Die Navy Seals aus Unterbrunn

Unterwegs mit den erfolgreichsten Maibaumdieben des Freistaats

Samstag 22.00 Uhr. Der Gasthof Högner in Unterbrunn bei Gauting ist schwach beleuchtet. Drinnen sitzt eine Gruppe junger Männer, zwischen 18 und irgendwas Mitte/Ende Zwanzig um einen Tisch. Die meisten haben ein Wasser oder ein Apfelschorle vor sich, nur zwei ein Augustiner. Sie sind die Schauga, eine verschwiegene, nachtaktive Eliteeinheit innerhalb des Burschenvereins (kein eingetragener Verein übrigens). Oberbursch Sebastian Schönberger organisiert die nächtlichen Zusammenkünfte – und Ausflüge. Denn die Schauga fahren jeden Abend hinaus in die Nachbargemeinden: Spionieren und Auskundschaften. Ihr Ziel sind die Maibäume.

In Oberbayern werden die Maibäume nämlich nicht jedes Jahr nur für den Mai aufgestellt. Sie bleiben mehrere Jahre stehen. Das heißt, nicht alle Gemeinden haben überhaupt einen neuen Maibaum. Dafür werden diese mehrjährigen Bäume vor dem Aufstellen besonders herausgeputzt und fein gemacht. Das dauert dann schon mal einige Wochen. Sobald ein frischer Baum im Ort ist („hamkemma“ sagen die Unterbrunner) wird an ihm gearbeitet. Das ist das Zeitfenster, in dem er auch geklaut werden kann. Darum bewacht ihn auch die ganze Gemeinde. Senioren, Mädchen, Feuerwehr, Fußballverein, alle Gruppen im Ort wechseln sich in der Obhut ab. Denn der Feind lauert draußen im Dunkeln und wartet nur auf eine Möglichkeit, zuzupacken.

Zurück zum Gasthof Högner. Neben den Jugendlichen sitzt auch ein Vertreter der Ü60-Generation mit am Tisch. Bap nennen sie ihn. Woher der Name kommt, weiß er selber nicht. Er kümmert sich halt in den Vereinen mal um dies, mal um das. Aber das Schaugn, das ist wohl sein liebstes Hobby. Tagsüber kundschaften er und andere schon mal aus, welche Orte überhaupt einen neuen Baum bekommen. Nachts sucht man die Plätze, wo dieser lagert.

Was reizt sie? „Es ist doch ein wengerl was illegales, was aber geduldet wird. Der Nervenkitzel, entdeckt zu werden. Das Anpirschen. Und dann natürlich die Freude, wenn der Baum in den Ort hineingespielt wird.“ Hineinspielen? Das klären wir später.

Los geht’s

Wir brechen auf. Die Unterbrunner fahren im Umkreis von bis zu 80 Kilometern die Gegend ab. Auch heute sind wir mindestens 20 Minuten unterwegs. Endlich halten wir. Im Ort. Der Baum soll außerhalb lagern. Wir gehen eine Straße entlang, die auf einen asphaltierten Feldweg führt. Die Schuhe machen zu viel Lärm auf dem Weg, wir gehen im Feld nebenan weiter. Baps Sinne liegen zwar einige Jahrzehnte über dem Altersdurchschnitt, doch sind sie umso geschulter. „Obacht, Auto.“ Wir hechten alle in eine Hecke nebenan. Irgendwas mit Dornen. Später ziert Baps Stirn ein 5 cm langer blutiger Kratzer. Ein Wagen fährt vorbei, es ist die Polizei. Von denen sehen wir heute noch mehr. Denn die Bewacher trinken natürlich gerne eins oder viele über den Durst. Und da wird aufgepasst, dass keiner mehr mit dem Auto nach Hause kommt.

Wir marschieren weiter. Das Adrenalin steigt immer höher. Kris ist heute das erste Mal als Schauga dabei. Nicht jeder kann hier mitmachen. Wenig Schlafbedürfnis und Verschwiegenheit sind die Grundvoraussetzungen. Nicht dass jemand sich verplappert und herauskommt, welcher Ort das Ziel des Maibaummopsens sein soll. Eigentlich würde man Kris in einem frühen Semester eines naturwissenschaftlichen Studiums vermuten, die Abende beim Zocken am PC und nicht in der kalten Nachtluft. Doch statt Capture the Flag in Half Life spielt er heute im Capture the Maibaum im Real Life. „Passts auf, da kommt vorne ein Bach, nicht dass wer reintritt,“ informiert er die erfahreneren Schauga. Im letzten Jahr ist ein Kollege beim Verstecken vor einem Auto über eine Mauer gesprungen und landete im Starnberger See. Zum Glück ist nix passiert.

Entdeckung?

Jetzt pirschen wir uns über einen Fußballplatz näher ran. Gelächter und Bierflaschengeklirr trägt der Wind zu uns rüber. Die Gruppe wagt kaum zu atmen. Natürlich sind alle Handys ausgestellt. Jemand der Baumbewacher tritt an den Rand des erleuchteten Areals und pieselt. Wenn sich seine Augen jetzt an die Dunkelheit gewöhnen… Doch der Füllstand der Blase ist geringer als die Reaktionszeit der Pupillen. Er dreht wieder um. Ein Auto kommt angefahren, zwei junge schäkernde Pärchen steigen aus. Anscheinend wächst sich die Baumbewachung zu einer Party aus. Sieht schlecht aus für die Diebe in spe. Zwei versuchen sich noch näher ranzuschleichen. Ganz vorsichtig, denn im Umkreis stehen einige Bewegungsmelder.

