Die Helmut Dietl Ausstellung

Es ist nur logisch, dass München eine Helmut Dietl Ausstellung zeigt. Denn eine Stadt, die mittlerweile so ziemlich ihr ganzes Herz auf dem Altar des Geldes geopfert hat – den Dialekt, die kleinen-Leute-Viertel, die 1860er – braucht noch irgendetwas neben einem hypererfolgreichen Fußballverein, einer hyperboomenden Wirtschaft, einem hyperbekannten Bierfest und hyperausverkauften Brauereien, um sich selbst zu vergewissern, früher einmal ein authentisches bayerisches Herz gehabt zu haben.

Mit diesem Schriftzug ist eigentlich schon alles erklärt.

Mit diesem Schriftzug ist eigentlich schon alles erklärt.

Denn das Authentische, mei, damit kann man heutzutage bei den Hipstern und den Retro-Nostalgikern (Überschneidungen sind gern gesehen) noch ordentlich Reibach machen, bzw. Klickzahlen, Quoten und Aufmerksamkeit generieren. Auch im Privaten wird der Monaco Franze gern gezeigt, ob als Dauerschleife auf der Geburtstagsfeier im Münchner Westen oder als Export auf einem T-Shirt im Electro-Club in Köln. Freilich sind die Filme und Serien wun-der-bar, um es mit Manni Kopfeck zu sagen. Zu den Filmen gibt’s was an anderer Stelle, bleiben wir bei der Ausstellung. Denn die ist kein weiterer touristischer Ausverkauf Münchner Eigenarten, sondern eine charmante Würdigung.

Sehr schön für detailverliebte Kartenliebhaber: Wo spielen die Serien und Filme, wo wohnte Dietl?

Sehr schön für detailverliebte Kartenliebhaber: Wo spielen die Serien und Filme, wo wohnte Dietl?

Dietl ist in seiner Detailversessenheit München für Fortgeschrittene, aber gerade weil er die Stadt so genau seziert, in die (oft schon längst verlorenen) Besonderheiten ihrer Viertel eingeht, können auch Menschen ohne Bayern-Kenntnisse lachen und mitfiebern. Vielleicht so in etwa wie in den Simpsons. Da kann man ja über mehrere Humorschichten lachen, je nachdem, vom Slapstick bis in die popkulturellen Anspielungen. Dietl hat aus München einen Mythos gemacht, von der verträumten und bedrohten kleinen-Leute-Welt der Münchner G’schichten, von der edlen Playboy-Stadt im Monaco Franze, bis zur schrillen Boulevard-und Film-Welt in Kir Royal und Rossini. Heute gilt die Stadt den übrigen Deutschen eher als was für (reiche) Spießer, das bunte Leben spielt in Berlin. Damit hat sich Dietl in seinem Spätwerk befasst. Im Heft (Katalog wäre zu viel des Guten) zur Ausstellung finden wir seitenweise abgedruckt die späteren Geschichten von Baby Schimmerlos, Uhu Zigeuner und Co., die nun alle verzweifelt versuchen, in der Berliner Republik klar zu kommen, nun, da München nicht mehr die Weltstadt ist. Also erinnert die Ausstellung an die gute alte Zeit und versucht, den in den Filmen und Serien konservierten Mythos noch etwas lebendiger zu machen.

Wir betreten das Literaturhaus, gehen durch das Café und stehen an der Kasse, die ein Student mit Faible für Fantasyliteratur führt. Sieben Euro Eintritt gelöhnt, nicht gerade wenig. Aber dafür ist die Ausstellung „Der ewige Stenz – Helmut Dietl und sein München“ auch nicht allzu weitläufig (ein mittelgroßer Raum). Wir sind in München, schon vergessen?

Über dem Eingang leuchtet neonrot das Wort „Monaco“, in der Rossini-Schriftart. Na da schau her, wie sich eine Stadt in einem einzigen Wort selbst darstellen kann.

Die Ausstellungsstücke sind nach Gruppen geordnet.

Die Ausstellungsstücke sind nach Gruppen geordnet.

