand sein.

...und die Türe. Man beachte das handwerkliche geschickt angebrachte Zeitungspapier, die dekorativen Löcher in der Tür und das Paketband, das alles zusammenhält.

…und die Türe. Man beachte das handwerklich geschickt angebrachte Zeitungspapier, die dekorativen Löcher in der Tür und das Paketband, das alles zusammenhält.

Dennoch ist die Situation besser als in Bulgarien. Soziale Einrichtungen wie die Tafeln oder die Malteser Migranten Medizin versorgen sie mit Lebensmitteln und Arzneimitteln. In Bulgarien bekommt die ehemalige Fabrikarbeiterin etwa 60 Euro Rente – im Monat. Die Lebensmittelpreise sind dort aber genauso hoch wie in Deutschland.

“Das Leben in Bulgarien ist viel schlechter, Man bekommt keine Unterstützung vom Staat, man ist dort wie lebendig begraben, jeden Moment kann man sterben.” Drastische Worte, vielleicht klingen sie ein wenig zu dramatisch. Aber wenn ich mir das Zimmer ansehe, wer freiwillig hier leben will… Die Caritas kann bei finanziellen Notfällen aushelfen oder die Leute Wohnungsbörsen weitervermitteln. Allen eine Wohnung zur Verfügung stellen kann sie nicht. Frau H.’s Traum? Sozialhilfe in Deutschland zu bekommen. Und wenn dann alle kommen?, denke ich mir. Kann die EU vor Ort denn gar nichts verbessern? Zum Abschied drückt sie mir einen bulgarischen Schokoriegel in die Hand. Na sauber, jetzt wird der reiche Deutsche auch noch beschenkt. Ich überschlage, was sie und ihr Mann am Tag verdienen. Dann krame ich einen Zwanziger aus der Hosentasche und drücke ihn ihr in die Hand. Sie ist sehr gerührt und wünscht uns Gottes Segen. Eine Muslima einem bayerischen Katholiken und einem orthodoxen Pfarrer.

Kinderlose Familien

Pater Kalinov muss wieder ins Büro. Auf dem Rückweg erzählt er mir einen bulgarischen Witz: “Bulgarien liegt nicht am Boden, Bulgarien ist unter der Erde.“

Sein Büro befindet sich südlich des Hauptbahnhofes. “Bildung statt Betteln” heißt sein Projekt. Viele Caritas-Beratungsstellen befinden sich hier, vermutlich werden sie da auch am nötigsten gebraucht. Wenn Pater Kalinov aus dem Fenster sieht, schaut er auf ein Strip-Lokal. Vor der Tür noch schnell ein Plausch mit einer türkischen Oma.

Wenn er nicht Messe halten muss, ist Bruce Wayne alias Nedialko Kalinov als Sozialarbeiter unterwegs

Wenn er nicht Messe halten muss, ist Bruce Wayne alias Nedialko Kalinov als Sozialarbeiter unterwegs.

Jetzt hat er noch einen Termin. Familie Kovachev braucht seine Hilfe. Ein junger Mann und eine junge Frau betreten das Büro. Wo sind denn die Kinder? Die sind in Bulgarien. Drei Wochen im Jahr, während ihres Jahresurlaubs, sieht das junge Pärchen ihre Kinder. Die Großeltern kümmern sich um sie. Ansonsten wird geskypet. Sabri Kovachev arbeitet in einer Wäscherei, seine Frau sucht noch nach Arbeit.

“Die Trennung ist am schlimmsten. Das ist der Preis, damit unsere Kinder in Bulgarien besser leben können und gut in der Schule sind. Damit können sie hier einmal bessere Chancen haben.” Pater Kalinov versucht, für die beiden eine größere Wohnung zu bekommen, dass nun auch die Kinder nachreisen können. In München eine Wohnung. Hmmm…

Tatsächlich sollten viele, viele, viele Euros der EU an Bulgarien fließen, um dort die Lage zu verbessern. Aber das bereitgestellte Geld wurde teils gar nicht abgerufen. Teils versickerte es auch in dunklen Kanälen. Über die Korruption regt sich Pater Kalinov ziemlich auf. Früher sei Bulgarien ein landwirtschaftliches Exportland und für gute Produkte bekannt gewesen. Heute werde mehr Essen importiert.

Der Professor von drüben

Zwei Theologen unter sich.

Zwei Theologen unter sich.

Besonders ist er über die schlechte berufliche Lage vieler Bulgaren wütend. Obwohl top ausgebildet, müssten sie hierzulande Hilfsjobs verrichten. Eine besondere Zunahme bei der Einwanderung von Bulgaren oder Rumänen kann er 2014 nicht wahrnehmen. Höchstens, dass seit diesem Jahr verstärkt die Gebildeten kommen. Einer von Ihnen ist Emil Ivanov. Wir machen uns auf dem Weg zu ihm. Während wir das Auto durch die Straßen südlich des Bahnhofs steuern, macht er mich auf südländische Männer aufmerksam, die am Straßenrand stehen. “Tagelöhner.” Dass es so etwas in unseren Zeiten und Breiten noch gibt. Seltsam. Hätte gedacht, das kennt man nur in den US-Staaten, die an Mexiko angrenzen. Weiterhin informiert mich Pater Kalinov, dass es auch unter den Bulgaren Unterschiede gebe. So hätten die türkischstämmigen größere Probleme mit der Integration und Arbeitsfindung. Er ist aber für alle da.

Endlich sind wir im Norden Münchens angekommen. Emil Ivanov wohnt in einem evangelischen Wohnheim. Professor Emil Ivanov. Er spricht sehr gut deutsch und lacht sehr viel. Vor Jahren hat er in Deutschland geforscht, und ging dann zurück nach Bulgarien. Aber dort verdiente gerade einmal so viel, um die Miete zu bezahlen. Heizung? Die ist nicht mit dabei. Strom? Könnte schwierig werden. Der Theologe und Archäologe würde gerne eine Familie gründen. So etwas geht drüben also gar nicht. Nun versucht er, hier als Erzieher oder Lehrer einen Job zu bekommen. „Eine Familie und ein gesichertes Leben, das will der heutige Mensch. Mehr sowieso nicht.“ Also sehr bescheidene und bodenständige Ansprüche. Bislang war Professor Ivanov leider erfolglos auf Jobsuche. In der Zwischenzeit bringt er kostenlos bulgarischen Kindern deutsch bei. Er sieht den großen Exodus kommen: “Die Hälfte der Bulgaren, die noch in Bulgarien lebt, die lebt eigentlich nicht mehr dort. Und die andere Hälfte, von den Gebildeten, die beabsichtigt auch, wegzuziehen.”

 

Solange die EU nicht die Lage vor Ort verbessern kann (die bulgarische Politik kann es offensichtlich nicht) wird der Strom nicht abreißen. Sicher werden Leute kommen, die nichts anderes mehr tun können als betteln. Und vermutlich werden darunter auch welche sein, die das Geld nicht für sich behalten dürfen. Aber genauso kommen Leistungsfähige und Leistungswillige. Und wenn sie hier etwas Vernünftiges, ihren Fähigkeiten Entsprechendes arbeiten dürfen, könnte das auch irgendwann einmal positive Effekte auf das Herkunftsland haben. Mei, gerade habe ich mir Star Trek angeschaut. Eine Föderation verschiedener Völker, in denen einer den anderen unterstützt und alle gemeinsam sich weiter entwickeln. Irgendwie wirkt da das Projekt EU ziemlich bewundernswert. Auch für die Bulgaren gilt: „Live long and prosper!“

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