Bewegungsmelder? Ja freilich, auch in Bayern hält die Technik Einzug. Manche Maibäume sind mit GPS Sensoren bestückt, damit man sie gleich wieder zurückklauen kann. Andere haben Erschütterungssensoren, die Alarm geben, sobald der Baum bewegt wird. Die Unterbrunner halten von solchem Schnickschnack nicht viel. Sie setzen auf Erfahrung wie die von Bap. Und auf konsequentes Ausspähen und Dranbleiben.

Als die Vorhut wieder zurück bei der Gruppe ist, wird diskutiert. „Sind zu viele, das dauert noch länger. Mindestens sieben oder acht.“ Wir wollen schon umdrehen, da schmeißen sich die Jungs auf den Boden. Wir natürlich mit. Was ist los? Direkt vor uns geht ein Partygast heim, über den Fußballplatz, auf dem wir jetzt alle liegen. Zum Glück ist Neumond und der Bewacher anscheinend noch an die Helligkeit des Festes gewöhnt.

Rückzug

Entwarnung, wir stehen langsam wieder auf und machen uns auf den Heimweg. Noch woanders hin? Erstmal Mäci. Die Jagd macht hungrig. Das Maibaumklauen wurde nach dem Krieg richtig populär. Seit damals waren die Unterbrunner sage und schreibe 61 mal erfolgreich. Tatsächlich läuft der eigentliche Klau mit militärischer Präzision ab. Sobald die Schauga einen unbewachten Baum ausgemacht haben, wird eine bestimmte Nummer gewählt. Die des Aufweckers. Der ist in Unterbrunn und setzt ein Schneeballsystem in Gang. Innerhalb kürzester Zeit stehen 60 bis 70 Dorfbewohner bereit. Sie fahren bis vor den betreffenden Ort und stellen vor dem Ortseingang ihre Autos ab. Mit dabei, ein Baumhänger, wie man sie von Holzlastern kennt. Nur viel kleiner, für einen einzigen Baum gemacht. Der wird durchs Dorf bis vor den Baum geschoben. Und dann wird umgeladen. Beim Maibaumklau gibt es zwei Regeln: Nichts zerstören und keine Gewalt. Die Unterbrunner haben noch eine dritte Regel hinzugefügt: Wir hinterlassen alles so, wie wir es vorgefunden haben. Jede leere Flasche die rumsteht wird nach der Aktion an ihren Ursprungsort zurückgestellt. Nichts soll verraten, wie die Unterbrunner vorgegangen sind. Einmal haben die 60 Mann einen 16 Tonnen schweren Schuttcontainer zur Seite gehoben. Mucksmäuschenstill. Und danach wieder zurück. Ein ander Mal waren sie mutiger. Nur zwei Bewacher waren vor Ort, schon ziemlich dicht. Zwei Schauga betraten das Wachhäuschen. „Wir sind die Ablöse, könnts heimgehen.“ Was die Wachen auch brav taten.

Ja und jetzt stehen die 60 Mann vorm Baum und dann? Auf den Anhänger heben, den Anhänger rausschieben und hoffen, dass man nicht entdeckt wird, bevor die Unterbrunner die gegnerische Ortsgrenze passiert haben. Dann gehört er ihnen der Baum. Mit maximal 60 km/h gehts heimwärts. In Unterbrunn organisiert sich derweilen die Blasmusik um dem Baum einen würdigen Empfang zu bereiten – hereinspielen – im Morgengrauen. Und natürlich wartet auch schon eine gscheide Brotzeit.

Verhandlungen

Manchmal hat Sebastian Schönberger bereits einen Anruf auf seinem Handy. Ob die Unterbrunner wohl einen Maibaum hätten, der nicht ihnen gehört. Dann beginnen die Verhandlungen. Richtwert ist eine Maß Bier und eine Brotzeit. Pro Mann. Da kommt bei 60 Leuten schon einiges zusammen. Dafür stellen die Unterbrunner die Blasmusik. Meistens gibt’s dann ein großes Fest im bestohlenen Ort. Und das ist genau das, was den alten Bap so am Maibaumklau freut: Dass durch den Diebstahl Freundschaften zwischen den Orten entstehen. Einmal waren die Unterbrunner sogar Paten bei einer Fahnenweihe. Die Bayern können halt auch noch durch leicht illegale Taten in positive Folgen umwandeln. Hund san’s halt scho. Doch wehe, wenn der Baum nicht ausgelöst wird. Dann malen ihn die Unterbrunner schwarz an und führen ihn als Schandbaum mit Blasmusik durch das ehrlose Dorf, dem sein Maibaum nix wert ist.

Woher wohl die Tradition des Maibaumklauens kommt? Der Maibaum wird wohl ein Fruchtbarkeitssymbol sein, und die erfolgreichsten Klauer sind dann wohl die schneidigsten Burschen. Wer sich fragt, warum sich junge Männer heutzutage die Nächte um die Ohren schlagen, um sich an Maibäume heranzupirschen, der sollte einfach mal mitgehen. Nervenkitzel, generationsübergreifende Gemeinschaft, Integration (einer in der Gruppe hat preißisch gred’t). Die Welt scheint da draußen wieder ganz einfach zu sein, einfach bayerisch halt.

Wir sind wieder zurück beim Högnerwirt. Drei Jungs fahren nochmal weiter in einen anderen Ort, „vielleicht geht heit doch no wos.“

Ihr eigener Maibaum, der wurde übrigens noch nie geklaut.

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