Die Ausstellung ist in mehrere Themengebiete gegliedert, die sich Dietl nähern und das mit Ausstellungsstücken lebendiger machen wollen. Im Bereich Kindheit erfahren wir, dass bereits sein Opa Schauspieler war, und dass sein Vater eher ein Striezi war, der, nicht besonders fleißig, die Familie irgendwann im Stich ließ. So wurde Dietl von seiner Mutter und seinen beiden Großmüttern aufgezogen. Die Oma von Tscharlie Häusler, die Mutter von Baby Schimmerlos und die Hauswirtin des Monaco Franze tragen deren Züge. Als Kind hatte er schon Theateraufführungen in Hinterhöfen organisiert und gelernt, dass er Geld verdienen konnte mit etwas, dass ihm Spaß machte.

München ist natürlich auch ein Thema, sehr schön eine Karte der Stadt, in der die Handlungsorte der Filme und Serien sowie die Wohnsitze Dietls zu finden sind.

Wir sehen seine Schreibmaschine und Notizen. Den Begriff„kleine gelbe Chinalackdose“, die wir im Ganz normalen Wahnsinn finden, hat er sich z.B. öfters aufgeschrieben, er gefiel ihm anscheinend.

Wir lernen etwas über Dietl als Mann und dass er seine Protagonisten seinen Charakterzügen nachempfunden hat. Schaut man sie sich an, weiß man gleich, welche. Der Mensch, der zu normaler Arbeit nicht fähig oder willens ist im Tscharlie Häusler, der überreizte Intellektuelle im Maximilian Glanz, der Stenz im Monaco Franze, der über seine Verhältnisse lebende Mann im Mittelpunkt des Geschehens im Baby Schimmerlos. Und natürlich auch der Regisseur im Uhu Zigeuner. Dass er ein Selbstdarsteller war, belegt Kurator und FAZ Journalist Claudius Seidl an vielen Fotos. Sehr beeindruckend die Pose im weißen Leinenanzug, das Jacket lässig über die Schulter gehängt, mit Bart, eine Hand in der Hosentasche auf den Betrachter zuschreitend vor dem Siegestor. Die Frau denkt: „Was für ein Mann“, der Mann denkt neidvoll: „Was für ein Arsch“ – und verspricht sich, ihm nachzueifern.

Zum guten Leben gehörten auch Zigaretten. Das forderte den Tribut: Lungenkrebs - Dietl starb daran 2015.

Zum guten Leben gehörten auch Zigaretten. Das forderte den Tribut: Lungenkrebs – Dietl starb daran 2015.

Die Frauen waren ein wichtiger Teil seines Lebens, er war schließlich viermal verheiratet und hatte zahlreiche Seitensprünge. Hier denkt sich die Frau: „Was für ein Arsch“, und der Mann denkt neidvoll: „ Was für ein Mann“ – aber sollte man ihm nacheifern, war er so glücklich, oder einfach nur ein Getriebener?

Wo wir schon bei den Frauen sind, „das gute Leben“ gehört auch zur Ausstellung. So finden wir hier eine Rechnung (von vielen) über 580 Mark beim Edelitaliener Romagna Antica. Dietl ließ sich exakt ausgerichtete Obstbäume in den Garten seiner französischen Villa pflanzen, spielte Golf in den USA, fuhr Ski. Der Mann brauchte dringend Geld, so findet sich auch ein Vertrag über die Regie bei der Unendlichen Geschichte. Dem Projekt erteilte er dann leider eine Absage.

Sehr witzig: Die Bewerbung von Helmut Fischer an Dietl 1976. Zwei Zitate: „Zeitlich gesehen stehen Ihnen meine Termine jederzeit zur Verfügung, so daß Sie sich nicht ängstigen sollten, Sie müßten den Film womöglich ohne mich zurechtwurschteln.“ „P.S. Angaben über meine Körpergröße erübrigen sich, da ich Kraft meiner schauspielerischen Verstellungstaktik von 150 cm bis 200 cm jedermann darzustellen in der Lage bin.“

Besonders aufschlussreich: Von der Kritik verrissene Filme wie Late Show oder Zettl sind nur ganz kurz angerissen, der flüchtige Besucher könnte sie auch gleich ganz übersehen. Beim Mythos Dietl sollte man lieber nicht zu viel über den Mist erfahren. Oder es liegt daran, dass die weniger mit München zu tun haben.

So eine Ausstellung hätte den Künstler und Selbstdarsteller sicherlich gefreut. Allerdings wohl lieber zur Sommerszeit.

So eine Ausstellung hätte den Künstler und Selbstdarsteller sicherlich gefreut. Allerdings wohl lieber zur Sommerzeit.

Aber wir lernen etwas über besondere Produkte, von denen sonst kaum ein Dietl Fan weiß. Der Meister hat nämlich auch Werbung gemacht, und zwar ziemlich viel. Wir schauen uns einige Filmchen mit dem Goldbären und Thomas Gottschalk an, daneben drehte er Spots unter anderem für Lenor und Yello Strom.

Die rechte Wand schmücken Sprüche aus den Filmen und Serien. Klar, wir sind im Literaturhaus und da geht es ja auch um Sprache. Und die ist so herzlich nah am Menschen, ja des is ja wun-der-bar is ja des.

Die linke Wand dient als Projektionsfläche für Ausschnitte aus den Serien Münchner G’schichten, Der ganz normale Wahnsinn, Monaco Franze, Kir Royal und Rossini. Dabei kommt es einem durch Kerzenleuchter, Tische und Stühle so vor, als würde man in einem Edelrestaurant aus Kir Royal sitzen oder gar im Rossini. Ausschnitte aus Talkshows sieht man auf kleinen Fernsehern. Dabei muss man seinen Audioguide in die Nähe des Geräts halten, und schon hört man auch die entsprechenden Stellen.

Dietl weilte in Frankreich und in Kalifornien, hielt er es in München nicht mehr aus? Zeitweise wohl schon. Aber wenn man längere Zeit in der Fremde ist, dann sehnt man sich wieder in die Heimat zurück. So kam Dietl in Los Angeles auf die Idee zum Monaco Franze. Und im Fragment über die Zukunft seiner Serienhelden sehnt sich Baby Schimmerlos, der dann in Berlin arbeitet, nach echten Münchner Weißwürsten.

Mei, schee is des scho, wenn man in der Ferne an so eine Ladung München zurückdenkt, meinst net, Spatzl?

Mei, schee is des scho, wenn man in der Ferne an so eine Ladung München zurückdenkt, meinst ned, Spatzl?

Am Ende möchte ich noch was mitnehmen, ich greife zum Ausstellungsheft und zu den Postkarten mit besonderen Sprüchen. „A bisserl was geht immer“ gibt’s natürlich nicht oder nicht mehr, nur noch die eher semi-bekannten sind übrig. Also kaufe ich mir „Gell, des sag ich Ihnen gleich, für den Fall, dass Sie mich ansprechen wollen, da brauchen’S sich gar ned anstrengen, weil bei mir geht nix.“ und „Wie meinst Krise, Spatzl?“

So, wir sind durch und fragen uns: Was nun? Gibts nix mehr in der Art über Bayern zu drehen? Gibts sowas in Deutschland überhaupt noch? Tatsächlich fällt einem erst nach längerem Überlegen der ORF ein, der mit der Mini-Serie Braunschlag von David Schalko eine ähnlich geniale Serie mit Kult-Charakter auf den Schirm gezaubert hat, allerdings weniger mit bayerischer Leichtigkeit als mit österreichisch-schwarzem Humor. Der Bayerische Rundfunk hat zumindest jetzt eine Mini-Serie namens „Willkommen in Hindafing“ angekündigt. Die soll an die ausgezeichnet skurrile US-Serie Fargo erinnern, na lassen wir uns mal überraschen.

Und bis dahin sei an sein Zeugnis erinnert: „Begabt, interessiert, aber unruhig!“ Hey, sowas stand bei mir auch drin! Wie war das nochmal mit dem weißen Leinenanzug?

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